BERLIN. Altersgrenzen für soziale Netzwerke? Gelten vielen als naheliegendes Instrument. Verbote nach australischem Vorbild werden auch in Deutschland als mögliche Antwort auf exzessive Nutzung diskutiert. Doch eine vom Bundesbildungsministerium eingesetzte Expertenkommission warnt vor verkürzten Lösungen. Die Fokussierung auf Social-Media-Verbote greife zu kurz und blende zentrale Ursachen aus. „Es ist zu kurz gesprungen, nur über Altersbeschränkungen nachzudenken“, sagt der Kommissionsvorsitzende Prof. Olaf Köller. Was die Fachleute für notwendig erachten.

Stundenlanges Chatten, Zocken und Scrollen: Vielen Eltern und Lehrkräften macht die Internetnutzung der Kinder Sorge. Damit liegen sie nicht falsch, wie die Expertenkommission beim Bundesbildungsministerium jetzt in ersten Zwischenergebnissen bestätigt. Doch machen die Fachleute wenig Hoffnung auf einfache Lösungen, etwa in Form von Social-Media-Verboten für Kinder und Teenager. «Es ist zu kurz gesprungen, nur über Altersbeschränkungen nachzudenken», sagt der Kommissionsvorsitzende Prof. Olaf Köller.
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hatte die Kommission «Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt» im September eingesetzt. Sie soll eine wissenschaftliche Grundlage liefern für mögliche neue gesetzliche Regeln. Die Debatte gewann Fahrt, als Australien Ende 2025 ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren erließ. Auch Prien hat nach eigenen Worten eine «gewisse Präferenz für eine Altersregulierung». Empfehlungen gibt die Kommission erst Ende Juni ab. Aber sie lieferte jetzt im ersten Schritt eine «Bestandsaufnahme». Fünf Erkenntnisse aus den Zwischenergebnissen:
1. Das Problem ist real
Der Erziehungswissenschaftler Köller erinnerte daran, dass etwa eine Million Jugendliche digitale Medien auf problematische Weise nutzten, 300.000 zeigten Suchtverhalten. Hinzu kämen Risiken wie Cybermobbing, Hassrede, Pornografie und vieles mehr. Die Folgen können Verstörung, Angst, Schlafstörungen und andere psychische Belastungen sein, wie es im Zwischenbericht heißt.
Wie gefährdet einzelne Kinder und Jugendliche sind, hängt demnach auch von ihrer eigenen Lage ab – ihrer «Vulnerabilität». «Frühe Kindheit, psychische Störungen, Traumaerfahrungen und soziodemografische Faktoren beeinflussen, wie digitale Medien wirken», heißt es. Die unterschiedliche Empfänglichkeit für Risiken gehöre zu den Dingen, die sie am meisten überrascht hätten, sagt die Co-Vorsitzende der Kommission, Nadine Schön.
2. Auch Erwachsene sind das Problem
Die zweite wichtige Erkenntnis aus Schöns Sicht: das Verhalten der Erwachsenen. Dabei geht es zum einen darum, ob Kleinkindern selbst schon – womöglich unbeaufsichtigt – vor Bildschirmen sitzen. «Passive Bildschirmzeit kann deren Sprachentwicklung beeinträchtigen», heißt es in der Bestandsaufnahme. Reizintensive Inhalte könnten Ablenkbarkeit begünstigen. Zum anderen geht es um die Ablenkung der Eltern durchs eigene Handy. Fachleute benutzen den Begriff «Technoference» – die Technik kommt in die Quere, wenn eigentlich volle Aufmerksamkeit dem Kind gehören sollte.
3. Es ist nicht alles nur Problem
«Das Smartphone fungiert als zentraler Zugang zu Kommunikation, Unterhaltung, Information, sozialer Einbindung und zunehmend auch zu produktiven KI-basierten Anwendungen», schreiben die Expertinnen und Experten. Es gebe eben auch große Chancen, sagt Köller. Social Media seien wichtige digitale Räume, zum Beispiel für queere Jugendliche. Die digitalen Medien könnten zu einer positiven Entwicklung der Identität beitragen.
