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Umfrage: Bildungskrise gilt Bürgern als Bedrohung Nummer eins für Deutschland

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BERLIN. Probleme im Bildungswesen werden von der Bevölkerung als drängendste Zukunftsgefahr für Deutschland wahrgenommen – noch vor sozialer Spaltung, Extremismus oder Klimawandel. Das zeigt eine aktuelle repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Der Deutsche Philologenverband sieht darin einen klaren politischen Handlungsauftrag und verlangt eine Neuausrichtung der Bildungspolitik.

Die Bildung bröckelt. (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

Probleme in der Bildung werden von einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung als größte Bedrohung für die Zukunft Deutschlands eingeschätzt. Das geht aus der repräsentativen Forsa-Erhebung „Aktuelle Gefährdungspotenziale für Deutschland“ hervor, die im Auftrag des dbb – beamtenbund und tarifunion durchgeführt wurde. Danach sehen 90 Prozent der Befragten Defizite im Bildungswesen als zentrales Risiko für die weitere Entwicklung des Landes.

Damit rangiert Bildung in der öffentlichen Wahrnehmung noch vor anderen häufig genannten Gefahren. So nennen 88 Prozent der Befragten die Zunahme gesellschaftlicher Spannungen als ernstes Problem, 85 Prozent eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Der zunehmende Rechtsextremismus wird von 70 Prozent als große Gefahr eingeschätzt, der Klimawandel von 62 Prozent. Bildung steht damit an der Spitze der gesellschaftlichen Sorgen – und zugleich im Zentrum der Erwartungen an politische Steuerungsfähigkeit.

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Für die Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbands (DPhV), Susanne Lin-Klitzing, ist dieses Ergebnis mehr als ein Stimmungsbild. „Diese Zahlen sind kein Ausdruck von Resignation, sondern ein klarer Auftrag, den Blick nach vorn zu richten“, erklärte sie in Berlin. „Die Menschen wissen: Die Zukunft unseres Landes entscheidet sich im Klassenzimmer. Sie verstehen Bildung ganz klar als priorisierte politische Aufgabe zur Sicherung unserer Demokratie, unserer Wirtschaftskraft, unserer Freiheit und Sicherheit.“

Auffällig ist nach Angaben des Verbands die parteiübergreifende Übereinstimmung in der Problemwahrnehmung. Unabhängig von politischer Orientierung bewerten große Mehrheiten der Befragten die Lage im Bildungswesen als problematisch oder sehr problematisch. Die Studie verweist zudem auf ein vergleichsweise hohes Vertrauen in staatliche Strukturen: 68 Prozent der Befragten schreiben dem öffentlichen Dienst eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der wahrgenommenen Herausforderungen zu – ausdrücklich eingeschlossen sind dabei auch Schulen.

„Bildungspolitik darf sich nicht im Krisenmanagement erschöpfen. Sie braucht eine klare Zukunftsagenda“

Lin-Klitzing spricht in diesem Zusammenhang von einem Vertrauensbeweis, der politische Konsequenzen haben müsse. „Das ist ein starkes Vertrauenssignal“, sagte sie. „Es verpflichtet Politik und Verwaltung gleichermaßen, die Rahmenbedingungen endlich konsequent zu verbessern und den Fokus wieder klar auf das Leistungsprinzip zu legen.“

Der Philologenverband nutzt die Umfrageergebnisse zugleich, um erneut die Bedeutung des Berufsbeamtentums im Schulbereich zu betonen. Der Beamtenstatus von Lehrkräften mit dem damit verbundenen Streikverbot sichere Stabilität und Verlässlichkeit im Bildungssystem, so Lin-Klitzing. „Der Beamtenstatus der Lehrkräfte mit seinem Streikverbot sichert die Stabilität und Verlässlichkeit des Bildungssystems – und damit einen zentralen Pfeiler unserer demokratischen Ordnung. Wer an dieser Verlässlichkeit rüttelt, gefährdet nicht nur den Schulbetrieb, sondern das Vertrauen in den Staat insgesamt“, erklärte sie mit Blick auf aktuelle Vorstöße aus Reihen der Union, den Beamtenstatus für Lehrkräfte abzuschaffen (News4teachers berichtete).

Inhaltlich sieht der DPhV durch die Umfrage seine langjährigen Positionen bestätigt. Aus Sicht des Verbands kann eine zukunftsfähige Bildungspolitik nur gelingen, wenn Leistungsförderung wieder stärker in den Mittelpunkt rückt. Ziel sei es, junge Menschen hervorzubringen, die fachlich kompetent, selbstständig denkend und gesellschaftlich verantwortungsbewusst handeln können.

Konkret fordert der Verband unter anderem eine verbindliche, diagnosegestützte vorschulische Förderung, einen systematischen Ausbau sprachlicher Kompetenzen sowie eine stärkere Betonung der Bildungssprache Deutsch in allen Fächern. Auch zusätzliche Deutschstunden in der Grundschule und in der Mittelstufe hält der DPhV für notwendig. Zudem spricht sich der Verband für verbindliche Schulartempfehlungen aus, um Bildungswege passgenauer zu gestalten.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Leistungsbewertung. Nach Auffassung des DPhV müssen Schülerinnen und Schüler wieder nach klaren und nachvollziehbaren Maßstäben beurteilt werden. Dazu gehöre auch eine höhere Gewichtung der Rechtschreibkompetenz, einschließlich ihrer stärkeren Berücksichtigung in Abiturprüfungen. Rechtschreibung sei ein zentraler Schlüssel für gelingende Kommunikation und gesellschaftliche Teilhabe.

Deutliche Worte findet der Verband auch zur Lehrkräftebildung. Diese müsse in allen drei Phasen qualitativ hochwertig bleiben, auch unter den Bedingungen des Lehrkräftemangels. Abstriche bei der Fachlichkeit lehnt der DPhV ebenso ab wie verkürzte oder „duale“ Modelle, die Studierende und Lehramtsanwärterinnen und -anwärter primär zur Unterrichtsabsicherung heranziehen. Gleichzeitig fordert der Verband eine nachhaltige Stärkung der bereits im Schuldienst befindlichen Lehrkräfte durch Entlastung, gezielte Fortbildung und verlässliche Karriereperspektiven.

Aus Sicht von Lin-Klitzing darf Bildungspolitik nicht länger auf kurzfristiges Krisenmanagement beschränkt bleiben. „Bildungspolitik darf sich nicht im Krisenmanagement erschöpfen. Sie braucht eine klare Zukunftsagenda, die Leistung ermöglicht, Qualität sichert und Verlässlichkeit garantiert“, sagte sie. Die Ergebnisse der Forsa-Umfrage seien kein Abgesang auf das Bildungssystem, sondern eine Aufforderung zum entschlossenen politischen Handeln. News4teachers 

“Milliarden an zusätzlichem Wohlstand – wenn mehr junge Menschen besser lesen, schreiben und rechnen könnten“

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