Erzieherinnen sollen mehr fördern – aber wie soll das funktionieren (bei knappen Mitteln)?

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WIESBADEN. In der Kita sollen die Kleinen nicht nur beim Spielen beaufsichtigt werden – sondern gezielt gefördert. Darüber herrscht weitgehend Konsens. Streit gibt es in Hessen jetzt darum, wie das Ziel erreicht wird.

Eine Kita managt sich von selbst - scheinen manche Träger zu meinen. Foto: Belzie / Flickr (CC BY-ND 2.0)
Mehr Förderung? Ja bitte. Foto: Belzie / Flickr (CC BY-ND 2.0)

Die Diskussion um die beste Kinderbetreuung schwelt schon lange in Hessen – und das Thema wird wohl im Landtags-Wahlkampf wieder Fahrt aufnehmen. Daran ändert vermutlich auch nichts, dass voraussichtlich Ende April ein Gesetzentwurf der schwarz-grünen Regierungsfraktionen zu Kitas verabschiedet wird. Er sieht unter anderem vor, dass alle drei Kindergartenjahre ab August 2018 für eine Betreuung von sechs Stunden am Tag beitragsfrei sein sollen. Aktuell gibt es zu den Plänen von CDU und Grünen, aber auch zu konkurrierenden Gesetzentwürfen von SPD und FDP eine öffentliche Anhörung im Landtag in Wiesbaden.

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Die Liga der freien Wohlfahrtspflege zählt zu den lautesten Kritikern der schwarz-grünen Pläne. Die angekündigte Beitragsfreiheit sei bestenfalls ein «guter Akzent», gehe aber nicht weit genug, sagte der Vorsitzende des Arbeitskreises Kinder, Jugend, Frauen und Familie, Jürgen Hartmann-Lichter. Bei einer Teilzeitstelle und angesichts der Pendlerstrecken etwa in Rhein-Main seien die sechs Stunden deutlich zu knapp bemessen, bemängelte er. Was aber abseits der Diskussion um die Beiträge viel bedeutsamer sei: «Es fehlt dem Gesetz insgesamt eine Perspektive zur Qualität», sagte Hartmann-Lichter.

Im Doppelhaushalt 2018/2019 will die schwarz-grüne Landesregierung für ihre Reform bei der Kitabetreuung insgesamt 440 Millionen Euro bereitstellen. Dazu kommen knapp 50 Millionen Euro für die Qualitätsverbesserung.

«Wir fordern grundsätzlich mehr Zeit für Kinder und Eltern», sagte Hartmann-Lichter. Das gehe nur mit deutlich mehr Personal. «Erziehungsarbeit und die Bildung von Kindern hat was mit Menschen, mit Beziehungen zu tun.» Die Liga fordert daher unter anderem, dass beim Personalschlüssel für Kindergärten und -horte per Gesetz mehr Zeit für Leitungsaufgaben eingeplant wird. Ab etwa vier Gruppen würde dies bedeuten, dass die Leiterin der Einrichtung komplett für diese Aufgabe freigestellt wird.

Allen Erzieherinnen müsse mehr Zeit «ohne Kinder», also etwa für die Vorbereitung der Betreuungsstunden und für Elterngespräche bleiben, forderte Hartmann-Lichter. Die Vorschläge der SPD-Opposition im Landtag gingen hier deutlich weiter, lobte der Experte.

Mehr Zeitreserven für Kita-Mitarbeiter

Die Sozialdemokraten wollen nicht nur die Gebühren für alle Kinder ab einem Jahr stufenweise komplett abschaffen. Ihr Gesetzentwurf sieht mehr Zeitreserven für Erzieherinnen vor, um die Qualität der pädagogischen Arbeit zu verbessern. Außerdem sollen die Kommunen nach den Vorstellungen der SPD schrittweise von den Betreuungskosten entlastet werden. Von 2022 an soll das Land davon zwei Drittel übernehmen.

Mittelfristig veranschlagt die SPD mehr als 700 Millionen Euro jährlich für ihre Pläne. Als Gegenfinanzierung führt sie die Mittel aus dem neu geordneten Länderfinanzausgleich an. Hier erwartet Hessen künftig rund 550 Millionen Euro mehr im Jahr.

Die Liga sammelt derzeit mit einer Internetpetition Unterschriften für ihre Forderungen. Damit solle kein Volksentscheid initiiert werden, sagte Hartmann-Lichter. Es gehe vielmehr darum, mit einem öffentlichen Diskussionsforum allen die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung und Erfahrungen zu äußern.

Die Kommentare sind teils deutlich: «Ich arbeite selbst im Kindergarten und sehe das die Arbeitsumstände immer katastrophaler werden», schrieb eine Frau aus Frankenberg. Und ein anderer Unterstützer ergänzte: «Das Personal muss Zeit haben, auf die Kinder einzugehen.»

Die FDP-Fraktion hat sich ebenfalls mit einem eigenen Gesetzentwurf in die Debatte eingeschaltet. Die Liberalen wollen, dass die Stimme der Eltern stärker gehört wird. Dafür sollen Elternbeiräte für Kindertagesstätten auf Kreis- und Landesebene eingerichtet werden. dpa

Studie: Die Herausforderungen an Kita-Mitarbeiter steigen, gewürdigt wird dies aber nicht

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6 KOMMENTARE

  1. Der Personalmangel in den Kitas ist jetzt schon groß, die Bereitschaft, die anspruchsvolle Ausbildung zu absolvieren, dafür dann entsprechend wenig zu verdienen, schreckt bei zunehmender Arbeitsbelastung viele ab. Und das ist erschreckend.
    Wenn die Aufgaben nunmehr mal wieder ausgeweitet werden, dann muss klar sein: Das Tarifniveau der Erzieherinnen ist drastisch zu niedrig. Drastisch meint hier: 20 – 30% Lohnplus müssten draufgelegt werden. Deutschland knausert da gerne, andere Länder wie die Schweiz zeigen, dass sich Wertschätzung auch im Lohnbeutel niederschlagen darf.

