WIESBADEN. Hessen erklärte sich mit dem Start des Modellversuchs „Digitale Welt“ zum bildungspolitischen Vorreiter in Deutschland. Erklärtes Ziel war die Etablierung eines neuen Schulfachs, das Kindern und Jugendlichen in der Breite digitale Kompetenzen vermitteln sollte. Jetzt wird das Projekt als Arbeitsgemeinschaft in den Ganztag verschoben – und das Kultusministerium versucht in einer Pressemitteilung, dies als Fortschritt zu verkaufen. Doch von Lehrkräften und Eltern kommt wütender Widerspruch: Die (offensichtlich als Sparmaßnahme gedachte) Verlagerung wird ihnen zufolge dazu führen, dass nur noch wenige Schülerinnen und Schüler erreicht werden.

Geht es vollmundiger? „Der mit 80 Pilotschulen erfolgreich getestete freiwillige Schulversuch wird zum neuen Schuljahr 2026/2027 innerhalb des Ganztags für alle Schulen geöffnet, um so viele Jugendliche wie möglich zu erreichen“, so heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung des hessischen Kultusministeriums (über die News4teachers berichtete), Hervorhebung von uns.
Und: „Zum einen wird damit die digitale Bildung für die Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I langfristig verankert. Zudem stärkt das Land dadurch seine hochwertigen Ganztagsangebote. Die Anzahl der teilnehmenden Schulen kann so auf mehr als 600 Schulen erweitert werden. Hessen ist mit der Einführung des Angebots Digitale Welt bundesweit Vorreiter.“
Die Formel vom „Vorreiter“ ist nicht neu. Der frühere Kultusminister (und heutige Finanzminister) Alexander Lorz (CDU) hatte sie schon bei Start des Modellversuchs, der in Kooperation mit dem Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam durchgeführt wurde, gebraucht.
Sein Nachfolger Armin Schwarz (CDU) stimmt nun persönlich in den Lobgesang ein: „Uns ist es wichtig, jetzt in die Fläche zu gehen, um die digitalen Kompetenzen so vieler Jugendlicher wie möglich zu verbessern und die Medienbildung in den Schulen weiter voranzutreiben. Der Ganztag ermöglicht einen breiten Zugang, zumal wir dort direkt an einer Vielzahl von ähnlichen Angeboten anschließen können und mit Digitale Welt den Ganztag zusätzlich qualitativ weiter stärken können“, verlautet er.
Ist das so – geht es darum, mit dem Fach in die Fläche zu kommen? Zweifel daran sind durchaus berechtigt. Die Frankfurter Rundschau berichtete unlängst, dass den am Modellversuch beteiligten Schulleitungen bereits angekündigt worden sei, die bisherigen Sonderzuweisungen an Lehrerstellen für „Digitale Welt“ würden gestrichen (was das Kultusministerium mittlerweile bestätigt hat).
„Es ist schlichtweg eine Entscheidung des Geldes: Dem Ministerium bzw. der Landesregierung war es nicht wichtig genug, Geld in die Ausweitung dieses so wichtigen Fachs zu stecken“
Ein Lehrer, der sich an News4teachers gewandt hat, beschreibt die Entwicklung so: „Ursprünglich war es geplant, das Fach Digitale Welt als Unterrichtsfach zu etablieren. Das Ministerium hat es in höchsten Tönen angepriesen und sich selbst gelobt, weil man von anderen Bundesländern neidisch beäugt wurde.“ Viele Pilotschulen hätten „viel Zeit und Geld in die Schulung, Ausstattung und Vorbereitung gesteckt“. Dass das Fach nun in den Ganztag verschoben werde, sei „ein Schlag ins Gesicht für all diese Schulen“.
Der Lehrer äußert Zweifel an der Reichweite des Angebots im Ganztag: „Denn sind wir ehrlich: Wie viele Schüler werden sich freiwillig zu einer solchen Arbeitsgemeinschaft anmelden? Höchstens die, die sowieso schon Kenntnisse im digitalen Bereich haben. Die anderen, die es gebraucht hätten, werden das Angebot umgehen.“ Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: „Es ist schlichtweg eine Entscheidung des Geldes: Dem Ministerium bzw. der Landesregierung war es nicht wichtig genug, Geld in die Ausweitung dieses so wichtigen Fachs zu stecken.“
„Für mich persönlich ist das ein Schlag ins Gesicht, da ich mich freiwillig zum Unterrichten des Faches in den letzten drei Jahren intensiv fortgebildet habe“
Eine Lehrerin schreibt an News4teachers: „Durch die Änderung wird das Fach Digitale Welt nicht flächendeckend unterrichtet. Selbst wenn es im Ganztag allen Schulen zur Verfügung steht, erreicht es damit nicht alle Kinder, da der Ganztag freiwillig ist.“ Gerade weil zentrale gesellschaftliche Themen behandelt würden, sei dies problematisch. Hinzu komme die begrenzte Ressourcenausstattung im Ganztag.
