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Praktika, Projekte, Partnerschaften: So soll gute Berufsorientierung funktionieren

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DÜSSELDORF. Was kommt nach der Schule? Diese Frage treibt junge Menschen spätestens mit dem näher rückenden Schulabschluss um. Im Rahmen der Berufsorientierung ist es Aufgabe der Schulen, den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt frühzeitig zu unterstützen – und dadurch die Entscheidung zu erleichtern. Die jeweiligen Schulkonzepte, dieses Ziel zu erreichen, sind so unterschiedlich wie die Schulen selbst. Das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg hat einige Good-Practice-Beispiele gesammelt und in einem Impulspapier veröffentlicht. Es soll Lehrkräften schulübergreifend Anregungen bieten, wie gute Berufsorientierung gelingen kann.

Die Fülle möglicher Berufe zu überblicken, ist für Schülerinnen und Schüler nicht leicht für Lehrkräfte aber auch nicht. Illustration: Shutterstock

Die Auswahl ist riesig: Junge Menschen in Deutschland können sich für ihre berufliche Zukunft zwischen rund 330 anerkannten Ausbildungsberufen und über 22.500 Studiengängen entscheiden. Keine leichte Aufgabe – auch nicht für die Schulen, die sie in ihrer beruflichen Orientierung stärken sollen.

Das Gymnasium Münsingen setzt deshalb auf eine langfristige und verbindliche Unterstützung im Schulalltag. Sie hat die Berufsorientierung (BO) „in jeder Klassenstufe fest verankert“. Lehrkraft und BO-Beauftragte Dorothee Hermann beschreibt den Ansatz so: „Wir organisieren für jede Klassenstufe ein passendes Angebot, damit die Schülerinnen und Schüler ihre Stärken entdecken, fördern und reflektieren können. So wird die Berufliche Orientierung zu einem Prozess, den wir eng begleiten.“

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Stärken entdecken, Praxiserfahrungen sammeln – ab Klasse 5

Bereits in den Klassenstufen 5 und 6 setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit ihren Interessen und Stärken auseinander. Erste Praxiserfahrungen sammeln sie in den Klassenstufen 7 und 8, etwa durch die Teilnahme am Girls’- und Boys’Day, ein Praktikum in einem sozialen Beruf, den Besuch einer Berufs- und Ausbildungsmesse sowie praktische Einblicke in Berufe durch beispielsweise Betriebserkundungen. In den Klassen 9 und 10 rücken konkrete Schritte in Richtung Arbeitswelt in den Vordergrund: Bewerbungstrainings, das Erstellen von Bewerbungsmappen und ein fünftägiges Praktikum gehören hier zum festen Programm.

In der Oberstufe wird die Berufsorientierung weiter intensiviert, unter anderem durch Assessment-Center-Trainings mit Kooperationspartnern und den Besuch von Hochschulen im Rahmen des Studieninformationstages.

„Am wichtigsten sind enger Kontakt und Präsenz“

Während am Gymnasium Münsingen die langfristige Verankerung von Berufsorientierung im Unterricht im Mittelpunkt steht, fokussiert die Eichwald-Realschule Sachsenheim einen anderen Schwerpunkt: die enge und dauerhaft angelegte Zusammenarbeit zwischen Schule und Berufsberatung. Dort ist Berufsorientierung ausdrücklich als gemeinsame Aufgabe von Lehrkräften und Agentur für Arbeit organisiert.

Kern des Konzepts ist ein sogenanntes BO-Tandem. Eine Berufsberaterin der Agentur für Arbeit Ludwigsburg ist regelmäßig an der Schule präsent und fest in die schulischen Abläufe eingebunden. Beratungsgespräche finden nicht extern, sondern in einem eigenen Beratungsraum an der Schule statt. Die Schülerinnen und Schülern können sich Termine digital buchen. Die Berufsberaterin stimmt sich zudem eng mit den Lehrkräften ab, nimmt beispielsweise an Gesamtlehrerkonferenzen teil und unterstützt schulische Veranstaltungen wie Karrieremessen.

Berufsberaterin Tanja Wilhelm beschreibt ihre Rolle so: „Am wichtigsten sind enger Kontakt und Präsenz – ich fühle mich als Teil der Schule und nicht wie ein Gast. Alle kennen mich. Wenn ich durch die Schule laufe, kann ich alle offen ansprechen und fühle mich dabei wohl und wertgeschätzt.“ Durch diese kontinuierliche Präsenz entstehe ein Vertrauensverhältnis, das es ermögliche, Schülerinnen und Schüler „engmaschig und nachhaltig“ zu begleiten, heißt es im Impulspapier.

