BREMEN. Wenn Schülerinnen und Schüler plötzlich abbauen, fehlen oder apathisch wirken, steckt nicht immer ein Lernproblem dahinter. Manchmal sind es massive Belastungen im familiären Umfeld, die sich zuerst im Schulalltag zeigen – und leicht übersehen werden. Ein aktueller Prozess in Bremen macht deutlich, wie dramatisch die Hintergründe sein können, wenn Leistungen absacken.

Mit erfundenen Geschichten über Drogenmafia, tödlichen Krankheiten und Mikrochips soll ein Mann seine Familie jahrelang isoliert und gequält haben: Nun will sich der Angeklagte bald vor dem Landgericht Bremen zu den Vorwürfen äußern. Seine Verteidigerin kündigte eine Einlassung für den nächsten Prozesstag am 12. Februar an.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem 45-Jährigen unter anderem schwere Misshandlung von Schutzbefohlenen vor. «Er baute ein massives Lügengeflecht auf», sagte die Staatsanwältin bei der Verlesung der Anklage. Demnach zog die Familie von Süddeutschland zunächst nach Bremerhaven, später nach Bremen. Dort soll der Mann seine damalige Partnerin und deren beiden Töchter von 2013 bis 2019 kontrolliert und gequält haben.
Mit Eimer wochenlang im Zimmer eingesperrt
Laut Anklage soll der Mann die 2004 und 2006 geborenen Töchter immer wieder für längere Zeit in ihrem Zimmer eingesperrt haben. Für die Notdurft sei ein Eimer bereitgestanden. Einmal soll er sie für eine Woche eingesperrt haben, obwohl die beiden eigentlich zur Schule hätten gehen müssen. Die ältere Tochter soll ihre kompletten Sommerferien in dem Zimmer verbracht haben, weil sie angeblich Würmer hatte. Sie sei in den Wochen vollständig isoliert gewesen und habe nur drei Mal duschen dürfen.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der Mann seiner Familie eingeredet haben, er arbeite beim Bundeskriminalamt, die Drogenmafia sei hinter ihnen her und sie seien im Zeugenschutzprogramm. Er soll der älteren Tochter Diebstahl und Drogenhandel vorgeworfen, sie innerhalb der Familie isoliert und ihr mit Jugendhaft gedroht haben.
Tochter soll eigene Beerdigung geplant haben
In den letzten Jahren habe sich der 45-Jährige schließlich als Arzt und Professor ausgegeben, führte die Staatsanwältin weiter aus. Er soll seiner Familie weiß gemacht haben, dass er ihnen Mikrochips ins Essen gemischt habe und damit Krankheiten feststellen könne.
Laut Anklage diagnostizierte er der jüngeren Tochter eine ernsthafte Nierenerkrankung und ein Hirnaneurysma. Er soll ihr eingeredet haben, sie werde bald sterben und mit ihr die Beerdigung geplant haben. Sie sollte sich demnach einen Sarg und ein Grab auf einem Bremer Friedhof aussuchen, hieß es weiter. Er soll ihr gegen ihre Krankheiten Medikamente verabreicht, ihr Kochsalzlösung gespritzt und ihr wegen angeblich anstehender Operationen nichts mehr zum Essen gegeben haben.
Seiner damaligen Partnerin soll er ebenfalls lebensgefährliche Krankheiten wie Lungenkrebs diagnostiziert haben, wie es in der Anklage weiter heißt. Er soll ihr Tropfen und Medikamente verabreicht und sie mehrfach gespritzt haben – unter anderem in den Gaumen.
Wie es im Prozess weitergeht
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sind die Folgen der mutmaßlichen Misshandlungen massiv. Die beiden Töchter seien seit Jahren in psychiatrischer Behandlung. Die Jüngere sei zeitweise so kraftlos gewesen, dass sie es nur mit Hilfe auf die Toilette schaffte und in der Schule sitzen blieb.
Der Angeklagte sitzt nicht in Untersuchungshaft. Es bestünden keine Haftgründe wie etwa Fluchtgefahr, teilte das Gericht mit. Wenn der 45-Jährige verurteilt werden sollte, droht ihm eine Haftstrafe von mindestens fünf Jahren. Im Prozess sind fünf weitere Termine geplant, ein Urteil könnte Anfang März fallen. News4teachers / mit Material der dpa
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