Kinder und Jugendliche haben aus Sicht des Wissenschaftlers selbst einen hohen «Reflexionsgrad», sie wissen um Chancen und Risiken. Sie möchten sich das Medium nicht einfach entziehen lassen. Köller betont, dass «Schutz und Teilhabe keine Gegensätze sind, sondern dass es um geschützte Teilhabe geht im Netz».
4. Es gibt schon viele Vorschriften
«Ein wirkliches Regulierungsdefizit per se sieht man nicht», sagt Schön. Vorschriften, die auch Kinder und Jugendliche schützen könnten, gibt es bereits. Auf EU-Ebene sind das etwa der Digital Services Act (DSA) und Leitlinien zum Schutz Minderjähriger, in Deutschland das Jugendschutzgesetz und der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag. Doch seien die Regelungen komplex und passten nicht immer zusammen. «Vor allem sehen wir auch Defizite im wirksamen Vollzug», sagt die frühere CDU-Bundestagsabgeordnete.
Das betrifft auch mögliche Altersbeschränkungen für Social Media: Wie setzt man die eigentlich durch? In Australien etwa zeigt die Erfahrung, dass Jugendliche Umwege finden. Eine auf EU-Ebene entwickelte technische Lösung solle ab Anfang 2027 zur Verfügung stehen, sagt Prien.
Der Verbraucherzentrale Bundesverband warf ein, auch das «Grundproblem» sei technisch zu lösen: «Süchtig machende Designs, Endlosscrolling, schädliche Personalisierung und ähnliche Funktionen müssen standardmäßig für alle Nutzerinnen und Nutzer ausgeschaltet sein. Das würde die Plattformen für alle besser machen.»
5. Ein Verbot allein wird nichts nützen
Eine Altersbeschränkung allein werde nicht helfen, sagt Köller. Man müsse «das Problem in seiner ganzen Breite anpacken». Soll heißen: Eltern, Schulen, Kinder- und Jugendärzte müssen zusammenwirken.
Es gebe Medienbildung und Prävention in Deutschland, aber eben nicht flächendeckend, schreiben die Fachleute. «Familie, Kita, Schule, Jugendhilfe, außerschulische Kinder- und Jugendarbeit sowie Elternbildung spielen eine wichtige Rolle für die Medienbildung und bauen aufeinander auf.»
Der Branchenverband Bitkom sieht vor allem die Eltern in der Pflicht. Eine Umfrage zeige, dass nur die Hälfte der Eltern, die ihrem Kind ein Social-Media-Profil erlaubten, dessen Privatsphäre-Einstellungen geändert habe. Ebenfalls nur die Hälfte der Eltern spreche mit dem eigenen Kind darüber, was beim Teilen von Bildern und Videos zu beachten sei. News4teachers / Von Verena Schmitt-Roschmann, dpa
“Fachleute dämpfen Erwartung”- gotzchen ne: Mehr ehrlich, was haben denn die Fachleute seit 20 Jahren gebracht? Und auch hier liegen sie mal wieder meilenweit daneben, weil evtl. damit auch das eigene Arbeitsfeld kleingeredet würde.
Genau – Kretins an die Macht! Wer braucht schon Wissenschaft? (Wie gut das klappt, demonstrieren gerade die USA.) – Spaß. Herzliche Grüße Die Redaktion
Social-Media-Verbot für Kinder? Fachleute dämpfen Erwartung: Das allein wird nichts nützen
Kann es sein das sich die Debatte auf “Social-Media” fokussiert, weil das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, also zu früh ein Smartphone bekommen hat?
Ein “Social Media” Verbot kann in diesem Licht als ein Akt der Reinwaschung von der Schuld, nämlich seinen elterlichen Pflichten nicht nachzukommen, gesehen werden. Das Böse (Social Media) werde damit besiegt und es bleibe das Gute (hier etwas mit digital und Kompetenz einsetzen).
