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Fehlende Lesekompetenz bei immer mehr Schülern ist „ein zentrales Problem“ – was Lehrkräfte an beruflichen Schulen umtreibt

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DÜSSELDORF. Sie sichern Ausbildung, bieten Anschlussfähigkeit und sorgen für Fachkräftenachwuchs – trotzdem bleiben berufliche Schulen weitgehend unbeachtet. Nur selten stehen sie im Fokus bildungspolitischer Debatten, obwohl sie für das deutsche Bildungssystem und den Arbeitsmarkt eine zentrale Rolle spielen. Im Interview mit News4teachers spricht Sven Mohr, Bundesvorsitzender des Bundesverbands der Lehrkräfte für Berufsbildung (BvLB), über fehlende Lobbyarbeit, den Mangel an spezialisierten Lehrkräften und darüber, warum Berufsorientierung an Schulen neu gedacht werden muss.

Lesen? (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

News4teachers: Berufliche Schulen stehen eher selten im Rampenlicht der Bildungspolitik oder des öffentlichen Diskurses. Wie nehmen Sie das wahr – und welche Rolle spielen die berufsbildenden Schulen tatsächlich im deutschen Bildungssystem?

Sven Mohr: Berufliche Bildung spielt in Deutschland seit jeher eine große Rolle, bekommt aber deutlich weniger Aufmerksamkeit als die allgemeinbildenden Schulen. Das liegt zum Teil daran, dass die Lobby der beruflichen Bildung deutlich kleiner ist. Im Grunde sind das die Betriebe – und selbst die nur punktuell. Vielleicht noch die Kammern, die sich gelegentlich zu Wort melden. Insgesamt aber interessiert sich die breite Öffentlichkeit eher wenig für berufliche Schulen.

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Hinzu kommt, dass das System sehr unübersichtlich ist. Viele Menschen unterscheiden gar nicht zwischen Berufsschule im dualen System und den beruflichen Schulen insgesamt. Dabei gibt es dort eine Vielzahl von Schulformen – und die heißen in jedem Bundesland auch noch anders. Mal ist es ein Berufskolleg, mal eine Berufsfachschule, dann wieder verschiedene Typen von Berufsfachschulen oder die Fach- und Berufsoberschulen.

Diese Unübersichtlichkeit führt dazu, dass wir kaum Fürsprecher haben. Berufliche Schulen werden meist erst dann zum Thema, wenn es richtig knirscht – etwa, wenn der Unterricht nicht mehr sichergestellt werden kann oder wenn größere Strukturreformen anstehen. Dann gibt es mal einen Presseartikel, aber eine breite öffentliche Debatte bleibt aus.
Das hat Vor- und Nachteile. Der Nachteil ist: Wenn wir Geld brauchen oder politische Unterstützung für Veränderungsprozesse, dauert das oft sehr lange. Der Vorteil ist aber, dass Reformen häufig fraktionsübergreifend mitgetragen werden. Weil es wenig öffentliche Aufregung gibt, können Fachleute das System relativ ruhig weiterentwickeln.

Das hat dazu geführt, dass sich die beruflichen Schulen in den vergangenen Jahren sehr gut weiterentwickelt haben – vor allem in Bezug auf Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit. Egal, mit welchem Abschluss Jugendliche zu uns kommen: Wir haben im Grunde immer ein Angebot. Vom Einstieg ohne ersten Schulabschluss bis hin zur Fachschule, etwa zur Technikerin, zum Gestalter oder zum technischen Betriebswirt.

Das ist ein großer Wert, den es zu erhalten gilt. Politisch ist es allerdings oft schwierig, dafür zu kämpfen, weil Bildung Ländersache ist. Jedes Bundesland entscheidet selbst, welche Schulformen es vorhält und wie sie weiterentwickelt werden. Die Abstimmung in der Bildungsministerkonferenz ist entsprechend komplex, weil die Länder sehr unterschiedliche Voraussetzungen und auch sehr unterschiedliche Sichtweisen auf berufliche Bildung haben.

„Egal, mit welchem Abschluss Jugendliche zu uns kommen: Wir haben im Grunde immer ein Angebot.“

News4teachers: Sie haben gerade betont, dass die berufsbildenden Schulen Angebote für sehr unterschiedliche Schülerinnen und Schüler machen – mit und ohne Abschluss. Wie wichtig sind die Schulen vor diesem Hintergrund also für das Bildungssystem, aber auch für die Wirtschaft Deutschlands?

