Home Tagesthemen Schüler verprügelt Lehrer: Schulleiter wendet sich mit Brandbrief an die Elternschaft

Schüler verprügelt Lehrer: Schulleiter wendet sich mit Brandbrief an die Elternschaft

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GAGGENAU. Nach einer gewalttätigen Attacke auf einen Lehrer an der Realschule im baden-württembergischen Gaggenau beschäftigen sich Schule, Schulaufsicht und Polizei mit den Folgen des Vorfalls. Vergangene Woche war es im Schulzentrum Dachgrub, zu dem die Realschule gehört, zu einem körperlichen Angriff gekommen, bei dem ein Pädagoge verletzt wurde. Dies berichten die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN). Insgesamt nimmt die Gewalt an Baden-Württembergs Schulen zu, wie aktuelle Daten belegen. 

Gewalt von Kindern und Jugendlichen nimmt zu (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Nach Angaben des Polizeipräsidiums Offenburg ereignete sich der Vorfall am vergangenen Mittwoch gegen 7.50 Uhr. Auslöser war demnach eine pädagogische Maßnahme: Der Lehrer hatte eine Schülerin wegen wiederholter Unpünktlichkeit ermahnt. Kurz darauf soll er außerhalb des Klassenzimmers auf den älteren Bruder des Mädchens getroffen sein. Dieser stellte laut Bericht den Lehrer zur Rede und schlug auf ihn ein.

Die Polizei bestätigte gegenüber den BNN den grundsätzlichen Ablauf, macht jedoch keine näheren Angaben zu den beteiligten Personen. Zur Begründung verweist die Pressestelle auf den besonderen Persönlichkeitsschutz von Kindern und Jugendlichen. Während die Polizei von einem „leicht verletzten“ Opfer spricht, schildert die Schulleitung den Vorfall deutlich schwerwiegender.

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„In einer funktionierenden Gesellschaft und Schulgemeinschaft hat Gewalt, verbal oder körperlich, keinen Platz“

In einem Schreiben an die Eltern der Realschule erklärte Schulleiter Axel Zerrer, der Kollege sei „von einem Schüler unserer Schule aus einer oberen Klassenstufe körperlich angegangen und mit Faustschlägen massiv verletzt“ worden. Der Lehrer habe ärztlich versorgt werden müssen und falle „bis auf Weiteres“ aus. Weiter heißt es in dem Schreiben: „In einer funktionierenden Gesellschaft und Schulgemeinschaft hat Gewalt, verbal oder körperlich, keinen Platz.“

Unmittelbar nach dem Angriff wurden an der Schule Unterstützungsmaßnahmen eingeleitet. Neben der Polizei waren die Schulsozialarbeit, das schulinterne Krisenteam der Realschule Gaggenau sowie das Krisenteam des Staatlichen Schulamts Rastatt eingebunden. Schülerinnen und Schüler sowie das Kollegium erhielten eine Erstbetreuung. Die weitere Aufarbeitung werde die kommenden Tage maßgeblich prägen, kündigte Zerrer gegenüber der Elternschaft an.

Zu dem konkreten Fall wollten sich weder der Schulleiter noch das Staatliche Schulamt Rastatt auf Nachfrage weiter äußern. In seiner E-Mail bat Zerrer die Eltern jedoch um Unterstützung: „Sprechen Sie mit Ihren Kindern und unterstützen Sie uns in der Vermittlung ,des richtigen Kompasses’! Die Schulgemeinschaft unserer Schule soll weiterhin ein Platz sein, an dem sich alle wohl und sicher fühlen können.“

Der Vorfall sorgt auch über Gaggenau hinaus für Aufmerksamkeit. Nach Angaben des Polizeipräsidiums Offenburg hat es in dessen Zuständigkeitsbereich bislang keinen vergleichbaren Angriff eines Schülers auf eine Lehrkraft gegeben. Auch das Regierungspräsidium Karlsruhe teilte mit: „Ein vergleichbarer Fall ist uns nicht bekannt.“

Unklar ist derzeit, welche schulischen Konsequenzen der Angriff für den beteiligten Schüler haben wird. Das Regierungspräsidium weist, wie die BNN weiter berichtet, darauf hin, dass die Schulpflicht unabhängig vom Geschehen fortbesteht. Nach Anhörung des Schülers und seiner Erziehungsberechtigten können jedoch Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen nach Paragraf 90 des Schulgesetzes für Baden-Württemberg verhängt werden. Zuständig ist hierfür die Schulleitung, gegebenenfalls unter Einbeziehung der Klassen- oder Jahrgangsstufenkonferenz. Ob der Schüler an die Realschule Gaggenau zurückkehren darf, kann laut Regierungspräsidium erst nach Abschluss dieses Verfahrens entschieden werden. Sollte ein Schulausschluss ausgesprochen werden, müsste eine andere Schule derselben Schulart den Jugendlichen aufnehmen.

Parallel zur rechtlichen und schulischen Klärung laufen an der Realschule weitere Aufarbeitungsmaßnahmen. In der Woche nach dem Vorfall war laut Bericht das Krisenteam der schulpsychologischen Beratungsstelle vor Ort. Auch die Schulsozialarbeiterin und das schulinterne Krisenteam unterstützten die Schulgemeinschaft. Am vergangenen Freitag fand zudem eine Schulversammlung statt, bei der der Schulleiter mit den Schülerinnen und Schülern über den Vorfall sprach. Weitere Maßnahmen seien in Planung.

Die Anzahl der Gewaltopfer an Schulen in Baden-Württemberg ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Insgesamt wurden nach aktuellen Zahlen im vorletzten Jahr 3.041 Personen – Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte – Opfer von Gewalttaten an Schulen. Dies entspricht einem Anstieg von rund 50 Prozent gegenüber 2018. Besonders auffällig ist die Zunahme seit 2022, die laut Innenministerium allerdings auch durch die Erweiterung der erfassten Delikte um Beleidigungen und Verleumdungen auf sexueller Grundlage beeinflusst wurde. News4teachers

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Mario
2 Stunden zuvor

In den 80 er Jahren wurde bei uns durchaus heftig geprügelt, aber Lehrkräfte, gerade die Männer wurde durchaus noch mit Respekt begegnet.

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