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«Wir wollen BWL studieren» – Auch Universitäten registrieren Gluckentrend

WIESBADEN / HAMBURG. Zwar war die Zahl minderjähriger Studierender an deutschen Hochschulen noch nie höher als heute, bei einem Anteil von 0,1% an allen Studenten muss man die unter 18-jährigen aber immer noch mit der Lupe suchen. Dennoch versuchen immer mehr Eltern das Studium ihrer Sprösslinge zu beeinflussen, stellen Fachleute fest. Sehen die Unis darin bislang kein Problem, raten Experten den Eltern zur Zurückhaltung.

Immer mehr Studenten bringen laut Fachleuten ihre Eltern mit in die Hochschule. Dies gilt zum einen für die stetig wachsende Zahl Minderjähriger an den Unis, aber etwa auch für 20-Jährige. Sogenannte «Helikoptereltern», die beim Prüfungsamt nach den Noten ihrer Sprösslinge fragen, sind dabei allerdings Ausnahmen. «Die meisten Studierenden grenzen sich relativ schnell ab», sagt der Sprecher der Kölner Uni, Patrick Honecker.

Wächst durch G8 die Zahl der Helikoptereltern auch an den Unis? Bislang sehen die meisten Hochschulen noch kein Problem. Foto: Dirk Vorderstraße / flickr (CC BY 2.0)

Wächst durch G8 die Zahl der Helikoptereltern auch an den Unis? Bislang sehen die meisten Hochschulen noch kein Problem. Foto: Dirk Vorderstraße / flickr (CC BY 2.0)

Nach Meinung der Hamburger Familienberaterin Felicitas Römer ist das auch gut so. Das Ziel müsse für Mütter und Väter sein, sich im Studium so schnell wie möglich überflüssig zu machen. «Die Uni ist etwas ganz anderes als die Schule. Mit dem Dozenten über die Kinder zu reden, hat beispielsweise etwas Übergriffiges.» Nur wenn Mutter oder Vater den Eindruck haben, ihr Sohn oder ihre Tochter seien überfordert, könnten sie ihre Unterstützung anbieten.

Die rechtliche Situation minderjähriger Studierender ist insgesamt hinreichend geregelt. Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen haben ihre Landeshochschulgesetze so geändert, dass Unter-18-Jährige in allen Belangen des Studiums voll rechtsfähig sind. In den anderen Bundesländern gehen die Hochschulen nach Darstellung der Hochschulrektorenkonferenz einen anderen Weg: Sie holen zu Beginn des Studiums eine Generaleinwilligung der Eltern von Minderjährigen ein. Danach dürfen die Studierenden alle Handlungen im Zusammenhang mit dem Studium selbst vornehmen.

Bei der Suche nach einer Wohnung oder einem WG-Zimmer gehen Eltern bei jungen Studenten häufig aus praktischen Gründen mit: Denn ihre minderjährigen Kinder dürfen noch keinen Mietvertrag unterschreiben. Viele kämen aber auch mit, wenn die Kinder schon 20 Jahre alt seien, sagt Georg Schlanzke vom Deutschen Studentenwerk. Und dieser Gluckentrend verstärke sich noch.

Davon können auch Studienberater berichten: wenn beispielsweise die Mutter ihren Sohn zur Beratung in die Universität begleite und das Gespräch mit den Worten eröffnet «Wir wollen BWL studieren». «Der Anteil der Eltern, die mit in die Beratung kommen, ist deutlich gestiegen», sagt Daniel Wilhelm von der Studienberatung der Uni Bielefeld. Vor zehn Jahren sei dies noch die Ausnahme gewesen, inzwischen bringe etwa jeder Zehnte Eltern mit. Viele Eltern seien nur als Zuhörer dabei. Andere informierten sich und stellten Fragen. Ein kleiner Teil gehöre zur Kategorie «Helikoptereltern» und binde das Gespräch an sich. Dominante Eltern fänden sich meist in Beratungsgesprächen der Fächer Medizin, Jura, Pharmazie und Wirtschaftswissenschaften, heißt es an der Uni Frankfurt. Der Anteil dieser Eltern habe in den vergangenen zehn Jahren aber «nicht auffällig zugenommen».

Die Gründe für die zunehmende Einmischung der Eltern sind vielfältig. Oft könnten sie schlecht loslassen, weil sie an das Studium ihrer Kinder hohe Erwartungen knüpfen, so Felicitas Römer. Leistungsdruck nennt Stefan Hatz, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Information, Beratung und Therapie an Hochschulen (GIBeT) als einen weiteren Grund. Die Auffassung «Du musst sehr gut im Studium sein, an der richtigen Uni studieren und darfst Dir keine Verzögerung leisten», sei inzwischen weit verbreitet. «Da wird es für Eltern umso wichtiger, ihrem Kind als Berater zur Seite zu stehen.» Viele hätten auch nur ein Kind oder zwei Kinder und selbst studiert. «Da wollen sie mit Rat nicht sparen.»

In der Frage, ob junge Stundenten heute unselbstständiger sind als früher sind die Praktiker geteilter Meinung. Nach Meinung von Hatz sind Studienanfänger heute im Durchschnitt weniger selbstständig als noch vor sechs, sieben Jahren. «Das eine Jahr, das ihnen fehlt, ist entwicklungspsychologisch schon ein entscheidendes Jahr.» Es habe jungen Menschen im geschützten Raum Entwicklungsmöglichkeiten geboten, die bei der Schulzeitverkürzung (G8) wegfielen. Der Leiter der Studienberatung der Frankfurter Uni, Marco Blasczyk, hält junge Studierende dagegen nicht für unselbstständiger. «Die Service-Erwartung an die Uni ist einfach höher als früher.» Mit der Gesamtzahl der Studenten wachse auch deren Vielfältigkeit, betont Patrick Honecker von der Uni Köln.

Ob sich auch die Hochschulen in Zukunft verstärkt mit Helikoptereltern auseinandersetzen müssen ist unklar. Der Bielefelder Psychologe Daniel Wilhelm nennt vier Kriterien, an denen man sie erkennt: Überbehütung, Überinvolvierung, Einschränkung der Autonomie und die Tendenz, anderen die Schuld zu geben wenn etwas schief läuft. Eine Befragung von 2000 seiner Studenten habe ergeben, dass 3 bis 3,5 Prozent solche Eltern hätten. Vergleichszahlen gebe es nicht und die Untersuchung ist schon von 2003. Ob die Zahl der Helikoptereltern mit der Einführung von G8 gewachsen ist? Sicher ist das nicht. Dafür spricht jedoch dieser Befund: «Je älter die Befragten waren, desto weniger traf dieses Verhalten ihrer Eltern zu.» (News4teachers mit Material der dpa)

• zum Bericht: Streit um Brandbrief gegen “Helikopter-Eltern” – VBE sieht “überforderte Lehrer”
• zum Bericht: Rekord bei minderjährigen Studenten – 2884 sind jünger als 18
• zum Bericht: Student schon mit 17? Turbo-Abi zwingt Schüler zu früherer Lebensplanung

2 Kommentare

  1. „Gluckentrend“? 🙂 Neues Wort? Na wenigstens mal nicht auf Englisch.

  2. bwl zu studieren ist kein aushängeschild. das kann jeder …

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