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Sitzenbleiben abschaffen? Warum viel dafür spricht – und nur wenig dagegen

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MÜNCHEN. Über 40.000 Schülerinnen und Schüler drehten zuletzt eine Ehrenrunde – allein in Bayern. Eine wichtige pädagogische Maßnahme, finden die einen. Verlorene Zeit und rausgeschmissenes Geld die anderen. Die Grünen stellen nun einen Antrat im Landtag, das Sitzenbleiben im Freistaat abzuschaffen. Was dafür spricht – und was dagegen. 

Motivationsinstrument. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Fast jeder vierte Schüler in Deutschland hat im Alter von 15 Jahren bereits einmal eine Klasse wiederholt. Bundesweit besonders weit vorn: Bayern. Am Dienstag wollen die Grünen im Landtag einen Antrag stellen, das Sitzenbleiben im Freistaat abzuschaffen. Die Erfolgsaussichten liegen zwar bei null, dennoch können sich die Grünen auf gute Argumente stützen.

Über wie viele Schülerinnen und Schüler sprechen wir überhaupt? Im Schuljahr 2024/25 wiederholten – ohne FOS/BOS – fast 40.000 Kinder und Jugendliche in Bayern die Klasse. Rund 17.000 von ihnen hatten keine andere Wahl, 23.000 wiederholten freiwillig. In den Daten sind die Fach- und Berufsoberschulen noch nicht enthalten; im Vorjahr wiederholten dort rund 3.300 Jugendliche.

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In Summe drehten damit 3,5 Prozent aller Schülerinnen und Schüler im Schuljahr 2023/24 eine Ehrenrunde. Der bundesweite Schnitt lag bei 2,2 Prozent, Bayern belegte Rang zwei. Im Vorjahr war der Freistaat laut Statistischem Bundesamt gar der Spitzenreiter mit 4,1 Prozent.

Wann bleibt man in Bayern sitzen? In der ersten und zweiten Klasse wird das Sitzenbleiben möglichst vermieden, danach müssen in der Grundschule schon Fünfer und Sechser in Mathe, Deutsch oder Heimat- und Sachunterricht zusammenkommen. In der Realschule und auf dem Gymnasium steht im Grundsatz eine Wiederholung an, wenn in einem Vorrückungsfach eine Sechs oder in zwei Vorrückungsfächern eine Fünf im Zeugnis steht. Dies gilt auch für die Mittlere-Reife-Klassen an den Mittelschulen.

Ansonsten ist auf der Mittelschule ein Wiederholungsjahr zwingend, wenn die Durchschnittsnote aus allen Fächern außer Sport schlechter als 4,00 ist oder in mindestens vier Fächern die Note Fünf erzielt wurde. Unter bestimmten Voraussetzungen ist in Bayern allerdings auch ein Vorrücken auf Probe, ein Notenausgleich oder eine Nachprüfung möglich. Zudem können Kinder und Jugendliche freiwillig eine Klassenstufe wiederholen.

Was spricht für das Wiederholen einer Klassenstufe? Das Sitzenbleiben soll als «zweite Chance» dienen, den verpassten Stoff nachzuholen. «Für einige Schüler und Konstellationen kann es sinnvoll sein, um Kompetenzen zu erwerben und sich für das nächste Schuljahr fit zu machen», erläutert Kai Maaz vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. «Etwa wenn ein Kind wegen einer Krankheit einen großen Teil des Schuljahres verpasst hat, also nicht nur in einem Bereich große Rückstände aufgebaut hat.»

Das Nichterreichen des Klassenziels könne darüber hinaus ein wichtiger Hinweis sein, einen Wechsel auf eine passendere Schulart in Erwägung zu ziehen, ergänzt das bayerische Kultusministerium. Schließlich würden die Schulen bei Schwierigkeiten zuvor durch entsprechende Fördermaßnahmen, wie Intensivierungsstunden, Ergänzungs- und Förderunterricht gegensteuern.

Viele Befürworter auch unter den Lehrkräften betonen allerdings vor allem, dass die drohende Ehrenrunde ein wichtiges Instrument zur Motivation sei. Gerade die Faulen würden sonst einen Freifahrtschein erhalten und das Lernen gänzlich einstellen. Dadurch würden sie den Anschluss verlieren, besonders in Fächern, in denen die Inhalte aufeinander aufbauen.

Was spricht gegen das Wiederholen einer Klassenstufe?  «Es spricht eigentlich nichts dafür und alles dagegen», resümiert der Experte für pädagogische Psychologie von der Hochschule für Gesundheit und Medizin in Berlin, Florian Klapproth. Zahlreiche Studien belegten, dass Verbesserungen höchstens kurzfristig seien, die Nachteile dagegen schwer wiegen. Klapproth stützt sich wie andere Kritiker des Sitzenbleibens auf mehrere Argumente:

  • Wirkung verpufft bald wieder: Die Schulnoten verbessern sich zwar häufig im Wiederholungsjahr. Allerdings verpufft die positive Wirkung bereits ein Jahr später. «Auch wenn Klassenwiederholungen in Einzelfällen hilfreich sein können, zeigen Studien insgesamt keine nachhaltigen positiven Wirkungen», betont Maaz.
  • Wiederholen verfestigt Bildungsungerechtigkeit: Studien belegen, dass auch leistungsfremde Faktoren die Entscheidung von Lehrkräften beeinflussen, ob wiederholt werden muss. So bleiben Jungen bei gleicher Leistung häufiger sitzen als Mädchen, ebenso Schülerinnen und Schüler, deren Eltern ein geringes Einkommen haben oder die einen Migrationshintergrund besitzen.

    Kinder mit ausländischen Wurzeln etwa wiederholen in Bayern besonders häufig eine Klasse: Obwohl sie nur 28,5 Prozent der Schülerschaft ausmachen, stellten sie im Schuljahr 2023/2024 fast 40 Prozent der Wiederholer, betonen die Landtags-Grünen. «Dieses Missverhältnis zeigt, dass soziale Herkunft und Bildungsungerechtigkeit weiterhin untrennbar verbunden sind.»

  • Negative Folgen für Motivation und Selbstwert: Sitzenbleiben kann sich negativ auf die Psyche auswirken. «Es stempelt die Kinder ab, es demotiviert, weil sie das Gefühl haben, sie sind nichts wert. Auch wenn sie sich angestrengt haben, haben sie die Erwartungen nicht erfüllt. Das kann bis zu Depressionen führen», schildert der Vorsitzende des Bayerischen Elternverbands, Martin Löwe. Zudem werde das Kind aus dem gewohnten Umfeld gerissen, was Unsicherheit schüren könne.
  • Zudem haben die Betroffenen in der Regel ja nur in einigen Fächern Schwierigkeiten. «Das Problem ist, dass das Extra-Jahr in Deutschland praktisch mit keinen weiteren Fördermaßnahmen versehen ist. Das heißt, die Kinder bekommen einfach das gleiche noch mal», schildert Klapproth. «Das führt dazu, dass sie sich in den Fächern, in denen sie gut waren, langweilen, und in den Fächern, in denen sie schlecht waren, nichts dazulernen.»
  • Sitzenbleiben kostet den Steuerzahler viel Geld: Nach den jüngsten Daten für 2023 gab Bayern 11.300 Euro pro Schüler aus. Die zusätzlichen Jahre durch verpflichtendes und freiwilliges Wiederholen summieren sich somit auf rund 490 Millionen Euro – das Geld, das dem Staat wie den Betroffenen durch den späteren Berufseinstieg entgeht, nicht eingerechnet.

Was wären die Alternativen? «Kinder und Jugendliche lernen am besten, wenn ihre Stärken gesehen und entwickelt werden und wenn auf die professionelle differenzierte Diagnose von Lernschwächen eine zielgenaue individuelle Förderung folgt», betont die Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, Simone Fleischmann.

Auch Wissenschaftler Maaz betont: «Kompensatorische Maßnahmen im Laufe des Schuljahres sind effektiver als das Wiederholungsjahr – wenn sie zielgenau adressiert werden.» Leistungsschwache Schülerinnen und Schüler benötigten andere Lernzugänge statt mehr vom Gleichen. «Wir bräuchten eine Verknüpfung zwischen individueller datenbasierter Lernverlaufsdiagnostik und einer innovativen, qualitätsgesicherten Infrastruktur, die den Lehrkräften auf Grundlage der Förderdiagnose Fördermaterialien anbieten.»