Mohr: Ich bin fest davon überzeugt, dass die vergleichsweise niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ganz wesentlich mit unseren beruflichen Schulen zusammenhängt. Weil eben fast jeder ein Angebot findet.

Wenn jemand von Arbeitslosigkeit bedroht ist, kann er oder sie zur Berufsschule gehen und fragen: Was kann ich hier noch machen? Kann ich einen allgemeinbildenden Abschluss nachholen? Kann ich über eine Berufsfachschule einen Assistentenberuf erlernen, wenn ich keinen Ausbildungsplatz gefunden habe? Das ist oft ein guter Einstieg in die Berufswelt.
Aktuell liegen wir bei etwa sechs Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Man muss aber berücksichtigen, dass ein Teil dieser Zahl Übergänge zwischen Bildungsgängen abbildet. Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Zwischen Ausbildung, Bundeswehr und Studium war ich formal arbeitslos gemeldet – nicht, weil ich keinen Anschluss hatte, sondern weil dieser nicht direkt folgte. Ich tauchte trotzdem in der Statistik auf.

Wenn man diese Übergangsphasen herausrechnet, bleibt von den sechs Prozent nicht mehr viel übrig. Natürlich gibt es Jugendliche in schwierigen Lebenslagen oder Regionen, in denen Angebote fehlen. Aber die tatsächliche Jugendarbeitslosigkeit ist meiner Einschätzung nach deutlich niedriger – und das eben auch Dank der Möglichkeiten, die die beruflichen Schulen bieten.

News4teachers: Aus Ihrer Sicht konnten sich die beruflichen Schulen in den vergangenen Jahren auch deshalb gut entwickeln, weil es wenig äußere Eingriffe gab. Wie sieht die Situation aktuell aus: Wo sehen Sie trotzdem noch politischen Handlungsbedarf?

Mohr: Die Situation ist von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. In Schleswig-Holstein zum Beispiel haben wir derzeit starke Jahrgänge an den Gemeinschaftsschulen und gleichzeitig demografisch bedingt rückläufige Schülerzahlen an den beruflichen Schulen.

Das führt dazu, dass wir viele Lehrkräfte haben, die wir an die Gemeinschaftsschulen abordnen – und gleichzeitig kaum Einstellungsperspektiven für den Nachwuchs bieten können. Bundesweit spricht man von einem Fachkräftemangel an beruflichen Schulen, in Schleswig-Holstein stellt sich die Lage im Moment aber anders dar.

Nichtsdestotrotz gibt es auch bei uns Engpässe – nämlich in hoch spezialisierten Berufen. Nehmen Sie das Schornsteinfegerhandwerk: Es gibt schlicht kein Lehramtsstudium für diesen Beruf. Ähnlich ist es bei Segelmachern, Bootsbauern oder Bestattungsfachkräften. Diese Berufe sind extrem spezialisiert. Ohne eigene Berufserfahrung fehlt der sogenannte Stallgeruch – und der ist in der beruflichen Bildung enorm wichtig. Wer Bestattungsfachkräfte unterrichten soll, muss wissen, was dieser Beruf bedeutet: fachlich, praktisch und auch psychosozial. Solche Lehrkräfte zu finden, ist ausgesprochen schwierig.

„Schule sollte sinnentnehmendes Lesen fördern – in allen Fächern, konsequent.“

News4teachers: Welche Folgen hat dieser Mangel für den Ausbildungserfolg?

Mohr: Langfristig verliert die Berufsschule an Akzeptanz, wenn sie fachlich nicht mehr auf der Höhe ist. Dort, wo Investitionen und Know-how zusammenkommen, kann Berufsschule enorm viel leisten – auch als Innovationsmotor.

Schleswig-Holstein versucht deshalb, durch Bezirksfachklassen oder Landesberufsschulen Kompetenzen zu bündeln. Das ist fachlich sinnvoll, führt aber zu längeren Wegen für die Auszubildenden.

Dass das trotzdem funktionieren kann, zeigen die Bundesberufsschulen, wie die für Hörgeräteakustiker. Diese ist auf einem Universitätscampus angesiedelt. Dort werden auch die Fortbildungen für die Hörgeräteakustik angeboten und die Schule arbeitet eng mit der Universität zusammen, also auch im medizinischen Bereich. Das ist schon wirklich vorbildlich, wie da das Know-how gebündelt wird. Auch hier ist der Nachteil allerdings, dass es bundesweit nur einen Standort gibt.

