Website-Icon News4teachers

Milliarden in frühkindliche Bildung pumpen? Sinnlos – ohne genügend Personal

Anzeige

BERLIN. Die schwarz-rote Koalition will mit Milliarden aus dem gerade beschlossenen Schuldenpaket die Bildungschancen von Kindern verbessern – auch in Kitas. Doch Fachkräfteverbände schlagen Alarm: Ohne bessere Rahmenbedingungen bleibt das Ziel von „hervorragender Bildung auf allen Ebenen“ reine Theorie. Insbesondere die geplante Sprachdiagnostik und die Verteilung der Mittel stoßen auf Kritik. Denn während einzelne Einrichtungen profitieren, bleibt die Mehrheit der Kitas weiterhin auf sich allein gestellt.

Wem nützt der Milliarden-Regen für die Kitas, wenn es dort nicht genügend Personal gibt? Illustration: Shutterstock

Unter der Überschrift „Startchancen für Kinder verbessern“ heißt es im gemeinsam von den Spitzen von Union und SPD beschlossenen Papier (das als Grundlage für die am Wochenende begonnenen Koalitionsverhandlungen dient): „Als rohstoffarmes, von Industrie geprägtes, exportorientiertes Land sind wir auf ein leistungsfähiges, innovatives Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungssystem angewiesen. Eine hervorragende Bildung auf allen Ebenen ist dafür das Fundament. Alle Kinder und Jugendliche in Deutschland sollen gerechte und gleiche Bildungschancen für ein selbstbestimmtes Leben haben. Dazu gehören Lernfreude und Leistungsbereitschaft.“ So weit, so unkonkret.

Darüber hinaus steht darin allerdings: „Wichtig ist eine frühe Sprachdiagnostik- und förderung in der Kita und im Übergang zur Grundschule, die Sicherung des Kompetenzerwerbs in Lesen, Schreiben, Rechnen und Kommunizieren bis zum Ende von Klasse 4. Wir werden die Anzahl der Schulabbrecher deutlich reduzieren. Dafür werden wir die Sprachkitaprogramme wieder einführen und das Startchancenprogramm fortführen und weiterentwickeln sowie auf Kitas ausweiten.“

Anzeige

„Die Absichtserklärungen zum Thema frühkindliche Bildung verkennen die schlechten Rahmenbedingungen in unseren Kitas“

Hintergrund: Mit 20 Milliarden Euro fördern Bund und Länder 4.000 Schulen in Deutschland, deren Standorte als sozial besonders herausfordernd gelten. Ein warmer Geldregen auch für Kitas in Brennpunkten? Müsste doch gut bei den Erzieherinnen und Erziehern ankommen. Tut es aber allenfalls bedingt – wie eine aktuelle Pressemitteilung der Kita-Fachkräfteverbände aus zehn Bundesländern erkennen lässt. „Die Absichtserklärungen zum Thema frühkindliche Bildung verkennen die schlechten Rahmenbedingungen in unseren Kitas und bieten keine grundsätzlichen Lösungen, um bundesweit gute frühkindliche Bildung und Chancengerechtigkeit in unseren Kitas zu etablieren“, so heißt es darin.

Zwar werde das im Papier formulierte Ziel, beste Bildung auf allen Ebenen zu etablieren, grundsätzlich begrüßt. Bei den vorgeschlagenen Maßnahmen gibt es aber gewaltige Haken. Beispiel Frühzeitige Sprachdiagnostik: „Erzieher*innen sind nicht ausgebildet, um diagnostische Verfahren durchzuführen, bzw. dürfen keine Diagnosen jeglicher Art stellen. Entgegen einer Sprachstandserhebung kann eine Sprachdiagnostik daher nicht in Kitas durchgeführt werden“, so schreiben die Kita-Fachkräfteverbände.

An die geplante Wiederaufnahme der Sprachkita-Programme „schließt sich die Frage an, wie Kitas eine kontinuierliche und gezielte Sprachförderung im Kita-Alltag bei allen Kindern mit Förderbedarf gewährleisten sollen. Vor Abschaffung des Bundesprogramms zur Sprachförderung waren lediglich 12,5 Prozent aller Kitas Nutznießer und bekamen zusätzlich eine Sprachförderkraft in ihrer Einrichtung zur Verfügung gestellt. Kinder mit Sprachförderbedarf gibt es aber in jeder deutschen Kita“, stellen die Verbände fest. Und sie fragen: Was geschieht denn mit den 87 Prozent aller Kitas, die keine zusätzlichen personellen Ressourcen erhalten?

„Die seit vielen Jahren von Wissenschaft und Fachpraxis angemahnten Mindeststandards für eine gute Kita-Qualität gelten als nicht finanzierbar und werden deshalb nicht umgesetzt“

Zur Ausweitung des Startchancenprogramms auf Kitas in herausfordernden Lagen heißt es: „Zusätzliche Förderung für Kitas nach sozialräumlichen Gesichtspunkten begrüßen wir. Allerdings gibt es ein grundsätzliches Problem. Die seit vielen Jahren von Wissenschaft und Fachpraxis angemahnten Mindeststandards für eine gute Kita-Qualität gelten als nicht finanzierbar und werden deshalb nicht umgesetzt. So haben beispielsweise alle Bundesländer bereits 2019 im Rahmen des sogenannten ‘guten Kita-Gesetzes’ unterschrieben, dass sie eine Fachkraft-Kind Relation nach fachlichen Mindestanforderungen anstreben. Dafür sollten bundeseinheitliche kindgerechte Personalstandards etabliert werden, die bis heute auf sich warten lassen.“

Mit Folgen: „Kita-Rahmenbedingungen, die nicht entwicklungsförderlich sind, gefährden die kindliche Entwicklung.“ Ohne ausreichend Zeit und Raum für Zuwendung, intensive Interaktion und Begleitung der kindlichen Entwicklung bleibe das im Sondierungspapier genannte Ziel einer „hervorragenden Bildung auf allen Ebenen“ ein Lippenbekenntnis.

Das könne nur mit den notwendigen finanziellen Mitteln gelingen – in der Fläche. „Das Kita-System bildet das Fundament des Bildungssystems. Wer hier investiert, legt die Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg und Sicherung unseres Wohlstands.“

Dem Bund obliege die Aufgabe, allen Kindern und Jugendlichen in Deutschland gerechte und gleiche Bildungschancen für ein selbstbestimmtes Leben zu bieten sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern. „Damit das gelingt, fordern wir eine stärkere dauerhafte finanzielle Beteiligung des Bundes an der frühkindlichen Bildung. Gemeinsam mit Kommunen und Ländern trägt auch der Bund Verantwortung für ein qualitativ hochwertiges Kita-System.“ Auf das hofften Kinder, Fachkräfte und Eltern seit Jahren allerdings vergeblich. News4teachers

Schuldenbremse (praktisch) adé – kommt jetzt auch der Wumms für die Bildung? Klingbeil: Kitas und Schulen im Blick

Anzeige
Die mobile Version verlassen