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Ist den Deutschen Bildung nicht mehr so wichtig? Was PISA über die (gesunkenen) Ansprüche von Eltern und Jugendlichen verrät

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MÜNCHEN. Wie wichtig sind deutschen Eltern schulische Leistungen noch? Die neue PISA-Studie zeigt: Jugendliche hierzulande berichten von weniger familiärer Unterstützung und deutlich geringeren elterlichen Erwartungen an einen Hochschulabschluss als Gleichaltrige im OECD-Durchschnitt. Eine Recherche der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung liefert weitere Hinweise darauf, dass der Bildungsehrgeiz nachgelassen haben könnte – bei Eltern wie bei Jugendlichen. Dahinter steckt womöglich ausgerechnet eine positive gesellschaftliche Entwicklung: die über Jahre gesunkene Arbeitslosigkeit.

Bildungsaspiration. Karikatur: News4teachers

Es ist ein Elternabend in der ersten Klasse, zweites Halbjahr. Die Lehrerin erklärt, wie sie den Kindern das Rechnen mit Ergebnissen über zehn beibringt. Einige Eltern melden sich zu Wort. Muss das wirklich so ausführlich sein? Und könnte es nicht weniger Hausaufgaben geben?

Mit dieser Begebenheit beginnt eine Recherche der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.), die eine grundsätzliche Frage aufwirft: Hat der Bildungsehrgeiz in Deutschland nachgelassen? Die Autoren Patrick Bernau und Alexander Wulfers beschreiben eine gesellschaftliche Entwicklung: Eltern scheinen bei der Schulwahl andere Maßstäbe anzulegen, Jugendliche berichten von geringerer Anstrengungsbereitschaft – und der Wunsch nach möglichst hohen Bildungsabschlüssen ist in Deutschland im internationalen Vergleich auffallend schwach ausgeprägt.

Die F.A.S. hat dafür Daten aus den Begleitbefragungen der PISA-Studien mit weiteren gesellschaftlichen Entwicklungen verglichen. Ihre zugespitzte These lautet: Bildung sei den Deutschen inzwischen weniger wichtig als früher. Besonders interessant wird diese Diagnose durch einen Teil des neuen deutschen PISA-Berichts, der in der öffentlichen Diskussion bislang kaum eine Rolle gespielt hat: Kapitel 13 untersucht die häuslichen Lernumgebungen von 15-Jährigen. Die Ergebnisse liefern zusätzliche Hinweise darauf, dass die Erwartungen an schulische Bildung in Deutschland vergleichsweise niedrig ausfallen.

Deutsche Jugendliche nehmen deutlich geringere Bildungserwartungen ihrer Eltern wahr

Besonders auffällig ist der internationale Vergleich der elterlichen Bildungsaspirationen. Nur elf Prozent der Jugendlichen in Deutschland geben an, dass ihre Eltern von ihnen einen Hochschulabschluss oder einen höheren Abschluss erwarten. Im OECD-Durchschnitt liegt dieser Anteil bei 51 Prozent. Auch gegenüber sämtlichen ausgewählten Vergleichsstaaten liegt Deutschland deutlich zurück.

Dafür werden niedrigere Bildungsabschlüsse hierzulande häufiger als elterliches Bildungsziel wahrgenommen. 35 Prozent der Jugendlichen in Deutschland geben an, ihre Eltern erwarteten einen Abschluss der Sekundarstufe I. Im OECD-Durchschnitt sind es sieben Prozent. Einen Abschluss der Sekundarstufe II bis hin zu einer kurzen tertiären Ausbildung nennen 54 Prozent in Deutschland, gegenüber 42 Prozent im OECD-Durchschnitt.

