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Im Jahr gibt es 400 Amokdrohungen an deutschen Schulen

KÖLN. Nach dem Amoklauf von Newtown rückt eine Studie wieder in den Fokus, die eine Kölner Psychologin unlängst vorgelgt hat. Danach gibt es jährlich bundesweit im Schnitt rund 400 dokumentierte Fälle von Amokdrohungen an Schule. Und: Die Dunkelziffer ist groß.

Oft werden Amok-Drohungen an Schulwände gesprüht. Foto: Jörg Klemme, Hamburg / pixelio.de (1)

Oft werden Amok-Drohungen an Schulwände gesprüht. Foto: Jörg Klemme, Hamburg / pixelio.de

Memmingen, im Mai. Ein Schüler löst Angst und Schrecken in seiner Schule aus: Er fuchtelt mit zwei Waffen herum, ein Schuss fällt. Schüler und Lehrer verschanzen sich in der Schule, dem 14-Jährigen gelingt die Flucht. Am Abend wird er von der Polizei gefasst, ohne dass jemand verletzt worden wäre.

Meist sind es allerdings weniger spektakuläre Anlässe, die Schulleitungen und Polizei alarmieren. „Ich laufe Amok“ – oft reicht dieser Satz, mit Kreide auf eine Schultafel geschrieben, an die Wand einer Schultoilette gesprüht oder in einem Internetforum gepostet, um für gehörige Unruhe zu sorgen.  Wie häufig Drohungen wie diese an deutschen Schulen sind, darüber gab es laut „Kölner Stadt-Anzeiger“ bislang nur Spekulationen. Einzelne Bundesländer würden zwar Zahlen herausgeben. Eine bundesweite Auswertung polizeilich erfasster Drohungen aber habe es bisher nicht gegeben.

Nun hat die Kölner Diplom-Psychologin Sarah Neuhäuser mit ihrer Studie die bestehende Erkenntnislücke geschlossen. Danach ist klar: Amokdrohungen an deutschen Schulen sind tatsächlich viel häufiger als bisher angenommen. Für ihre Studie habe die Forscherin Daten verschiedener Länderinnenministerien zwischen 2006 und 2010 ausgewertet, berichtet der „Kölner Stadt-Anzeiger“. Alle Meldungen umfassen laut Bericht das Datum der Drohung, die betroffene Schulform sowie das Geschlecht und Alter desjenigen, von dem die Drohung ausgeht. Drohungen würden nicht immer konkret geäußert, heißt es.  Auch das Abspielen einschlägiger Musiktitel zähle bereits als Drohverhalten.

Dass die Daten bislang nicht zusammengetragen wurden, liegt der Zeitung zufolge auch an der fehlenden bundeseinheitlichen Datenbank. „Es sind Daten, die unglaublich verschwiegen behandelt werden, deshalb war es nicht einfach, sie zusammenzutragen“, sagt Neuhäuser. Die Zurückhaltung, mit solchen Fällen an die Öffentlichkeit zu gehen, hat Gründe: Einerseits sollen Eltern, Schüler und Lehrer nicht beunruhigt werden. Andererseits rufen Amok-Drohungen oft auch Trittbrett-Fahrer auf den Plan. Jede Drohung, die zu einer zeitweiligen Schließung einer Schule führt, animiert potenzielle Nachahmer. Umso mehr jeder tatsächliche Amok-Fall.

Die Studie lässt ahnen, wie viele Trittbrettfahrer von der Berichterstattung über Amoktaten angestachelt werden: So habe sich  unmittelbar nach der Bluttat von Winnenden die Zahl der Amokdrohungen bundesweit vervierfacht. Allein an Schulen in NRW seien im März 2009 über 100 Drohungen eingegangen, berichtet der „Kölner Stadt-Anzeiger“. Das Geschehen von Newtown lässt nun Vergleichbares erwarten.

Das Ergebnis von Neuhäusers Arbeit lese sich „wie ein Schauermärchen über den deutschen Schulalltag“, stellt die Zeitung fest. Demnach seien in den zehn Bundesländern, die jetzt erfasst wurden, in fünf Jahren insgesamt 2612 Amokdrohungen registriert worden – durchschnittlich 400 Drohungen pro Jahr. Allein in NRW habe es 1279 solcher Meldungen gegeben. Diese hohe Fallzahl erklärt Neuhäuser dem Blatt zufolge mit der guten Erfassung dort: „Würden andere Länder die Drohungen ebenso gut dokumentieren, wäre die Quote ähnlich hoch.“ NINA BRAUN
(22.7.2012, aktualisert am 15.12.2012)

2 Kommentare

  1. Vielfach haben „Amokdrohungen“ die früheren „Bombendrohungen“ abgelöst. Leider müssen, das zeigen die Erfahrungen, solche Drohungen ernst genommen werden, so lange die Ermittlungsergebnisse nicht „Entwarnung“ zulassen. Ich sehe, was Amokdrohungen angeht, Differenzierungsbedarf.