Dass es anders geht, zeigt der Blick über die (Landes-)Grenze: Hamburg zum Beispiel setzt auf eine kostenlose, verpflichtende Lernförderung statt auf Sitzenbleiben. In Berlin finden Jahrgangsstufenwiederholungen bis zur zehnten Klasse nur in besonders begründeten Ausnahmefällen statt. Und innerhalb Europas lassen nur Belgien, Holland und Spanien häufiger wiederholen als Deutschland. In allen anderen Ländern ist es deutlich seltener oder kommt wie in Skandinavien gar nicht oder höchstens in Ausnahmefällen vor. Von Elke Richter, dpa

15 Jahre Hattie-Studie: Warum Sitzenbleiben mehr schadet als nützt (aber bis heute in Deutschland vielen als unverzichtbar gilt)

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Unfassbar
3 Monate zuvor

Die Versetzungsbedingungen sind schon so schwach, dass man sich ernsthaft fragen muss, wie etwa 1,5% aller Schüler die reißen (die freiwilligen Wiederholungen abgezogen). Rein bezogen auf den geringen Anteil könnte man das tatsächlich abschaffen. Ob das aber gut für das Klassenklima ist, steht auf einem anderen Blatt.

Walter Hasenbrot
3 Monate zuvor
Antwortet  Unfassbar

Für das Klassenklima ist es sicherlich hilfreich, wenn alle Schüler das Gefühl haben, dass die Schule sich bei Schwierigkeiten um eine schnelle und individuelle Förderung kümmert.

Im Augenblick nehme ich das nur nominell wahr. Zumeist folgt die Förderung erst, wenn schon schlechte Noten auf dem Zeugnis stehen.

Für eine Förderung wie im Artikel gefordert, müssten die Schulen mehr Resourcen haben.

Unfassbar
3 Monate zuvor
Antwortet  Walter Hasenbrot

Interessant, wie Sie bei den Sitzenbleibern den Anteil der Schüler selbst ausblenden. In der Regel gibt vorher schon Klassenarbeiten, mindestens zwei Elternsprechtage usw.

unverzagte
3 Monate zuvor
Antwortet  Unfassbar

Man ? Nein, als Wiederholerin der siebten Klasse habe ich vollstes Verständnis insbesondere für unfreiwillige sog. Ehrenrunden.
Dass es insbesondere während den Pubertätsjahren sinnvollere Alternativen gibt, sollte auch den empathiloseren Kolleg*innen klar sein .

Mr X
3 Monate zuvor
Antwortet  unverzagte

Was für eine individuelle Förderung? Wo gibt’s dafür Ressourcen?
Wer machts?

Schade Marmelade
3 Monate zuvor
Antwortet  unverzagte

Nennen sie ein paar Alternativen? Sind wir Mal ehrlich Menschen und insbesondere Kinder und Jugendliche brauchen Konsequenzen. Klare, verständliche und harte Konsequenzen. Die bekommen sie heute nirgends mehr. Was glauben sie weshalb Lehrer sein heute so viel schwerer ist als boch vor 15 Jahren.

Rüdiger Vehrenkamp
3 Monate zuvor

Die “Abschafferritis” greift weiter um sich: Hausaufgaben, Noten, Sitzenbleiben,… Alles soll weg. Als Lösung bietet man Allgemeinplätze an:

Leistungsschwache Schülerinnen und Schüler benötigten andere Lernzugänge statt mehr vom Gleichen. «Wir bräuchten eine Verknüpfung zwischen individueller datenbasierter Lernverlaufsdiagnostik und einer innovativen, qualitätsgesicherten Infrastruktur, die den Lehrkräften auf Grundlage der Förderdiagnose Fördermaterialien anbieten.»

Was ist denn eine “innovative, qualitätsgesicherte Infrastruktur”? Wer oder was macht sie innovativ? Wer sichert die Qualität und wann? Wie sieht diese Infrastruktur aus? Wer baut sie auf? Wann wird sie aufgebaut? Wie? Wer erstellt die Förderdiagnosen? Wer erstellt die Fördermaterialien? Wann werden sie erstellt? Wann, wie, wo und durch wen werden diese Kinder gefördert? Was ist mit Familien, die sich weigern? Was ist mit lernfaulen Schülern, die lieber am Handy hängen und keinen Bock auf Schule haben – also einfach ihren Pflichten nicht nachkommen?

Wir betreuen einige Jugendliche, da wär die Akte mit der “Lernverlaufsdiagnostik” ziemlich leer, denn sie verweigern den Schulbesuch, sie verweigern Anstrengung und wollen keine Leistung (im schulischen Bereich) zeigen. In Baden-Württemberg ist es nahezu unmöglich geworden sitzenzubleiben. Die Nachricht, die bei solchen Jugendlichen ankommt, ist folgende: “Geil, ich muss nichts mehr machen und komm trotzdem weiter.”

Mondmatt
3 Monate zuvor

Für mich ist das alles eine Stoßrichtung bei den vorgeschlagenen Reformen der letzten Zeit.

Die zwei maßgeblichen Akteure des Schulsystems sind sich, wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen, einig.

Keine Noten.

  • KMK : Prima, dann merkt auch keiner wenn das Niveau stetig fällt.
  • Eltern / Schüler: Prima, Schule ohne jeglichen Druck. Niemand sieht, dass Klausi doch nicht hochbegabt ist.

Kein Sitzen bleiben.

  • KMK: Prima, dann sind die Schüler schneller durch. Weniger Schüler macht auch weniger Lehrerbedarf.
  • Eltern / Schüler: Prima, niemand merkt, dass es nicht läuft. Wird dann wie Urlaub

Ganztagsschule.

  • KMK: Prima, einfach bis 17 Uhr statt bis 13 Uhr. Ohne Umbau und die Eltern sind trotzdem zufrieden weil es zur Arbeitszeit passt.
  • .Eltern: Hurra die Blagen sind bis 17 Uhr weg.

Inklusion

  • KMK: Prima, einfach der Stuhl dabei und die Förderschulen können weg.
  • Eltern / Schüler: Prima, endlich in die näher gelegene Regelschule und keine dummen Fragen nach Förderschule mehr.

Keine Hausaufgaben

  • KMK: Prima, das reduziert auf dem Papier die Arbeitszeit der Lehrer.
  • Eltern / Schüler: Prima, mehr Freizeit für die Kids und kein Stress mehr mit Kontrolle und so.

Keine festen Lehrpläne

  • KMK: Prima weniger Verantwortung für uns.
  • Schüler: Prima, dann können wir endlich… Was denn? Na ja irgendwas geiles. Handy, Musik, Sozial Media oder sonst was im Unterricht behandeln.

Es trifft eine KMK die es nebulös mag um die beschissene Lage der Bildung zu kaschieren, und keinesfalls Geld investieren möchte auf Eltern die ihre Kinder nah, ohne Stress mit Noten und Hausaufgaben bis nachmittags verwahrt wissen möchte.
Die SuS jubeln eh. Ohne Versetzungsstress, Noten und Hausaufgaben mutiert die Schule zum Pony-Hof. Fast wie Erholung oder der frühere Kindergarten.

Ist das alles aber wirklich zum Besten der SuS?

Ist das spätere Leben so, dass man sich nicht im geringsten anstrengen muss, dass der Chef großzügig über Dinge hinweg sieht die man eben nicht kapiert hat, dass man nur nach Interesse Tätigkeiten ausführen muss (das natürlich bei einer momentan guten Motivationslage), dass Basiswissen wie Mathe, Deutsch usw. unwichtig wird weil das KI macht.

Ich kann es mir so nicht vorstellen. Das dicke Ende kommt in der Ausbildung oder gar an der Uni. Chefs und Professoren haben da nach meiner Erfahrung eine andere Weltsicht

Hat mal jemand ausprobiert, welche Inhalte die SuS denn ohne Lehrplan auf eigenen Wunsch behandeln wollen.
Hat jemand eine Idee wann und wo ohne Hausaufgaben geübt werden soll.
Hat mal jemand bei der Schreinerei gefragt ob auch ein Lehrling ok ist, der nicht mit Pythagoras rechnen kann, weil er in der entsprechenden Klasse eigentlich durchgefallen wäre und durch gewinkt wurde?

Einzelne Eltern und Lehrer werden mit ihren Warnungen aber gegen den Zeitgeist und die KMK nichts ausrichten können.

Hysterican
3 Monate zuvor
Antwortet  Mondmatt

Danke!!

TaMu
3 Monate zuvor
Antwortet  Hysterican

Aber wirklich! Danke! Einfach und ganz klar formuliert!

