BLLV-Präsidentin Fleischmann startet Kampagne für eine kindgerechte Schule – stets zwei Lehrer in der Klasse plus Expertenteam drumherum

12

MÜNCHEN. Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) macht mobil. Er fordert die Politik auf, Schule endlich mal „vom Kind aus zu denken“. Heißt, wie BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann heute auf einer Pressekonferenz erklärte: mindestens zwei Lehrkräfte in jede Klasse zu schicken und ein multiprofessionelles Expertenteam drumherum aufzubieten, um tatsächlich auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Schüler eingehen zu können. „Es geht uns nicht nur um den Ruf nach mehr Geld – es geht uns auch darum, die vorhandenen Ressourcen bedarfsgerecht zu verteilen: flexibel, effizient und intelligent. So wie sie die Schulen vor Ort brauchen“, betonte Fleischmann.

Fordert mehr Geld für die Bildung – und eine flexiblere Ressourcenverteilung für die Schulen: BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Foto: BLLV

„Zeit für Sebastian. Zeit für Ann-Sophie. Zeit für Ulla, für Taio oder für Akilah. Der eine fühlt sich traurig. Die andere will mehr lernen. ‚Ich habe mir weh getan‘, heißt es da, ‚Ich will Deutsch lernen‘ oder ‚Ich möchte das nochmal erklärt bekommen.‘ Mit solchen Aussagen sind elf bunte Kinderportraits überschrieben. Sie bilden das Herzstück der BLLV-Kampagne „Zeit für Bildung – flexibel, effizient, intelligent“, so heißt es in einer Pressemitteilung des Verbands.

Anzeige


Ziel der bayernweiten Kampagne sei es, für Schulen optimale Voraussetzungen zu schaffen, damit sie den unterschiedlichen Bedürfnissen ihrer Schülerinnen und Schüler gerecht werden können. Auf einer Pressekonferenz heute in München stellte die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, die Kampagne vor. „Wir wollen erreichen, dass Lehrkräfte künftig allen jungen Menschen genau die Zeit geben können, die sie brauchen.“ Im Mittelpunkt stehe deshalb die Vielfalt der Kinder, auf die es nur eine Antwort gebe: ebenso vielfältige Formen der Ressourcenverteilung auf Grundlage einer ebenso soliden finanziellen Basis. Den Zeitpunkt für den Auftakt der Kampagne habe man bewusst im Jahr der Landtagswahl gewählt. In den kommenden Monaten seien landesweit noch viele weitere Aktionen unter dem Dach „Zeit für Bildung“ geplant.

„Um die Vielfalt der Bedürfnisse und Lebenssituationen von Schülern zu verdeutlichen, haben wir elf Plakate mit elf Gesichtern entworfen. Sie zeigen, wie vielfältig die Bedürfnisse und Lebenssituationen der Kinder und Jugendlichen sind, die heute unsere Schulen besuchen. Elf Gesichter – elf Geschichten, elf Bedürfnisse. Ein Bild bleibt leer. Es steht für die vielen nicht genannten Bedürfnisse“, erklärte Fleischmann zum Auftakt der Kampagne. Die Schule sollte allen Bedürfnissen gerecht werden können – genau das könne sie aber nicht. „Wenn Sebastian und Ann-Sophie Unterstützung bekommen, gehen Ulla oder Taio leer aus, weil es einfach keine Kapazitäten mehr für ihre Bedürfnisse gibt. Das können und wollen Bayerns Lehrerinnen und Lehrer nicht länger hinnehmen.“

Stabilität, Halt, Werte

Die Anforderungen an Schule hätten sich grundlegend geändert, betonte Fleischmann. Schulen seien Einrichtungen, die jungen Menschen neben der reinen Vermittlung von Wissen und Kompetenzen auch Stabilität, Halt, Werte, Verlässlichkeit und Orientierung geben. „Die Schule ist heute außerdem die einzige Institution, die alle jungen Menschen unabhängig von ihrem sozialen Status, ihrer Religion und ihrem familiären Hintergrund, besuchen. Sie soll gleiche Bildungschancen für alle sichern und dabei jedes Kind im Sinne der Bayerischen Verfassung individuell fördern. Damit Lehrkräfte die Voraussetzungen vorfinden, die sie brauchen, um allen Heranwachsenden gerecht werden zu können, sind freilich auch die entsprechenden Ressourcen nötig.“ Und da klafften gewaltige Lücken: So seien 2017 vom Freistaat für Bildung 18 Milliarden Euro ausgegeben worden. „Das sind 31,8 Prozent des gesamten Staatshaushaltes. Das klingt erst mal nach viel Geld. Vor zehn Jahren waren es allerdings noch über 35 Prozent- oder anders ausgedrückt: wenn heute genauso viel in Bildung investiert werden würde wie vor zehn Jahren, dann wären jedes Jahr zwei Milliarden mehr im bayerischen Bildungshaushalt.“

Die Kampagne des BLLV. Screenshot

Was es darüber hinaus aber auch brauche, sei eine neue Form der Mitteilzuweisung, um Schulen je nach Bedarf optimal ausstatten zu können. „Mit anderen Worten: eine flexible, effiziente und intelligente Budgetierung, die sich künftig sehr viel mehr an den Bedarfen der Einzelschule orientieren müsse, um entsprechend darauf reagieren zu können. Das setzt natürlich voraus, die Bedarfe vor Ort genau zu kennen, und die Bereitschaft, Ressourcen entsprechend da einzusetzen, wo sie gebraucht werden.“ Darüber hinaus brauche es ein stärkeres Bewusstsein darüber, wie notwendig es ist, an den Schulen multiprofessionelle Teams einzusetzen. „Die Zeit des Lehrers als Einzelkämpfer ist abschließend vorbei.“ Schule und Unterricht könnten effektiv nur noch im Team erfolgreich sein.

