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Zur Psychologie des Lehrerberufs: Lehrer brauchen eine fehlerfreundliche Haltung – auch bei sich selbst!

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BERLIN. Lehrerinnen und Lehrer sind im Beruf durch zahlreiche Herausforderungen stark belastet. Umso wichtiger ist es, mit den eigenen Kräften schonend umzugehen – und sich für den Alltag zu wappnen. Eine entscheidende Größe ist dabei der Umgang mit Fehlern. Drei renommierte Schulpsychologen raten Lehrern im folgenden Beitrag zur gründlichen Selbstreflektion – um Lernchancen (bei sich selbst) zu erkennen und damit die Grundlage für künftige Erfolge zu legen. Der Beitrag ist Teil zwei eines Textes zur Psychologie des Lehrerberufes, der zunächst in der Zeitschrift Grundschule erschienen ist. Hier geht es zu Teil eins: “Warum Scheitern dazugehört (und Lehrer trotzdem gesundheitlich belasten kann)”.

Hier lässt sich das Heft bestellen oder lassen sich einzelne Beiträge herunterladen (kostenpflichtig).

Lehrer sollen ihr Handeln selbstkritisch reflektieren – im eigenen Interesse. Foto: Shutterstock

Lernen aus Niederlagen

Leisten Sie sich eine fehlerfreundliche Haltung! Fehler sind hervorragende Lernchancen – für Schüler, aber auch für Sie selbst. Allerdings nur entdeckte Fehler. Sie sollten also wissen, worauf es ankommt.

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Viele Fehler sind der Selbst- oder Fremdwahrnehmung nicht ohne weiteres und zeitnah zugänglich und entziehen sich somit einer Korrektur. Sie werden vielmehr weiterhin praktiziert und trainiert.

Selbst erlebte Misserfolge sind nicht selbstverständlich ein Grund zur Reflexion. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich selbst und andere zu täuschen.

In den Modellen über Attribuierungsmuster (zum Beispiel Weiner 1994) werden internale, auf die Person selbst bezogene, und externale Attribuierungen unterschieden. Das heißt, man kann Erfolge und Misserfolge sich selbst zuschreiben oder auf externe Bedingungen zurückführen, zum Beispiel auf andere Personen oder auf „die Umstände“. Vielfach neigen Personen dazu, eigene Misserfolge oder Fehlverhalten eher mit Hinweis auf externale Bedingungen zu erklären („Der hat angefangen“). Fehler bei anderen werden hingegen sehr schnell mit internalen Faktoren der betreffenden Personen erklärt,  zum Beispiel mit „Absicht“ (vgl. Ulich, 2001).

Während man sich also selbst eher als Opfer der Umstände sieht, erklärt man das Fehlverhalten des Anderen als absichtsvoll gesteuert. So kommt es sehr schnell zu einem Kampf um Schuldzuweisungen und Entschuldigung nach dem Motto: Wer die Schuld hat, muss sich zuerst ändern! Dieses Denken verhindert, Misserfolge als eigene Lernchance zu sehen und persönliche Konsequenzen daraus zu ziehen.

Die Zeitschrift 'Grundschule'
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Der Beitrag ist der Ausgabe 8 / 2015 der Zeitschrift “Grundschule” mit dem Titel “Meine Erfolge! Wie Sie sich Anerkennung im Beruf verschaffen können” erschienen. Hier lässt sich das Heft bestellen oder lassen sich einzelne Beiträge herunterladen (kostenpflichtig).

Erfolg im Lehrerberuf? Das ist so eine Sache. Ist es doch gar nicht so einfach, die Entwicklung der Schüler auf das eigene Handeln zu beziehen. Grundsätzlich gilt: Erfolg hat zwei Ebenen – eine objektive und eine subjektive -, und mit beiden beschäftigen wir uns im nächsten Heft. So gilt es zunächst mal zu klären: Was sind denn die richtigen Maßstäbe für pädagogischen Erfolg?
Wir lassen uns von Bildungsforschern und Schulpraktikern erklären, mit welchen Instrumenten Lernfortschritte von Schülern sichtbar gemacht werden können. Und dann gibt es noch das persönliche Erfolgserleben: Psychologen zeigen auf, wie wir eine positive Sicht auf die Ergebnisse unserer Arbeit entwickeln können.