Mr. Smith
3 Monate zuvor
Antwortet  Mondmatt

Amen!

447
3 Monate zuvor
Antwortet  Mondmatt

…und genau diese Erfahrung braucht es.
Mitten in die…äh…Biographie.
Bis es kapiert wird.

Und so lange gilt halt: Geliefert wie bestellt.

Uhrmacher
3 Monate zuvor

Wenn man Sitzenbleiben als Chance betrachtet und nicht als Strafe, verliert es vielleicht seinen “Makel”? Jedenfalls stellte sogar schon das Bundesverfassungsgericht (!!!) fest, dass Sitzenbleiben den weiteren Lebensweg eines Schülers durchaus POSITIV beeinflussen kann. (nach Günther Hoegg: Schulrecht kurz und bündig)

In anderen Situationen berufen sich alle doch auch immer so gerne auf das Bundesverfassungsgericht?!

Simsalabim
3 Monate zuvor
Antwortet  Uhrmacher

Auf die Verfassung (Grundgesetz) beruft man sich auch immer nur, wenn es einem gefällt. Und auf Urteile des Bundesverfassungsgerichts ebenso.

Wenn es einem nicht gefällt, ändert man es eben (Schuldenbremse). Es ist einfach nur eine höhere Quote nötig (2/3-Mehrheit im Bundestag).

Kleopas
3 Monate zuvor

Mir müsste noch jemand erklären, warum das Sitzenbleiben teurer sein soll als das dreijährige Verweilen von Grundschulkindern in der (im Prinzip zweijährigen) Schuleingangsphase:
https://www.grundschule-brueser-berg.de/paedagogische-konzepte/foerder-und-forderkonzept/im-unterricht/unterschiedliche-verweildauer-in-der-schuleingangsphase

E.S.
3 Monate zuvor

“Sitzenbleiben abschaffen? Warum viel dafür spricht – und nur wenig dagegen”
Es kommt auf die Voreinstellung des Betrachters an, ob er ebenfalls viel Dafürsprechendes und nur wenig Dagegensprechendes beim Sitzenbleiben sieht. Deswegen traue ich mir zu, ziemlich treffsicher voraussagen zu können, wer von den Kommentarschreibern hier die These der Überschrift teilt oder nicht. Eine sachlich neutrale und objektive Aussage ist sie jedenfalls nicht.

UesdW
3 Monate zuvor

Wiederholen verfestigt Bildungsungerechtigkeit: Studien belegen, dass auch leistungsfremde Faktoren die Entscheidung von Lehrkräften beeinflussen, ob wiederholt werden muss.So bleiben Jungen bei gleicher Leistung häufiger sitzen als Mädchen, ebenso Schülerinnen und Schüler, deren Eltern ein geringes Einkommen haben oder die einen Migrationshintergrund besitzen.

Welche Studien sind das. Hier wird ja den Lehrkräften mehr oder weniger Willkürlichkeit unterstellt, dass sie bewusst Schüler zum Sitzen bleiben verdonnern.

blau
3 Monate zuvor

Was denn jetzt? Sollen die Schüler die Basiskompetenzen erreichen oder nicht? Wenn sie einfach immer weiterkommen ohne Anstrengungsbereitschaft… Wie sollen sie dann irgendwelchen Anforderungen gerecht werden?

Sepp
3 Monate zuvor

An unserer Schule ist grundsätzlich auch kein Sitzenbleiben möglich, eine freiwillige Wiederholung nur im Ausnahmefall, auf Antrag und mit Beschluss der Klassenkonferenz.

Das führt dazu, dass viele Kinder einfach mitgeschleift werden:
Eine Schülerin meiner Klasse hatte aufgrund verschiedenster Probleme kaum sinnvoll arbeitet, ihr fehlten bspw. im 8. Jahrgang noch Mathematik-Kenntnisse der Grundschule (bis 4. Klasse)! Fördermaßnahmen wurden nicht wahrgenommen bzw. geschwänzt. Andere Maßnahmen waren nicht erfolgreich. Sie ist nach der 9. Klasse ohne (!) Hauptschulabschluss von der Schule gegangen.
Wir hatten mehrere andere Schüler, bei denen es ähnlich gelaufen ist, bei denen verschiedenste Unterstützungsangebote inklusive Schulsozialarbeit, Sonderpädagogik und Schulpsychologie ins Leere gelaufen sind. Manche haben zumindest noch soweit die Kurve gekriegt, dass sie nach Jg-9 zumindest einen Hauptschulabschluss hatten.

Die Schulnoten verbessern sich zwar häufig im Wiederholungsjahr. Allerdings verpufft die positive Wirkung bereits ein Jahr später. «Auch wenn Klassenwiederholungen in Einzelfällen hilfreich sein können, zeigen Studien insgesamt keine nachhaltigen positiven Wirkungen», betont Maaz.

Wenn man es schafft, in dem Jahr die Lücken zu schließen und vielleicht sogar mit mehr Motivation durchzustarten, und es dennoch nicht klappt, dann muss man sich doch fragen, ob das Kind vielleicht doch in der falschen Schulform ist.

Kinder mit ausländischen Wurzeln etwa wiederholen in Bayern besonders häufig eine Klasse: Obwohl sie nur 28,5 Prozent der Schülerschaft ausmachen, stellten sie im Schuljahr 2023/2024 fast 40 Prozent der Wiederholer, betonen die Landtags-Grünen.

Ist das Ungerechtigkeit und Unfairbehandlung durch Lehrkräfte, oder einfach eine natürliche Konsequenz davon, dass vielleicht noch nicht die benötigten Sprachkenntnisse erworben wurden? Bei uns hatte eine afghanische Schülerin zunächst Schwierigkeiten mit Deutsch, trotz massiver Förderung. Sie durfte Wiederholen und ist nun deutlich sicherer in der Sprache. Warum ist das ein Nachteil?

Sitzenbleiben kann sich negativ auf die Psyche auswirken. «Es stempelt die Kinder ab, es demotiviert, weil sie das Gefühl haben, sie sind nichts wert. Auch wenn sie sich angestrengt haben, haben sie die Erwartungen nicht erfüllt. Das kann bis zu Depressionen führen»

Das liegt aber weniger an der Maßnahme des Sitzenbleibens, sondern eher daran, wie man es kommuniziert und damit umgeht.

«Kompensatorische Maßnahmen im Laufe des Schuljahres sind effektiver als das Wiederholungsjahr – wenn sie zielgenau adressiert werden.» Leistungsschwache Schülerinnen und Schüler benötigten andere Lernzugänge statt mehr vom Gleichen.

Ist es wirklich eine “entweder / oder”-Frage? Sollten nicht alle Schüler mit Problemen Unterstützung bekommen, damit sie die Chance haben ein Schuljahr zu schaffen? Aber was macht man mit denjenigen, die die verpflichtenden Fördermaßnahmen ignorieren und schwänzen?

Nach den jüngsten Daten für 2023 gab Bayern 11.300 Euro pro Schüler aus. Die zusätzlichen Jahre durch verpflichtendes und freiwilliges Wiederholen summieren sich somit auf rund 490 Millionen Euro…

Das mag richtig sein. Aber was kosten die ganzen Maßnahmen, wenn man stattdessen für die Kinder Förderunterricht einführt, Schulpsychologie und Schulsozialarbeit einschaltet usw. und diese Maßnahmen nicht greifen?

Gerade bei uns wird eigentlich nur freiwillig wiederholt, wenn dadurch ein höherer Abschluss möglich ist. Wenn jemand also – aus welchen Gründen auch immer – ohne Abschluss gegangen wäre und jetzt einen Hauptschulabschluss erlangen kann, oder ein Hauptschüler einen Realschulabschluss erreichen kann.
Ist der höhere Bildungsabschluss und ein möglicherweise besserer Job mit höheren Verdienstmöglichkeiten nicht dann doch die Wiederholung des Jahres wert?

Und zuletzt haben wir auch Schüler, die als Berufswunsch “Hartz IV” angeben.
Wenn man die mit einer Wiederholung auf Spur bringt, sie einen Abschluss bekommen und passende Arbeit finden, sind da die 11.300 Euro nicht gut investiert?

Unfassbar
3 Monate zuvor
Antwortet  Sepp

Vorschlag: Bei jeder Ehrenrunde werden den Eltern die 11300€ in Rechnung gestellt. Mit jeder Note besser als mangelhaft auf beiden Zeugnissen im Wiederholungsjahr reduziert sich der zurückzuzahlende Betrag um den Anteil an der Gesamtzahl Noten (bei 10 Schulfächern pro Halbjahr also um 5% pro ausreichend oder besser).

