PASSAU. Schulsozialarbeit wirkt – nicht nur pädagogisch, sondern auch kriminalpräventiv. Eine neue Studie der Universität Passau weist erstmals quantitativ nach, dass zusätzliche sozialpädagogische Fachkräfte an Schulen Jugendkriminalität deutlich reduzieren und zugleich Bildungserfolge verbessern.
Schulsozialarbeit kann Jugendkriminalität spürbar senken und gleichzeitig die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen verbessern. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue ökonomische Studie der Universität Passau. Die Untersuchung zeigt, dass präventive sozialpädagogische Arbeit an Schulen nicht nur unterstützend wirkt, sondern messbare gesellschaftliche Effekte entfaltet – von weniger Gewalt über frühere Hilfe bei sexualisierter Gewalt bis hin zu geringeren Klassenwiederholungen.
Im Mittelpunkt der Analyse steht die Wirkung zusätzlicher Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter. Bezogen auf eine Schule mit 1.000 Schülerinnen und Schülern berechnet die Studie, dass eine zusätzliche Fachkraft die Jugendkriminalität im Durchschnitt um 17 Prozent pro Jahr senkt. Dieser Effekt zeigt sich unabhängig vom Geschlecht oder vom Migrationshintergrund der Jugendlichen und fällt in sozial benachteiligten Regionen besonders stark aus.
Noch deutlicher sind die Effekte bei schweren Gewaltdelikten. Hier sinkt die Zahl der Taten um rund 25 Prozent. Der Rückgang betrifft nicht nur Gewalt im öffentlichen Raum, sondern auch Fälle innerhalb von Familien. Gleichzeitig steigt die Zahl der gemeldeten Fälle sexualisierter Gewalt um rund 24 Prozent. Die Studie interpretiert diesen Anstieg nicht als Zunahme der Taten, sondern als Hinweis darauf, dass Betroffene durch die Präsenz von Vertrauenspersonen an Schulen eher Hilfe suchen und Übergriffe früher offengelegt werden.
Neben den kriminalpräventiven Effekten weist die Untersuchung auch positive Bildungseffekte nach. Eine zusätzliche Fachkraft reduziert die Wahrscheinlichkeit von Klassenwiederholungen um etwa zehn Prozent. Schulsozialarbeit wirkt damit nicht nur kurzfristig stabilisierend, sondern beeinflusst auch Bildungsbiografien messbar.
Die Autorin der Studie, Katharina Drescher, ist Ökonomin am Lehrstuhl für Public Economics der Universität Passau. Sie beschreibt Schulsozialarbeit als professionelle sozialpädagogische Tätigkeit, die weit über akute Krisenintervention hinausgeht. Fachkräfte fungieren als Vertrauenspersonen, stärken soziale Kompetenzen, leisten Präventionsarbeit und wirken Bildungsbenachteiligung entgegen.
„Schulsozialarbeit verbessert nachweislich die Zukunftschancen junger Menschen – und entlastet dabei Gesellschaft und öffentliche Haushalte“
Ein weiterer zentraler Befund der Studie betrifft die wirtschaftliche Dimension. Drescher führt eine Kosten-Nutzen-Analyse durch und kommt zu dem Ergebnis, dass sich Schulsozialarbeit auch aus fiskalischer Perspektive rechnet. Eine zusätzliche Fachkraft pro 1.000 Schülerinnen und Schüler verursacht jährliche Kosten von rund 50.000 Euro. Demgegenüber steht ein gesellschaftlicher Nutzen von etwa 110.000 Euro pro Jahr, vor allem durch vermiedene Kriminalität und bessere Bildungsergebnisse. Langfristige Effekte wie höhere Erwerbseinkommen oder geringere Straffälligkeit im Erwachsenenalter sind dabei noch nicht berücksichtigt. „Schulsozialarbeit ist mehr als nur Krisenintervention“, erklärt Drescher. „Sie verbessert nachweislich die Zukunftschancen junger Menschen – und entlastet dabei Gesellschaft und öffentliche Haushalte.“
Empirisch stützt sich die Studie auf Daten aus Baden-Württemberg. Dort war die Schulsozialarbeit nach dem Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009 deutlich ausgebaut worden. Die Landesregierung erhöhte die Zahl der Fachkräfte an Schulen innerhalb kurzer Zeit um mehr als das Doppelte, insbesondere auch an Realschulen und Gymnasien.
Drescher nutzt diese Entwicklung als quasi natürliches Experiment. „In der Studie mache ich mir die regional unterschiedliche Umsetzung der Sozialarbeitsförderung nach dem Amoklauf von Winnenden zunutze“, erläutert sie. Weil der Ausbau nicht überall gleich schnell und gleich stark erfolgte, lassen sich kausale Effekte isolieren. Grundsätzliche Unterschiede zwischen Regionen sowie allgemeine Trends können mit der Methode herausgerechnet werden.
Bezogen auf den tatsächlich erfolgten Ausbau in Baden-Württemberg zeigt die Studie, dass die zusätzlich eingestellten Fachkräfte die Jugendkriminalität im Land im Durchschnitt um zwei bis drei Prozent pro Jahr gesenkt haben. Die Effekte fallen damit geringer aus als in der Modellrechnung für eine einzelne Schule, bestätigen aber die grundsätzliche Wirksamkeit des Instruments auch auf Landesebene.
Die Studie mit dem Titel „Does School Social Work Work? The Impact of School Social Workers on Youth Crime and Education“ ist kürzlich als Diskussionspapier im Bavarian Graduate Program in Economics erschienen. Drescher hat ihre Ergebnisse bereits auf mehreren wissenschaftlichen Konferenzen vorgestellt und wurde 2024 für diese Arbeit mit dem Young Economist Award der Österreichischen Nationalökonomischen Gesellschaft ausgezeichnet. News4teachers
Schulsozialarbeit: Aufgerieben zwischen Ansprüchen der Lehrkräfte und dem Selbstbild
