BREMEN. Ein politischer Paukenschlag: Ausgerechnet Mark Rackles, SPD-Politiker und einer der profiliertesten Kämpfer für die verpflichtende Erfassung der Arbeitszeit von Lehrkräften in Deutschland, soll neuer Bildungssenator in Bremen werden. Damit würde ein Mann an die Spitze des bundesweit schwächelnden kleinsten Schulsystems rücken, der sich wie kaum ein anderer mit den strukturellen Problemen des Lehrerberufs beschäftigt hat – und der die Debatte über Arbeitszeit und Belastung von Lehrkräften bundesweit aufmischt.
Bremens Senatorin für Kinder und Bildung, Sascha Karolin Aulepp (SPD), hat ihren Rücktritt erklärt. „Die Mitte der Legislaturperiode ist ein guter Termin für einen Wechsel“, sagte sie bei einer Pressekonferenz. Aulepp betonte, sie übergebe die Amtsgeschäfte geordnet an eine Nachfolge. Die SPD will ihren Personalvorschlag beim Parteitag im September offiziell beschließen.
Nach Informationen der dpa soll es sich dabei um Mark Rackles handeln. Der 52-Jährige war von 2011 bis 2019 Staatssekretär für Bildung in Berlin, unter anderem Amtschef in der Kultusministerkonferenz und Leiter der Berliner Taskforce Schulbau. Jüngst trat er als freiberuflicher Berater, Publizist und Kolumnist in Erscheinung. Im August 2024 hatte er eine berufliche Auszeit angekündigt – eigentlich wollte er erst im September 2025 wieder einsteigen.
Rackles: Fachpolitiker mit klarer Agenda
Rackles gilt als einer der kenntnisreichsten SPD-Bildungspolitiker Deutschlands. An der Spitze des Instituts für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg hat er Schulentwicklungsprozesse begleitet, später Studien und Gutachten veröffentlicht. Vor allem ein Thema hat ihn zuletzt in die Schlagzeilen gebracht: die Arbeitszeit der Lehrkräfte.
Gemeinsam mit dem Göttinger Sozialwissenschaftler Frank Mußmann verfasste er im Auftrag der Friedrich Ebert Stiftung ein Gutachten, das das seit 150 Jahren gültige Deputatsmodell als überholt und unzureichend bezeichnet. Die Autoren weisen nach, dass die Mehrheit der Lehrkräfte seit Jahrzehnten über die gesetzlichen und tariflichen Arbeitszeitnormen hinaus arbeitet – mit gravierenden gesundheitlichen Folgen.
„Der unbestimmte Teil der Arbeitszeit, der jenseits der Deputate liegt, kann nicht länger in dieser Unbestimmtheit belassen werden“, schreiben Rackles und Mußmann.
Politischer Druck – durch Rackles selbst
Rackles beließ es nicht bei wissenschaftlicher Analyse. Er schrieb im Mai direkt an Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) und forderte, die Lehrkräfte in die geplante elektronische Arbeitszeiterfassung einzubeziehen. Das Bundesarbeitsministerium antwortete schriftlich: Das „Ob“ der Erfassung sei längst geklärt – die Pflicht gelte schon jetzt, es gehe nur noch um das „Wie“ (News4teachers berichtete).
Rackles kommentierte auf LinkedIn: „Der zentrale Satz kann nicht oft genug wiederholt werden: Das ‚Ob‘ der Verpflichtung zur Erfassung der Arbeitszeit auch bei Lehrkräften ist bereits geklärt! Es geht nur noch um das ‚Wie‘. Die Bundesländer sollten langsam (sechs Jahre nach dem Grundsatzurteil des EuGH) in die Gänge kommen.“
Bildungssystem Bremen: eine Baustelle
Bremen schneidet in bundesweiten Vergleichsstudien regelmäßig schlecht ab. Im aktuellen Bildungsmonitor der arbeitgebernahen INSM landete das kleinste Bundesland wieder auf dem letzten Platz. Das hat allerdings vor allem strukturelle Gründe: Der Speckgürtel von Bremen, in dem wohlhabende Familien leben, liegt in Niedersachsen. Unter Aulepp war das Ressort zuletzt aber auch durch eine Haushaltssperre und fehlende Kita-Plätze unter Druck geraten. Die oppositionelle CDU hatte im Sommer 2024 ein Misstrauensvotum angestrengt, das Aulepp aber überstand.
Nun übernimmt wohl Rackles – ausgerechnet er, der vehement für Arbeitszeit-Erfassung von Lehrerinnen und Lehrern eintritt – ein Ressort, das bundesweit als eines der problematischsten gilt. Pikant: Bremen ist das einzige Bundesland, das bereits einen Modellversuch zur Arbeitszeiterfassung von Lehrkräften angekündigt hat. In Kooperation mit der Telekom Stiftung. Und für die hat Rackles auch schon ein Gutachten zur Lehrkräfte-Arbeitszeit geschrieben.
Die KMK, die sich bislang in dieser Grundsatzfrage auf Abwarten und Teetrinken verständigt hat, dürfte aufgemischt werden. News4teachers / mit Material der dpa