Kooperationen zwischen Schulen und Betrieben

Viele der gesammelten Good-Practice-Beispiele legen nahe, dass Berufsorientierung besonders wirksam ist, wenn Schulen mit außerschulischen Partnern kooperieren. Bildungspartnerschaften mit Unternehmen eröffnen etwa praxisnahe Einblicke in die Arbeitswelt. An der Erich-Bracher-Schule in Kornwestheim arbeitet das Berufskolleg Wirtschaftsinformatik mit der Wüstenrot & Württembergische AG zusammen. Vertreterinnen und Vertreter des Unternehmens besuchen den Unterricht, geben Einblicke in Berufsfelder und unterstützen die Klassen durch Bewerbungstrainings. Ziel sei es, „die Vielfalt der Möglichkeiten aufzuzeigen“ und so die Entscheidungsfindung der Jugendlichen zu stärken.

Wie konkret solche Kooperationen aussehen können, zeigt auch die Otto-Rommel-Realschule in Holzgerlingen. Im Projekt „Smart Home“ arbeiten die Schüler*innen eine Woche lang im Betrieb Elektro Breitling GmbH. Ihre Aufgabe: mit ihrem Wissen aus dem Elektrotechnik-Unterricht Schaltungen für ein „Smart Home“ zu erstellen und zu programmieren. „Echte, praktische Erfahrungen aus erster Hand und vertiefte Einblicke in ein Arbeitsfeld und die Arbeitswelt sind unersetzlich“, zeigt sich der stellvertretende Schulleiter Jörg Fuchs überzeugt.

Gleichzeitig spielt die Zusammenarbeit mit den Schulen für die Betriebe ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Beispiele zeigen: Die Möglichkeiten für Unternehmen sich in die Berufsorientierung einzubringen, sind vielfältig. Ob nun über eine Betriebserkundung, über Praktikumsangebote oder Projektwochen, die Firmen erhalten die Chance, auf ihre Berufsfelder Aufmerksam zu machen und sie realistisch vorzustellen. Gleichzeitig finden sie sich in der Position, frühzeitig Kontakte zu potenziellen Nachwuchskräften aufzubauen – während Schülerinnen und Schüler authentische Einblicke in Arbeitsabläufe, Anforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten gewinnen.

Berufsorientierung im Fachunterricht

Berufsorientierung muss allerdings nicht immer außerunterrichtlich stattfinden, sie funktioniert auch fachintegrativ. Dabei steht nicht die Information über Berufe im Vordergrund, sondern die Verbindung von Unterrichtsinhalten mit realen beruflichen Anforderungen und Arbeitsweisen.

Am Werkgymnasium Heidenheim ist Berufsorientierung etwa fester Bestandteil des Kunstunterrichts. Schülerinnen und Schüler erstellen dort ein sogenanntes Lookbook, wie es in der Textil- und Modebranche genutzt wird, um Outfits zu präsentieren. Begleitet wird das Projekt von einer ehemaligen Schülerin der Schule, die heute als Modedesignerin arbeitet. Sie bringt Aufgaben aus der beruflichen Praxis ein, gibt fachliches Feedback und erläutert ihren eigenen Werdegang. „Authentizität ist alles in der BO“, so Frank Keller, Abteilungsleiter am Werkgymnasium Heidenheim. „Jemand, der als Alumni in der BO agiert und dazu noch fachpraktisch in den Unterricht kommt, überzeugt, informiert und motiviert mehr als alles andere.“

Ob enge Zusammenarbeit mit der Berufsberatung, praxisnahe Projekte mit Betrieben und Ehemaligen: Die Good-Practice-Beispiele zeigen unterschiedliche Wege, wie Schulen Berufsorientierung gestalten. Gemeinsam ist ihnen der Anspruch, Jugendlichen realistische Einblicke zu ermöglichen und sie Schritt für Schritt bei ihrer beruflichen Orientierung zu begleiten. News4teachers

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Berufsorientierung und Berufliche Bildung”. 

Was Schulabgänger mitbringen müssen: Wann ist ein Jugendlicher “ausbildungsreif”?

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