Schattenfuchs
3 Monate zuvor
Antwortet  Unfassbar

also, weil die Schule versagt hat und nicht in der Lage ist entsprechend zu fördern oder meinetwegen auch die Politik versagt hat, um die entsprechenden Kapazitäten für eine Förderung bereitzustellen, einfach mal auf die Eltern abwälzen? Genial…

GBS-Mensch
3 Monate zuvor

Ein modulares und differenziertes Kurssystem könnte bei der ganzen Problematik Abhilfe schaffen.

Das geht an der Uni ja auch. Wer Stochastik I nicht packt wiederholt Stochastik I und muss nicht sämtliche Veranstaltungen, die man erfolgreich absolviert hat, wiederholen.

UesdW
3 Monate zuvor
Antwortet  GBS-Mensch

Genau, und wer Stochstik I das zweite Mal auch nicht packt, ist dann endgültig raus. O.k. über Härtefall gibt es vielleicht noch die dritte Chance.

GBS-Mensch
3 Monate zuvor
Antwortet  UesdW

Naja nun, das war früher zumindest auch nicht anders. Mehr als ein Mal sitzenbleiben ging auch nicht.

Aber wie viele Wiederholungen, Wiederholungskurse würden Sie denn im Schulalltag so veranschlagen für den Zahlenraum bis 20, geometrische Berechnungen oder was auch immer?

Immerhin streckt sich die Verweildauer in der Schule auf bis zu 13 Jahre. Sollte schon irgendwie möglich sein.
Teilweise wird es mit differenzierten Kursen usw. schon heute an einigen Schulformen gemacht.

Im Text wurde HH erwähnt. Hier gibt es dann Förderkurse parallel zum Unterricht oder am Nachmittag.

uesdW
3 Monate zuvor
Antwortet  GBS-Mensch

Die Verweildauer ist 13.Jahre. Dann ist ja genug Zeit, wobei ich es komisch fände, wenn SuS inder 13. Klasse noch im Zahlenraum bis 20 hängen würden.

Es ging ja auch um den Uni-Vergleich:
Ich kenn auch Studenten, die haben an der Uni schwere Kurse gerne nach hinten geschoben. Bei zweiten Anlauf wurde es dann belastend und wen man in einem höheren Semester ist, dann wird es richtig herftig. In der Regel wurden diese Stundenten auch nicht in der Regelzeit fertig.

GBS-Mensch
3 Monate zuvor
Antwortet  uesdW

“(…)wobei ich es komisch fände, wenn SuS inder 13. Klasse noch im Zahlenraum bis 20 hängen würden.”

Und für wie praxisrelevant halten Sie das jetzt? Das habe ich Sie in ähnlicher Form vorhin schon gefragt und keine Antwort erhalten.

Ich habe den Vergleich zur Uni gezogen, weil die ein mehr oder weniger modulares Kurssystem hat.

Unfassbar
3 Monate zuvor
Antwortet  GBS-Mensch

Problem bei dem Modell sind die zentralen Abschlussprüfungen.

GBS-Mensch
3 Monate zuvor
Antwortet  Unfassbar

Beim jetzigen System schon. Wenn man es neu from scratch denkt nicht.
Man kann zum Beispiel zwischen Wahl- und Pflichtveranstaltungen unterscheiden und wer eine Pflichtveranstaltung wiederholen muss, dem geht eben eine Wahlveranstaltung flöten. Dann ist es zeitlich in der Reihe und hätte auch einen Motivationsfaktor.

Das sind organisatorische Probleme, die sich lösen ließen.

Mr. Smith
3 Monate zuvor
Antwortet  GBS-Mensch

Ein Kurssystem in der Oberstufe wäre generell gut, um auf die Uni vorzubereiten. Aber es gefriert wohl eher die Hölle zu, als dass das Schulsystem moderner werden würde.

Sepp
3 Monate zuvor
Antwortet  GBS-Mensch

Aber an der Uni gab es zumindest so Konstrukte, dass man bspw. von den vier Klauren Mathe I & II und Physiklaische Chemie I & II zumindest drei bestanden haben musste, um das Praktikum in Physikalischer Chemie machen zu können, also faktisch, ein Semester weiter zu kommen. Wer das mit den Nachklausuren nicht geschafft hat, musste im Zweifelsfall ein Jahr warten oder war raus…

Davon abgesehen wird doch immer betont, wie wichtig es für Kinder ist, im Klassenverband zu bleiben.

Schulisch ist das auch schwer zu realisieren sein:
Ein 7. Klässler ist vielleicht Mathe-Überflieger und könnte dort auf 9. Klasse-Niveau arbeiten. Leider ist er in Deutsch schlecht und bräuchte einen Kurs auf 5. Klasse-Niveau.

Konsequenterweise müsste man also sehr viele Kurse auf unterschiedlichem Niveau parallel liegen haben. Aber wenn Sie dann bspw. nur 3 Physik-Lehrer und 4 Chemie-Lehrer an der Schule haben, wird es unglaublich komplex, passende Stundenpläne zu generieren…

Linea
3 Monate zuvor
Antwortet  GBS-Mensch

Vielleicht muss das komplette Schulsystem anders gedacht werden und der ganze Stoff eines Faches in einzelnen Modulen angeboten werden mit Einführung, Übungsangeboten und Abschlussprüfung für das Modul. Die Module müssen systematisch bearbeitet und bestandene Prüfungen als Leistungsnachweise gesammelt werden.
Wer ein Modul nicht geschafft hat, bekommt Unterstützung und weiteres Übungsmaterial bis die Prüfung bestanden werden kann.

Anamor
3 Monate zuvor
Antwortet  GBS-Mensch

Schüler lernen – im Gegensatz zu Studenten – im Klassenverband. Ein modulares Kurssystem würde bedeuten, dass die Kinder in jeder Unterrichtsstunde in einer anderen Lerngruppe sind. Das funktioniert nicht.

GimmePopcorn
3 Monate zuvor

Mein Kind hat wiederholt, zugegeben freiwillig, es wäre aber bei der Versetzung mit ziemlicher Sicherheit pappengeblieben. Deswegen haben wir früher die Reißleine gezogen. Es war eine harte Phase bis die Entscheidung getroffen war, jedoch im Nachhinein war es genau richtig, das Jahr zu wiederholen, denn seitdem läuft es!
Aus der Erfahrung und langjähriger Beobachtung meiner Schülerinnen und Schüler kann ich sagen, dass es beim Wiederholen meist zwei Varianten gibt:
1. Es läuft eine kleine Weile besser und dann steht das Kind oft wieder genauso oder gar schlechter da als vorher. (Im Artikel beschrieben.)
2. Das Wiederholen wird als Chance gesehen und sowohl Eltern als auch Kind gehen positiv daran. Fächer, die auch vorher gut liefen, werden genutzt, um zu glänzen und sich Erfolgserlebnisse zu verschaffen und abzusichern. In Fächern, die zum Wiederholen geführt haben, wird zusätzlich gearbeitet, um Lücken zu schließen und beim zweiten Mal mitzukommen.

Variante zwei wird im Artikel kaum berücksichtigt, was ich schade finde, denn es kann gelingen. Wenn man aber nur die Perspektive hat, dass Lebenszeit drauf geht und zusätzliche Kosten verursacht werden, stellt man meiner Meinung nach die Weichen von vorneherein auf Variante 1.
Kinder sind unterschiedlich und solange sie auf der richtigen Schulform sind, also nicht grundsätzlich überfordert, sollte man ihnen meiner Meinung nach die Zeit gönnen und ihnen vor allen Dingen trotz allem ein positives Selbstbild vermitteln. Zugegeben, das ist nicht immer ganz leicht, auch bei uns war die Anfangszeit nach der Wiederholung schwierig, aber wir haben jeden Erfolg, ob in der Schule oder außerhalb, gemeinsam gefeiert (nicht im Sinne von Party oder materieller Belohnung) und bei nicht ganz so guten Ergebnissen haben wir gemeinsam überlegt, was nötig ist, um es besser hinzukriegen. Kommunikation und vor allem wohlwollende Betreuung, ohne Vorwürfe hat sich bei uns als zentral herausgestellt.

