Studie: Jugend in West- und Ostdeutschland gleichermaßen narzisstisch

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BERLIN. 28 Jahre nach dem Mauerfall beschäftigen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen immer noch viele Staatsbürger diesseits und jenseits der ehemaligen Grenze. Was Narzissmus und Selbstwertgefühl angeht, konnten Wissenschaftler der Berliner Charité nun deutliche Unterschiede aufzeigen, allerdings nur bei denjenigen, die 1989 bereits in der Schule waren.

Narzissmus bezeichnet eine übersteigerte Selbstliebe und Ichbezogenheit. Zu einem Krankheitsbild wird das Phänomen dann, wenn die betroffene Person unter den Auswirkungen leidet und Symptome einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung entwickelt.

Ostdeutschland hat hinsichtlich des Narzissmus’ aufgeholt, (Ausschnitt aus Michelangelo Merisi da Caravaggios „Narziss“ (1598) Bild: Wikimedia Commons
Ostdeutschland hat hinsichtlich des Narzissmus’ aufgeholt, (Ausschnitt aus Michelangelo Merisi da Caravaggios „Narziss“ (1598) Bild: Wikimedia Commons
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Wie Wissenschaftler um Professor Stefan Röpke und Dr. Aline Vater von der Berliner Charité nun zeigen konnten, weisen Menschen, die in den alten Bundesländern Deutschlands aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte auf als Menschen, die in den neuen Ländern sozialisiert wurden. Ein genau gegenteiliges Bild zeigt sich hinsichtlich des Selbstwertgefühls. Dieses ist im Osten des Landes höher ausgeprägt als im Westen. In der jungen Generation allerdings gleichen sich die Werte seit der deutschen Einheit an, so ein Ergebnis der Studie.

Für ihre Untersuchung haben die Forscher Daten aus einer anonymen Internetumfrage in der deutschen Bevölkerung herangezogen. Mehr als eintausend Personen beantworteten einen Fragenkatalog, wobei knapp 350 von ihnen in der ehemaligen DDR geboren waren und etwa 680 Studienteilnehmer in der alten Bundesrepublik aufgewachsen sind.

Unterschieden wurde bei der Auswertung in subklinischen, unterschwelligen Narzissmus, der zur Persönlichkeit gehört und oft als gesunder Narzissmus bezeichnet wird und der pathologischen Selbstüberschätzung, die über das gesunde Maß hinausgeht. Der Selbstwert der befragten Personen ist anhand einer in der Forschung etablierten Selbstwertskala ermittelt worden.

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Nach Meinung der Autoren bildet die Studie einen deutlichen Beleg dafür, dass das gesamtgesellschaftliche Umfeld Auswirkungen auf das Entstehen einer übermäßigen Selbstüberschätzung habe. „Moderne westliche Gesellschaften fördern die Ausprägung von Narzissmus. So weisen Menschen, die in den Bundesländern westlich der innerdeutschen Grenze aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte auf als Menschen, die eine Erziehung in der ehemaligen DDR erlebt haben“, erklärt Röpke. „Gezeigt hat sich dies in unserer Studie vorrangig für den sogenannten grandiosen Narzissmus, der durch starke Selbstüberschätzung gekennzeichnet ist“, stellt der Wissenschaftler fest.

Sei zwischen 1949 und 1989/90 der Westen der Republik von einer eher individualistischen Kultur bestimmt gewesen, hätte im Osten Deutschlands eine eher kollektivistische Ausrichtung bestanden. Bei ihrem Vergleich der Ausprägung von Narzissmus und Selbstwert in der deutschen Bevölkerung konnten die Wissenschaftler einen klaren, dementsprechenden Alterskohorten-Effekt ausmachen.

„Keinen Unterschied sehen wir in der jungen Generation, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls noch nicht geboren oder noch nicht in der Schule war und somit unter gleichen westlichen Bedingungen aufgewachsen ist. Hier sind Narzissmus und Selbstwert in Ost und West gleich ausgeprägt“, konstatiert Aline Vater. Der deutlichste Effekt lasse sich in der Generation beobachten, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls sechs bis 18 Jahre alt war, also im Alter des Schuleintritts bis hin zur Volljährigkeit. In der ältesten Kohorte, 19 Jahre und älter zum Zeitpunkt des Mauerfalls, war ein Unterschied zumindest noch für den subklinischen, also unterschwelligen, Narzissmus zu finden.

„Insgesamt sprechen die Ergebnisse der Untersuchung dafür, dass gesellschaftliche Faktoren die Ausprägung von Narzissmus und Selbstwert beeinflussen. Westliche Gesellschaften scheinen erhöhte Narzissmus-Werte in der Bevölkerung zu fördern“, schließt Prof. Röpke. (zab, pm)

Die Studie ist in der Fachzeitschrift PLOS ONE erschienen:
Aline Vater, Steffen Moritz, Stefan Roepke. Does a narcissism epidemic exist in modern western societies? Comparing subclinical narcissism, pathological narcissism, and self-esteem in East and West Germany. PLOS ONE. 2018 Jan. doi: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0188287

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4 KOMMENTARE

  1. Sensation: Die aktuelle Jugend ist in Ost und West gleichermaßen sozialisiert.

    Ob die gewählte Sozialisation gut oder schlecht ist, steht auf einem anderen Blatt. Narzissmus ist aber in reichen, westlichen Kulturen mittlerweile üblich.

  2. ZITAT: “… weisen Menschen, die in den alten Bundesländern Deutschlands aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte auf als Menschen, die in den neuen Ländern sozialisiert wurden. …”

    Hm, und wie verträgt sich das nun mit dem höheren Zuspruch für extreme Parteien mit insgesamt 40% (AFD und Linke munter zusammengeschmissen), wie es hier vor einiger Zeit von vielen (westdeutschen) Kommentatoren apostrophiert wurde?

    • Vielleicht ist das hier die Erklärung?

      ZITAT: “So weisen Menschen, die in den Bundesländern westlich der innerdeutschen Grenze aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte auf als Menschen, die eine Erziehung in der ehemaligen DDR erlebt haben“, erklärt Röpke. „Gezeigt hat sich dies in unserer Studie vorrangig für den sogenannten grandiosen Narzissmus, der durch starke Selbstüberschätzung gekennzeichnet ist“, stellt der Wissenschaftler fest.”

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