Studie: Privatschulen sind nicht besser als öffentliche Schulen – GEW: “Schluss mit der Legendenbildung”

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BERLIN. Eine Privatschule ist einer Studie zufolge nicht zwangsläufig besser als eine öffentliche. Die Kompetenzen von Schülern beider Schultypen unterscheiden sich im Schnitt kaum, wie aus einer am Donnerstag veröffentlichten Untersuchung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung hervorgeht. Die GEW begrüßt die Befunde als „Schluss mit der Legendenbildung“ – und mahnt „mehr Maßnahmen für die Stärkung des öffentlichen Schulwesens und gegen die soziale Spaltung der Gesellschaft“ an.

So stellen sich viele Eltern offenbar eine Privatschule vor: Park des Eliteinternats Schloss Salem. Foto: Wikimedia Commons
So stellen sich viele Eltern offenbar eine Privatschule vor: Park des Eliteinternats Schloss Salem. Foto: Wikimedia Commons

Verglichen wurden in der Studie die Leistungen von Schülern der vierten und neunten Klasse in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik. Privatschüler waren beim Zuhören und Hörverstehen in Deutsch und Englisch besser. Die Autoren der Studie führen das auch auf außerschulische Auslandsaufenthalte der Kinder und Jugendlichen zurück. Jedoch waren die Schüler öffentlicher Gymnasien beim Leseverstehen auf Englisch besser.

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Seit 1992 hat sich der Anteil der Schüler, der Privatschulen besucht, bis 2016 nahezu verdoppelt – auf insgesamt 9 Prozent. «Der Zuwachs im Verlauf dieser Jahre ist jedoch in erster Linie auf Entwicklungen in den ostdeutschen Ländern zurückzuführen», erklärte Klaus Klemm von der Universität Duisburg Essen, einer der Autoren der Studie, laut Mitteilung. Demnach gab es 1992 in Ostdeutschland kaum Privatschulen, die starke Zunahme sei ein «Aufholprozess».

Die Studie legt außerdem nahe, dass private Schulen die soziale und ethnische Trennung verstärken. So zeigen die Autoren auf, dass es an Privatschulen deutlich weniger Schüler mit Migrationshintergrund gibt. An öffentlichen Grundschulen waren es etwa 38,1 Prozent, an privaten Grundschulen nur 28,3 Prozent. An Privatschulen ist außerdem der Anteil von Schülern geringer, deren Eltern ein niedriges Einkommen oder keinen Hochschulabschluss haben.

“Ungleiche Verteilung von Bildungschancen”

„Wenn die Zahl der Privatschulen wächst, verschärft das die ohnehin schon höchst ungleiche Verteilung von Bildungschancen“, kommentierte Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied für Schule, diesen Trend. „Zudem hat Schule einen gesellschaftlichen Integrationsauftrag. Dieser verlangt beispielsweise, dass alle Kinder in der Schule den Umgang mit Pluralität erlernen können sollen.“

„Dass Privatschulen besser als öffentlich Schulen seien, entpuppt sich als Legende, wenn man die Herkunft und die Zusammensetzung der Schülerschaft in Rechnung stellt, wie dies die heute vorgelegte Studie tut“, betonte die Schulexpertin. Zahlreiche private Schulen arbeiteten ganz konventionell, und viele öffentliche Schulen seien reformfreudig, leistungsstark und förderorientiert.

„Auch müssen die vielerorts fragwürdige Genehmigungspraxis, die teilweise sehr hohen Schulgebühren und die mangelnde staatliche Aufsicht im Privatschulbereich auf den Prüfstand“, sagte Hoffmann. Sie verwies auf eine weitere Studie von Michael Wrase (Rechtswissenschaftler) und Marcel Helbig (Bildungssoziologe), nach der eine Mehrheit der Bundesländer das gesetzlich vorgeschriebene Sonderungsverbot zu lax handhabe.

“Unsere Perspektive: eine Schule für alle Kinder”

„Privatschulen liefern also keine Gründe für Euphorie. Die Frage nach der Gerechtigkeit des Schulwesens muss stärker in den Fokus genommen werden. Die Studie zeigt nämlich auch, dass öffentliche Gymnasien ähnlich selektiv sind wie die privaten“, gab die GEW-Schulexpertin weiter zu bedenken. „Unsere Perspektive ist die eine Schule für alle Kinder. Auf dem Weg dorthin setzt sich die GEW auch dafür ein, dass die Gymnasien Hürden beseitigen, durchgängig fördern und sich der Herausforderung der Inklusion stellen. Die Schulen neben dem Gymnasium müssen so attraktiv gemacht werden, dass die ‚guten‘ Kinder nicht vermehrt abwandern. Alle Schulen, die bereits in diese Richtung gehen, brauchen mehr Unterstützung“, mahnte Hoffmann an.