Leider stelle ich häufiger fest, dass sowohl Kinder als auch und insbesondere Eltern meinen, mit der puren Wiederholung einer Klassenstufe sei es getan und es wird nichts im Arbeitsverhalten geändert oder/und in den Wackelfächern zusätzlich getan. Hier müsste man ansetzen, allerdings erfordert dies eben auch von den Eltern eine (eigentlich selbstverständliche) Arbeit, nämlich sich um ihre Kinder zu kümmern.
Ehe jetzt wieder gesagt wird, das können nicht alle Eltern, DOCH!
Sich für den eigenen Nachwuchs zu interessieren und mit ihm, in egal welcher Sprache zu reden, können eigentlich alle Eltern. Mit der Schule in Kontakt bleiben und sich beraten lassen, sollte auch möglich sein, im Zweifelsfall auch mit Übersetzungsapp. Nicht jeder kann sich Nachhilfestunden leisten, aber man kann Mitschüler und Freunde fragen, die Kinder können sich zum Lernen treffen und sich gegenseitig helfen, wenn Zuhause kein Platz ist, kann man sich in den meisten Schulen auch länger aufhalten. An vielen Schulen gibt es Hausaufgabenhilfe oder so was wie eine Lernwerkstatt, das kann genutzt werden.
Wenn das Mindsetting stimmt und das Kind die Chance nutzen WILL und es eben positiv bestärkt und nicht auf sein vermeintliches Versagen reduziert wird, dann ist Variante 2 durchaus möglich.
Das Wiederholen abzuschaffen, ohne eine vernünftige Organisation, was mit Kindern geschieht, die eben in einzelnen Fächern Probleme haben, das Klassenziel zu erreichen, ist meines Erachtens kein guter Weg. Von “Kompensatorische[n] Maßnahmen…” zu schwadronieren ist toll, allerdings ist einfach fraglich, wer diese leisten soll und wie das umgesetzt würde und da wären wir wieder bei der Personalfrage, an dem es doch allerorten mangelt.
Klar ist doch, solange nicht alle an einem Strang ziehen, Kind, Eltern und Schule und auf ALLEN Seiten der dauerhafte Wille da ist, sich zu verbessern, sich zu kümmern und Arbeit reinzustecken, wird eine “kompensatorische Maßnahme…” genauso verpuffen wie der häufig positive Anfangseffekt einer Wiederholung.

Einer
3 Monate zuvor

In der Gesamtschule in NRW ist Sitzenbleiben nur bei der Versetzung zwischen 5./6. und 9./10. Klasse möglich. Zwischen in der 6., 7. und 8. Klasse wird jeder Schüler automatisch und unabhängig von den Noten versetzt.

Wieso sollte ich Hausaufgaben erledigen, für Klassenarbeiten lernen und mich anstrengen, wenn ich doch sowieso versetzt werde? Da geht mir doch so viel Freizeit verloren!

In Klasse 9 wird defakto auch jeder versetzt, weil keinen Schüler schlechte Noten gegeben werden. Und zwar unabhängig von der Leistung. Und den Abschluss in Klasse 10 bekommt auch jeder.
Das ist das Ergebnis von “jeder wird versetzt”. Aber genau dies wollte Düsseldorf ja auch.

447
3 Monate zuvor
Antwortet  Einer

Genau.

Und…ganz ehrlich ?

Wenn Düsseldorf das will, wer ist diese Plastikdrohne, sich da zu “widersetzen”, “querzutreiben” oder (meine Lieblings-Framingformulierung:) “den Kiiiiindaaaaahhn den Abschluss zu verbauen”.

Vier, durchwinken, fertig – die Gesellschaft wollte und will das so, ich liefere, sollen sich doch die Betriebe und im allgemeinen “die Gesellschaft” dann entsprechend freuen und tätig werden – wie gewollt und bestellt – so geliefert.

dickebank
3 Monate zuvor
Antwortet  Einer

Von 5 bis 9 gibt es keine Versetzung, die SuS gehen in den jeweils folgenden jahrgang über. Die Versetzung von 9 nach 10 ist ein formales Kriterium, da durch die Versetzung der erste Schulabschluss (ESA) erreicht wird, und aus diesem Grund die Kriterien der APO-SI sowie die der 10-jährigen Vollzeitschulpflicht erreicht werden müssen. Der dreijährige Besuch der Schuleingangsphase in der Grundschule wird hierbei allerdings nur mit zwei Vollzeitschulbesuchsjahren angerechnet.
Spätestens am Ende der 9 sollte überprüft werden, ob der Förderbedarf L für einige der zieldifferent unterrichteten SuS nicht aufgehoben werden kann, um ihnen am Ende der 10 einen regulären Abschluss zu ernöglichen. Im besten Fall erlangen sie so noch den ESA am Ende der 10. Klasse.

Walter Hasenbrot
3 Monate zuvor
Antwortet  Einer

Wenn jemand tatsächlich nur extrinsisch motivierter ist, folgt ja trotzdem eine Konsequenz. Und zwar wesentlich zeitnahe und deshalb wirkungsvoller als beim Sitzenbleiben.

Schüler, die die erwartenden Leistungen nicht erbringen, müssen an Fördermaßnahmen teilnehmen.

Rüdiger Vehrenkamp
3 Monate zuvor
Antwortet  Walter Hasenbrot

Solche Schüler schwänzen solche angeordneten Fördermaßnahmen gerne. Und was dann?

GBS-Mensch
3 Monate zuvor

“Und was dann?”

Dann ist es (Wenn es sich nach Ergreifen aller Maßnahmen und Beteiligung aller Professionen so darstellt), wie es ist. Weltenrettung und Schüleradoptionen hat hier niemand im Jobprofil.

Einer
3 Monate zuvor
Antwortet  Walter Hasenbrot

An unserer örtlichen Ganztags-Gesamtschule gibt es keinerlei Fördermaßnahmen. Scheint also schulabhängig zu sein

Hysterican
3 Monate zuvor
Antwortet  Einer

Genau so ist es – wird aber – wie bei allen anderen brisanten Themen als “kein Problem” und “kann man doch mal machen” apostrophiert.

laromir
3 Monate zuvor

War Bayern bei IQB nicht weit vorne? Hmmm egal… Alles Zufällig

ed840
3 Monate zuvor
Antwortet  laromir

Fun Fact am Rande: Schüler mit Migrationshintergrund wiederholen in Bayern häufig, in HH nicht. IQB- Mathe 2024 Migranten in sehr deutlich über dem Bundesschnitt, in Hamburg deutlich darunter.

Liegt m.M. aber nicht unbedingt am Sitzenbleibern.

S.B.
3 Monate zuvor

Aber dann bitte auch jedem die Führerscheinprüfung bestehen lassen. Da fallen auch viele durch.

Hysterican
3 Monate zuvor
Antwortet  S.B.

Das habe ich auch bereits gedacht … und wenn dann jemandbei der Theorie durchgefallen sein sollte, dann exakt nur die Fragen im Prüfungsbogen nochmal stellen, die falsch beantwortet worden sind … natürlich nachdem dem Prüfling diese Fragen mitgeteilt worden sind.
Auch in der Praxisprüfung nur die Verkehrssituationen durchfahren lassen, bei denen der Fehler gemacht wurde … wir arbeiten nur noch additiv… bei genug Durchgängen kommen selbst die größten Deppen auf die erforderliche Gesamtzahl.

Pit2020
3 Monate zuvor
Antwortet  Hysterican

@S.B.
@Hysterican

Führerschein?

Ey, chillt mal …
Is’ krass chronisch überschätzt weil brauchste nich’ für “fun & fame”! 😉

https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/16-jaehriger-faehrt-betrunken-mit-auto-der-eltern-gegen-einen-baum,aktuelllueneburg-614.html

Nachrichten wie diese häufen sich auch immer mehr …

Lösungsvorschlag:
“Die Schulen müssen …”
Ihr wisst schon … 🙁

Vandark
3 Monate zuvor
  • Wirkung verpufft bald wieder => Ja, weil faule Schüler auch danach zu wenig lernen.
  • Wiederholen verfestigt Bildungsungerechtigkeit => Klar, sicherlich findet sich dafür eine Studie. Ebenso für das Gegenteil.
  • Negative Folgen für Motivation und Selbstwert => Oder es motiviert, endlich mal den Arsch hochzubekommen.
  • … nur in einigen Fächern Schwierigkeit => Nein, in zu vielen Fächern – wenn es nur einige wären, könnte man es ausgleichen.
Feirefiz
3 Monate zuvor

Ich habe auch eine Klasse wiederholt. Die achte. Lerndiagnose? Ich habe nicht gelernt, war mit meiner Pubertät befasst.
Ergebnis? Ich habe angefangen, etwas zu tun.

unverzagte
3 Monate zuvor
Antwortet  Feirefiz

Hiesige Reformschule schickt Ihre Pubertiere durch Europa. Planung wie Durchführung der Reise obliegt Ihnen weitgehend selbst, d.h. es sind begleitende LuL anwesend.
Geniale Idee, die offenbar auch aufgeht, da unterwegs eine Menge Brauchbares für das Leben gelernt wird.

