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Amok-Alarm in Memmingen: War Liebeskummer das Motiv?

MEMMINGEN. Der Schreck sitzt tief. Nach dem Amok-Alarm an einer Schule in Memmingen ringen Schüler, Lehrer und Eltern um Normalität. Und alle beschäftigt die Frage, was den 14-Jährigen dazu getrieben hat, mit Pistolen seines Vaters um sich zu feuern. Möglicherweise war Liebeskummer das Motiv: „Er hatte mit seiner 13-jährigen Freundin Streit und die Beziehung wurde beendet“, sagte ein Polizeisprecher gegenüber der „Bild“-Zeitung. Das Paar habe sich etwa einen Tag vor Pauls Durchdrehen getrennt.

Die Lindenschule in Memmingen ist eine Grund- und Hauptschule. Foto: TV Memmingen

Die Lindenschule in Memmingen ist eine Grund- und Hauptschule. Foto: TV Memmingen

Auf dem Schulhof herrscht Ruhe. Dort, wo am Vortag große Aufregung herrschte, flattert ein rot-weißes Absperrband. Am Vortag hatte ein 14-Jähriger hier mit den Waffen seines Vaters die Schüler und Lehrer in Angst und Schrecken versetzt. Später hielt er die Polizei auf einem Sportplatz mehrere Stunden lang mit Schüssen auf Distanz.

Amok-Alarm an der Lindenschule! Ein Alptraum, für Jugendliche, Lehrer und Eltern. Rektor Franz Michael Schneider ist am Tag danach immer noch schockiert – aber zugleich erleichtert und dankbar, dass niemand verletzt wurde. Nach den Tränen, der Angst und den Schrecken wünscht er sich für seine Schüler nur noch eins: Ruhe und Sicherheit. «Es ist uns sehr wichtig, dass möglichst bald wieder Normalität in die Schule einziehen kann», sagt der Pädagoge.

Doch an normalen Unterricht ist vorerst nicht zu denken. Die Kinder, die in die Schule gekommen sind, müssen das Erlebte erst mal verarbeiten, auch wenn nur wenige dem Mitschüler mit den scharfen Waffen in der Hand begegnet sind. «Es ist kein normaler Unterricht, wir können nicht sagen, wir gehen zum Tagesablauf über und machen wieder Mathematik», erklärt die Unterallgäuer Schulamtsdirektorin Elisabeth Fuß. Stattdessen heißt es vor allem für die Pädagogen, aber auch die Krisenhelfer zuhören und trösten.

Von Amoklauf will der Rektor nichts hören

Schulrektor Schneider trifft das Ereignis besonders hart. Rund 300 Kinder besuchen seine Mittelschule, von der fünften bis zur zehnten Klasse. Klein, aber fein, so präsentiert sich die Schule auf ihrer Internet-Seite. Dank zahlreicher Projekte soll hier keiner auf der Strecke bleiben und die Schule ohne Abschluss und Berufsperspektive verlassen. «Natürlich ist große Betroffenheit da, dass so etwas an meiner geliebten Schule passiert», sagt Schneider.

Man merkt Schneider die Sorge um seine Einrichtung an. Dort soll der gute Ton zum Alltag gehören. Zwei Sozialpädagogen kümmern sich um die Jugendlichen, es gibt Streitschlichter und ein spezielles Training für Sozialkompetenz.

Dass dann doch ein Schüler mit Waffen auf den Schulhof marschiert, macht die Menschen in der 40.000-Einwohner-Stadt ratlos. «Es ist sicher nicht dieser übliche Amoklauf», mutmaßt Oberbürgermeister Ivo Holzinger. «Im Grunde genommen war das eine Kurzschlusshandlung eines Jugendlichen», glaubt der Oberbürgermeister. Auch Rektor Schneider hätte dies dem 14-Jährigen nicht zugetraut. Er beschreibt ihn als unauffälligen, normalen Jugendlichen. «Er war kein Außenseiter.» Auch zur Mutter hielt die Schule guten Kontakt.

Schneider will den Schülern, die die Bedrohung erlebt haben,  Sicherheit geben, Gerüchten entgegenwirken und die Eltern über alles informieren. Das Wort Amoklauf will er nicht hören. «Es war ein Schüler, der mit einer Waffe einen Schuss abgegeben hat und dann das Schulhaus verlassen hat», sagt er. Er will die Jugendlichen vor neuer Aufregung bewahren. Während vor dem Schulhof Journalisten mit Mikrofonen und Fernsehkameras warten, schickt er seine Schüler zum Hinterausgang hinaus.

Eines hat der Vorfall allerdings gezeigt, da sind sich alle Beteiligten einig: Polizei, Schule und Eltern haben sehr gut zusammengearbeitet. In der Schule wie auf dem Sportplatz. Dorthin war der Jugendliche mit seinen Waffen geflüchtet, hatte Polizeiautos angeschossen und die Waffe auch auf seinen Kopf gerichtet, bevor ihn die Polizisten zur Aufgabe überreden konnten. «Man hat mit ihm gesprochen und versucht, ihm seine Lage zu erläutern», erzählt Thomas Ritter von der Polizei Kempten. Irgendwann habe er dann die Waffen niedergelegt und sich ergeben.

Das Motiv des Achtklässlers blieb unklar. Er wurde dem Haftrichter vorgeführt. Dort habe der Schüler von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, hieß es. Er habe sich mit seinem Anwalt beraten und entschieden, zu den Vorwürfen zu schweigen. Gegen den Jungen erging ein sogenannter Unterbringungsbefehl: Der Schüler wird in einer jugendpsychiatrischen Einrichtung betreut.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Waffendelikten, Nötigung, Sachbeschädigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Für den Versuch von Körperverletzung oder gar Totschlag gebe es noch zu wenig Anhaltspunkte, hieß es. Hier müssten erst die Aussagen der Schüler, Lehrer und Beamten abgewartet werden. Experten wollten zudem die Munition und die Einschüsse untersuchen. Zu Gerüchten, wonach der Schüler einen Lehrer mit einer Waffe bedroht habe, wollte sich der Sprecher nicht äußern.

Bis alle Details geklärt sind, wird es noch dauern, denn viele Schüler könnten noch keine Aussage machen. «Das wird sich noch mehrere Wochen hinziehen», sagte der Memminger Staatsanwalt Johann Kreuzpointner. CORDULA DIECKMANN und BIRGIT KLINKE, dpa
(23.5.2012, aktualisiert am 24.5.2012)

 

 

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