STUTTGART. „Die Einführung von Kompass 4 und der verpflichtenden Grundschulempfehlung hat in Baden-Württemberg bei Eltern, Kindern, Schulleitungspersonen und Lehrkräften für Chaos, Überlastung und Vertrauensverlust gesorgt“, so heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung von Grundschulverband und dem Verein für Gemeinschaftsschulen. Sie fordern klare Konsequenzen – nämlich ein sofortiges Aussetzen der sogenannten „verbindlicheren Grundschulempfehlung”.
Erstmals mussten Viertklässlerinnen und Viertklässler in Baden-Württemberg verpflichtend einen Leistungstest absolvieren – als Kriterium für die sogenannte „verbindlichere Grundschulempfehlung“, die den Zugang zum Gymnasium begrenzen soll. Die Ergebnisse waren verheerend: Eine erste Auswertung der Testergebnisse in Mathematik ergab laut Kultusministerium, dass nur sechs Prozent der Viertklässler das Niveau für eine Gymnasialempfehlung erreicht hätten und nur rund acht Prozent das mittlere Niveau. 86 Prozent der Viertklässler erreichte demnach in Mathe nur eine Empfehlung für das grundlegende Niveau. In Deutsch fiel der Test demnach besser aus. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) kündigte an, den Test überarbeiten zu lassen. Was mit den vorliegenden Ergebnissen passiert? Unklar.
„Chaos in der Umsetzung, große organisatorische Mehrbelastung, fehlende Transparenz und sowohl fachliche als auch pädagogische Fragezeichen“
Eine aktuelle Befragung unter fast 1000 Lehrkräften und Schulleitungen im Bereich der Primarstufe zum neuen Verfahren zeigt einer Pressemitteilung von Grundschulverband und dem Verein für Gemeinschaftsschulen zufolge nun: „Die Stimmung an unseren Schulen könnte schlechter kaum sein. Ein überstürzter Prozess, geprägt von organisatorischen Mängeln, fachlichen Fehleinschätzungen und unzureichender Kommunikation, hat die entscheidenden Akteure unserer Schulen in große Bedrängnis gebracht.“
„Chaos in der Umsetzung, große organisatorische Mehrbelastung, fehlende Transparenz und sowohl fachliche als auch pädagogische Fragezeichen“ – so beschrieben Lehrkräfte die aktuelle Situation. „Diejenigen, die die Kinder am besten kennen, nämlich die Lehrkräfte, werden durch zentralisierte Tests wie Kompass 4 an den Rand gedrängt“, kritisiert Edgar Bohn vom Grundschulverbands Baden-Württemberg: „Ihre pädagogische Einschätzung ist nur als Ausputzer gefragt, während das Vertrauen der Eltern in den gesamten Prozess schwindet.“
Ein mangelhafter Kommunikationsprozess des Kultusministeriums habe die Lage verschärft. Schulen hätten Informationen zum Kompass 4-Verfahren zu spät oder in unklarer Form erhalten. Bei sofort eingeforderten Eltern- und Schülergesprächen hätten die Lehrkräfte keine Antworten auf drängende Fragen gehabt: 81,2 Prozent der Befragten fühlen sich auf die Aufgaben unzureichend vorbereitet, 77,4 Prozent beklagen die hohe Belastung durch das neu eingeführte Verfahren. 91,7 Prozent der Befragten beklagen, dass ihre Expertise als Schulpraktiker nicht ausreichend gehört worden sei und gut vier Fünftel werten die Arbeit der Kultusverwaltung als unzureichend.
„Wie sollen Lehrkräfte Eltern beruhigen, wenn sie aufgrund der überstürzten Einführung und einer fachlichen Fragwürdigkeit von Kompass 4 selbst noch keine Antworten auf zentrale Fragen haben?“, fragt Matthias Wagner-Uhl, Vorsitzender des Vereins für Gemeinschaftsschulen BW – und selbst Schulleiter einer Gemeinschaftsschule. Der Vertrauensverlust bei Eltern, die die Ergebnisse von Kompass 4 nicht nachvollziehen können, sei ebenso alarmierend wie der organisatorische Mehraufwand. Statt auf Unterstützung zu zählen, müssten Lehrkräfte die Fehler der Kultusverwaltung ausbaden – und das mitten im laufenden Schuljahr.
Ein Versuch des Kultusministeriums, die entstandenen Spannungen durch eine Videokonferenz abzufedern, sei gescheitert. „Weit über 2000 Teilnehmende hatten hinterher mehr Fragen als Antworten“, so heißt es. 83,5 Prozent der Befragten bemängelten in der Umfrage dann auch, dass sie in der Video-Frontal-Beschallung zu Kompass 4 keine ausreichenden Möglichkeiten für Nachfragen hatten. So berichten Teilnehmende, dass die Chat-Funktion abgeschaltet und im Chat adressierte Fragen für andere Teilnehmende nicht einsehbar waren. „Das war ein Versuch der Schadensbegrenzung, der an der Realität der Schulen vorbeiging und der jede Wertschätzung für die Praktiker:innen an unseren Schulen vermissen lässt“, so die Verbände.