  2. Niedersachsen setzt das gleich um:
    Die Sprachförderung, die über 10 Jahre durch die Lehrkräfte der Grundschulen erteilt wurde und mit “Schulfplicht” belegt wurde, wird in den Kindergarten verfrachtet, um ad hoc Lehrerstunden zu bekommen.
    Ausbildung, Ausgleich, zusätzliche Kräfte… keiner weiß, wie die Kindergärten das schaffen sollen.
    Aber am Ende stimmt die Unterrichtsversorgung …
    Statt Fachkräfte einzustellen, überträgt man lieber die Aufgaben auf diejenigen, die ohnehin schon überlastet sind. Geiz ist geil-Mentalität… auch in der Bildung!

    • Diese Situation beklagen die Lehrer an weiterführenden Schulen genauso. Nur sind die Beklagten dann die Grundschulen und nicht die Kindergärten. Sie, palim, meinen mit Ihrem Kommentar definitiv nicht die aufopferungsvoll arbeitenden Erzieherinnen persönlich. Genauso wenig meinen die Kritiker des Bildungsstandes der Fünftklässler die ähnlich aufopferungsvoll arbeitenden Grundschullehrerinnen persönlich.

      • “Genauso wenig meinen die Kritiker des Bildungsstandes der Fünftklässler die ähnlich aufopferungsvoll arbeitenden Grundschullehrerinnen persönlich.”

        Doch! Häufig sind auch Kommentare hier eben SEHR persönlich:
        Spätestens sobald schlechte Ergebnisse von Grundschul-Tests genannt werden, kommen von mehreren Kommentatoren hier Beiträge, die deutlich darlegen, dass Grundschullehrerinnen
        generell die schlechteren AbiturientInnen seien, das inhaltlich dünnere Studium absolvieren würden, der Master nicht gleichwertig sei und sie somit schlecht ausgebildet seien,
        dass sie dauerhaft Lärm und Chaos dulden würden,
        dass sie generell “Kuschelpädagogik” vertreten würden (deren Kriterien man sich im Anschluss selbst zusammenstellt),
        dass sie sich mit falschen Methoden und offenen Unterrichtsformen der unterlassenen Hilfeleistung quasi strafbar machen würden
        … und deshalb diese Ergebnisse ursächlich zu verantworten hätten.

        Es ist so, dass man in Nds. BEVOR die Sprachförderung an die KiGa ohne weitere Unterstützung gegeben wird, sagt, dass das nicht zu schaffen ist und bei bestehendem Erziehermangel nicht auszugleichen, sofern man kein Personal einstellen kann, will oder wird.
        Ähnliches wurde gesagt, BEVOR die Inklusion an die Grundschulen gegeben wurde, als auch da die Bedingungen gar nicht geklärt waren. Die Bestimmungen dazu wurden nämlich erst nach dem Erlass verfasst und veröffentlicht.
        Gleiches Prozedere sehen wir jetzt, ebenfalls in Niedersachsen,ebenfalls in einer vorschnellen, unüberlegten Aktion, deren Umsetzung überhaupt nicht klar ist und für Beteiligte weder nachvollziehbar noch konkret handhabbar erscheint und ebenfalls mit den gemeinsamen Stimmen von CDU und SPD.

        Und wenn jetzt die Ergebnisse nicht stimmen, nicht für die Erwartungen hinsichtlich der Studien, der Inklusion oder der Migranten sowie der SuS, die in Klasse 5 die Gymnasien erreichen, geht es nicht um fehlende Unterstützung, Sparzwang oder darum, was “aufopferungsvoll arbeitenden Grundschullehrerinnen persönlich” dennoch erreicht haben,
        sondern darum,
        dass Philologen Forderungen stellen – für IHR Klientel auf KOSTEN der GS-Lehrkräfte (z.B. Abordnungen),
        dass Eltern Vorwürfe erheben, die Grundschullehrkräfte würden sich der Situation nicht stellen, hätten sich auf die Inklusion nie eingelassen oder seien generell faul und zu keinerlei Zusammenarbeit bereit,
        dass die Landesschulbehörde die nächste Serien an Vorgaben zu Bürokratie und Fortbildungen zusätzlich zu den bisherigen Aufgaben schicken wird,

        und gerade die, die bemüht sind, trotz extremer Heterogenität, die nicht allein auf Inklusion und Migration beruht, in diesen Klassen Unterricht zu führen, werden als Verirrte belächelt oder noch einmal o.g. Vorwürfe erhalten.

        Wenn man doch mit gemeinsamen Stimmen solche Änderungen innerhalb von 100 Tagen nach einer Landtagswahl auf den Weg bringen kann, wo ist dann die Unterstützung im System, die so dringend benötigt wird?

  3. Es wird auch nicht problematisiert, dass Kinder in überfüllten Gruppenräumen einander und auch ihre Erzieherinnen oft nur viel zu schlecht verstehen können. Gerade für Kinder, die die Grammatik noch verinnerlichen, wäre es wichtig, auch die Wortendungen klar vernehmen zu können. Sprachförderung mit Hilfe von Bildkarten oder Lerngeschichten bringen nicht allzu viel und stehlen den Kindern die Zeit für ein Freispiel, das diesen Namen noch verdient.

    Erzieher müssten sich einfach viel öfter weigern, sich alles aufbürden zu lassen:
    http://www.kindergartenkritik.de/gastbeitraege/erhoehung-der-gruppenstaerke-in-kindertageseinrichtungen-am-beispiel-bremen

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