Gelegentlich wird empfohlen, Erfolge internal stabil und Misserfolge internal variabel zu attribuieren. Mit stabil und variabel ist gemeint, Erfolge auf dauerhafte, stabile Bedingungen zurückzuführen, zum Beispiel auf die eigenen Fähigkeiten. Misserfolge sollten demnach mit variablen, situativen Bedingungen erklärt werden, zum Beispiel „nicht genug angestrengt“, „schlechter Tag“ und so weiter. Damit sollen negative Konsequenzen von Fehlern und Misserfolgen für die eigene Psyche abgemildert werden. Diese Empfehlung ist problematisch. Sie kann eine Beihilfe zur Selbstüberforderung, Selbstüberschätzung oder Verzweiflung werden, weil sie externe Ursachen für Erfolg und Misserfolg systematisch ausblendet. Aber auch die gegenteilige Attribuierungsgewohnheit ist problematisch. Wer dazu neigt, Misserfolge internal stabil, also zum Beispiel mit Unvermögen zu erklären, lässt sich unbewusst auf eine Depressionsspirale ein.

Lehrpersonen und Schüler brauchen eine fehlerfreundliche Haltung. Sie benötigen Suchalgorithmen, um bei sich selbst oder anderen Fehlverhalten, Misserfolge und Nebenwirkungen zu entdecken und die damit verbundenen Lernchancen zu nutzen. Lehrkräfte sollten in der Lage sein, diese auch an die Schüler weiterzugeben.

Um Fehler und Misserfolge als Lernchance nutzen zu können, bedarf es einer systematischen Fehleranalyse. Erst wenn Fehler erkannt und verortet werden, können ihre individuellen und sozialen Folgen reduziert und künftig vielleicht vermieden werden, wie zum Beispiel die Ausgrenzung von angeblich Alleinschuldigen, die Bildung von heimlichen Untergruppen, die sich verfolgt fühlen und deshalb zu verdeckten Strategien und Grabenkämpfen neigen.

Die folgende Tabelle ordnet die Risiken für Scheitern und Fehlverhalten in ein Entscheidungs- und Handlungsmodell ein. Es unterscheidet die Stadien:

Das Modell liefert Anhaltspunkte für die Abklärung von Bedingungen und Zusammenhängen negativer Ereignisse zur künftigen Vermeidung. Personen mit guter Fehlerbewältigungskompetenz finden leicht Beispiele für die hier genannten Fehler.

Checkliste für Risiken und Fehler in der Handlungsregulation

Risiken im Wahrnehmen und Denken:

Schultypische Beispiele für fehlerhaftes Handeln von Lehrkräften und SchülerInnen:

Risiken in der Entscheidung und Handlungsvorbereitung

Schultypische Beispiele für fehlerhaftes Handeln von Lehrkräften und SchülerInnen:

Risiken in der Handlungsdurchführung

Schultypische Beispiele für fehlerhaftes Handeln von Lehrkräften und SchülerInnen:

Risiken in der Handlungsbewertung

Schultypische Beispiele für fehlerhaftes Handeln von Lehrkräften und SchülerInnen:

Fehlende oder einseitige Evaluation

Risiken in der Erlebnisverarbeitung

Schultypische Beispiele für fehlerhaftes Handeln von Lehrkräften und SchülerInnen:

Bisher bleibt festzuhalten: Die Schule bietet für alle Beteiligten viele Anlässe für Fehler, Enttäuschungen und Niederlagen, die zunächst analysiert werden müssen, um bessere Problemlösungen zu ermöglichen.

Eine Fehleranalyse erklärt zwar kognitiv-rational die Entstehung und Aufrechterhaltung von Misserfolg und Scheitern. Damit ist allerdings noch nicht ihre emotionale Seite abgehandelt. Selbstabwertung, Minderwertigkeitsgefühle, Zweifel an der Selbstwirksamkeit, allgemeine Verunsicherung und ähnliches können zu einer dauerhaften psychischen und gesundheitsbeeinträchtigenden Belastung werden. Gleichbedeutend ist das Risiko von sozialem Rückzug beziehungsweise sozialer Ausgrenzung und der Abwertung relevanter Bezugspersonen einzuschätzen. Hier geht es um die Steuerung der emotionalen Betroffenheit in den Phasen der Handlungssteuerung. Dazu gibt es sehr effektive Online-Trainings (Hinweise im Heft auf Seite 32). Dabei gilt: Emotionen und Betroffenheit, die man nicht verstanden hat, kann man auch nicht regulieren.

