PARIS. Nach wochenlangen Schüler- und Studierendenprotesten reagiert die französische Regierung mit einem umfangreichen bildungspolitischen Maßnahmenpaket. Das umstrittene Hochschulzulassungssystem Parcoursup soll grundlegend verändert und bis 2028 möglicherweise ersetzt werden. Außerdem sind 15.000 zusätzliche Ausbildungs- und Studienplätze sowie Milliardenhilfen für die Sanierung von Schulen und Hochschulen vorgesehen. Grundlage der Reformpläne ist auch eine landesweite Befragung, bei der Jugendliche mehr als 100.000 Beiträge zu ihren Problemen und Erwartungen eingereicht haben. Konkrete Entscheidungen sollen zeitnah bekannt gegeben werden.

Frankreichs Regierung stellt nach den anhaltenden Schülerprotesten weitreichende Veränderungen im Bildungswesen in Aussicht. Wie die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Regierungskreise berichtet, soll zunächst das Hochschulzulassungssystem Parcoursup transparenter werden. Für 2027 sind erste Änderungen geplant, bis 2028 könnte die Plattform durch ein neues Verfahren ersetzt werden. Eine umfassende Neugestaltung dürfte auch gesetzliche Änderungen erfordern.
Über Parcoursup bewerben sich französische Abiturientinnen und Abiturienten um Studienplätze. Das System steht seit Jahren in der Kritik, weil die Auswahlkriterien der Hochschulen teilweise undurchsichtig sind, das Verfahren soziale Ungleichheiten verstärken kann und viele Jugendliche lange auf Entscheidungen warten müssen. Die Abschaffung von Parcoursup gehört zu den zentralen Forderungen der Protestbewegung.
Darüber hinaus plant die Regierung nach Informationen der französischen Zeitung Le Monde 15.000 zusätzliche Plätze in der Hochschulbildung. Davon sollen 10.000 auf berufsorientierte BTS-Ausbildungsgänge, 4.000 auf technische Hochschulinstitute und 1.000 auf Gesundheitsstudiengänge entfallen. Auch die Studienbeihilfen sollen künftig an die Inflation angepasst werden.
Für die Sanierung von Schul- und Hochschulgebäuden sind insgesamt fünf Milliarden Euro vorgesehen. Nach Informationen von Le Parisien sollen davon vier Milliarden Euro als staatliche Darlehen an die Regionen fließen, die für die Gebäude der Lycées zuständig sind. Eine weitere Milliarde Euro ist für Hochschulen geplant. Damit reagiert die Regierung auch auf Beschwerden über den baulichen Zustand zahlreicher Bildungseinrichtungen.
Im Gespräch sind außerdem kleinere Klassen und zusätzliche Lehrkräftestellen. So soll nach französischen Medienberichten die Zahl der Schülerinnen und Schüler in den Eingangsklassen besonders benachteiligter Lycées auf höchstens 28 begrenzt werden. Zudem berichtet Le Parisien, dass ein geplanter Abbau von 800 Stellen zurückgenommen und 1.900 zusätzliche Stellen geschaffen werden sollen. Diese Einzelheiten waren zunächst noch nicht abschließend offiziell bestätigt.
Die Reformpläne stützen sich auch auf eine landesweite Befragung von Schülerinnen und Schülern. Über die staatliche Beteiligungsplattform Agora konnten Jugendliche vom 5. bis zum 23. Oktober anonym schildern, welche Schwierigkeiten sie an ihren Schulen erleben und welche Veränderungen sie sich wünschen. Nach Angaben des französischen Bildungsministeriums gingen mehr als 100.000 Beiträge ein. Bereits am ersten Tag waren es laut Le Monde rund 40.000 gewesen.
Die Regierung will die Ergebnisse gemeinsam mit Rückmeldungen aus Gesprächen mit Schülervertretungen auswerten. Premierminister Sébastien Lecornu hatte die Ministerien bereits Anfang Oktober beauftragt, Vorschläge gegen Unterrichtsausfall, für bessere Schulgebäude und eine veränderte Organisation des Schultags zu entwickeln. Auch die Studienplatzvergabe und die Mitbestimmung der Jugendlichen gehören zu den Reformfeldern. Eine detaillierte öffentliche Auswertung der eingegangenen Beiträge liegt bislang nicht vor.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte am vergangenen Freitag erstmals Vertreter der Schülerproteste im Élysée-Palast empfangen und weitreichende Veränderungen angekündigt. Die Jugendlichen hatten bessere Lernbedingungen, zusätzliche Investitionen und eine Reform der Studienplatzvergabe verlangt. Die Proteste hatten sich in den vergangenen Wochen zudem mit Demonstrationen gegen hohe Lebenshaltungskosten verbunden und waren teilweise von schweren Ausschreitungen begleitet worden.
Die Regierung will nun konkrete Entscheidungen samt Finanzierung und Zeitplan bekannt geben. Ob sie damit die Forderungen der Jugendlichen erfüllt und die Protestbewegung beruhigen kann, bleibt offen. News4teachers
Schülerproteste: Wie rechte Politiker die Ausschreitungen für Hetze gegen Migranten nutzen