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Die meisten Kinder beginnen als Vierjährige, (ihren Namen) mit der Hand zu schreiben – Forscher warnen: Eine falsche Haltung verfestigt sich

DARMSTADT. Vorschulkinder sind in der Regel hoch motiviert, schreiben zu lernen. Jetzt hat das Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, die ersten Schreibversuche in einer Umfrage unter Müttern ermittelt. Denn auch im Zeitalter der Digitalisierung behält das Handschreiben eine entscheidende Bedeutung.  Ein internationales Symposium an der TU Darmstadt wird sich mit diesem Thema beschäftigen.

Auf die richtige Haltung beim Malen und Schreiben kommt es an - auch schon bei Vorschulkindern. Foto: pxhere CCO

Auf die richtige Haltung beim Malen und Schreiben kommt es an – auch schon bei Vorschulkindern. Foto: pxhere CCO

Die meisten Kinder – 61,4 Prozent – beginnen bereits im frühen Alter von vier Jahren damit, ihren Namen zu schreiben. In diesem Altersabschnitt ist das zeichnerische Können in der Regel noch nicht sehr entwickelt, dennoch scheint es für die Kinder essentiell zu sein, bereits ihren Namen schreiben zu können. Und das machen sie im Schnitt selbstständig rund 400 Mal bis zur Einschulung. Das sind Ergebnisse einer  repräsentativen Befragung von Müttern, die das  Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, durchgeführt hat. “Das korrekte Schreiben des Namens und das Lob der Erwachsenen dafür ist wahrscheinlich der erste bewusst wahrgenommene Bildungserfolg eines Kindes“, erklärt Institutsleiterin Dr. Marianela Diaz Meyer – entsprechend hoch sei der Schritt für die weitere Entwicklung einzuschätzen.

„Die Tastatur ist ein großer Segen“? Von wegen – Lasst den Kindern bloß das Handschreiben!

„Das Entdecken der Handschrift erfolgt freiwillig und intrinsisch motiviert, mit Neugier und dem unbedingten Willen, das Schreiben zu erlernen“, sagt die Ergonomie-Expertin. Immerhin schreiben vier- und fünfjährige Kinder im Schnitt 3,8 Mal pro Woche ihren Namen mit der Hand, und 82 Prozent der Kinder tun dies nach Angaben ihrer Mütter mit viel Freude. Besonders motivierte Kinder kommen in der Summe sogar auf einen Wert von 490 Mal,  die sie ihren Namen bis zur Einschulung mit der Hand schreiben. Sie tun dies häufiger (4,7 Mal in der Woche), und überdurchschnittlich viele von ihnen haben erkennbar Spaß am Handschreiben (91 Prozent). Zwischen Mädchen und Jungen zeigt sich hingegen kein Unterschied: Sie schreiben ihren Namen im Schnitt etwa gleich häufig und in gleichem Maße gerne. Daraus ergibt sich die Frage, wo die Jungen die Motivation verlieren:  51 Prozent der Jungen haben nach Forschungsergebnissen des Schreibmotorik Instituts Probleme mit der Handschrift.

Weil im weiteren Verlauf immer mehr Wörter hinzukommen, dürfte – so die Einschätzung der Wissenschaftler des Schreibmotorik Instituts – ein Großteil der Kinder bis zur Einschulung täglich mit der Hand schreiben. „Es ist eine große Chance, dass Kinder Freude am Handschreiben und am Lernen entwickeln“, meint Dr. Diaz Meyer. „Darin liegt aber auch eine Gefahr.“ Denn: „Kinder müssen lernen, mehr als 30 Muskeln und 17 Gelenke präzise zu koordinieren, um die erforderliche Motorik zu entwickeln, damit sie das ‚Präzisionswerkzeug‘ Stift führen können.“ Eine falsche Haltung, die sich verfestigt, könne zu dauerhaften Problemen mit der Handschrift führen.

Umfrage: 79 Prozent der Lehrer sehen Verschlechterung der Handschrift

Die Empfehlung des Schreibmotorik Instituts an die Eltern: „Bitte unbedingt von Anfang an auf die richtige Sitz- und Stifthaltung aber auch die richtige Blattlage achten!“ Väter und Mütter könnten ihren Kindern viele Probleme beim Schreiben sowie spätere Fehlhaltungen ersparen, wenn sie auf die richtige Stifthaltung und Blattlage achten, damit die Hand entspannt schreiben kann. Später – das zeige die Erfahrung vieler Lehrerinnen und Lehrer sowie Ergotherapeuten – sei ein Umlernen fast unmöglich. Dies ist eine der gravierendsten Ursachen für Schreibprobleme von Kindern in Deutschland aus Sicht der Lehrkräfte. Drei Viertel der Kinder kann nicht ausdauernd leserlich und ohne Verkrampfungen schreiben, so die Umfragen des Instituts unter Lehrkräften. *