„Das öffentliche Schulwesen hat einen hohen Wert für den sozialen Zusammenhalt und die demokratische Gesellschaft“, betonte das GEW-Vorstandsmitglied. „Damit Eltern Vertrauen in die öffentlichen Schulen haben, müssen diese besser finanziert und ausgestattet werden“. Die Politik müsse Maßnahmen gegen die Unterfinanzierung des Schulwesens, den eklatanten Mangel an Lehrkräften und den Unterrichtsausfall ergreifen. Zudem müsse sie die individuelle Förderung und das inklusive Lernen voranbringen. News4teachers / mit Material der dpa

Arme Kinder findet man auf Privatschulen selten – Studie belegt: Wegen mangelnder Kontrolle können sich Privatschulen abschotten

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13 KOMMENTARE

  1. Man muss aber beachten, dass etliche an Regelschulen unbeschulbare Schüler aus z.b. schwierigen familiären Verhältnissen auf Kosten des Jugendamtes an Privatschulen ausgelagert werden. Diese sind nur selten Leistungsträger und widersprechen häufig den elitären Charakter, den sich Privatschulen nach außen verpassen. Sie sind aber oft finanziell auf die Jugendamtskinder angewiesen. Vorteil sind aber in der Tat die kleinen Klassen.

  2. “Zudem hat Schule einen gesellschaftlichen Integrationsauftrag. Dieser verlangt beispielsweise, dass alle Kinder in der Schule den Umgang mit Pluralität erlernen können sollen.”
    Diese Behauptung aus dem obigen Text sollte erst mal belegt werden. Eine Internet-Recherche ergab bei mir nichts außer Meinungen von Pädagogik-Professoren, jedenfalls keine handfeste Forderung in Gesetzestexten. Der eigentliche Auftrag der Schule sollte doch wohl sein, dass die Kinder was lernen, und daran ist alles primär zu messen. Weitere Ziele können nur sekundär sein, denke ich mir.

    • So wie Sie den primären Auftrag der Schule beschreiben, sehe ich ihn auch.
      Weitere Ziele können tatsächlich nur sekundär sein.

  3. So wie ich Privatschulen kenne (also in Ostdeutschland) sind sie tatsächlich weder besser noch schlechter als die Schulen des ÖDs. Es mag irgendwo auch einige Elite-Schulen geben, von denen man das nicht sagen kann, und inhaltlich sehr spezialisierte, aber ansonsten gibt es keine wesentlichen Unterschiede. Im Osten entstanden private Schulen oft dort, wo staatliche schlossen, und Elterninitiativen die Schule vor Ort retten wollten oder aber sie entstanden in Initiative von Eltern, die mit den Veränderungen im staatlichen Bildungswesen nicht einverstanden waren.

    Da der ÖD oft deutlich besser bezahlt als private Schulen – die hiesigen “Forumsgehaltmeckerer” sollten mal an einer Privatschule arbeiten, dann wüssten sie wieder zu schätzen, was sie haben – herrscht dort in Zeiten des Lehrermangels ein Kommen und Gehen. Wer kann, nimmt eine Stelle im ÖD an. So bleiben dort oft nur Lehrer, die anderswo nicht arbeiten dürfen, weil sie z.B. nur ein 1. Staatsexamen oder eine ausländische Lehrerausbildung haben. Die müssen sich leider viel gefallen lassen, denn an Privatschulen ist eben oft “der Kunde König”.

    • Interessanterweise finden die Kollegen an Privatschulen in der “Gleicher-Lohn-für-gleiche-Arbeit-Debatte” keine Berücksichtigung. Was schert mich das Leid der anderen?!? Es geht eben doch nicht um Gerechtigkeit, es geht nur ums eigene Portmonee.

      Oder ist es nicht die gleiche Arbeit, die Lehrer an Privatschulen leisten?

      • Vielleicht sogar noch härter, weil der Anteil unbeschulbarer Kinder und echter Helikoptereltern dort höher sein könnte.

        • Wie groß wohl der Anteil “unbeschulbarer” Kinder an Privatschulen im Vergleich zu Regelschulen ist?
          In Nds. sind von 49 ESE-Schulen 41 in privater Trägerschaft und DIE suchen sich ihre SuS aus!
          Schon vor der Inklusion konnten Eltern ablehnen, ihr Kind dort beschulen zu lassen. Da ist die Umstellung auf die Inklusion nicht sonderlich groß! Wo es keine flächendeckende Versorgung mit ESE-Schulen gibt und nicht ausreichend Plätze, verblieben auch ohne Inklusion die betreffende SuS an den Regelschulen.

