Experten: Ohne Bildung sind weitere Flüchtlingswellen vorprogrammiert

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BERLIN. Die Rückführung von Flüchtlingen war eines der wichtigsten Vorhaben von Kanzlerin Angela Merkel für das Jahr 2017. Der Erfolg ist umstritten. Experten sind sich allerdings sicher, dass langfristig nur bessere Schulbildung in ihren Heimatländern Menschen überhaupt von der Flucht abhalten wird. Doch das braucht Zeit. Die Ex-Bankerin und Aktivistin Alice Albright fordert von der Bundesregierung mehr Engagement.

Wer ein Medikament ohne Nebenwirkungen entwickeln würde, das gleichzeitig Masern, Herzrasen, Magengeschwüre und Bronchitis bekämpft, dem wären Reichtum und Ehrungen wohl gewiss. In der Entwicklungshilfe gibt es so ein Allheilmittel bereits. Experten sagen: Bildung wirkt gegen Terrorismus, Bevölkerungsexplosion, Verzweiflungsmigration und kann manchmal sogar Bürgerkriege verhindern. Ein Problem ist nur: Wer in Schulbildung investiert, braucht Geduld. Erfolge lassen sich frühestens nach zehn Jahren feststellen.

Investitionen in Schulbildung sind die beste Entwicklungshilfe, doch bis sie Früchte tragen dauert es seine Zeit. Foto: Ivar Abrahamsen / flickr (CC BY-SA 2.0)
Investitionen in Schulbildung sind die beste Entwicklungshilfe, doch bis sie Früchte tragen dauert es seine Zeit. Foto: Ivar Abrahamsen / flickr (CC BY-SA 2.0)
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Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung weist in einer aktuellen Untersuchung sogar darauf hin, dass Bildungsinvestitionen in afrikanischen Staaten südlich der Sahara kurzfristig erst einmal mehr Menschen in die Lage versetzen, «über eine Migration nachzudenken, sie zu organisieren und zu finanzieren». Gleichzeitig rechnet das Institut vor: Ohne Bildung könnte die Bevölkerung in Subsahara-Afrika in diesem Jahrhundert auf fast 3,5 Milliarden anwachsen. Die Möglichkeiten, diese Menschen auch nur mit dem Notwendigsten zu versorgen, würden sich verschlechtern. Neue Krisen, Konflikte, Flucht und Migration wären die unausweichliche Folge.

Es sind auch diese Szenarien, die Alice Albright (56) im Kopf hat, wenn sie um die Welt reist, um Geld einzusammeln und Regierungen in Ländern mit niedrigen Einkommen dazu zu bewegen, 20 Prozent der staatlichen Einnahmen für Bildung auszugeben. Vor einigen Tagen konnte die Vorsitzende der Globalen Bildungspartnerschaft (GPE) einen Erfolg verbuchen. Die Europäische Kommission hat angekündigt, dass sie GPE für die Jahre 2018 bis 2020 rund 350 Millionen US-Dollar (287 Mio Euro) zur Verfügung stellen will. Das sind etwa 100 Millionen Dollar mehr als ursprünglich geplant.

Trotzdem hat Albright noch viel zu tun bis zur GPE-Finanzierungskonferenz am 1. Februar in Dakar: Insgesamt sollen 3,1 Milliarden Dollar zusammenkommen, um 870 Millionen Kindern in 89 Ländern gute Schulbildung zu ermöglichen. Albright kann dabei auf die Unterstützung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron zählen, der die Konferenz mit Senegals Präsidenten Macky Sall ausrichtet.

Mit Staatschefs an einem Tisch zu sitzen, ist für die Frauen in Albrights Familie nicht ungewöhnlich. Ihre Mutter, Madeleine Albright, hat als erste US-Außenministerin unter Präsident Bill Clinton Geschichte geschrieben. Alice Albright ist ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Das Gleiche gelte für ihre Zwillingsschwester, sagt die GPE-Vorsitzende.

Alice Albright sagt: «Ich habe eine großartige Mutter, sie ist ein fantastisches Vorbild und eine großartige Großmutter.» Zu ihren Vorbildern zählt die ehemalige Bankerin, die unter Präsident Barack Obama Vizepräsidentin der staatlichen Export-Import Bank war, auch den früheren US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Auf die Politik von US-Präsident Donald Trump angesprochen, seufzt sie leise und sagt: «In der Welt geht es einmal mal nach oben und einmal nach unten.» Ihre Mutter hatte die erfolglose Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, im Wahlkampf unterstützt.

Wenn Albright über den Nutzen verbesserter Bildungschancen spricht, klingt sie manchmal noch wie eine Bankerin. Sie erzählt keine rührseligen Geschichten von Besuchen in Elendsvierteln, sondern legt lieber Zahlen und Fakten auf den Tisch: Von den 65 Ländern, die von GPE seit 2002 unterstützt worden sind, sind 28 von Konflikten betroffen wie der Jemen oder haben keine voll funktionsfähigen staatlichen Strukturen wie Somalia. Albright stellt eine einfache Gleichung auf: «Gesundheitsversorgung und Bildung helfen, Ungleichheit zu beseitigen. Und je mehr Ungleichheit in einer Gesellschaft existiert, desto größer ist das Risiko, dass sich Extremismus und Terrorismus verbreiten.»

Wie die GPE dabei vorgeht, ist von Land zu Land verschieden. Während in Ruanda die Entwicklung eines neuen Bildungsplans finanziert wurde, gab es in Ghana Unterstützung für Sehtests und kostenlose Brillen für Schüler, die bisher nur ahnen konnten, was vorne an der Tafel steht. Darauf, was in den Schulbüchern steht, nimmt die Globale Bildungspartnerschaft keinen Einfluss. «Wir sind keine Organisation, die Staaten vorschreibt, welche Inhalte in ihren Lehrplänen enthalten sein müssen», betont Albright.

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Sie hat vor einigen Tagen in Berlin Bundestagsabgeordnete getroffen, um für die GPE zu werben. Albright sagt, Deutschland sei zwar als Geber mit eigenen Bildungsprojekten in etlichen Ländern aktiv. Beim multilateralen Engagement sei aber noch viel Luft nach oben. Der Bundestag hat beschlossen, dass der deutsche Beitrag zum GPE-Fonds 2018 von sieben auf neun Millionen Euro pro Jahr steigen soll. Fair wäre aus Albrights Sicht ein Beitrag in Höhe von 100 Millionen Euro.

Alice Albright trägt bei ihrem Besuch in Berlin zur Kostümjacke ein großes silbernes Armband. Sie wirkt wie ein Mensch, der noch viel vor hat. Ihre berühmte Mutter ist für ihre auffälligen Broschen bekannt. Sie ist heute 80 Jahre alt und immer noch gelegentlich im Fernsehen zu hören, wenn es um Nordkorea und andere Krisen geht. Ihre Tochter sagt, sie habe ihr Lebensthema schon gefunden: «Die Bildungskrise». (Anne-Beatrice Clasmann, dpa)

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