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Abgehängt, frustriert, radikalisierbar? Warum Bildungsministerin Prien vor einer verlorenen Generation junger Männer warnt

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BERLIN. Jungen scheitern häufiger in der Schule, brechen öfter ab und tauchen seltener unter den Abiturienten auf. Bundesbildungsministerin Karin Prien sieht darin nicht nur ein pädagogisches Problem, sondern eine gesellschaftspolitische Gefahr: Wer sich früh als Verlierer erlebt, wird anfälliger für Extremismus. Zugleich verweist sie auf neue finanzielle Spielräume in Milliardenhöhe und sinkende Schülerzahlen als „demografische Rendite“ – eine Chance, gezielt in bessere Bildung, Sprachförderung und Unterstützungssysteme zu investieren.

“Eine Riesenchance”: Karin Prien. Foto: Bildnachweis: Dominik Butzmann / photothek /
Bundesministerium für Bildung, Frauen, Senioren, Familie und Jugend.

Bundesbildungsministerin Karin Prien sieht die Gefahr einer Generation junger Männer, die sich abgehängt fühlt. «Was uns nicht passieren darf, ist, dass wir zunehmend eine Männergeneration bekommen, die sich als Verlierer empfindet und dadurch anfällig für autoritäre Weltbilder und extremistische Inhalte ist», sagte die CDU-Politikerin in einem Interview mit der «Rheinischen Post». «Als Politik müssen wir jungen Männern zeigen, dass auch ihre Bedürfnisse wahrgenommen werden.»

Auf die Frage, ob Deutschland eine Generation abgehängter junger Männer drohe, sagte Prien: «Ich fürchte ja, wenn wir nicht gegensteuern.» In den USA, in Großbritannien oder in Schweden zeichne sich diese Entwicklung bereits ab. «In Großbritannien gibt es quasi keine Lohnlücke mehr zwischen Männern und Frauen. Nicht, weil die Gleichstellungspolitik wirkt, sondern weil die Jungen die Schule häufiger nicht schaffen und in der Folge seltener gut bezahlte Berufe finden.» Es gebe dazu «eine interessante Studie mit dem Titel ,Lost Boys‘ (Verlorene Jungen)».

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Diese Einschätzung deckt sich mit zahlreichen empirischen Befunden. Der Bildungsforscher Prof. Klaus Hurrelmann hatte bereits 2012 darauf hingewiesen, dass Jungen auch in Deutschland seit Jahrzehnten an Boden verlieren. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stellen sie heute nur noch rund 45 Prozent der Abiturienten, aber etwa 60 Prozent der Schulabbrecher. Rund 15 Prozent der 25- bis 34-jährigen Männer verfügen weder über Abitur noch über eine abgeschlossene Ausbildung. Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Prof. Margrit Stamm spricht von „Underachievern“ – Jungen, deren tatsächliche Leistung hinter ihrem Potenzial zurückbleibt.

Hinzu kommen Erwartungseffekte. Eine internationale Längsschnittstudie der Universität Halle-Wittenberg zeigt, dass Lehrkräfte Leistungen von Mädchen in sprachlichen Fächern tendenziell überschätzen und die von Jungen unterschätzen, in Mathematik hingegen umgekehrt. Solche Verzerrungen können Selbstbilder über Jahre prägen. Der Zeit-Autor Martin Spiewak beschreibt die Krise der Jungen als strukturell: Schon bei der Einschulung seien zwei Drittel der zurückgestellten Kinder Jungen. Moderne Unterrichtsformen setzten stark auf Selbstorganisation, während Jungen im Durchschnitt länger klare Strukturen und direkte Ansprache benötigten (News4teachers berichtete).

«Im Netz sind Extremisten unterwegs, die genau wissen, mit welchen emotionalen und zunächst harmlos wirkenden Botschaften sie Jungs ansprechen können»

Jungen hätten zudem «eine höhere Selbstmordrate, sie werden häufiger krank, eher kriminell und neigen mehr zur Gewalttätigkeit», sagte Prien. Eine moderne Gleichstellungspolitik dürfe deshalb «nicht nur Frauen, sondern muss auch Männer in den Blick nehmen», stellte die Ministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend heraus. Eine wichtige Rolle spielten soziale Medien. «Im Netz sind Extremisten unterwegs, die genau wissen, mit welchen emotionalen und zunächst harmlos wirkenden Botschaften sie Jungs ansprechen können: mit Körperlichkeit etwa, mit Sport und Proteinen», sagte Prien. Das seien «weltweite Bewegungen».

Mit Blick auf strukturelle Probleme im Bildungssystem verwies Prien zudem auf Defizite bei Sprachkenntnissen vieler Kinder. Der Bund verhandele seit Monaten mit den Ländern über ein Kita-Qualitätsentwicklungsgesetz, das am 1. Januar 2027 in Kraft treten solle. «Der Bund gibt den Ländern Geld für Sprachdiagnostik, Sprachförderung und einen verbesserten Übergang zwischen Kita und Schule», sagte sie. Im Gegenzug erwarte der Bund verbindliche Qualitätsstandards.

Unterschiedliche Ausgangslagen in den Ländern müssten dabei berücksichtigt werden. «In Nordrhein-Westfalen gibt es immer noch wachsende Schülerzahlen und einen hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. Das ist in Sachsen-Anhalt beides nicht der Fall. Dort gibt es aber einen dramatischen Lehrkräftemangel», sagte Prien. Vorgaben könne der Bund nicht machen: «Ich kann den Ländern nichts vorschreiben. Ich kann aber die besten Lösungen ins Schaufenster stellen – sodass es einen Wettbewerb gibt.»

«Wir müssen die finanziellen Spielräume nutzen, die wir durch die Lockerung der Schuldenbremse und durch das Sondervermögen gewonnen haben»

Mit Blick auf die insgesamt angespannte Lage an vielen Schulen zeigte Prien Verständnis für Kritik. «Ich kann den Unmut von Eltern verstehen. Gerechte Bildungschancen sind für die meisten Deutschen das wichtigste Thema.» Verbesserungen seien möglich. «Wir müssen die finanziellen Spielräume nutzen, die wir durch die Lockerung der Schuldenbremse und durch das Sondervermögen gewonnen haben, um in den Ländern massiv in Bildung zu investieren.» Es gehe um «zweistellige Milliardenbeträge im Jahr».

Zugleich verwies die Ministerin auf sinkende Schülerzahlen. «Gleichzeitig gehen die Kinder- und Schülerzahlen momentan zurück – erstmals seit anderthalb Jahrzehnten. Da gibt es eine demografische Rendite und das ist eine Riesenchance: Da werden Mittel frei, die wir in die Bildung investieren können.» News4teachers 

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