    1. Sofern die Ankündigung/Drohung nicht aktuell während des Unterrichts als akuter Amokalarm behandelt werden muss, kann ermittelt werden, und es bleibt Zeit, sich auf die Lage einzustellen (z. B. Unterrichtsfrei, erhöhte Achtsamkeit, polizeiliche Präsenz).
    .
    2. Bei „Amokalarm“, wie immer er auch ausgelöst wird (Alarmknopf betätigt, Schüsse auf dem Schulgelände / im Schulgebäude, „verdächtige Person“), sind Sofortmaßnahmen zu treffen. Das heißt, das Lehrpersonal in den Klassen hat SOFORT alle Maßnahmen zu treffen, die Sicherheit in der Klasse zu gewährleisten.

    Was sich dahinter verbirgt, scheint an vielen Schulen noch nicht klar zu sein: Klasse abschließen, Rollenwechsel der Lehrkraft zum Krisenmanager (Führung übernehmen), klare Verhaltensanweisungen, die zur Steigerung des Sicherheitsgefühls der SuS beitragen und panikverhindernd wirken…

    Das Verhalten bei Amokalarm muss szenarisch vorgedacht sein, und zwar auch unter dem Aspekt, dass jede Lehrerin / jeder Lehrer bei der Alarmauslösung auf sich allein gestellt sind und sich zunächst nicht mit Anderen beraten können.
    Überlegungen zum zweckmäßigen Verhalten bei Amokalarm:
    http://www.gewalt-deeskalationstrainings.de/Amok_Aufsatz_20090316.pdf

    Selbst wenn sich, oft erst nach Stunden, herausstellt, dass der Amokalarm ein Fehlalarm war, kann es nicht heißen „Business as usual“. Die Wirkung auf Lehrerinnen / Lehrer und Schülerinnen / Schüler ist nicht viel anders als bei einem Amoklauf: Sie haben Stunden in Todesangst verharrt, und die Angst hinterlässt Spuren. Und bei Lehrern kann zudem als zusätzlich belastendes Element das Gefühl, in der Situation hilflos gewesen zu sein und versagt zu haben, hinzukommen.

    Daraus folgt zunächst, dass auch nach Fehlalarmen die psychologische / notfallseelsorgerische Betreuung von LuL, SuS und auch Eltern sichergestellt sein muss.
    Ausführlich hierzu: http://www.gewalt-deeskalationstrainings.de/Amokalarm_Betreuung.pdf

    Je professioneller die Lehrerschaft / die Schulen bei Amokalarm ihre Maßnahmen treffen, umso geringer sind die zu erwartenden psychischen Belastungen; daraus lässt sich unschwer eine gewisse Traumaprophylaxe ableiten.

    Das heißt umgekehrt, dass sich Schulen auf Amoklagen und das zweckmäßige Verhalten in Amoklagen vorzubereiten haben, möglichst in Praxisworkshops. Interessanter Weise werden in der Lehrerfortbildung viele Veranstaltungen zum Thema „Amokprävention“ angeboten, an Angeboten zum Thema „Zweckmäßiges Verhalten in Amoklagen in der Klasse“ scheint es jedoch zu mangeln.
    Auf der „Suche/Lehrerfortbildung/NRW“ gibt es ein Workshop- und ein Vortragsangebot zum Thema.
    http://www.suche.lehrerfortbildung.schulministerium.nrw.de/search#xdmrecord://20002415_0001

    Heinz Kraft
    Villigster Gewaltdeeskalationstrainer, Ennepetal

  2. Was muss eigentlich noch alles passieren, damit auch der letzte unverbesserliche Gutmensch merkt, wie krank unsere Gesellschaft ist! Gesellschaft, sieh dir deine Kinder an, und du weißt, wie es um dich bestellt ist!
    Klar, wichtig ist die aktuelle Krisenbewältigung. Wird auch darüber geforscht, warum es so viele Trittbrettfahrer gibt und wie dort präventiv gehandelt werden kann?

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