Birgit
3 Monate zuvor
Antwortet  Feirefiz

Mir passierte dasselbe in Klasse 10, nachdem ich mich jahrelang mit stinkender Faulheit durchgemogelt hatte. Der Schock war heilsam. Im Wiederholungsjahr begann ich, mir mehr Mühe zu geben. Und siehe da, der Erfog trat ein. Bis zum mittelmäßigen Abi war meine Versetzung nie mehr gefährdet.

Unfassbar
3 Monate zuvor
Antwortet  Birgit

Ich hatte mal eine Schülerin in Klasse 8, die die Versetzung nur Dank Nachprüfung bei mir geschafft hat. Das war so wirkungsvoll, dass sie in Klasse 9 zur den Klassenbesten wurde.

TaMu
3 Monate zuvor

Im Artikel ist beschrieben, dass es mehr freiwillige als unfreiwillige Wiederholungen gibt.
Das ist eine klare Meinungsäußerung durch Schüler- und Elternschaft für die Beibehaltung dieser Möglichkeit.

Eddi
3 Monate zuvor

Also erfahrungsgemäß leiden Jugendliche psychisch viel mehr darunter, wenn sie immer wieder das Gefühl haben, schlecht zu sein und nichts zu können. Schüler die wiederholen fühlen sich oft deutlich besser in der neuen Klasse (nach einer kurzen Eingewöhnung).
Ich behaupte also, dass es für die Psyche des Kindes viel besser ist, wenn es sitzen bleiben kann, als wenn es nicht sitzenbleiben kann (zumindest solange es Noten und Bewertungen gibt).
Immer wieder gibt es hier Artikel, dass die psychischen Probleme von Kindern in den letzten Jahren extrem zugenommen haben, gerne wird hierfür Corona als Universalgrund genannt, weil es natürlich auch sehr einfach ist, äußeren Umstände, die man nachträglich nicht mehr verändern kann, die Schuld für alles zu geben. Vll. liegt es aber auch einfach dem unfassbaren Druck, den Kinder und Jugendliche heute bekommen. Etliche Kinder werden mittlerweile durch die Bank weg an falschen Schulformen angemeldet und machen jahrelang nur schlechte Erfahrungen.

Hysterican
3 Monate zuvor
Antwortet  Eddi

Touche’!!

Rüdiger Vehrenkamp
3 Monate zuvor
Antwortet  Eddi

Dieses Problem soll doch durch „eine Schule für alle“ gelöst werden. Kein Sitzenbleiben mehr, keine Noten mehr, keine Hausaufgaben mehr, keine verschiedenen Schularten mehr… Es kann nur ganz toll super werden.

Hysterican
3 Monate zuvor

Jaaahaa, und wir ganz vorne und mittendrin dabei … Ich freue mich mindestens so sehr wie Rüdiger … und schließe mich seiner Einschätzung uneingeschränkt an. 😉

mama51
3 Monate zuvor

“Die Dummheit emanzipiert sich!”

Mehr fällt mir dazu einfach nicht mehr ein! (Heul! Seufz!)

Hysterican
3 Monate zuvor

“Sitzenbleiben kostet den Steuerzahler viel Geld:”

… so – und damit haben wir das entscheidende Argument für die Abschaffung des Sitzenbleibens.

Machen wir uns doch nichts vor.
Alle anderen Argumente für oder gegen das Sitzenbleiben spielen letztlich keine Rolle … entscheidend ist die Kohle und die Einsparung derselben.
Hat sich irgendjemand mal ganz ehrlich die Frage gestellt, was mit den SuS passieren soll, die bereits recht früh – z.B. mit der Einführung der zweiten Fremdsprache (hier in NRW in Klasse 7) – maßgebliche Defizite gerade in den Hauptfächer aufweisen – denn – auch das gehört zur Wahrheit – die Nebenfächer sind i.d.R. nicht das versetzungsrelevante Problem – und den LuL bleibt nichts anderes übrig, als die SuS in das folgende Schuljahr mitzunehmen?
Jaaa, ich weiß … es soll eine gezielte Förderung in den Bereichen stattfinden, die Defizite sind, um eine Anschlussfähigkeit an den stetig weiterlaufenden Unterrichtsstoff zu gewährleisten ABER dazu bedarf es auch der Arbeits- und Lernbereitschaft der betroffenen SuS.
Ist die nicht ausreichend gegeben – was zu häufig der Fall ist, denn daraus ergeben sich ja nun mal in sehr vielen Fällen die Defizite – dann gehen die einfach (zunächst) konsequenzlos mit ins nächste Schuljahr und besonderen diese Defizite, da diese immer größer werden.
Eine andere Schulform (ggf “Abschulung”) findet in NRW z.B. so gut wie nie statt, da die anderen Schulformen Gesamtschule, Realschüler, Gemeinschaftsschule und die quasi nicht mehr vorhandenen Hauptschulen sich mit Beginn in Klasse 5 ebenfalls randvoll machenn und damit I d.R. gar keine Kapazitäten haben, um z B. SuS vom Gymnasium aufzunehmen.
Die Schulpflicht sorgt dann dafür, dass diese SuS an der Schulform verbleiben und weiterhin vor sich hinsumpfen. Warm und trocken ist da die Devise … bleibt dann langfristig der Schulabschluss auf der Strecke heißt es wieder, dass die Schulen / LuL wieder mal nicht hinlänglich gearbeitet und somit versagt haben.

447
3 Monate zuvor
Antwortet  Hysterican

Das ja – nur gibt es einen beachtlichen, kollektiven psychologischen Effekt:

Sobald ein Mensch die Schule einmal verlassen hat, interessiert es weder Angehörige noch Politiker noch diese Menschen selbst, was da wirklich los war.
Also, so stark, dass wirklich “gehandelt” werden würde.

Insofern dreht die Welt sich dann (psychologisch gesprochen) einfach weiter.

Wenn man jetzt noch auch dem letzten Bildungsversager irgendein Abschlusspapier in die Hand drückt – emotional-sozial ist das Problem dann erstmal die nächsten Jahrzehnte “gelöst”.

Chris
3 Monate zuvor

In Berlin gibt es kein Sitzenbleiben mehr. Das war die schlimmste Entscheidung aller Zeiten. Es gibt gar keinen Druck mehr. Die Schüler machen was sie wollen ohne Konsequenzen. Lächerlich!!!!! Wenn Bayern das durchzieht, dann gute Nacht und dann viel Spaß mit dem zunehmenden Vandalismus bildungsferner Idioten.

Sitzenbleiber
3 Monate zuvor

Ich bin selbst zweimal sitzengeblieben und kann aus Erfahrung sagen, es ist eine brutale psychische Herausforderung und bringt nichts in Sachen Motivation oder Lernbereitschaft. Eher das Gegenteil.
Heute bin ich, obwohl alle Lehrer immer der Meinung waren, ich würde mein Abitur nicht schaffen, B3 Beamter in der Schulaufsicht und sage: Sitzenbleiben abschaffen!

Administrator
3 Monate zuvor
Antwortet  Sitzenbleiber

Mein Ironiedetektor kommt zu keinem eindeutigen Ergebnis.

447
3 Monate zuvor
Antwortet  Sitzenbleiber

Wundert mich nicht, dass dies Ihre Position ist und Sie in die Schulaufsicht gegangen sind.

Kommentator
3 Monate zuvor

Sitzenbleiben abschaffen… Zentrale Abschlussprüfungen einführen, die von Lehrkräften anderer Schulen korrigiert werden.
So werden die Kids und Eltern mal “wacher”.

Sepp
3 Monate zuvor
Antwortet  Kommentator

Noch besser, wenn man es wie in Japan macht:

Abschlussprüfungen pro forma beibehalten, aber Eingangsklausuren bei der nächsthöheren Schulform und für Hochschulen. Wer die nicht besteht, wird eben nicht aufgenommen!

