GOSLAR. Der Philologenverband sieht das öffentliche Schulwesen in Niedersachsen in Gefahr. Das geplante neue Schulgesetz der rot-grünen Landesregierung zugunsten der integrierten Gesamtschule werde nicht nur zu einer Verdrängung von Haupt-, Real-, Förder- und Oberschulen führen, sagte der Verbandsvorsitzende Horst Audritz am Mittwoch beim Philologentag in Goslar. Das Vorhaben lege auch «die Axt an die Wurzel des Gymnasiums».
Gastredner Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, schlug in die gleiche Kerbe – und warf Rot-Grün eine ideologiegeleitete Politik der „Trojanischen Pferde“ vor. Kraus wörtlich: „Niedersachsen tut genau das, was man tut, wenn man trickreich eine Schulform kaputt machen will: Dazu gehören unter anderem die Abschaffung einer eigenständigen Gymnasiallehrerbildung, der Verzicht auf jede Laufbahnempfehlung am Ende der Grundschule, die Abschaffung des Sitzenbleibens, der curriculare Nihilismus kompetenzorientierter Lehrpläne sowie die totale Frustration der Lehrerschaft der Gymnasien durch eine dramatische Verlängerung der Arbeitszeiten.“
Kraus forderte die Delegierten des Philologenverbandes auf, notfalls eine „bürgerliche Revolte“ zu inszenieren, um das geplante Schulgesetz zu Fall zu bringen. Zugleich betonte er, dass das Gymnasium noch selbstbewusster auftreten müsse, denn es gebe keine zweite Schulform, die in Tests so erfolgreich abschneide wie das Gymnasium; es gebe auch keine zweite Schulform, die fachlich und kulturell so breit aufgestellt sei wie das Gymnasium.
Die Landesregierung plant ein Gesetz, wonach Gesamtschulen künftig wie Oberschulen ersetzende Schulform sein können. Damit können beispielsweise Haupt- und Realschulen auch zu einer Integrierten Gesamtschule (IGS) zusammengelegt werden, falls ausreichend Schüler dafür vorhanden sind. Ein Gymnasium muss dagegen weiterhin «unter zumutbaren Bedingungen» erreichbar bleiben. Bislang dürfen Gesamtschulen in Niedersachsen nur als ergänzende Schulform angeboten werden. In Zukunft könnten sie auch mit Grundschulen organisatorisch zusammengefasst werden. Die Entscheidung über die angebotenen Schulen liegt alleine bei den Städten und Gemeinden.
Während Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) in dem Gesetzentwurf einen Schritt zu gerechteren Bildungschancen in Niedersachsen sieht, mutmaßte Philologen-Chef Audritz, dass am Ende im öffentlichen Bereich nur noch eine «Zwangs-Einheitsschule» übrig bleiben werde. Den Eltern werde die Möglichkeit genommen, «die aus ihrer Sicht bestmögliche Schulform für ihr Kind zu wählen». Gleichzeitig sei das Vorhaben «ein großes Konjunkturprogramm für elitäre Privatschulen, die dann auf dem Leistungsniveau arbeiten, dass die Landesregierung eliminieren will». Der Besuch dieser Schulen sei vom Geldbeutel der Eltern abhängig, sagte Audritz.
Diese Befürchtungen des Philologenverbandes entsprächen nicht der Realität, erwiderte Ministerin Heiligenstadt. Die Landesregierung wolle keine Schulform per Gesetz abschaffen. Für das Gymnasium, dessen Leistungsfähigkeit «unbestritten und unverzichtbar» sei, gebe es zudem die Schutzklausel, dass Schüler es auch künftig unter zumutbaren Bedingungen erreichen können, sagte Heiligenstadt. Für die Philologen ist der geplante maximale Schulweg von einer Stunde allerdings unzumutbar.
Für den Philologenverband, in dem rund 7500 Gymnasiallehrer organisiert sind, ist klar, dass die Landesregierung das Gymnasium zurückdrängen will. Dabei wende sie eine «Salamitaktik» an, sagte Audritz. Dies geschehe unter anderem durch die geplante Abschaffung der Schullaufbahnempfehlungen am Ende der Grundschule und die weitgehend entfallene Möglichkeit der Gymnasien, überforderte Schüler an für sie geeignete Schulformen zu überweisen.
Da auch die Möglichkeit zur Wiederholung einer Klasse weitgehend abgeschafft werden solle, werde die Funktionsfähigkeit des Gymnasiums entscheidend geschwächt, sagte Audritz. Außerdem kritisierte er die vorgesehene Abschaffung der Gymnasiallehrerausbildung zugunsten eines «Einheitslehrers für die gesamte Sekundarstufe» und die Arbeitszeiterhöhung für Gymnasiallehrer. Das sogenannte Lehrentlastungspaket des Kultusministeriums sei dagegen «eine laut angekündigte Luftnummer».
Die Landtagsopposition attackierte die Kultusministerin am Mittwoch. Heiligenstadt sei «überhaupt nicht klar, wie es an den Schulen in Niedersachsen aussieht, was für die Schüler wichtig ist und wie belastet die Lehrkräfte zurzeit sind», sagte der FDP-Fraktionsvorsitzende Christian Dürr. Der schulpolitische Sprecher der CDU-Fraktion Kai Seefried erklärte, die Ministerin spreche von «Entlastungen für Lehrkräfte, obwohl sie Mehrarbeit angeordnet hat. Und vom Schutz der Gymnasien, obwohl sie ermöglichen will, sie durch Gesamtschulen zu ersetzen».
Die Ministerin verteidigte die Novelle des Schulgesetzes unter Hinweis auf den Elternwillen und die demografische Entwicklung. Zudem hob sie die Anstrengungen der Landesregierung im Schulsektor hervor. Sie nannte vorrangig den Ausbau der Ganztagsschulen, die Inklusion von Schülern mit besonderem Förderungsbedarf und den wachsenden Haushalt ihres Ministeriums. News4teachers / mit Material der dpa
Zum Beitrag: Gymnasiallehrer wollen Ministerin Heiligenstadt eisigen Empfang bereiten