Zwar unterscheiden sich die Bildungssysteme. In Deutschland führen berufliche Ausbildungen und andere Qualifizierungswege zu anerkannten Abschlüssen und beruflichen Perspektiven, ohne dass dafür ein Hochschulstudium erforderlich wäre. Eine geringere Hochschulaspiration ist deshalb nicht ohne Weiteres mit geringem Bildungsinteresse gleichzusetzen. Allerdings gibt es weitere Indizien.

Auch bei der familiären Unterstützung liegt Deutschland unter dem OECD-Durchschnitt

So fragt PISA auch danach, wie Jugendliche die Unterstützung durch ihre Familie erleben. 53 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland berichten, dass Eltern oder andere Familienangehörige mindestens einmal wöchentlich mit ihnen darüber sprechen, wie gut sie in der Schule zurechtkommen. Auf dem Gesamtindex zur familiären Unterstützung erreicht Deutschland einen Wert von minus 0,27. Der OECD-Durchschnitt liegt bei minus 0,19, der EU-Durchschnitt bei minus 0,15. Die Unterschiede sind statistisch signifikant. In Estland, den Niederlanden und Österreich fällt die wahrgenommene familiäre Unterstützung günstiger aus als in Deutschland. Frankreich liegt dagegen darunter.

Der Index umfasst mehr als das Gespräch über schulische Leistungen. Er berücksichtigt verschiedene Formen familiärer Zuwendung und Unterstützung, wie sie von den Jugendlichen wahrgenommen werden. Er ist deshalb nicht unmittelbar mit der Zahl der Elterngespräche oder der Hilfe bei Hausaufgaben gleichzusetzen. Der Vergleich mit den Daten der F.A.S. ist aber aufschlussreich. Nach deren Auswertung hat sich der Anteil der Eltern, die von sich aus das Gespräch mit der Schule suchen, in Deutschland innerhalb von zehn Jahren von 53 auf 44 Prozent verringert. Die Initiative zum Austausch mit Lehrkräften geht demnach seltener von den Familien selbst aus.

Auch die Schulwahl folgt offenbar veränderten Prioritäten. Der gute Ruf einer Schule war nach der F.A.S.-Auswertung 2012 für 41,4 Prozent der Eltern ein besonders wichtiges Kriterium, 2025 waren es nur noch 33,9 Prozent. Auch die Leistungen einer Schule haben bei der Schulwahl an Bedeutung verloren: 2012 waren herausragende schulische Ergebnisse noch für 27,2 Prozent der Eltern ein besonders wichtiges Auswahlkriterium, 2025 nur noch für 17,8 Prozent. Dagegen stieg der Anteil derjenigen, für die ein kurzer Schulweg besonders wichtig ist, von 17,3 auf 23,2 Prozent.

Auch die Jugendlichen berichten von geringerer Anstrengungsbereitschaft

Die Entwicklung beschränkt sich offenbar nicht auf die Eltern. Es zeigen sich auch Veränderungen in den Einstellungen der Schülerinnen und Schüler zwischen den jüngsten PISA-Erhebungen. Nach Angaben der F.A.S. ist zwischen 2022 und 2025 der Anteil der Jugendlichen, die sich bei schwierigen Aufgaben besonders anstrengen, um 7,9 Prozentpunkte zurückgegangen. Zugleich nahm der Anteil derjenigen, die Schule als Zeitverschwendung betrachten, um vier Prozentpunkte zu.

Einen weiteren Hinweis liefert die Einstellung zur Bedeutung mathematischer Kenntnisse für das Berufsleben. Dass Mathematik für eine gute Arbeitsstelle wichtig ist, findet weiterhin breite Zustimmung. Verändert hat sich jedoch die Stärke dieser Zustimmung. Nach der F.A.S.-Auswertung stimmten 2012 noch 57,1 Prozent der Jugendlichen dieser Aussage uneingeschränkt zu. 2022 waren es 37,8 Prozent. Zugleich wuchs der Anteil derjenigen, die lediglich zustimmten. Die grundsätzliche Bedeutung mathematischer Kenntnisse wird also weiterhin anerkannt, aber weniger nachdrücklich betont.

