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Schluss mit dem föderalen Chaos: Wir brauchen endlich einen Masterplan für die schulische Integration der Flüchtlingskinder

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Ein Kommentar von News4teachers-Herausgeber ANDREJ PRIBOSCHEK.

News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

Auch wenn keine aktuellen Fernsehbilder von Flüchtlingen mehr zu sehen sind, die zu Tausenden in langen Menschenketten die deutsche Grenze überqueren – das Thema Integration behält Deutschland fest im Griff. Geschätzte 250.000 Kinder und Jugendliche kommen nach dem enormen Flüchtlingsandrang des Vorjahres nach den Sommerferien in die Schulklassen. Das Bildungssystem ist nur deshalb nicht in die Knie gegangen, weil sich viele Kollegien der Herausforderung mit bemerkenswertem Engagement gestellt haben. Der Bildungsföderalismus allerdings hat sich, mal wieder, nicht mit Ruhm bekleckert: „Extrem heterogene Regelungen“ hat der VBE unlängst kritisiert. Damit seien die Teilhabechancen der Flüchtlingskinder abhängig von dem Aufenthaltsort. Und jetzt, mit dem neuen Schuljahr, folgt Teil zwei des Kraftakts – und dafür werden dringend Lösungen benötigt.

Nun haben die Bundesländer wenigstens etwas Geld aufgewendet, um mehr Lehrerstellen zu schaffen – die einen mehr, die anderen weniger, aber im Ganzen eben noch nicht genug (wie uns die aktuelle IW-Studie zum Thema aufzeigt). Die föderalen Bemühungen stoßen allerdings bald an ihre Grenzen: Der Arbeitsmarkt für Lehrkräfte ist weitgehend leergefegt. Zeit, zu fragen: Wo bleibt denn der Einsatz der Bundesregierung? Es kann doch nicht angehen, dass allerorten in Deutschland nun das Schuljahr beginnt und Flüchtlingskinder zu Hunderttausenden in die Schulen kommen, ohne dass sie dort vernünftig unterrichtet werden können.

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Die Lehrer, die ja schon bislang nicht unterbeschäftigt waren (es sei hier nur mal an die auch jetzt noch weiter voranschreitende Inklusion erinnert), können doch nicht weitgehend im Alleingang die Einwanderung erledigen, alle Kinder in Nullkommanichts zu elaborierten Deutschkenntnissen führen, sie individuell nach ihren Begabungen fördern, die vermutlich zahlreichen schweren Traumata heilen und ihnen nebenbei auch noch die demokratischen Grundwerte vermitteln, die sie aus ihren von Diktatoren und Kriegen geplagten Heimatländern wohl eher nicht kennen.

Ach ja, Bildung ist in Deutschland ja Ländersache. Das kann aber doch nicht ernsthaft bedeuten, den überforderten Kommunen und Ländern die Lösung der – ganz Deutschland gleichermaßen betreffenden – Flüchtlingsproblematik zu überlassen.

Hier ist also dringend gefordert: ein nationaler Krisenstab, der mit ausreichenden Ressourcen ausgestattet wird und einen praktikablen Plan entwirft, wie Flüchtlingskinder überhaupt erst einmal sprachlich und kulturell schulreif (ich benutze den mittlerweile in der Pädagogik ja in Misskredit geratenen Begriff hier bewusst) gemacht werden können. Und wenn für diese Aufgabe Lehrer im Ruhestand gewonnen werden müssen, weil der Markt nicht genügend qualifizierte Arbeitslose hergibt – nun gut, dann muss das eben sein. Andere Möglichkeiten: Seiteneinsteiger, Studenten oder bereits sprachkundige Flüchtlinge als „Deutsch-als-Fremdsprache“-Lehrer zu qualifizieren. Oder: die Chancen digitaler Bildung auszuloten. Und: Sozialarbeiter und Schulpsychologen als Integrationshelfer an die Schulen zu holen. Ungewöhnliche Herausforderungen erfordern eben unorthodoxe Herangehensweisen.

Jetzt ist es an der Zeit, neben den Begriffen Krise, Problem und Problematik auch noch einen anderen einzuführen: Chance. Diese Hunderttausenden von Kindern, die in den vergangenen zwölf Monaten Deutschland erreicht haben, machen in kurzer Zeit das, was die Familienpolitik der letzten Jahrzehnte mit Milliardensummen nicht erreicht hat: Sie stoppen die Vergreisung Deutschlands. Seit zehn Jahren reden wir über den Schülerschwund in den Schulen, über eine „demografische Rendite“ (was gleichzusetzen ist mit dem Abbau von Lehrerstellen), über Azubi-Mangel und eine dramatisch überalterte Gesellschaft, deren gesellschaftliche Großthemen sich tendenziell von Erziehungsfragen hin zu Demenzerscheinungen verlagern. Mit diesen unguten Entwicklungen ist gottlob wohl bald Schluss.

Damit allerdings die Frischzellenkur nicht mit langfristigen sozialen Verwerfungen erkauft werden muss, sind jetzt Investitionen in die Bildung nötig, und zwar massive. Gelingt es uns, diesen vielen Kindern vom Start weg eine Perspektive für ein lebenswertes Leben in Deutschland zu geben, muss uns um die Zukunft unseres Landes nicht bange sein.

Zum Bericht: Flüchtlingskinder: Studie fordert 3,5 Milliarden Euro pro Jahr mehr für die Schulen und Kitas

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