Entsprechend wichtig sei ein frühes Training von Handmuskulatur und Koordination. „Je eher Kinder sich mit dem Stift vertraut machen und je mehr sie mit Spaß üben, desto leichter werden sie es später in der Schule beim Schreibenlernen haben“, sagt Dr. Diaz Meyer. Forschungen in Kooperation mit  renommierten Universitäten belegen, dass Kinder, die frühzeitig vielseitige spielerische Übungen zum Training der Schreibmotorik angeboten bekamen, deutlich schneller, besser und motivierter schreiben lernten. Eine Stunde pro Woche reiche dabei vollkommen aus. N4t

 

Second International Symposium on Handwriting Skills 2017

„Die Medien ändern sich, aber die Handschrift bleibt.“ Und: „Bildung benötigt das Handschreiben im sinnvollen digitalen Kontext.“ Das sind zwei Arbeitsthesen, die Wissenschaftler, Lehrerausbilder, Vertreter von Kultusministerien sowie Schulpraktiker und Ergotherapeuten auf einem internationalen Symposium des Schreibmotorik Instituts in Kooperation mit dem Institut für Arbeitswissenschaft der TU Darmstadt am 10. November in Darmstadt diskutieren wollen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Chancen und Risiken des Handschreibens im Kontext der Digitalisierung – eine Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen der Bildungspraxis der Zukunft.

Bereits seit einigen Jahren gibt es internationale Bestrebungen, die Handschrift in der Schule zunehmend durch getippte Buchstaben zu ersetzen. Die Beiträge auf dem Symposium zeigen auf, welche Problematik sich daraus für den Bildungserwerb ergibt. Denn Handschreiben fördert die kognitive Entwicklung. „Nur drei Finger halten den Stift beim Schreiben, doch das gesamte Gehirn arbeitet.“ So lautet beispielsweise der Titel eines Vortrags von Prof. Dr. Ruud van der Weel, Professor für Kognitionspsychologie, Norwegian University of Science & Technology.

Prof. Dr. Gerald Lembke, Professor für digitale Medien, DHBW Mannheim, wird in seinem Auftaktvortrag über Chancen und Risiken digitaler Bildung sprechen. Aber auch die grundsätzliche Frage „Wie fit ist das Kind für den Schreibunterricht?“ wird während des Symposiums behandelt. Dafür stellt Dr. Christian Marquardt, Wissenschaftlicher Beirat des Schreibmotorik Instituts einen  neuen, einfachen Schreibmotoriktest für Schreibanfänger,  die „SMI KompetenzSpinne“, vor. Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen werden auch Erfahrungen aus der Praxis vermittelt.


5 Kommentare

  1. Da ist er wieder einmal: der Verweis auf diese unter merkwürdigen Umständen zu Stande gekommenen Umfrage.
    Ansonsten würde ich keinen Stress verbreiten, weil “die meisten Vierjährigen beginnen, ihren Namen zu schreiben”. Diese Beobachtung teile ich nicht. Es ist schön, wenn ein Kind dieses Interesse mit 4 Jahren schon hegt, es ist aber nicht schlimm, wenn dem nicht so ist.
    Allerdings sollte man bei Vierjährigen, die Stifte z.B. beim Malen nutzen, auf die Stifthaltung achten.

    • Meinen Namen konnte ich vor der Einschulung auch schon schreiben. Es waren krakelige Großbuchstaben und eher ein Malen als ein Schreiben. Ein Wort, das aus denselben Buchstaben besteht wie mein Name, nur in einer anderen Reihenfolge, hätte ich aber nicht hinbekommen.

      • XXX ist ja auch nicht sooooo schwierig 😉

        Ansonsten geht es nicht darum, dass Kindern vor der Einschulung zu Hause Schreiben, Lesen und Rechnen vermittelt werden muss. Zeigen die Kinder Interesse, kann man ihnen ja erklären, was sie wissen wollen, aber es ist nicht notwendig, bereits vor der Einschulung seitenweise Schreibübungen oder 1×1-Training zu beginnen.
        Ich glaube es ist etllichen nicht bewusst, was mit einer solchen Aussage oder Überschrift bei einigen Eltern bewirkt wird.

    • Unser drittes Kind,4 Jahre, schreibt einige Großbuchstaben, nachdem sie danach gefragt hat ,reiht diese irgendwie aneinander und fragt dann, was dort geschreiben steht.
      Kritzeleien habe ich bisher weder bei meinen eigenen Kindern, noch den anderen Kindergartenkindern gesehen. Meistens zeigen Eltern oder Geschwister , wie der eigene Name geschrieben wird.
      Im letzen Vorschuljahr werden den Kindern die Großbuchstaben mit der Lautbeziehung vermittelt.

  2. Ich bin auch der Meinung, dass den Kindern vor der Schule nicht beigebracht werden soll, was sie erst in der Schule lernen sollen (Schreiben, Lesen, Rechnen). Gewisse Vorarbeiten sind sicherlich in den Kindergärten gang und gäbe. Das ist in Ordnung.

    Ansonsten zeigt sich aber wieder, dass etwas, was erst einmal falsch gelernt wurde, später nur schwer wieder umgelernt werden kann. Das betrifft sicherlich nicht nur die Stifthaltung, sondern auch nicht-korrigierte Falschschreibungen.

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