Die folgende Tabelle zeigt, welche Grundbedürfnisse von Lehrkräften und Schülern bei Missachtung im System Schule zu starken negativen Gefühlen führen können. Erst wenn man die Betroffenheit bei sich selbst oder bei Mitmenschen als Bedrohung von solchen Grundbedürfnissen verstanden hat, kann man sie akzeptieren, aushalten oder geduldig verändern.

Schulstress durch die Bedrohung von fünf Grundbedürfnissen:

Hier lässt sich das Heft bestellen oder lassen sich einzelne Beiträge herunterladen (kostenpflichtig).

Wichtig zu wissen!

Es sind Aphorismen im Umlauf, die die Wichtigkeit verdeutlichen, mit eigenen und fremden Fehlern klug umzugehen. In den alten Sprüchen steckt eine Menge Weisheit.

War der Tag nicht Dein Freund, so war er doch dein Lehrer!

Der Spruch ermahnt, täglich das Tagesgeschehen nach Fehlern zu untersuchen und sich ggf. um ein effektives Fehler- und Misserfolgsmanagement zu bemühen (lessons learned).

Warum siehst du den Splitter im Auge des anderen und übersiehst den Balken im eigenen Auge!

Dieser Satz (vgl. Matthäus 7,3) betont die Neigung, selbst kleine Fehler bei anderen schnell zu registrieren und größere bei sich selbst zu übersehen. So geben viele ein kritisches Feedback, können aber selbst kritisches Feedback nur schlecht verarbeiten. Damit erwartet man ein konstruktives Fehlermanagement primär von anderen!

Alles gelernt – nur nicht die Niederlage?

Es ist schon nicht leicht, mit Erfolg, Anerkennung und Siegen personen- sowie sozialverträglich umzugehen; das Risiko von Selbstüberschätzung oder Überheblichkeit liegt nahe. Misserfolge, Fehler oder Ablehnung personen- und sozialverträglich zu verarbeiten, haben wir in der Regel ebenfalls nicht explizit gelernt. Ihre Folgen können aber gravierend sein: Schlechte Formen der Misserfolgsbewältigung können zum Auftakt von Depressionen, Schuldgefühlen und von interaktionalen Grabenkriegen werden. Zudem binden schlechte Verlierer kurz- wie langfristig für sich selbst wie für Teams oder Organisationen unnötig Ressourcen. Wie man siegen lernen sollte, ohne andere zu beschämen, müsste man auch lernen, bei mit Niederlagen nicht die Schuld einseitig auf andere zu verlagern und sich selbst als Opfer zu sehen. Misserfolge, negative Gefühle und Widerspruch sind unvermeidbar, vielfach aber vorhersehbar. Dies sind für Lehrerinnen und Lehrer Gelegenheiten, mit den Schülerinnen und Schülern das Verlieren in Würde zu trainieren.

Learn to fail – or fail to learn.

Hier wird eine bittere Konsequenz für Personen herausgestellt, die nicht gelernt haben, mit dem Scheitern positiv umzugehen. Wer nicht lernt, dass Niederlagen zum Leben gehören, verpasst viele Chancen daraus zu lernen. Wer sich nicht mit den eigenen Fehlern in diesem Sinn befasst, sichert das Wiederauftreten der eigenen Fehler mit allen Konsequenzen für sich und die Umwelt. Wer Schwächen schwächen will, muss sich gerne mit den eigenen Schwächen befassen!

Zur Psychologie des Lehrerberufs: Warum Scheitern dazugehört (und Lehrer trotzdem gesundheitlich belasten kann)

Literatur

Die Autoren

Bernhard Sieland, Professor em. für Psychologie an der Leuphana Universität Lüneburg, ist gelernter Volksschullehrer, Dipl.-Psychologe, Psycho-Therapeut und Supervisor.

Diplom-Psychologe Helmut Heyse war bis 2001 Referent Schulpsychologie bei der Bezirksregierung Trier. Danach entwickelte er und leitete er das Projekt Lehrergesundheit Rheinland-Pfalz.

Markus Eckert war bis 2010 Grund-, Haupt- und Realschullehrer – berufsbegleitend studierte er Psychologie. Er ist Mitbegründer des Instituts LernGesundheit (www.lehrergesundheit.eu)

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