Dann können sich die Schulen und Hochschulen überlegen, auf welchem Niveau ihre Kandidaten sein sollte, um angenommen zu werden. Und wir sind als Lehrkräfte eben nicht die Bösen, sondern unterstützen die Schüler dabei, an ihrer Lieblings(hoch)schule aufgenommen zu werden.

Mr. Smith
3 Monate zuvor

Wenn man die Prüfungsanforderungen von vor 10 Jahren anschaut und heute, dann sind sie stark gesunken. Das hat aber auch nicht gereicht, also wurden in vielen Fächern auch noch die Notenschlüssel angepasst.

Nun ist das Sitzenbleiben wohl auch noch dran.

Es scheint, dass alles abgeschafft wird, was Schüler dazu bringen würde, sich mal zu strecken.

Man darf nicht nur fördern, sondern auch fordern. Letzteres wird aber völlig vernachlässigt.

KlFl
3 Monate zuvor

Die Frage zu dem Argument der Kosten dabei ist doch aber: “Wie viel der Kosten hängt den wirklich an der Person?”

Für 2022 habe ich zumindest ein paar Daten gefunden.
Dabei gehen 76% auf Personalkosten zurück. Nun stellt sich die Frage wie groß die Änderung der Personalkosten wäre, wenn 2,2% nicht sitzen bleiben würden? … Ich schätze das in Anbetracht der Unterrichtsversorgung von teilweise nur 60% eher mit NULL ein.
14% der Kosten gehen auf laufende Sachaufwendungen. Auch hier sehe ich den finanziellen Impact eher gegen Null tendieren, da es sich um laufende Kosten handelt.
9% sind Investitionskosten. Auch hier scheint für den Laien keine Beeinflussung durch Sitzenbleiben zu erwarten, da Investitionen von langer Hand geplant werden müssen in Deutschland.
Verbleiben noch 1%. Ich persönlich kann mir jetzt nicht vorstellen, dass es sich hierbei um mehr als Rundungsfehler handelt, aber gehen wir davon aus, dass diese Kosten zu 100% bei den Schülern liegen. Selbst wenn wir von einer vollen Kostenreduzierung reden würden, dann wären es 0,022% von 10000€ (Bayern ist teuer und nicht der Durchschnitt). Ich weiß, ich bin als Mathelehrer kein Finanzgenie, aber €2,20 pro Schüler für die Sitzenbleiber einzusparen ist vermutlich keine Rechtfertigung dies als Diskussionsgrundlage anzuführen.

Ich bin mir dessen bewusst, dass dies eine vereinfachte und überspitzte Darstellung eines deutlich komplexeren Themas ist, aber ich denke meinen Standpunkt kann ich trotzdem klar machen.

Ich freue mich über Korrekturen des Inhalts. Meine Recherche war situationsbedingt recht oberflächlich.

Liebe Grüße
KlFl

P.S. Wer Schreibfehler findet kann diese auf Urlaub/Handy schieben oder einfach einrahmen und behalten.

Sepp
3 Monate zuvor
Antwortet  KlFl

Vor allem kostet es ja faktisch nichts, einen Stuhl hinzuzustellen, das geht doch sonst auch.

Und die große Frage ist auch, ob es gesellschaftlich nicht viel teuer ist, wenn jemand keinen Abschluss bekommt, keine Arbeit findet und vielleicht viele Jahre alimentiert wird.

ed840
3 Monate zuvor
Antwortet  Sepp

So kann ma das schon sehen.

Beim Thema Bildungsgerechtigkeit geht es allerdings i.d.R. nicht darum wie hoch die Quote junger Menschen ist, die ohne Schulabschluss und Berufsausbildung bleiben, sondern wie wie hoch die Quote ist, die nach der GS auf ein Gymnasium wechselt.

Sepp
3 Monate zuvor
Antwortet  ed840

Wenn die aktuellen Zahlen sagen, dass 62.000 Schüler ohne Abschluss von der Schule gehen, sollte das uns aber schon interessieren.

Und wenn wir das zumindest teilweise verhindern können, indem die Kinder sitzen bleiben bzw. wiederholen und eben nicht abgehängt werden, dann ist das schon eine sinnvolle Maßnahme…

dickebank
3 Monate zuvor
Antwortet  Sepp

Der Unterschied zwischen “Sitzenbleiben” und “Rückstufung” bzw. freiwilliger Wiederholung ist bekannt?

Das, was beim Sitzenbleiben zu kritisieren ist, ist der Automatismus. Da ich mein Lehrerleben lang an Gesamtschulen unterrichtet habe, kann ich sagen, dass das Nicht-Versetzen nicht das eigentliche Problem dargestellt hat, das zu einem Ausbleiben des ESA geführt hat.
Die Zahl der “Zählschüler” hat in den letzten Jahren zugenommen, also SuS, die offiziell der Schule zugerechnet worden sind, die aber durch Schulstationen von Kliniken oder anderen Landeseinrichtungen unterrichtet werden. Die Justizverwaltungen weisen immer wieder auf die Zahlen von erfolgreich vergebenen Schulabschlüssen hin.

ed840
3 Monate zuvor
Antwortet  Sepp

Eben.

Es werden aber üblicherweise Bundesländer als besonders “gerecht” eingestuft, in denen die Quoten der Schüler*innen ohne ESA einer allgemeinbildenden Schule überdurchschnittlich hoch sind und auch relativ wenige danach noch einen ESA im beruflichen Schulwesen erwerben.

Dafür gelten dann Bundesländer mit besondes niedrigen Quoten ohne ESA an allgemeinbildenden Schulen und besonders hohen Erfolgsquoten an beruflichen Schulen als ungerecht, weil dort unterdurchschnittlich viele Schüler*innen nach der GS auf ein Gymnasium wechseln.

Alese20
3 Monate zuvor

Ich finde es sehr schwierig, wenn man an einem bestehenden System immer nur einzelne Punkte herausnehmen will wie Hausaufgaben oder Sitzen-bleiben. Ich glaube zwar auch, dass es ohne das ginge, aber nicht in unserem bestehenden System des Selektierens und gleichschrittigen Lernens. Dort geht es – glaube ich – nicht ohne diese Werkzeuge.

Nur bei völliger Abkehr des Gleichschritts, also der vollständigen Individualisierung durch individualisierte Arbeitspläne würde eine Abschaffung Sinn machen. Das wiederum würde eine Abkehr weg vom Unterricht hin zum gecoachten Lernen bedeuten (also selbstorganisiertem Lernen, aber stark beeinflusst durch Lernbegleitung, um zu gewährleisten, dass der Lehrplan geschafft wird). Nur so ließen sich Hausaufgaben, Sitzen bleiben und sogar Noten (dafür Gelingensnachweise) abschaffen.

Wenn man bei klassischem Unterricht das Sitzen bleiben rausnimmt, wird sich die Schere innerhalb der Klasse immer weiter auseinanderziehen. Dann gibt es nur noch Verlierer. Die SuS, die schnell lernen, müssen noch mehr warten und nutzen nicht ihr Potenzial (Fazit: Frust durch Langeweile und Unterforderung). Die langsam Lernenden oder faulen Kids kommen nicht hinterher (Fazit: Frust durch Überforderung). Das passiert schon tagtäglich alleine durch den Gleichschritt; jetzt noch das Sitzen bleiben abschaffen, verschärft alles nur noch.

Sepp
3 Monate zuvor
Antwortet  Alese20

Es hört sich doch grundsätzlich sinnvoll an, die Kinder selbstverantwortlich und eigenständig arbeiten zu lassen. Auch die Vorstellung, jeder könnte in seinem Tempo lernen und dann eine Prüfung machen, wann er will, erscheint sympathisch. Das sind aber nur theoretische Betrachtungen.

In der Realität sind nicht immer alle Kinder (oder Erwachsenen) total motiviert und eigenverantwortlich. Wenn ich eine Fortbildung oder ein Weiterbildungsstudium mache, nehme ich bestimmt viele Ideen und Ansätze mit. Wenn ich aber weiß, dass ich eine Prüfung haben werde, befasse ich mich deutlich tiefergehend damit.
Ansonsten geht Vieles eben im Alltagsstress dann auch wieder verloren, auch wenn es an sich sinnvoll gewesen wäre…

Ein Schüler kann vielleicht nicht absehen, wofür bzw. dass er bestimmte Inhalte später braucht. Selbst wenn er diese Erkenntnis hat, bringt das nicht unbedingt die Motivation, freie Zeit dafür zu investrieren. Oder die Dauerbefeuerung durch digitale Medien hält ihn davon ab.