Sie machen unmissverständlich klar, dass es zeitnah strukturelle Veränderungen brauche, um das Vertrauen in die Kultusverwaltung wiederherzustellen, nämlich:
- „Sofortige Aussetzung der verpflichtenden Grundschulempfehlung bis eine tragfähige und rechtlich sichere Grundlage geschaffen ist und die fachlichen Mängel von Kompass 4 beseitigt sind. Die Einführung solch tiefgreifender Veränderungen muss immer wissenschaftlich unterfüttert sein.
- Reduktion des bürokratischen Aufwands durch vereinfachte Abläufe und digitale Verfahren.
- Transparente Kommunikation rund um Kompass 4 und den kommenden Potenzialtest sowie klare Handlungshinweise für Lehrkräfte und Schulleitungen.
- Verlässliche Einbindung der Praxisexperten: Lehrkräfte und Schulleitungen direkt aus der Schulpraxis müssen aktiv in die Weiterentwicklung der Verfahren einbezogen werden. Gerne machen die betroffenen Interessensvertretungen konkrete Vorschläge.
- Mehr Ressourcen für guten Unterricht, um die individuelle Förderung von Kindern in den Mittelpunkt zu stellen und Bildungsgerechtigkeit zu mehr als einem Buzzword zu machen. Datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung ist nur ein allererster Schritt, um Bildungsgerechtigkeit zu fördern.
- Respekt und Wertschätzung für den enormen Einsatz und die wichtige Arbeit der Lehrkräfte und Schulleitungen.“
„Bildung ist der Schlüssel zu unserer Zukunft“, betont Grundschulvertreter Bohn. „Doch wenn wir die Expertise der Lehrkräfte ignorieren, sie mit organisatorischen Hürden belasten und einem noch angespannteren Verhältnis mit den Eltern aussetzen, gefährden wir ihre Motivation – und damit die Zukunft der Kinder.“ Gemeinschaftsschulsprecher Wagner-Uhl ergänzt: „Lehrkräfte und Schulleitungen sind letztlich diejenigen, die die Zukunft des Landes sichern. Sie verdienen Unterstützung, keine zusätzlichen Lasten – hier muss die Kultusverwaltung entscheiden, ob sie obrigkeitshörige Befehlsempfänger oder zukunftsbereite und entwicklungsorientierte Herzblutpädagog:innen will.“
Die GEW hatte vor der Veröffentlichung der Testergebnisse ebenfalls eine Umfrage (unter rund 1.100 Lehrerinnen und Lehrern) initiiert – die zu ähnlichen Resultaten gekommen war. „80 Prozent der befragten Lehrkräfte sehen bei den Ergebnissen größere Abweichungen zur eigenen Einschätzung der Schüler*innen, ein Großteil der Schüler*innen konnte die Mathematik-Aufgaben in der vorgegebenen Zeit nicht beantworten und zwei Drittel der Lehrer*innen bezeichnet das neue Verfahren als überflüssig und wenig sinnvoll“, sagte Landesvorsitzende Monika Stein.
„Wir brauchen kein neues Grundschul-Abi, das Kinder und Eltern mit fragwürdigen Inhalten unnötig unter Druck setzt“
Kritisiert wurde auch das Bewertungsschema des Tests. Die Tests seien auch zu lang gewesen, Klassenarbeiten in der 4. Klasse haben meist deutlich weniger als zehn Seiten Umfang. Zur grundsätzlichen Frage, ob ein verpflichtender Test sinnvoll ist, gehen die Meinungen auseinander. Gut 40 Prozent sehen dies als hilfreich an, knapp 60 Prozent bewerten es negativ. Die Schulleitungen und Sekretariate monierten den hohen Verwaltungsaufwand. Die Aufgaben mussten an drei verschiedenen Tagen online heruntergeladen und ausgedruckt werden. Nach dem Test waren die Ergebnisse der einzelnen Schülerinnen und Schüler von Hand aus einer Excel-Tabelle in das Verwaltungsprogramm des Kultusministeriums zu übertragen.
Stein appellierte an die Kultusministerin: „Frau Schopper, hören Sie auf Tausende pädagogische Profis in Ihren Grundschulen, vertrauen Sie in deren Beratungskompetenz und stoppen Sie dieses übereilt eingeführte Verfahren. Wir brauchen kein neues Grundschul-Abi, das Kinder und Eltern mit fragwürdigen Inhalten unnötig unter Druck setzt.“ News4teachers
