MÜNCHEN. Das Bildungssystem in Deutschland hat massive Probleme – ein Drittel der Schülerinnen und Schüler fehlen die Grundlagen. Und was tun die dafür verantwortlichen Kultusministerinnen und Kultusminister? Beschließen eine Reform der Reform der Bundesjugendspiele, beschäftigen sich also mit einer zum Kulturkampf aufgeblasenen Nebensächlichkeit. Die Pointe: Nicht mal die bekommen sie geregelt, ohne Chaos zu veranstalten. Insbesondere die CDU macht sich dabei lächerlich (einschließlich des heutigen Kanzlers), wie eine Chronologie der Ereignisse zeigt.

März 2021
Der Ausschuss für die Bundesjugendspiele und die Kommission Sport der Kultusministerkonferenz (KMK) beschließen eine grundlegende Neuausrichtung der Bundesjugendspiele in den Grundschulen. Ziel ist es, dem bereits seit 2001 bestehenden Format des „Wettbewerbs“ künftig deutlich mehr Gewicht zu geben und die Bundesjugendspiele stärker an modernen sportpädagogischen Konzepten auszurichten.
In mehreren unionsgeführten Ländern stehen die Kultusressorts zu diesem Zeitpunkt unter Leitung von CDU-Politikern, darunter Alexander Lorz (Hessen), Karin Prien (Schleswig-Holstein), Christian Piwarz (Sachsen), Marco Tullner (Sachsen-Anhalt) und Susanne Eisenmann (Baden-Württemberg).
Die Reform entsteht nicht gegen den organisierten Sport, sondern gemeinsam mit ihm. Im Ausschuss für die Bundesjugendspiele sind Vertreter des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und der Deutschen Sportjugend (dsj) beteiligt. Die Sportverbände unterstützen die Neuausrichtung ausdrücklich und begründen sie mit einer stärkeren Orientierung an kindgerechten und entwicklungsangemessenen Bewegungsformen.
Die Entscheidung sieht vor, dass ab dem Schuljahr 2023/24 in den Klassen 1 bis 4 die Bundesjugendspiele in den Sportarten Leichtathletik und Schwimmen nur noch als „Wettbewerb“ durchgeführt werden. Der klassische Wettkampf mit bundesweit einheitlichen Punktetabellen, exakter Zeit- und Weitenmessung sowie direkter Vergleichbarkeit der Leistungen ist dort nicht mehr vorgesehen. Im Gerätturnen bleiben Wettkampf und Wettbewerb weiterhin möglich; ab Klasse 5 ändert sich nichts.
Nach Darstellung der Befürworter sollen dadurch Bewegungsfreude, Fairness, Teamfähigkeit und soziale Kompetenzen stärker in den Mittelpunkt rücken. Leistung wird weiterhin bewertet, allerdings in stärker altersgerechten Formen, etwa durch Leistungszonen statt Zentimeter- oder Sekundenmessungen.
Sommer 2023 – kurz vor Inkrafttreten der Reform
Die AfD macht die Reform der Bundesjugendspiele zum Kulturkampfthema. In mehreren Landtagsfraktionen, unter anderem in Baden-Württemberg und Hessen, wird die Reform im Juli und August scharf kritisiert. Die AfD spricht von „Gleichmacherei“ und fordert eine Rückkehr zum Leistungsprinzip. Einzelne AfD-Politiker verbinden die Debatte ausdrücklich mit grundsätzlichen Fragen von Leistung, Wettbewerb und Erziehung.
Am 12. September 2023 stellt die AfD-Bundestagsfraktion eine Kleine Anfrage zur Reform der Bundesjugendspiele. Darin fragt sie nach der Zukunft der Spiele als „individuelles, gesellschaftliches und leistungsorientiertes Sportereignis“ und kritisiert den neuen Modus als „leistungskollektivierenden Wettbewerb“.
September 2023
Nach Beginn des Schuljahres und damit nach Inkrafttreten der Reform kündigt der hessische Kultusminister Armin Schwarz (CDU) in einer Regierungserklärung im Wiesbadener Landtag an, Hessen werde in den Schulen von der dritten Klasse an weiterhin Wettkämpfe mit klaren Platzierungen ermöglichen.
„Sport steht für Fairness, Teamgeist und den Mut, sich anzustrengen – Werte, die unsere Gesellschaft so dringend braucht. Gerade beim Sport lernen junge Menschen, sich über Siege zu freuen, Niederlagen auch zu verkraften – auch das gehört zum Leben dazu –, Respekt zu zeigen und sich immer neue Ziele zu setzen“, sagt Schwarz.
Dass die Reform während der Amtszeit seines Parteifreundes und Vorgängers Alexander Lorz in den zuständigen KMK-Gremien beschlossen wurde, erwähnt Schwarz nicht.