Ich habe mal im Naturwissenschaftsunterricht versucht, mit Lernplänen zu arbeiten:
Die ganze Klasse in einem Fachraum. Eigentich müsste ich neben Schüler X sitzen, weil der sich gar nicht organisiert bekommt. Schülerin Y hat mal schnell eine Frage zum Text. Schüler Z ist längst fertig und will jetzt ganz dringend das Zusatzexperiment machen, braucht dazu Strom und Wasser am Tisch, seine Tischnachbarn sind davon nicht so begeistert, sie wollen ungestört im Buch arbeiten. Nebenbei kommen die nächsten Schüler an und wollen unbedingt das Experiment mit Feuer machen, dass extra nur vorne am Lehrertisch und unter Aufsicht gemacht werden darf…
Alleine ist das nicht leistbar! Und da sind die Förderschüler mit besonderen Bedarfen noch gar nicht mit einbezogen.

Und jetzt kommt die Idee, dass jeder in seinem Tempo arbeiten und eine vergleichbare, wenn auch individuelle Prüfungsleistung erbringen soll. Wir können nicht 20 vergleichbare, aber unterschiedliche Klassenarbeiten erstellen. Davon abgesehen, wer soll eine Prüfungsleistung “abnehmen”, während der Rest der Schüler weiter betreut werden soll und ganz individuell den eigenen Bedürfnissen nachgeht?

Alese20
3 Monate zuvor
Antwortet  Sepp

Das geht nur bei völliger Umstellung und Umstrukturierung in der gesamte Schule. Schauen Sie z.B. mal die Alemannenschule Wutöschingen an. Die haben die Inhalte der Lehrpläne in Materialien zum selbstorganisierten Lernen umgewandelt und digitalisiert. Es gibt aber auch noch analoge Angebote. Alles bis Gelingensnachweis ist vorher schon fertig. Und es wird permanent daran weitergearbeitet. Alle Kinder haben einen digitalen Account und daran kann der Lernbegleiter erkennen, was die SuS gemacht haben. 1xWoche gibt es ein Coachinggespräch.

Es gibt unterschiedliche Lernbereiche in der Schule. Überall sind LK, die ansprechbar sind. Da gibt es LUL-Teams (4er) und keine Einzelkämpfer.

Google Sie die Schule mal – hochinteressant.

Dr. Nikolaus Mantel
3 Monate zuvor

Sitzenbleiben ist tatsächlich in einigen Fällen nicht hilfreich und teuer. Andererseits gewinnen Wiederholer oft Zeit für ihre Entwicklung und machen eine wichtige persönliche Erfahrung. Die vorgeschlagenen Alternativen kommen von Leuten, die die Realität in den Schulen nicht aus eigener Erfahrung kennen, bzw. sie sind mangels Manpower nicht richtig umsetzbar und kosten noch mehr Geld.

Bjoern
3 Monate zuvor

Das die notwendige Förderung zum Ausgleich von Defiziten nicht kommen wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Der steigende finanzielle Druck auf die Länder wird täglich mehr, die Wahrscheinlichkeit von Zusatzgeldern sinkt also.

Den angehängten Satz zu Skandinavien hätte man sich also klemmen können, denn da gibt es andere Förderung (und man bekämpft technische Unterstützung auch nicht so vehement wie in Deutschland).

Nachdem das Land Berlin nun schon seit Jahren das Sitzenbleiben faktisch abgeschafft hat, kann man ja den Bildungserfolg dieser Maßnahme in der Fläche anhand diverser Studien betrachten. Es spricht nicht viel für die Abschaffung wenn Leistung und/oder gute Ergebnisse das Ziel sind… Außer vielleicht der Aspekt des Landeshaushalts, denn man spart schon ein paar Stellen, für die man eh kein (ausgebildetes) Personal hat.

Aus persönlicher Erfahrung sind die Fälle des fachlich begrenzten Leistungsdefizits die absolute Ausnahme. Die Regel sind Defizite über alle Fächer hinweg. Und die Personen, über die man schon in Klasse 7 spricht, sind auch die, über die man in Klasse 8, 9 und 10 spricht in den Klassenkonferenzen und in den Konferenzen zur/zum BBR (9.-Klasse-Abschluss), mit sehr seltenen Ausnahmen. Und das auch wenn man individuelle Hilfe anbietet – die gerade von den Personen mit erhöhtem Bedarf selten genutzt wird.

Dafür gibt es aber einen Freifahrtschein über fast die gesamte Sekundarstufe 1 nichts leisten zu müssen, was in der Regel ja mindestens zum selben Aufwand für Lehrkräfte führt, meist sogar zu Mehraufwand.

Tabasco
3 Monate zuvor

Oh, Mann – aber dann doch bitte konsequent: Um Spätstartern ihre Laufbahn nicht zu verhageln, keine Empfehlungen zum Ende der Grundschulzeit, alle ab aufs Gymnasium, niemand bleibt mehr sitzen und dann …können wir in zehn Jahren anfangen komplett einzupacken. Ich fasse es nicht!

Die Stimme
3 Monate zuvor

Man kann Bayern nur beglückwünschen zu diesen ziemlich klar gestalteten Regeln mit viel Flexibilität für individuelle Bedingungen.
In meiner beruflichen Paxis begegnen mir die Konsequenzen der jahrelangen “Weichspülerei” gewisser Kreise, die zur Auflösung von Leistung und Anstrengungsbereitschaft geführt haben.
In 6. Klassen sitzen – neben den Inklusionskindern, Geflüchteten aus nah und fern, ADHS- und FASD-Kindern (allesamt mit Problemen und teils unfassbaren Hintergrundbedingungen) auch völlig fehlerzogene, verwöhnte, vor jeder größeren eigenen Anstrengung bewahrte Prinzen und Prinzesschen mit den entsprechend fordernd auftretenden Eltern.
Wortreich und mit Vorwürfen an die Grundschulzeit wird beklagt, dass klein J.-M. oder auch P. usw.usf. durch Corona und all die schlimmen Defizite der Welt außerhalb des Elternhauses einfach das Rechnen, Schreiben und Lesen gar nicht lernen konnte…
Dank der Sonderregelung während Corona und der weichgespülten Schulgesetze in Thüringen wurde jedes brave Kind versetzt. In Klasse 5 gab es bis zum aktuellen Schuljahr keine Nichtversetzung. Das zerstört ja nach landläufiger Auffassung die kleine arme Kinderseele und verursacht gesellschaftliche Mehrkosten.
Kein Wort von “hab keen Bock,eh…” über Monate von 10-Jährigen oder O-Ton von P.: “Wieso sollte ich das tun?” – als Antwort auf eine nochmalige Aufforderung, doch mit einer kleinen Fleißarbeit die nicht ausreichende Leistungsbilanz mit viel pädagogischem Wohlwollen im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung aufzuhübschen… – Alle wurden versetzt- auch die, die nicht im Ansatz die Anforderungen erfüllen konnten bzw. wollten.
Jetzt schmiert z.B. J.-M. Unlesbares auf die Blätter der Klasse 6 und betont bei Gelegenheit, er könne nicht schreiben und habe auch keine Lust dazu. Die sog. Erziehungsberechtigten zucken mit den Achseln und haben ganz viel mit sich zu tun. Der P. fehlt immer, wenn Tests geschrieben werden – mit freundlicher Unterstützung seiner hilflosen Mammmiiii… Bei Nachschreibeterminen erwischt es ihn überraschend wieder.
Sicher, es ist die prekäre Unterschicht.
Ob die Abschaffung des bösen “Sitzenbleibens” wirklich etwas zum Guten ändert, wage ich sehr stark zu bezweifeln.
Aber die Grünen beruhigt es sicher. Die haben ihre begeisternden Fähigkeiten und Pläne in den letzten Jahren ja eindrucksvoll unter Beweis stellen können.
In Thüringen wollten sie im Wahlkampf ohnehin die Noten und Hausaufgaben ganz abschaffen. Die Schule löst trotz chronischer Unterbesetzung und zT miserabler Bedingungen alle gesellschaftlichen Defizite schon irgendwie. Ist doch gelebte Praxis seit Jahren…
Schaut auf die Statistiken der jungen Leute ohne Abschluss, ohne Ausbildung, Studienabschluss, ohne ausreichendes Arbeitsethos und Lebensplan. Es ist nur ein Anteil von 10?, vielleicht auch 15 oder 20 Prozent ( je nach Region). Ob das eine etwas mit dem anderen zu tun hat?
Ich bin zu alt. Alter weißer Cis….eben.

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