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Lehrer werden im Schnelldurchlauf – ohne Abitur: Bundesland senkt Anforderungen

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FREIBERG/LEIPZIG. Angesichts des akuten Lehrkräftemangels geht Sachsen neue Wege. Kultusminister Conrad Clemens (CDU) will nicht nur die Gruppe potenzieller Lehrer*innen erweitern, sondern auch die Ausbildungszeit verringern. Dafür senkt er die Zugangsanforderungen zum Lehrerberuf, zunächst einmal im Rahmen eines Schulversuchs. Die neuen Lehrer*innen sollen bis zu zweieinhalb Jahre früher an die Schulen kommen.

Sachsen senkt die Zugangshürden zum Lehrerberuf. Foto: Shutterstock

Um Oberschüler und -schülerinnen für den Lehrerberuf zu gewinnen, gibt es in Freiberg ab kommendem Schuljahr einen verkürzten Ausbildungsweg. Das Besondere: Dieser richtet sich an Menschen mit Realschulabschluss. In gerade einmal fünf Jahren könnten sie Lehrkraft werden, verspricht Kultusminister Clemens. Das sei bis zu zweieinhalb Jahre schneller als bisher. Möglich mache dies, so der CDU-Politiker, die neue fachbezogene Hochschulreife am Beruflichen Schulzentrum (BSZ) für Technik und Wirtschaft «Julius Weisbach» in Freiberg in Kombination mit einem anschließenden Studium an der TU Bergakademie Freiberg.

Vor allem MINT-Lehrkräfte fehlen

Im Fokus des Schulversuchs steht der MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Dort ist der Bedarf an Lehrkräften laut Clemens überdurchschnittlich hoch. Der zweijährige Bildungsgang am BSZ «Julius Weisbach» in Freiberg ermögliche den Schüler*innen, die fachgebundene Hochschulreife für ein MINT-Bachelorstudium zu erreichen.

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Dabei werden die Schülerinnen und Schüler durch Praxiseinheiten an der TU Bergakademie Freiberg an das Studium herangeführt. Sie könnten so schon das Leben an der Universität kennenlernen und möglicherweise auf den Geschmack kommen, erklärt Schulleiter Frank Wehrmeister. Die Bergakademie bietet wiederum extra Studiengänge an, die für diesen Wechsel ins Lehramt optimiert sind. Die wissenschaftliche Ausbildung für die Unterrichtsfächer Mathematik/Informatik oder Physik/Chemie ist mit dem Studium dann abgeschlossen. Anschließend ist der Seiteneinstieg ins Lehramt für Oberschulen möglich, bei dem die pädagogischen Kompetenzen berufsbegleitend erlernt werden.

Insgesamt fehlen laut Kultusministerium im Freistaat derzeit rund 1.400 vollzeitbeschäftigte Lehrkräfte. Mit dem Schulversuch will Clemens auch dem Lehrkräftemangel außerhalb der großen Städte gegensteuern. «Es geht uns darum, dass die Menschen, die gerne hier bleiben wollen nach ihrer Schulzeit, auch hier bleiben und die Lehrerausbildung hier absolvieren können», sagte der Minister.

Zielgruppe zeigt bislang kaum Interesse

Das Programm soll im Schuljahr 2025/2026 mit maximal 28 Schülern beginnen. Bewerbungen sind noch bis zum 7. Mai möglich. Voraussetzung ist der Realschulabschluss. Eine Altersbeschränkung gibt es nicht, auch wer Berufserfahrung hat, kann teilnehmen.

Bisher kommt das neue Ausbildungsangebot allerdings noch nicht sonderlich gut an. Schulleiter Wehrmeister berichtet von einer lediglich einstelligen Zahl an Interessenten, die ihre Unterlagen eingereicht haben – noch zu wenig, um das Angebot überhaupt zu starten.

Lehrkräfte protestieren gegen Bildungspaket

Auch an anderer Stelle kämpft der sächsische Kultusminister um Akzeptanz: Die 21 vorgestellten Maßnahmen, mit denen er die Unterrichtsversorgung an den Schulen des Freistaats sicherzustellen will, sorgen weiter für Unmut (News4teachers berichtete). Lehrkräfte, Eltern und Schüler*innen wehren sich gegen die geplanten Kürzungen im Bildungssystem.

Zahlreiche Menschen protestierten nun in Leipzig gegen das Bildungspaket. Wie ein Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mitteilte, versammelten sich rund 1.500 Demonstrierende vor dem Landesamt für Schule und Bildung. Mit selbst gebastelten Schildern machten sie ihrem Ärger Luft. Ihre zentrale Forderung: eine «echte Verbesserung der Arbeitsbedingungen» statt kurzfristiger Notlösungen auf Kosten von Lehrkräften und Bildungsqualität. Die GEW fordert das Ministerium auf, die geplanten Maßnahmen zurückzunehmen. Diese zielen laut Ministerium darauf ab, den Unterricht angesichts hoher Ausfallzeiten – vor allem an Oberschulen – besser abzusichern. Im ersten Schulhalbjahr 2024/2025 waren 9,4 Prozent der Unterrichtsstunden ausgefallen.

«Dieses Paket verschärft die Krise und den Personalmangel an Sachsens Schulen»

Ein zentraler Punkt des Pakets betrifft ältere Lehrkräfte: Sie sollen mehr Stunden unterrichten. Die bisherige sogenannte Altersermäßigung soll dafür eingeschränkt werden. Derzeit wird Lehrkräften ab 58 Jahren eine Stunde pro Woche erlassen, ab 60 zwei und ab 61 drei Stunden. Künftig soll diese Regelung erst ab dem 63. Lebensjahr greifen. Auch die Anrechnung von Stunden bei besonderen schulischen Aufgaben soll überarbeitet werden. Zudem sollen angehende Lehrkräfte bereits während des Studiums stärker in den Schulalltag eingebunden werden.

«Dieses Paket verschärft die Krise und den Personalmangel an Sachsens Schulen – und das auf dem Rücken der Lehrkräfte», kritisierte der Landesvorsitzende des Sächsischen Lehrerverbandes, Michael Jung. Die geplanten Einschnitte träfen nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, sondern alle, die Schule gestalten – und alle, die dort lernen. Weitere Protestaktionen sind geplant: Heute, 9. April, soll in Chemnitz am Karl-Marx-Monument demonstriert werden, am morgigen Donnerstag vor dem Kultusministerium in Dresden. Die Lehrervertretungen warnen: Die geplanten Maßnahmen könnten den gegenteiligen Effekt haben und dazu führen, dass weniger Menschen den Beruf ergreifen und ältere Lehrkräfte den Schuldienst früher verlassen wollen. News4teachers / mit Material der dpa

Nachwuchssorgen: Deutlich weniger junge Menschen nehmen Lehramtsstudium auf

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