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Nach IQB-Studie: Baden-Württemberg steht unter Schock – Landesrechnungshof soll helfen

STUTTGART. Vom Musterschüler zum Verlierer – der Fall Baden-Württembergs im Bildungsranking der IQB-Studie ist tief. Die neue Kultusministerin Eisenmann setzt nun auf Hilfe vom Landesrechnungshof.

Was der Pisa-Schock vor 15 Jahren für Deutschland war, ist der neue Schulleistungsvergleich des Instituts IQB für Baden-Württemberg. Quer durch alle Parteien und Verbände herrscht nach Bekanntwerden der Studie am Freitag Entsetzen. Baden-Württemberg war bislang mit seinen Schülern immer das Musterländle. Nun rutscht das Bundesland im Fach Deutsch auf die hinteren Ränge ab. Die neue Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) kann ihre Enttäuschung nicht verbergen. Das Ergebnis sei «Anlass zur Sorge». Das Thema Qualität und Leistung habe man völlig aus den Augen verloren.

Ärgert ihren Chef: Kultusministerin Eisenmann. Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg

Muss sich um zahlreiche Baustellen kümmern: Kultusministerin Eisenmann. Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg

Jahrelang hatten die Fraktionen im Landtag sich in einer ideologisch aufgeladenen Debatte über Schulstrukturen aufgerieben. Dabei stand bei CDU und FDP ein mehrgliedriges, aber durchlässiges Schulsystem an erster Stelle, bei der SPD und den Grünen ein System, das möglichst alle Kinder mitnimmt und ihnen die gleichen Chancen ermöglicht. Die strukturellen grün-roten Veränderungen hätten die Lehrer Zeit und Aufmerksamkeit gekostet, analysiert Eisenmann. «Zeit und Aufmerksamkeit, die für die Weiterentwicklung des Unterrichts gefehlt haben.»

Doch die Einführung der Gemeinschaftsschule als «Schule für alle» und der Wegfall der Grundschulempfehlung durch Grün-Rot konnten die Neuntklässler, die im Mittelpunkt der IQB-Studie standen, gar nicht betreffen. Insofern kann Grün-Rot nicht als Sündenbock für das miserable Abschneiden Baden-Württembergs herhalten, auch wenn ihre Neuerungen für erhebliche Unruhe an den Schulen sorgten.

Unklarheit darüber, wie das Personal eingesetzt wird

Immer klarer zeichnet sich nach der Studie ab, dass es Qualitätsprobleme an den Schulen gibt und ein Mehr an Lehrerstellen diese nicht automatisch behebt. Die Steuerung der Personalressourcen gilt als Herkulesaufgabe. Mancher bezweifelt, dass das Kultusministerium einen genauen Überblick darüber hat, wo genau welche Lehrer eingesetzt sind und wo tatsächlich Personal fehlt. Unvergessen ist der Satz der ehemaligen Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) vom Mai 2012: «Wir geben für Personal acht Milliarden Euro aus, und wir wissen bis heute nicht, an welcher Stelle dieses Geld tatsächlich ankommt.»

Ressortchefin Eisenmann setzt nun auf Erkenntnisse des Landesrechnungshofes, der noch in diesem Jahr die Effizienz des Lehrereinsatzes unter die Lupe nehmen soll. Momentan wird die genaue Fragestellung für die Prüfer aus Karlsruhe gemeinsam von Kultus- und Finanzministerium erarbeitet. Das hatte Eisenmann im August bei den Chefinnengesprächen mit Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne) vorgeschlagen. «Wir rechnen mit ersten Ergebnissen im Mai», sagte ein Sprecher Eisenmanns. Ziel ist es, Transparenz zu schaffen im Moloch Schule mit seinen knapp 140 000 Lehrern.

An welchen Stellschrauben könnte das Ressort von Eisenmann drehen, um für ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis zu sorgen? In Baden-Württemberg gilt das Prinzip «kurze Beine, kurze Wege». Das heißt, Grundschüler sollen möglichst am Wohnort zur Schule gehen. Deshalb gibt es in manchen Orten Kleinstschulen, an denen der Unterricht gefährdet ist, wenn nur ein Lehrer ausfällt.

Finanzkontrolleure haben schon einmal Kürzungen vorgeschlagen

Aber sie zu schließen, würde einen Proteststurm der Eltern entfachen, auch wenn die Unterrichtsversorgung an einer größeren Schule besser gewährleistet werden könnte. Auch das Nebeneinander verschiedener Schularten verschlingt wertvolle Lehrerressourcen. Es gibt die Werkrealschulen als Nachfolger der unbeliebten Hauptschule, Realschulen, Gymnasien und Gemeinschaftsschulen.

Die Erkenntnisse der Finanzkontrolleure könnten Grundlage für brisante Entscheidungen in der Kultuspolitik Baden-Württembergs sein. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt aber, dass Empfehlungen der Behörde nicht immer verwirklicht werden können. 2013 holte sich Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) Blessuren, als sie Kürzungsvorschläge der Karlsruher für die Musikhochschulen im Land umsetzen wollte.

Der Landeselternbeirat droht Eisenmann bereits jetzt mit Protest, allerdings wegen der aus seiner Sicht ungenügenden Unterrichtsversorgung. Der Landesrechnungshof ist aus Sicht der Elternvertreter nicht die richtige Instanz, um der Landespolitik in Sachen Bildung Empfehlungen zu geben. Landeschef Carsten Rees fürchtet weitere Kürzungen an den Schulen: «Ich halte es für absurd, dass Buchhalter die Qualität des Bildungssystems prüfen sollen.» Bettina Grachtrup und Julia Giertz, dpa

4 Kommentare

  1. Scheint sich der Systemwechsel nicht ausgezahlt zu haben.

  2. – Im März 2011 begann die Grün-rote Regierungszeit, das war vor 5 Jahren. Wer damals in der 4. Klasse war, ist heute in der 9. Klasse. Wann begann das Umsteuern in der Schulpolitik? Kann eine neue Unterrichtskultur sich auch bei Kindern auswirken, die zu Beginn dieser Zeit schon in der 6., 7., 8. Klasse waren?
    – Wie viele schwäbisch-badische Kinder wurden eigentlich getestet?

  3. Die Frage ist aber auch: Ist BaWü wirklich schlechter geworden oder sind die anderen Bundesländer nur einfach besser geworden, haben also BaWü “nur” überholt?!

    • Um diese Frage zu beantworten, müsste man die Fragestellungen von heute und damals vergleichen können. Das geht schon deshalb nicht, weil dann die Fragen in der Öffentlichkeit wären und für künftige Tests “verbrannt”. Bleibt also die Einschätzung durch die Lehrkräfte, falls Sie die für kompetent halten; fragen Sie mal ‘rum!
      Andere Betrachtung: ist es wahrscheinlicher, dass ein Land (mit tiefgreifendem Regierungswechsel) abgesunken ist oder dass etwa zehn besser geworden sind?

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