Auch das ist kein Beweis für allgemeine Bildungsverdrossenheit. Es deutet jedoch auf eine Verschiebung der Einstellungen hin, die mit den Veränderungen bei den elterlichen Erwartungen zusammenpasst. Woher könnte diese Entwicklung kommen?

Warum gute Arbeitsmarktchancen den Bildungsanspruch verändern könnten

Die F.A.S. diskutiert dafür eine Erklärung, die zunächst überraschend wirkt: Gerade die verbesserten beruflichen Perspektiven könnten dazu beigetragen haben, dass schulische Höchstleistungen weniger dringlich erscheinen.

In den 2000er-Jahren war der deutsche Arbeitsmarkt noch stark von Massenarbeitslosigkeit geprägt. Seit Beginn der 2010er-Jahre verbesserten sich die Beschäftigungschancen deutlich. Nach den von der F.A.S. zusammengestellten Eurostat-Daten sank die Jugendarbeitslosigkeit über einen längeren Zeitraum erheblich, auch wenn sie zuletzt wieder anstieg. Wenn junge Menschen und ihre Eltern davon ausgehen können, dass sich berufliche Möglichkeiten auch ohne außergewöhnlich gute Schulnoten eröffnen, könnte das die Anreize verändern, besonders viel Zeit und Energie in schulische Leistungen zu investieren.

Der Bildungsökonom Prof. Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut vermutet, dass auch im traditionell bildungsorientierten Bürgertum die Bereitschaft nachgelassen hat, von Kindern hohe schulische Leistungen einzufordern. Allerdings sei ein solcher Einstellungswandel schwer zu erfassen. „Wer sagt schon: Bildung ist mir nicht wichtig?“, fragt er in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Wößmann unterscheidet dabei zwischen dem Wunsch nach einem formalen Bildungsabschluss und dem Interesse an den tatsächlich erworbenen Kenntnissen. „Den Leuten ist vielleicht noch wichtig, dass das Kind aufs Gymnasium geht, eine gute Note hat, ein Abitur macht, aber ob dann wirklich Bildung dahintersteckt, also dass man wirklich was gelernt hat, gar nicht unbedingt.“

Auch die Bildungswissenschaftlerin Prof. Anne Sliwka von der Universität Heidelberg beobachtet ein nachlassendes schulisches Engagement. Als einen möglichen Grund nennt sie die wachsende Zahl von Ablenkungsmöglichkeiten. „Meinen Studenten sage ich immer: Ihr habt das Problem der Reizüberflutung. Ich hatte früher das gegenteilige Problem, nämlich Langeweile.“

Daneben hält Sliwka veränderte Arbeitsmarktbedingungen als Erklärung für geringere Bildungsanstrengungen für denkbar. Die These sei zwar kaum abschließend zu überprüfen, aber „sehr plausibel“.

Die F.A.S. verweist noch auf einen weiteren Wandel: den Zugang zum Hochschulstudium. Nach Angaben des Centrums für Hochschulentwicklung, die die Zeitung anführt, sind im aktuellen Wintersemester mehr als 70 Prozent der Bachelorstudiengänge zulassungsfrei. Vor zehn Jahren war dagegen noch etwa jeder zweite Bachelorstudiengang zulassungsbeschränkt. Auch das könnte die Wahrnehmung verändert haben, wie wichtig besonders gute schulische Leistungen für den weiteren Bildungsweg sind: Wer davon ausgeht, dass ein Studienplatz auch mit durchschnittlichen Noten erreichbar ist, sieht möglicherweise weniger Anlass, sich für einen möglichst guten Abiturdurchschnitt besonders anzustrengen. News4teachers 

Hier lässt sich der komplette PISA-Bericht für Deutschland gratis herunterladen. 

PISA-Chef Schleicher: „Das deutsche Bildungssystem ist ambitionslos geworden“

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