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PCB im Blut von Lehrern einer angeblich kaum belasteten Schule

NEUSS (Mit Leserkommentar). In einer Grundschule im rheinischen Neuss wurden vor elf Jahren erhöhte PCB-Werte gemessen und “mittelfristig” eine Sanierung empfohlen. Das Gutachten geriet offenbar in Vergessenheit; die Sanierung blieb aus. Jetzt wurde das Blut der dort beschäftigten Lehrer auf Spuren des Giftes untersucht. Ergebnis: positiv.

Das Umweltgift PCB lauert in Schulgebäuden aus den 70-er und 80-er Jahren - wie hier in Neuss. Foto: Priboschek

Das Umweltgift PCB lauert in Schulgebäuden aus den 70-er und 80-er Jahren - wie hier in Neuss. Foto: Priboschek

„PCB-Entwarnung für Schule“, so überschrieb die örtliche Lokalzeitung ihren jüngsten Bericht. Ein von der Stadt beauftragter Gutachter sei nämlich zu dem Ergebnis gekommen, dass sich „von den zwölf auf PCB-Belastung untersuchten Beschäftigten an der Dreikönigenschule niemand ernste Sorgen um seine Gesundheit machen“ müsse. Wirklich nicht? Die vom Hygiene-Institut des Ruhrgebiets gemessenen und von dem Blatt veröffentlichten Werte werden die Betroffenen kaum beruhigen: Zwar hätten bei keiner der untersuchten Personen die PCB-Spuren den Grenzwert von sieben Mikrogramm pro Liter Blut überschritten; die Werte lägen zwischen 0,504 Mikrogramm/l und – im Extremfall – 4,224 Mikrogramm/l. Das sind in der Spitze aber immerhin fast zwei Drittel der Belastung, die als kritisch gilt. Gleichwohl sieht der Gutachter offenbar keine Notwendigkeit, die Schule jetzt umgehend zu sanieren. Die Zeitung zitiert ihn, dass sich die PCB-Konzentration in der Raumluft durch Lüften drastisch senken lasse: „Das ist die am schnellsten wirksame Maßnahme.“

Der Stadtverwaltung dürfte die Einschätzung des Gutachters gefallen haben. Der Technische Leiter beim Gebäudemanagement der Stadt machte jedenfalls gegenüber der „Neuss-Grevenbroicher Zeitung“ deutlich, welch gewaltiger Aufwand mit PCB-Sanierungen verbunden sei. Denn PCB-Baustellen unterlägen ganz besonderen, strengen Regeln. Sie seien zum Beispiel nicht offen begehbar, es müsse in Schutzkleidung gearbeitet werden, möglicherweise ebenfalls verunreinigte Bauteile, Möbel, Beschichtungen müssten mit entsorgt werden. Außerdem sei gerade die PCB-Sanierung eines benachbarten Gymnasiums angelaufen, und die dauere bis 2014. Bis dahin benötige das Gymnasium jeden freien Platz für seine provisorischen Unterkünfte. Die unausgesprochene Botschaft: Vorher ist an eine Sanierung der Dreikönigenschule nicht zu denken.

Lehrerin: Situation fast unerträglich

Bei den Betroffenen stößt der Umgang der Verwaltung mit dem Problem auf Empörung. Eine Lehrerin, die seit fast 40 Jahren an der Schule arbeitet, betonte gegenüber der „Neuss-Grevenbroicher Zeitung“, dass sie mit einem Spitzenwert bei der PCB-Belastung leben müsse – „wahrscheinlich, weil ich von allen im Kollegium am längsten an der Schule bin“. Die Situation an der Schule sei für sie fast unerträglich geworden. Zum einen wegen der Sorge um die eigene Gesundheit, zum anderen „weil mir die Kinder am Herzen liegen“. Sie würde am liebsten möglichst schnell heraus aus dem alten Schulgebäude.

In Deutschland sind Polychlorierte Biphenyle, kurz PCB genannt, seit 23 Jahren verboten. Die giftige Chlorverbindung wurde vor allem in den 70-er Jahren im Bau verwendet. Das Gift steckt einem Bericht des „Südwestrundfunks“ zufolge zum Beispiel in den Kabelummantelungen der Haustechnik, in Lacken oder Betonfugen. Experten warnten auch heute noch vor den Altlasten der Giftstoffe in Betongebäuden. PCB gelange über die Atemwege in den Organismus und könne den Körper schwer schädigen, es gelte auch als krebserregend und erbgutschädigend.

Ende der 90-er Jahre schätzten Experten, dass bis zu einem Drittel aller Schulgebäude in Deutschland mit dem Umweltgift belastet sein könnten. Mittlerweile sind etliche der betroffenen Schulen saniert – aber wohl längst nicht alle. Vor allem Gebäude, deren Belastung seinerzeit als zeitweilig tolerabel angenommen wurde, dürften noch immer auf ihre Sanierung warten. Alles andere wäre bei einem unlängst vom Deutschen Institut für Urbanistik errechneten Investitionsstau von bundesweit 27 Milliarden Euro bei Schulgebäuden und Kindergärten ein Wunder. NINA BRAUN

Zum Bericht: „PCB – der vergessene Skandal? Noch immer lauert das Gift in Schulen“

3 Kommentare

  1. Jaja, Neuss… Aber Geld für das Schützenfest, schlechten Straßenpflaster und mangelhafte öffentliche Mülltonnen im Stadtgebiet (um einige wenige Sachen zu nennen) ist immer vorhanden. Ich bin mittlerweile sehr froh NICHT mehr an einer Neusser Schule zu unterrichten. Ich werde es auch in Zukunft unterlassen. Die Stadtverwaltung/Das Gebäudemanagement macht ja nicht mal mehr das Mindeste. Frieren im Winter in der Schule war normal…

  2. Mal wieder das altbekannte Mantra von Prof. Ewers vom Hygienesinstitut Gelsenkirchen:
    „Macht euch keine Sorgen“

    Diesen Spruch bringt er auffällig häufig, wo Schadstoffbelastungen im Spiel sind, nicht nur in Schulgebäuden.

