Berufsschullehrerverband wirft Eisenmann Geheimniskrämerei und geschönte Angaben zum Stellenbedarf vor

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STUTTGART. Zuerst Geheimniskrämerei und jetzt auch noch Tricks bei der Buchführung – die Berufsschullehrer gehen mit der Kultusministerin hart ins Gericht. Ressortchefin Eisenmann hält dagegen.

Die Ministerin hat es gerade nicht leicht.                                                    Foto: Olaf Kosinsky / flickr / CC BY-SA 3.0 de

Der Berufsschullehrerverband (BLV) wirft dem Kultusministerium beim geplanten Umbau der Schulverwaltung Geheimniskrämerei vor. «Weder Personal- noch Verbandsvertreter sind mit im Boot – so ein Geheimprojekt passt nicht in unsere Zeit», kritisierte der Landeschef Herbert Huber. «Das ist alles andere als ein Musterbeispiel für Beteiligung», sagte er im Gespräch. Nicht nur der BLV bleibe außen vor, sondern auch die GEW und der Philologenverband.

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Die Verbände seien in die zwölf Arbeitsgruppen nicht eingebunden gewesen, die ein Konzept zur Verbesserung der Unterrichtsqualität entworfen haben. Deren Ergebnisse stellt Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) nun dem Kabinett und anschließend der Öffentlichkeit vor. Entgegen der Darstellung des BLV sprach Eisenmann bislang von einem «breit angelegten Diskussionsprozess», der zu den neuen Weichenstellungen geführt habe.

Kernbestandteile des Qualitätskonzepts sind zwei geplante Einrichtungen: das Institut für Bildungsanalysen sowie das Institut für Schulentwicklung und Lehrerbildung. Letzteres solle Aufgaben der Regierungspräsidien übernehmen, erläuterte Huber. Die dort angesiedelten Fachberater für Schulentwicklung und Lehrerfortbildung seien verunsichert. «Sie wissen nicht, wie ihr künftiges Aufgabenfeld aussieht», meinte der Leiter einer kaufmännischen Schule in Lahr. Allein für die beruflichen Schulen liege die Zahl der Fachberater-Stellen bei rund 650.

Huber hält den Zeitplan für die Einrichtung der beiden Institute für sehr ehrgeizig. Er befürchtet deswegen Brüche beim Übertragen der Verantwortlichkeiten. Die Institute sollen Anfang kommenden Jahres ihre Arbeit aufnehmen. Die Lehrerbildung für die beruflichen Schulen habe bislang nichts zu wünschen übrig gelassen, betonte Huber.

Tricksereien und Forderungen

Nach seiner Auffassung kann jede Verbesserung der Unterrichtsqualität nur gelingen, wenn das Ministerium die Schulleiter mit ins Boot holt. Diese bräuchten zwingend Entlastung durch angemessen ausgestattete Schulleitungspools. Aus diesen könnten die Rektoren schöpfen, um Aufgaben an ihre Stellvertreter oder Assistenten zu übertragen.

Der Berufsschullehrerverband (BLV) fordert für das kommende Schuljahr 445 zusätzliche Stellen – und wirft dem Kultusministerium zugleich Tricks bei der Buchführung vor. Mit dieser Stellenzahl werde der bereits zum Schuljahresanfang eingeplante Ausfall von Pflichtunterricht von derzeit 1,8 Prozent beseitigt, sagte BLV-Landeschef Herbert Huber. In der Forderung sei noch nicht einmal eine Überstundenbugwelle in einer Größenordnung von 1.800 Stellen berücksichtigt. Die Stellen müssten aber auch tatsächlich geschaffen werden.

Das Ministerium neige dazu, die Verlängerung befristeter Stellen oder der Stellen für die Flüchtlingsbeschulung als Zuwachs auszuweisen. Huber sprach von «kreativer Buchführung» des Ressorts von Ministerin Susanne Eisenmann (CDU), um den wahren Stellenbedarf zu verschleiern.

Das Kultusministerium bestritt das. «Wir sind gerade dabei, ganz reale 600 Stellen an den beruflichen Schulen zu besetzen», sagte Eisenmann. Insgesamt werde die Stellensituation 2018 dadurch begünstigt, dass auf den ursprünglich vorgesehenen Abbau von 440 Stellen zum 1. August 2018 verzichtet werde.

Aus Sicht des Ministeriums ist das Problem die Stellenbesetzung. «Forderungen nach kleineren Klassen, zusätzlichen Poolstunden oder einer geringeren Arbeitszeit, die deutlich mehr Personal auslösen, gehen deshalb schlicht an der Realität vorbei», sagte Eisenmann. Ihr Haus werbe intensiv um Direkteinsteiger aus der freien Wirtschaft.

Unklarheiten und Schuldigkeiten

Der BLV hingegen sieht die Planungen des Ministeriums kritisch. Bleibe es bei diesen, drohten Unterrichtsausfälle. Darunter leiden nach Hubers Worten Schüler und Ausbildungsbetriebe gleichermaßen. «Wir könnten deutlich mehr Lehrkräfte einstellen, da es zahlreiche Gymnasiallehrer ohne Stellenangebot gibt», sagte Huber. Diese könnten auch von Lehrern mit beruflichen Profilfächern allgemeinbildende Unterrichtsverpflichtungen übernehmen.

Auch die Wirtschaft mahnte, die «aktuelle Tendenz zu mehr Unterrichtsausfall» zu stoppen. Bei einer Umfrage unter 1.900 Ausbildungsbetrieben beklagten fast 45 Prozent im Jahr 2017 Unterrichtsausfälle an Berufsschulen, wie der Baden-Württembergische Industrie- und Handelskammertag mitteilte.

Die SPD-Fraktion forderte wegen der Unklarheiten über Stellenauf- oder -abbau umfassende Erhebungen zum Unterrichtsausfall, geleisteter Mehrarbeit und fachfremd erteiltem Unterricht.

Der BLV monierte überdies, die Kultusministerin bleibe ein Konzept zur Lehrergewinnung schuldig. So seien mehr Beförderungsmöglichkeiten und mehr Werbung für das Lehramt an beruflichen Schule nötig. Mit einem Stipendium könnten Bachelor-Absolventen gelockt werden, einen Masterstudiengang für das Lehramt an beruflichen Schulen draufzusatteln.

An 309 öffentlichen beruflichen Schulen im Südwesten lernten im Schuljahr 2015/16 rund 360.000 junge Menschen. Sie werden laut BLV von 22.000 Lehrern unterrichtet. dpa

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