Unabhängig davon haben die Bundesberufsschulen aber eine hohe Reputation unter den Jugendlichen. Es gibt dazu eine Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), wonach die Jugendlichen sehr gerne dorthin fahren, weil sie dort auf echte Fachleute treffen und sich fachlich austauschen können. Das wird von den Auszubildenden als großer Wert empfunden.

News4teachers: Richten wir nun einmal den Blick auf die Auszubildenden selbst: Wie gut vorbereitet kommen die Jugendlichen heute in die duale Ausbildung?

Mohr: Das ist sehr unterschiedlich. In manchen Berufen sind viele mit Abitur oder Fachhochschulreife dabei, in anderen ist die Gruppe sehr heterogen. Wir wissen aber mit heterogenen Gruppen umzugehen.

Was uns allerdings zunehmend Sorgen macht, ist der Anteil der Jugendlichen, die nicht sinnentnehmend lesen können. Das ist ein zentrales Problem – heute und erst recht mit Blick auf KI-Anwendungen. Wer Texte nicht versteht, kann weder Fachbücher nutzen noch KI-Ergebnisse sinnvoll einordnen.

Wenn ich bildungspolitisch an einem Punkt drehen dürfte, dann wäre es genau dieser: Schule sollte sinnentnehmendes Lesen fördern – in allen Fächern, konsequent.

„Die Zuständigkeiten sind zersplittert – Bund, Länder, Kommunen –, und das führt zu großen Ungleichheiten.“

News4teachers: Damit greifen Sie meine nächste Frage schon vorweg: Wenn Sie noch zwei weitere politische Forderungen frei hätten: Welche wären das?

Mohr: Die Finanzierung der Berufsschulen ist extrem schwierig. Berufliche Bildung ist bundesweit stark unterschiedlich ausgestattet. Die Zuständigkeiten sind zersplittert – Bund, Länder, Kommunen –, und das führt zu großen Ungleichheiten. In finanzstarken Ländern und Kommunen sieht berufliche Bildung ganz anders aus als in finanzschwachen Regionen. Das darf eigentlich nicht sein. Ich halte bundesweite Mindeststandards für dringend notwendig.

Auch die Einstellungspolitik für Lehrkräfte muss aus meiner Sicht nachgebessert werden. Eine Situation wie derzeit in Schleswig-Holstein, wo wir über drei, vier oder sogar fünf Jahre hinweg kaum Lehrkräfte an den beruflichen Schulen werden einstellen können, ist hochproblematisch. In dieser Zeit verlassen viele Nachwuchslehrkräfte das Land, gehen in andere Bundesländer, wo die Bedingungen attraktiver sind, oder orientieren sich ganz neu. Die Folge ist, dass uns in den kommenden Jahren – spätestens mit der anstehenden Pensionierungswelle – genau diese Lehrkräfte fehlen werden.

News4teachers: Zum Schluss noch ein Blick auf die Berufsorientierung: Wie gut fühlen sich Jugendliche heute in ihrer Berufswahl unterstützt?

Mohr: Es gibt viele gut gemeinte Maßnahmen an allgemeinbildenden Schulen – Messen, Praktika, Projekte. Aber unsere Erfahrung zeigt: Nur etwa 20 Prozent der Jugendlichen mit ESA (Erster Schulabschluss am Ende der Klasse 9; Anm. d. Red.) oder MSA (Mittlerer Schulabschluss am Ende der 10. Klasse; Anm. d. Red.) gehen direkt von dort in eine Ausbildung.

Die eigentliche Übergangsarbeit leisten oft die beruflichen Schulen. Provokant würde ich sagen: Die allgemeinbildenden Schulen sollten Lesen, Schreiben, Rechnen vermitteln – die berufliche Orientierung übernehmen wir; in unseren Werkstätten, mit Fachleuten, die für ihren Beruf brennen und das an die Jugendlichen weitergeben können. News4teachers / Anna Hückelheim führte das Interview.

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Berufsorientierung und Berufliche Bildung“.

Duale Ausbildung unter Druck: Berufsbildenden Schulen fehlen zigtausende Lehrkräfte

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