Jugendliche finden immer Umwege, wenn sie denn wollen. Aber wie bei anderen Suchtmitteln auch: Je später der Kontakt, desto besser. Vom daher verbieten und natürlich Aufklärung, wie bei allen Suchtmitteln sonst auch. Alles laufen lassen und an Eltern appellieren, wird es nicht besser machen und ein Stündchen Medienkunde in Klasse 5 macht keinen kompetent. Von daher sollte eine Regulierung her, mit Altersgrenze, mit empfindlichen Strafen für die Anbieter und oben drauf kann man dann mit den Kindern arbeiten. Bei Eltern mache ich mir wenig Hoffnung, die interessierten brauchen idR keine Beratung, die anderen kommen nicht zur Beratung oder erst, wenn es total eskaliert, die Leistungen absacken, zu Hause permanent der Haussegen schief hängt usw. Vorher tauchen die leider nicht auf. Zudem kann man ja nur freundlich appellieren und nur sehr selten wirklich intervenieren. Problem hier: Handy ist legal und um legale Suchtmittel wird sich nicht gekümmert oder eine Sucht fällt erst viel später auf. Und es ist nicht so verpönt, weil ja egal und gesellschaftlich anerkannt. Leberschäden bekommt man auch nicht und die Nachbarn gucken auch nicht schräg, bekommt ja niemand mit. Ein weiter so wie jetzt, wird Probleme verschärfen, noch mehr Kinder in psychisches Leid stürzen,ehr Süchtige produzieren,ehr Vereinsamung verursachen und Verarmung der sozialen Kompetenzen. Ich weiß nicht, wie weit das alles gehen muss, damit mal radikale Konsequenzen zum Schutz der Kinder gezogen werden. Was social Media auslöst, ist den Konzernen ja gut bekannt. Um Profit, auf dem Rücken der Kinder zu machen, wird jedoch nichts unternommen. Da wird schon irgendwo eine Lobby sitzen die ihre Felle davon schwimmen sieht, wenn Verbote tatsächlich angegangen werden würden. Also mal besser intervenieren und auf freundliche Appelle setzen.
” Social Media”. Es ist nicht klar ist was gemeint ist, jede Form von sozialem Austausch im Internet?
Ist es nicht vielmehr so, dass das Internet an sich, generell nicht für Kinder geeignet und gedacht ist, weil Massen frei zugänglicher Webseiten eben nicht für Kinder gedacht sind ? Das schrägste 18+ Zeug und illegales ist auf den großen Plattformen ohnehin verboten und wird umgehend gelöscht.
Außerdem, was Kinder besonders lockt ist das zocken. Das gilt wohl nicht als Social Media, ist aber die klassische Kinderdroge.
Kurz gesagt, der ” Social Media ” Verbotsansatz greift einerseits viel zu kurz, andererseits ginge eine KYC Verifikation ähnlich wie bei Banken viel zu weit.
Es geht kein Weg daran vorbei, Eltern sind die regulierende Instanz, oder sie sind es eben nicht. Was es brächte sind klare politische Ansagen, die fehlen aber, vermutlich weil der Schutz von Unternehmensinteressen den Kinderschutz aussticht.
Es ist wie bei allen anderen legalen Drogen, wie Alkohol, Nikotin oder Gras. Einige werden das Verbot umgehen, aber viele halten sich daran. Das Verbot schärft das Bewusstsein für die Gefahren. Da können wir Eltern und Lehrer ansonsten 1000mal erklären und diskutieren.
Ich bin für ein Verbot der asozialen Medien für unter 18-jährige und die Hersteller/Anbieter/Plattformen müssen dafür zuständig und auch haftbar sein, dass das Verbot auch eingehalten wird. Dann werden diese Unternehmen entsprechende technische Möglichkeiten finden.