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Bayern stoppt Umfrage zu sexuellem Missbrauch an Schulen

REGENSBURG. Im Rahmen einer internationalen Studie sollten 8- und 9-Klässler zu grenzverletzenden sexuellen Erfahrungen befragt werden. Das Kultusministerium sieht durch die Fragen die Intimsphäre der Schüler gefährdet. Studienleiter Michael Osterheider wirft den Verantwortlichen Wankelmütigkeit vor.

In Bayern sind 3,9 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 16 Jahren Opfer von sexuellem Missbrauch geworden. Das geht aus einer Umfrage für die bundesweite Missbrauchsstudie «mikado» hervor. Im Vergleich mit den anderen Bundesländern liege Bayern leicht über dem Durchschnitt, sagte der Koordinator der Studie, Professor Michael Osterheider aus Regensburg. «Ziel der Studie ist es, Ausmaß und Entstehungsbedingungen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen zu erforschen», betonte der Professor für Forensische Psychologie an der Universität Regensburg.

Ein besonderes Augenmerk gelte der wachsenden Bedeutung neuer Medien für die sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Die Ergebnisse sollen Ansätze zur Entwicklung von konkreten Maßnahmen liefern, um Kinder und Jugendliche besser vor sexueller Gewalt zu schützen. Das auf vier Jahre angesetzte Projekt «Missbrauch von Kindern: Aetiologie, Dunkelfeld, Opfer» (mikado) ist im September 2010 gestartet. Es wird vom Bundesfamilienministerium mit 2,4 Millionen Euro gefördert.

Unter der Leitung Osterheiders arbeiten in Deutschland und Finnland mehrere ärztliche, psychologische und kriminologische Forschungsteams zusammen. Dazu sollte auch eine umfangreiche Umfrage in Schulklassen der Jahrgänge 8 und 9 beitragen. Diese hat das bayerische Kultusministerium jedoch abgelehnt.

Schulen dürfen nicht als Rekrutierungsort für Probanden von wissenschaftlichen Untersuchungen missbraucht werden – gerade nicht bei Themen, die die Intimsphäre und das Selbstbestimmungsrecht der Kinder verletzen können, begründete das Ministerium die Entscheidung. Die Fragen der Studie könnten die Intimsphäre der Jugendlichen verletzen. Der Fragebogen ziele auf intimste Bereiche. Die Jugendlichen würden mit umfassenden und detailliert dargestellten Fragen zum Sexualleben sowie zu verschiedensten Ausprägungen sexueller Gewalterfahrungen konfrontiert.

Osterheider wirft dem Kultusministerium Wankelmütigkeit vor. «Zuerst gab es grünes Licht für die Umfrage, dann wurde zurückgerudert», sagte der Psychiater. Der erste Fragebogen sei abgeschwächt worden, Fragen, die sehr drastisch waren, wurden herausgenommen. «Aber was schon klar ist: Wir müssen Kinder nach grenzverletzenden sexuellen Erfahrungen befragen, falsche Scham hilft da nicht weiter», betonte der 57-Jährige. Die Studie solle Art und Umfang der Übergriffe herausfinden. «Nur so können wir auch unsere Therapeuten professionell ausbilden.»

Bayerns Kultusstaatssekretär Bernd Sibler (CSU) betonte dagegen, dass die Schulen durch das Ministerium immer wieder für diese Thematik sensibilisiert würden. Erst kürzlich sei die Beteiligung des bayerischen Kultusministeriums an der Kampagne «Kein Raum für Missbrauch» von der Geschäftsstelle des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs als beispielhaft bezeichnet worden. (dpa)

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