          Zudem:
          Es muss nicht so sein, dass es generell eine Durchmischung gibt. Aus mehreren Städten kenne ich folgendes: Es gibt eine Menge Schulen in kirchlicher und privater Trägerschaft, mit und ohne Schulgeld, die sich ihre SuS auswählen, entsprechend des religiösem Bekenntnisses bzw. mit Duldung, und es gibt ein paar Schulen, die die restlichen SuS aufnehmen, also entsprechend die anderen.

          Und ländlich kenne ich es so:
          Die einzige Privatschule weit und breit ist die einzige Möglichkeit, sich selbst eine Schule auszusuchen, statt die vorgegebene im festgelegten Einzugsbereich.
          Es ist DIE Möglichkeit, eine Schule zu wählen, die eine niedrige Quote an Migranten hat, die ihre SuS auswählt, die Schulverweise erteilt, sobald die Zusammenarbeit schwierig wird.
          Und DIE Schule, bei der etliche Eltern das Gefühl bekommen, dass sie
          a) selbst wählen und entscheiden dürfen,
          b) bezahlen und deshalb “etwas Gutes” bekommen,
          c) den schlechten Bedingungen an Regelschulen ausweichen können.

          Dafür bekommen die Regelschulen die komplette Inklusion, die Flüchtlingskinder, die Kinder mit Migrationshintergrund und eine Menge zusätzlicher Auflagen bei gestrichenen Förderstunden und keinem zusätzlichem Personal.

  4. Ach, bei den SPD-nahen Stiftungen ist es immer noch der gleiche Kamm wie früher, über den alles geschoren wird. Schloss Torgelow und Montessori-Schule, Wir-pauken-dich-zum-Abitur-Internat, katholische Grundschule und freie christliche Schule – wozu sollte man da differenzieren? Nicht staatlich, also Klassenfeind. Four legs good, two legs bad.

    • Ich habe mir den Internetauftritt von Torgelow aus purer Neugier mal anschaut. Auf den Seiten öffentlicher Schulen wird ja schon gelogen bis sich die Balken biegen, aber dort dürften die Balken schon mehrere Umdrehungen um sich selbst machen. Außerdem würde mich mal interessieren, wie die ihre Angestellten bezahlen. Selbst über TVL dürften die meisten der Schülereltern nur ganz müde lächeln und in ihrem Dritthummer davonbrausen. Dass Geld nicht zwangsläufig aufgrund von Intelligenz und daher einem sehr gut bezahlten Job sondern auch aufgrund von Erbschaft oder Vitamin-B angehäuft werden kann, sollte klar sein.

  5. Was zählt, ist die Schulqualität! – Grundsätzlich ist ein Wettbewerb von privaten und öffentlichen Schulen sehr zu begrüßen. Auf lange Sicht überzeugt diejenige Schule, die gute Lehrkräfte an Bord hat, die es versteht, wertorientierte Bildung zu vermitteln, die mit differenzierten Angeboten auf die individuellen Fähigkeiten und Neigungen der Schülerschaft eingeht, sowohl begabte als auch schwächere Schülerinnen und Schüler fördert – kurzum: die sich durch hohe Schulqualität auszeichnet. Für Lehrkräfte im öffentlichen Schulwesen ist es ein zufriedenstellendes Ergebnis, dass die öffentlichen den privaten Schulen unter dem Strich in nichts nachstehen.

    • Darf ich daraus den Schluss ziehen, dass nur dumme Eltern, die eine bescheuerte Lust haben, ihr Geld zum Fenster rauszuwerfen, ihre Kinder auf Privatschulen schicken, denn sie wählen Schulen, die “unter dem Strich” in nichts besser sind als kostenlose, öffentliche Schulen?
      Mal seh’n, ob die Studie es schafft, mit Hilfe der GEW für mehr Wertschätzung unseres staatlichen Bildungssystems zu sorgen.

    • ZITAT: “Grundsätzlich ist ein Wettbewerb von privaten und öffentlichen Schulen sehr zu begrüßen.”

      Das sehe ich anders. Im Gesundheitswesen, im Bildungsbereich, in Kunst und Kultur sollte nicht der “Markt” das Sagen haben. Das ist ja das, was Sie letztlich mit Wettbewerb meinen. Es führt zu sozialen Verzerrungen und Absurditäten, wie, dass Leute operiert werden, weil das Geld bringt, auch wenn die OP nicht nötig wäre (und umgekehrt) usw.

      Private Schulen sind für mich lediglich dort akzeptabel, wo sie eine Lücke schließen, die das staatliche Schulsystem bewusst gelassen hat, z.B. sogenannte Bekenntnisschulen (Religion) oder für ganz spezielle Talentförderung.

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