Der BLLV denke vom Kind aus, sagte Fleischmann. Und weil Kinder ständig in Bewegung und Entwicklung seien, könnten auch Schulen nichts Statisches sein. „Weil das so ist, muss sich auch die Politik bewegen und entsprechend auf die Herausforderungen reagieren.“ Sie forderte ein grundlegendes Neudenken, was die Unterstützung und Ressourcenausstattung von Schule betrifft.

Die Grundlage für die aktuelle Kampagne hatte Fleischmann bereits im Mai vor knapp drei Jahren gelegt anlässlich ihrer Wahl zur BLLV-Präsidentin. In dem damals von ihr vorgelegten Leitantrag stellte sie die zentrale Forderung: „Zeit für Bildung“ und knüpfte daran auch die Forderung, alle Klassen, die es brauchen, mit zwei Lehrkräften auszustatten und den Schulen multiprofessionelle Teams zur Verfügung zu stellen. „Vor der Landtagswahl werden wir im Rahmen der Kampagne auch noch ein Konzept zur Bildungsfinanzierung vorlegen“, kündigte sie an. News4teachers

Hier gibt es weitere Informationen zur Kampagne.

Wann, wenn nicht jetzt? Gebt Lehrern endlich die Unterstützung, die sie brauchen!

 

 

Anzeige


12 KOMMENTARE

  1. Wäre bundesweit wünscheswert. Damit wäre der Weg geebnet Kinder nicht als statistische Kostenfaktoren zu betrachten, sondern als Menschen mit Bedürfnissen.

    • Stimmt, aber nur zum Teil. Als “Menschen mit Bedürfnissen”, die unbedingt und möglichst sofort befriedigt werden müssen, werden Kinder andererseits auch betrachtet.
      Ich möchte Ihnen einen alten ZEIT-Artikel von Albert Wunsch empfehlen mit dem Titel “Droge Verwöhnung”. Er ist leicht zu googeln und aktueller denn je.

  2. Kleiner Klassen würden das Problem schon sehr gut lösen. Der andere Teil des Problems nennt sich Eltern, die sich nicht um ihren Nachwuchs kümmern oder diesen ver- statt erzogen haben.
    Aber auch hier gilt: kleiner Klassen brauchen Platz und Lehrer = kostet Geld=>Nein, von finanzierender Stelle!
    Gleiches gilt auch für den Vorschlag von Frau Fleischmann, obwohl die Idee recht gut ist: 2 Lehrer /Klasse+Sozialarbeiter (dauerhaft)+Schulpsychologe (nur dafür da und kein Lehrer) +Xn = Kostet Geld => Nein, von finanzierender Stelle!
    Hoffnung für Bayern: Landtagswahl! (Mal sehen, was sich ändern wird und was nicht)

    • Kleine Klassen bedeutet aber schon maximal 10-15 Personen pro Klasse. Die in dem Ausmaß schon unrealistische Reduzierung von im Schnitt 28 auf im Schnitt 25 bringt überhaupt nichts.

      • Ich habe mit einer Klassengröße von max 14 bis 16 Schüler sehr gute Erfahrungen gemacht. In einer Klasse von dieser Größe kann ich jeden so förder wie er es braucht und es funktioniert.
        Eine Klassengröße von 28+ ist in manchen Bereichen absolut normal und leider für die Schüler auch nicht immer optimal: die, die Unterstüzung bräuchten, gehen unter, andere verstecken sich, einige kommen immer durch und jene, bei denen Hopfen und Malz verloren sind, stören einfach nur.
        Ich spreche in beiden Darstellungen aus eigener Erfahrung.

  3. Bei kleinen Klassen denke ich auch an 14 – 16 Schüler (eher 14). 🙂

    Statt 2 Lehrern in Klassen mit um die 30 Schüler fände ich 1 Lehrer für rund 14 Kinder besser.

    Im Moment kann ich nicht erkennen, warum die 2-Lehrer-Variante besser sein soll (bei hoher Klassenfrequenz).

    • Warum startet man eine Kampagne für 2 Lehrer pro Klasse statt einfach für kleinere Klassen? Nach allem, was ich höre und lese, bietet die sogeannte Doppelsteckung auch ein hohes Konfliktpotenzial. Da helfen auch keine Appelle. Menschen sind nun mal unterschiedlich.

      Und wie soll das in Zeiten des Lehrermangels realisiert werden?

  4. Kleine Lerngruppen und kleine Schulen sind grundsätzlich besser als große.

    Deshalb sollte man nicht 2 Lehrer in große Klassen schicken, sondern je 1 Lehrer in zwei (sozusagen halbierte) Klassen!

    Haben wir erst 2 Lehrer pro Klasse werden die Klassen mit Sicherheit noch weiter vergrößert. Die Kollegen bekommen dann ein bisschen mehr Gehalt, damit sie alles weiterhin still ertragen. 🙂

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.