BERLIN. Erst war es das Kollegium einer Gesamtschule aus dem hessischen Kassel, das sich mit einem Brandbrief in Sachen Inklusion an die Politik wandte. Jetzt sind zwei weitere Fälle bekannt geworden, in denen sich Schulen mit Hilferufen an ihre jeweiligen Bildungsbehörden wenden: In Berlin warnen Grundschulleiter eindringlich vor dem Scheitern der Inklusion. In Hamburg forderten Lehrer- und Elternschaft einer Stadtteilschule gemeinsam mehr Unterstützung. Tenor: immer mehr verhaltensauffällige Kinder und eine Lehrerschaft, die auf dem Zahnfleisch geht.
Die Inklusion von behinderten Kindern drohe in Berlin an der mangelhaften Personalausstattung zu scheitern, so schreiben laut „Berliner Zeitung“ fast alle Grundschulleiter des Bezirks Tempelhof-Schöneberg in einem Brandbrief an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Unter den gegenwärtigen Bedingungen sei es ihnen nicht mehr möglich, Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf an ihren Regelschulen erfolgreich zu betreuen. „Eine Weiterentwicklung des Unterrichts und der Schulen in Richtung inklusive Schulen ist so nicht möglich“, so heißt es.
Vor 15 Jahren hätten nur 28 Prozent der Kinder mit Behinderung Regelschulen besucht, in diesem Jahr sind es dem Bericht zufolge über 58 Prozent. Die Zahl der dafür zur Verfügung gestellten Lehrerstellen sei im gleichen Zeitraum aber nur um gut 200 auf 1415 Stellen gestiegen. Zuletzt erhielten sprach- und lernbehinderte sowie verhaltensauffällige Kinder an Regelschulen nicht mehr die von der Verwaltung zugesicherten wöchentlichen 2,5 bis 3 Förderstunden pro Woche, sondern nur noch 1,5 Stunden. „Das reicht nicht aus, um den Kindern die Förderung zukommen zu lassen, die sie benötigen“, heißt es in dem Brandbrief aus Tempelhof-Schöneberg. Ein Schulleiter berichtete dem Blatt: „Wenn ein auffälliges Kind austickt, ist keiner mehr da, der es beruhigen kann.“ Lothar Semmler von der GEW-Schulleitervereinigung erklärte: „Gerade diejenigen Lehrer, die wirklich die inklusive Schule wollen, sind nun frustriert.“
Lehrer und Eltern der Hamburger Stadtteilschule in Langenhorn kritisieren in ihrem Brief an Bildungssenator Ties Rabe (SPD), dass die ihnen zugewiesenen sonder- und sozialpädagogischen Ressourcen nicht ausreichen, um eine erfolgreiche Inklusion umsetzen zu können. „Aufgrund der hohen Zahl verhaltensauffälliger Schüler ist ein halbwegs normaler Unterrichtsalltag in vielen Klassen nur möglich, weil unsere engagierten Kollegen über ihre Belastungsgrenzen hinaus in vielen Stunden unbezahlter Mehrarbeit für das Gelingen der Inklusion in den Klassen kämpfen“, heißt es in dem Schreiben laut „Hamburger Morgenpost“. Und weiter: „Unzureichende Ressourcen gehen nicht nur zulasten der Schüler mit Förderbedarf, sondern zulasten aller Schüler der Stadtteilschule.“ Mit Inklusion habe der Schulalltag nicht mehr viel zu tun, heißt es in dem Brief. Die Hamburger Schulbehörde teilte laut „Morgenpost“ mit, sie würde das Anliegen sehr ernst nehmen.
Das Kollegium einer Gesamtschule in Kassel hatte unlängst an den hessischen Kultusminister Alexander Lorz (CDU) geschrieben: Es müsse klar sein, dass Inklusion scheitere und „zur Schädigung aller Beteiligten führt, wenn nicht erkennbar mehr finanzielle Mittel und damit einhergehende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden“. News4teachers
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