Baden-Württembergs damaliger Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hält die Debatte über die Reform der Bundesjugendspiele für überzogen. Er sagt: „Ich bin ein scharfer Gegner davon, dass wir dauernd solch banale Sachfragen zu Kulturkämpfen hochjazzen.“
März bis September 2024
Am 12. März 2024 bringt die AfD den Antrag „Zurück zum Wettkampfcharakter bei den Bundesjugendspielen für die Grundschulklassen“ (Bundestagsdrucksache 20/10614) ein. Darin fordert sie die Bundesregierung auf, sich für die Rückkehr der Wettkampfform in Leichtathletik, Schwimmen und Turnen an Grundschulen einzusetzen.
Die AfD begründet dies ausdrücklich mit dem Leistungsprinzip. In der Antragsbegründung heißt es unter anderem, Wettkämpfe seien für Kinder positiv, Leistungsvergleiche schafften Anreize, und „im Sport sei Leistung ein zentrales Prinzip“.
Am 25. September 2024 berät der Sportausschuss des Bundestages über den Antrag. Die CDU/CSU-Fraktion stimmt gemeinsam mit SPD, Grünen, FDP und der Gruppe Die Linke für dessen Ablehnung. Die AfD bleibt mit ihrem Vorstoß allein.
Im Ausschussbericht erklärt die CDU/CSU-Fraktion, das Ziel des Antrags – die Weiterverfolgung des Leistungsgedankens – sei grundsätzlich legitim. Die Reform solle jedoch zunächst die Chance erhalten, sich zu bewähren. Deshalb komme der Antrag „zur Unzeit“. Zugleich räumt die Fraktion ein, dass bei ihr „gewisse Zweifel“ an der Reform bestünden.
Januar 2025
CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz macht die Bundesjugendspiele zum Wahlkampfthema. Beim Neujahrsempfang der CDU Baden-Württemberg in Künzelsau kündigt er an, als Bundeskanzler die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder zu bitten, an allen Schulen wieder Bundesjugendspiele zu veranstalten. „Und zwar nicht nur mit Teilnehmerurkunden, sondern mit Siegerurkunden“, sagt Merz.
Mit Blick auf das Abschneiden Deutschlands bei den Olympischen Spielen erklärt er weiter: „Wenn die Bundesjugendspiele nur noch Teilnehmerurkunden ausstellen, dann kriegen wir demnächst auch auf Olympiaden nur noch Teilnehmerurkunden.“
Tatsächlich wurden die Bundesjugendspiele weder abgeschafft noch auf Teilnehmerurkunden beschränkt. Auch nach der Reform wurden weiterhin Sieger- und Ehrenurkunden vergeben. Dass der Beschluss zur Reform 2021 unter Mitwirkung der unionsgeführten Bundesländer zustande gekommen war, erwähnt Merz mit keinem Wort.
Juni 2026
Die KMK-Bildungsministerkonferenz beschließt – ohne Evaluation der bisherigen Ergebnisse – eine Reform der Reform. Künftig sind in den betreffenden Klassenstufen zwei Austragungsformen zulässig: Wettbewerb und Wettkampf.
Die Präsidentin der Bildungsministerkonferenz, Bayerns Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler), betont die Wahlfreiheit der Schulen. Diese könnten selbst entscheiden, ob Leistungen wieder durch exakte Zeit- und Weitenmessungen oder weiterhin in Leistungszonen bewertet werden.
Wenige Stunden später erklärt Baden-Württemberg etwas anderes. Kultusminister Andreas Jung (CDU) kündigt an, die Bundesjugendspiele wieder „stärker leistungsorientiert“ auszurichten. Kinder sollen in der Leichtathletik ab Klasse 3 wieder den klassischen Dreikampf aus Sprint, Weitsprung und Schlagball absolvieren und nach einem landesweit einheitlichen Punktesystem bewertet werden. Ob und in welchem Umfang die Vorgaben für die Schulen verbindlich sind, sei noch offen, erklärt ein Ministeriumssprecher. News4teachers
Wie sich die CDU mit Kulturkampf um die Bundesjugendspiele lächerlich macht
Vor einigen Jahrzehnten gab es schon komplexe Alternativen zu diesen altbackenen Spielen, die lediglich öde Wettkämpfe sind.
Insbesondere an Schulen mit Schwerpunkt Bewegung gibt es dementsprechend längst herausforderndere Spiele, die wesentlich mehr bieten als das einseitige „schneller, höher, weiter“.
Vielleicht sollte ich meine für gut befundene Examensarbeit darüber doch noch veröffentlichen, scheint leider Bedarf zu geben.
Ist halt wie immer Ansichtssache, ob man Schulen und Lehrkräften zutraut solche Dinge selber entscheiden zu können oder nicht.
Find ich jetzt auch ok. Da wurden uns schon deutlich schwierigere Entscheidungen zugewiesen (eigenlich alles, wo die „Gesellschaft“ keinen Bock drauf hat). Wir haben am Format der Bundesjugendspiele eh nie was geändert, also bleibt alles beim Alten.
Also schnell den „Kulturkampfschaum“ vom Mund wischen und weiterarbeiten.
Bildwahl verursacht mir Rückenschmerz nur vom Anschauen…