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Tarifstreit: Philologen sauer über Verlauf (“Lehrkräfte sind kein bloßer Kostenfaktor”)

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STUTTGART. Im Tarifstreit der Länder sieht der Philologenverband Baden-Württemberg ein grundlegendes Problem jenseits von Prozentzahlen. Aus Sicht des Verbands geht es um ein strukturelles Defizit an Wertschätzung gegenüber Lehrkräften – sichtbar in steigender Arbeitsbelastung, nicht erfasster Mehrarbeit und politischen Entscheidungen, die den Schulalltag zusätzlich unter Druck setzen.

Sauer. (Symbolbild.) Foto: Shutterstock

Die Arbeitsbelastung an den Schulen wächst seit Jahren – nach Einschätzung des Philologenverbands Baden-Württemberg (PhV BW) längst über ein tragbares Maß hinaus. Unterricht, Vor- und Nachbereitung sowie Korrekturen bilden dabei nur einen Teil der tatsächlichen Arbeit. Hinzu kommen zahlreiche Aufgaben, die im Schulbetrieb unverzichtbar sind, aber kaum sichtbar bleiben: pädagogische Beratung, außerunterrichtliche Bildungsangebote, die Vermittlung sogenannter Life Skills, Verwaltungs- und Dokumentationspflichten sowie immer neue Anforderungen durch Digitalisierung und curriculare Reformen. Für diese Tätigkeiten sind im Stundenplan keine Zeiten vorgesehen. Sie fallen zusätzlich an – und werden stillschweigend erwartet.

Der Philologenverband sieht darin ein zentrales Zeichen fehlender Wertschätzung. Die Landesvorsitzende Martina Scherer spricht von einer zunehmenden Arbeitsverdichtung, die Lehrkräfte an die Belastungsgrenze und darüber hinaus bringe. „Echte Wertschätzung darf kein Trugbild sein, keine Fata Morgana, die verschwindet, wenn man sich annähern will“, erklärte sie. Sie müsse sich sowohl im realen Schulalltag als auch in verbindlichen politischen Entscheidungen widerspiegeln.

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„Geister unterrichten keine Kinder und korrigieren keine Abiturklausuren“

Besonders deutlich werde das Problem am Beispiel der sogenannten Geisterlehrerstellen in Baden-Württemberg. Im vergangenen Sommer war bekannt geworden, dass mindestens 1.440 Lehrerstellen zwar statistisch existierten, den Schulen faktisch jedoch nicht zur Verfügung standen – und das seit 20 Jahren (News4teachers berichtete). Für den Philologenverband ist der Fall mehr als ein Verwaltungsproblem. Die Folge seien zusätzlicher Unterrichtsausfall und ein weiter wachsender Druck auf die vorhandenen Lehrkräfte. „Geister unterrichten keine Kinder und korrigieren keine Abiturklausuren“, so Scherer. Diese Arbeit leisteten reale Lehrkräfte – engagiert, qualifiziert und zunehmend überlastet.

Vor diesem Hintergrund fordert der Philologenverband Baden-Württemberg eine ehrliche Bestandsaufnahme der tatsächlichen Arbeitszeit von Lehrkräften. Die Vielzahl zusätzlicher Aufgaben werde bislang weder systematisch erfasst noch angemessen berücksichtigt. Dabei sei diese „unsichtbare Arbeit“, wie Scherer sie nennt, das Rückgrat funktionierender Schulen. Wer sie ignoriere, riskiere Überlastung und verliere qualifizierte Lehrkräfte aus dem System. Und das gilt für den Verband eben auch im aktuellen Tarifstreit.

Die Kritik des Verbands richtet sich nicht nur an die Landespolitik in Baden-Württemberg, sondern an die Arbeitgeberseite insgesamt. Im laufenden Tarifkonflikt der Länder sieht der PhV BW ein Muster des Ausweichens. In den bisherigen Verhandlungsrunden sei kein konkretes Angebot vorgelegt worden, obwohl die Belastung an den Schulen weiter steige. Scherer spricht von einer „Politik des Wegduckens“.

„Der TV-L-Abschluss ist richtungsweisend – weit über den Bereich der Tarifbeschäftigten hinaus“

Vor diesem Hintergrund ordnet der Verband seine konkreten tariflichen Forderungen ein. Gefordert werden sieben Prozent mehr Tabellenentgelt, mindestens jedoch 300 Euro monatlich, sowie 200 Euro mehr für Auszubildende und Studierende. Aus Sicht des Philologenverbands geht es dabei nicht allein um Kaufkraftverluste, sondern um ein Signal der Anerkennung. Eine tarifliche Entwicklung müsse den Lehrerberuf wieder attraktiver machen, statt ihn weiter an Attraktivität verlieren zu lassen.

Jürgen Harich, Vertreter des Philologenverbands für den Tarifbereich, warnt zudem vor den strukturellen Folgen eines schwachen oder verzögerten Tarifabschlusses. „Der TV-L-Abschluss ist richtungsweisend – weit über den Bereich der Tarifbeschäftigten hinaus“, erklärte er. Reallohnverluste und Verzögerungen wirkten sich langfristig auf das gesamte Bildungssystem aus.

Der Philologenverband Baden-Württemberg warnt deshalb eindringlich davor, steigende Lebenshaltungskosten, wachsende Arbeitsverdichtung und politische Untätigkeit weiter zusammenkommen zu lassen. Lehrkräfte seien kein Kostenfaktor, der minimiert werden könne, sondern die tragende Säule des Bildungssystems. Wer Wertschätzung ernst meine, so die Botschaft des Verbands, müsse sie nicht nur rhetorisch betonen, sondern im Arbeitsalltag und in verbindlichen Entscheidungen sichtbar machen. Lehrkräfte seien kein Kostenfaktor, der minimiert werden könne, sondern die zentrale Grundlage für ein leistungsfähiges Bildungssystem. News4teachers 

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