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Kinderschutzbund-Vorsitzender warnt vor stärkerer Ausgrenzung durch Inklusion

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HAMELN. Inklusion: eine gewaltige Aufgabe, die derzeit wie ein Sparprogramm gehandhabt werde – meint jedenfalls der niedersächsische Kinderschutzbundvorsitzende Johannes Schmidt. Die Rahmenbedingungen für Inklusion in Schulen stimmen aus seiner Sicht bisher überhaupt nicht.

Der Kinderschutzbund beklagt eine mangelnde finanzielle Ausstattung der Inklusion an Niedersachsens Schulen. Es fehle an qualifiziertem Personal, und die Klassen seien zu groß, sagte Schmidt im Interview. Am Samstag feierte der Verband in Hameln sein 40-jähriges Bestehen.

In großen Klassen und mit zu wenig Lehrkräften seien behinderte oder verhaltensauffällige Kinder verloren. ist Johannes Schmidt sicher. Foto: BAG „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“

Behinderte Kinder haben einen Anspruch darauf, gemeinsam mit nicht behinderten Kindern unterrichtet zu werden. Wird dieser Anspruch derzeit erfüllt.

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Schmidt: Die Rahmenbedingungen in den Schulen stimmen bisher überhaupt nicht. Es fehlen Lehrkräfte. Die Klassen sind zu groß. Und vielfach sind die baulichen Voraussetzungen nicht vorhanden. Zum Beispiel fehlen Fahrstühle.

Sind die Lehrkräfte ausreichend auf die Inklusion vorbereitet?

Schmidt: Nein. Viele sind nicht genügend qualifiziert und überfordert. Es geht mir aber nicht um eine Schuldzuweisung. Es geht um politische Entscheidungen schon zu Beginn der Inklusionsprozesses. In großen Klassen und mit zu wenig Lehrkräften sind behinderte oder verhaltensauffällige Kinder verloren.

Welche Gefahren sehen Sie?

Schmidt: Dass Kinder ausgegrenzt werden. Viele Eltern beklagen, dass sich ihre behinderten Kinder in der Regelschule – anders als zuvor in Förderschulen – überfordert und ausgegrenzt fühlen. Wir bekommen überall im Land zu hören: Seitdem unser Kind inklusiv beschult wird, ist es schwieriger geworden.

Wie groß dürften die Klassen ihrer Ansicht nach sein?

Schmidt: Mehr als zwölf Kinder pro Klasse geht nicht, wenn ein oder zwei behinderte Kinder dabei sind. Man weiß inzwischen sicher, dass größere Gruppen auch die Lehrkräfte überfordern. Und ohne zusätzliche Hilfskraft, die sich um schwerer behinderte Kinder kümmert, wäre ein Pädagoge auch mit einer kleinen Gruppe überfordert.

Ist die Inklusion überhaupt zu schaffen?

Schmidt: Das ist eine gewaltige Aufgabe. Es wird über Generationen laufen. Aber wenn schon jetzt gleich zu Anfang Kinder ausgegrenzt werden, dann werden Eltern und Kinder die Inklusion nicht akzeptieren.

Was sollte passieren?

Schmidt: Die Schulen brauchen mehr Personal und eine bessere Ausstattung. Und die betroffenen Eltern und Kinder sollten am Inklusionsprozess direkt beteiligt werden. Sie können am besten sagen, wie die Inklusion funktioniert und wie nicht.

Haben Sie einmal überschlagen, wie viele zusätzliche Lehrkräfte erforderlich wären?.

Schmidt: Das würde den Landeshaushaushalt sprengen. Aber wenn wir keine Forderungen stellen, wird die Inklusion einfach weiter vor sich hindümpeln. Derzeit kommt sie mir vor wie ein Sparprogramm.

Zur Person: Johannes Schmidt (66) ist systemischer Familientherapeut und Familienberater aus Hemmoor im Landkreis Cuxhaven. Er steht seit 21 Jahren als Vorsitzender an der Spitze des Landesverbandes Niedersachsen des Deutschen Kinderschutzbundes. (Die Fragen stellte Matthias Brunnert, dpa)

zum Bericht: Kinderschutzbund gegen Bußgeld für Eltern, die ihre Kinder nicht zum Sprachtest schicken
zum Bericht: Studie: Inklusion kommt voran – Anteil der Förderschüler konstant

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