Die Lehrerin verweist auch auf persönliche Konsequenzen: „Für mich persönlich ist das ein Schlag ins Gesicht, da ich mich freiwillig zum Unterrichten des Faches in den letzten drei Jahren intensiv fortgebildet habe und nun, wegen geringerer Nachfrage, das Fach vielleicht gar nicht mehr unterrichten kann.“
Kritik kommt mittlerweile auch vom Hessischen Philologenverband (hphv). Dessen Landesvorsitzender Volker Weigand erklärt: „Die geplante Neuausrichtung dieses Angebots auf den Bereich Ganztag greift zu kurz.“ Der Verband sieht darin eine „verpasste Chance“, da die Einführung als reguläres Unterrichtsfach bereits politisch vereinbart gewesen sei. Tatsächlich sieht der Koalitionsvertrag von CDU und SPD die landesweite Einführung des Schulfachs „Digitale Welt“ ausdrücklich vor.
Angesichts aktueller Entwicklungen – etwa im Bereich Social Media sowie der Chancen und Risiken Künstlicher Intelligenz – ist nach Auffassung des Verbandes nicht nur die digitale Ausstattung der Schulen entscheidend („Stichwort: Digitalpakt 2.0“). Ebenso wichtig sei es, Schülerinnen und Schüler systematisch auf die Herausforderungen einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft vorzubereiten. „Derzeit entwickeln Schulen vielerorts eigene Konzepte, um diesen Themen gerecht zu werden. Das bindet wertvolle Ressourcen vor Ort“, so Weigand. „Unser Ziel ist es jedoch, Schulen zu entlasten, indem landesweit einheitliche Vorgaben geschaffen werden – etwa durch ein verbindliches Unterrichtsfach ‚Digitale Welt‘.“
Kritisch sieht der hphv auch die Erwartung, dass einzelne Schulen künftig Prioritäten setzen müssen, beispielsweise zugunsten eines Ganztagsangebots im Bereich Digitalisierung und zulasten anderer Angebote wie Sport oder Musik. Dies setze die Schulgemeinden unter unnötigen Entscheidungsdruck. Der Hessische Philologenverband hält daher weiterhin an seiner Forderung fest, das Fach „Digitale Welt“ verbindlich in den Jahrgangsstufen 5 und 6 einzuführen.
Auch Eltern laufen Sturm. Korhan Ekinci, Vorsitzender des Elternbundes Hessen, meint: „Die Landesregierung betreibt einen Etikettenschwindel, der seinesgleichen sucht. Sie streicht die Finanzierung eines bundesweit als vorbildhaft anerkannten Pflichtangebots und verkauft die Streichung als Expansion. Wer genau hinsieht, erkennt: Aus einem verpflichtenden Schulfach mit eigener Lehrerstundenzuweisung wird ein unverbindliches Angebot, das mit Fußball-AGs und Töpferkursen um Aufmerksamkeit konkurrieren muss. Das ist keine Bildungsoffensive – das ist eine bildungspolitische Bankrotterklärung.“
Die politische Entscheidung der Hausleitung ist offensichtlich in der Bildungsverwaltung noch nicht angekommen. So heißt es auf der Seite „Digitale Schule Hessen“ des Kultusministeriums nach wie vor: „Ziel ist es, das neue Unterrichtsfach zum festen Bestandteil der Stundentafel zu machen.“ News4teachers
Was bringen zwei Wochenstunden “Digitale Welt”? Erste Erfahrungen aus dem Modellprojekt
Die halten die Menschen echt für doof. Schön, wenn das auch mal den breiteren Bevölkerungsschichten auffällt und nicht nur den Menschen, die im System arbeiten.
Hoffentlich bleibt das bei dem ein oder anderen im Gedächtnis.