    In Insiderkreisen wird er deshalb auch Professor für „Unbedenklichkeit“ tituliert.

    Von Verantwortlichen (z.B. Städten, Gemeinden, Gesundheitsämtern) scheint er deshalb sehr gerne als Experte hinzugezogen zu werden.

    In Hamm z.B. hatte eine Elterninitiative einer schadstoffbelasteten Schule ebenfalls Prof. EWERS abgelehnt, und zwar mit folgender Begründung:

    „Prof. EWERS
    macht sich selbst mit seiner immer gleichen Vorgehensweise im Fall von „Schadstoffbelastungen“ unglaubwürdig.

    Es ist inzwischen bundesweit bekannt, dass Prof. Ewers in vielen seiner Gutachten „Unbedenklichkeit“ bescheinigt und dabei den Interessen seiner Auftraggeber, im Normalfall Städte, Gemeinden oder staatliche Institutionen, entgegenkommt.

    Denn die Träger der belasteten Schulen stellen ihr eigenes wirtschaftliches Interesse über ihre Verantwortung den Kindern und Lehrern gegenüber.

    Dies ist eine Beobachtung, die an vielen deutschen Schulen erhärtet wird, unter anderem auch an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Hamm-Westtünnen.
    Selbst wenn hier mittlerweile eine Entscheidung zu Gunsten einer Sanierung getroffen wurde, wurden die Kinder doch mehr als sechs Jahre in den Schadstoffen sitzen gelassen.

    Die Initiative Gesunde Schule hat die Hinzuziehung von Herrn Prof. EWERS zur Erstellung eines Gutachtens abgelehnt, da angesichts der vergangenen Beurteilungen von Schadstoffbelastungen an anderen Gebäuden durch Prof. Ewers hier die begründete Vermutung einer interessengeleiteten Begutachtung bestand.

    Dies sollte nicht Sinn und Zweck einer Beauftragung sein, die aus öffentlichen Mitteln finanziert wird.

    Alles Gute wünscht Ihre
    Initiative Gesunde Schule Hamm

  3. Hinweis für Lehrpersonen, die aufgrund einer PCB Belastung im Schulgebäude einen UMWELTMEDIZINER kontaktieren möchten.

    Anbei eine Information aus dem damaligen Forum:
    „Schule und Bildung“ (Frontal 21 – vorher: Gift im Klassenzimmer)

    Abhängigkeit umweltmedizinischer Ambulanzen
    von: Juliane50
    Erstellt am: 06.09.07

    „Lehrern und Kindern, die in SCHULEN krank geworden sind und deren Hausarzt in der Diagnose nicht weiterkommt, ist der Besuch bei einem unabhängigen Mediziner anzuraten.

    Warum?

    Das konnte man kürzlich gerade in der FR nachlesen:

    „Die deutschen Hochschulprofessoren bekommen immer mehr Geld aus Drittmitteln. … Am erfolgreichsten waren Universitätsprofessoren für Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften.“

    Bei den „Umweltmedizinern“ scheint das wohl in besonderem Maß zuzutreffen, denn so berichtet scienzz.com am 27.07.2007:

    „um der zunehmenden Bedeutung des Human-Biomonitorings auf nationaler und auf internationaler Ebene Rechnung zu tragen hat das GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit die Informationsstelle Human-Biomonitoring eingerichtet.
    Das Projekt wird aus Mitteln des Verbandes der „chemischen“ Industrie gefördert.“

    Nach Erfahrungen vieler „Umweltpatienten“ endet eine Untersuchung in einer universitären Umweltambulanz in den meisten Fällen mit einer psychosomatischen oder psychiatrischen Diagnose:

    Von A wie Angststörung über Depression, Persönlichkeitsstörung, Phobie, Psychose, Somatisierungsstörung bis W wie wahnhafte Störungen.

    Eltern, die ihr umweltkrankes Kind dort vorstellen, kann es passieren, dass sie ebenfalls psychopathologisiert werden.
    Eltern müssen sich dann anhören, die Krankheitssymptome ihres Kindes zu verstärken oder werden gar verdächtigt, das Kind zu Hause absichtlich mit Chemikalien zu belasten.

    Im schlimmsten Fall kann es zum Entzug des elterlichen Sorgerechtes kommen.

    Kontakte zu unabhängigen Umweltmedizinern findet man z.B. über:

    CSN – Deutschland – Safer world.
    http://www.bbu-online.de (LINK. Schadstoffbelastungen in Schulen)
    und dem Deutschen Berufsverband der „kurativ“ (also „praktisch“ arbeitenden) Umweltmediziner: dbu

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