Erschreckende Zahlen bei Vera 8: Mindeststandards nicht erreicht

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STUTTGART. Das Bildungssystem in Baden-Württemberg kommt nicht aus den Negativschlagzeilen heraus. Die Ministerin will das Ruder noch rumreißen.

Hat noch Lehrerstellen zu vergeben: Susanne Eisenmann. Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg
Eisenmann sieht Handlungsbedarf.                                                          Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg

Auch beim jüngsten Leistungsvergleich haben baden-württembergische Schüler enttäuschend abgeschnitten. Die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten in der achten Klasse (VERA 8) zeigten erneut hohen Förderbedarf für leistungsschwächere Schüler in den Fächern Deutsch und Mathe, sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). 43 Prozent der Schüler an Haupt- und Werkrealschulen erreichten bei VERA 8 nicht den Mindeststandard im Bereich Lesen, bei den Gemeinschaftsschulen war es ein gutes Fünftel und bei den Realschulen neun Prozent.

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In Mathematik schnitten die Achtklässler an Werkreal- und Hauptschulen ähnlich schlecht ab wie beim Lesen; 26 Prozent der Gemeinschaftsschüler sowie neun Prozent der Realschüler erfüllten nicht die Mindestanforderungen. Das Gymnasium zeigte keine Probleme: Der Anteil der Schüler, die den Mindeststandard unterschritt, ist bei Deutsch und Mathe marginal, den Mindeststandard erfüllen 14 Prozent beim Lesen und 18 Prozent bei Mathe. Jeder fünfte Gymnasiast zeigt optimale Leistungen im Bereich Deutsch und 14 Prozent in Mathe.

Im Vergleich zu den Jahren 2016 und 2017 hatten sich die VERA-8-Ergebnisse in Mathe kaum verändert. Anders im Fach Deutsch: 22 Prozent der Gemeinschaftsschüler erreichten 2018 den Mindeststandard nicht – 2017 waren es nur 11 Prozent. Auch bei den Haupt-/Werkrealschülern war die Leistung im Vorjahr deutlich besser. 2017 erreichte ein Viertel das Mindestniveau nicht, 2018 waren es schon beinahe die Hälfte.

Akuter Handlungsbedarf

Laut Ministerium taugen die Daten nur bedingt für einen Vergleich:  Die Schwierigkeit der Aufgaben schwanke von Jahr zu Jahr. Es gebe auch keine durchgängigen Aufgaben, anhand derer sich die Leistungen im Jahresvergleich ablesen ließen. Auch beim Leistungsvergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Jahr 2016 war das Land ins Mittelfeld abgerutscht.

Eisenmann kündigte einen Modellversuch zur Unterstützung für Schüler in Deutsch und Mathe im kommenden Schuljahr an. An den Versuchen «Lesen macht stark« und «Mathe macht stark» können jeweils 24 Schulen teilnehmen. Vorbild ist ein Programm aus Schleswig-Holstein. Eisenmannn sieht akuten Handlungsbedarf bei der Verbesserung der Unterrichtsqualität, deren Grundpfeiler sie vor kurzem vorgestellt hatte. «Dafür brauchen alle Beteiligten einen langen Atem, das funktioniert nicht auf Knopfdruck.»

Die VERA-Erhebungen für die achten und die dritten Klassen sind laut Ministerium die einzigen Testverfahren, die flächendeckend in Deutschland in allen allgemeinen Schulen vorgenommen werden. Studien wie die IQB-Bildungstrends oder die PISA-Leistungsuntersuchungen basieren hingegen auf repräsentativen Stichproben. Eisenmann will die Vergleichsarbeiten mit landesweiten Lernstandserhebungen verbinden. «Wir müssen wissen: Wo stehen die einzelnen Schüler und wie können wir sie gezielt und passgenau fördern.» dpa

Nach dem IQB-Desaster: Eisenmann nimmt auch Sek-I-Lehrer in die Pflicht, sich um Rechtschreibung zu kümmern – in allen Fächern!

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14 KOMMENTARE

  1. “Das Gymnasium zeigte keine Probleme: Der Anteil der Schüler, die den Mindeststandard unterschritt, ist bei Deutsch und Mathe marginal, den Mindeststandard erfüllen 14 Prozent beim Lesen und 18 Prozent bei Mathe.”
    Was soll das heißen? Nur 14 bzw. 18 Prozent der Gymnasiasten erfüllen den sog. “Mindeststandard” ? Ist das normal? Oder soll es “nicht” heißen? Und dann gelten 18 % als “marginal” ? Ist das ein Witz ?

    • Ich vermute mal, dass 14% bzw. 18% den Mindeststandard, aber nicht mehr erreichen, was aber aus meiner Sicht nur Hauptschulniveau entsprechen dürfte. Die 20% der Gymnasiasten mit optimalem Niveau halte ich auch für einen sehr geringen Anteil.

    • Das fiel mir auch auf; man beginnt unwillkürlich zu überlegen, wie dieser Satz zu deuten sein könnte, so dass er noch einen Sinn ergäbe. kommunikative Kompetenz ist eine der wichtigsten Fähigkeiten von Journalisten.

  2. Was meines Erachtens, zumindest zu einem kleinen Teil, ebenfalls dazu führt, dass die Ergebnisse schlecht sind, ist, dass die VERA Tests nicht benotet werden. Dies müsste geändert werden. Ich habe schon häufig Sätze von Schülern gehört wie:”Warum soll ich mich da anstrengen? Wird doch sowieso nicht benotet.” Ich finde solche Sätze an sich traurig, aber viele Kinder zeigen heute keine Leistungsbereitschaft, wenn sie nicht einen persönlichen Vorteil dadurch haben.
    Dies gibt mir viel mehr zu denken, als die VERA Ergebnisse.

    • Das kenne ich anders, könnte allerdings auch mit der generellen Leistungsbereitschaft zusammenhängen. Von der Konstruktion her ist VERA eine Lernstandsüberprüfung, die nicht vorbereitet werden soll. Sie wird allerdings für Rankings aller Art ausgenutzt, auch schulintern durch die Schulleitung als potenzielles Druckmittel für oder gegen Kollegen.

  3. “Laut Ministerium taugen die Daten nur bedingt für einen Vergleich: Die Schwierigkeit der Aufgaben schwanke von Jahr zu Jahr.”

    Eine bemerkenswerte Aussage. Anderthalb Jahrzehnte nach der “empirischen Wende” in Didaktiken und Bildungspolitik hat man neben zahllosen Reformen überaus teure und aufwändige landesweite Vergleichsstudien entwickelt – und ist offenbar unfähig, die Leistungen unterschiedlicher Jahrgänge in ein rechnerisches Verhältnis zu setzen ODER Vergleichbarkeit der Tests zu erzeugen.

    Was eigentlich nur heißen kann: Man hat keine Vorstellung davon, was man wirklich erhebt – außer natürlich, dass bessere und schlechtere Ergebnisse herauskommen.

    • Offiziell dient VerA ja auch nicht dem Vergleich, sondern lediglich der Information der Schulen und der Lehrer, was sie noch besser machen können. Deshalb auch im 3. Schuljahr und nicht im 4.: es soll Zeit sein, bis zum Ende der Grundschulzeit noch die Defizite aufzuholen. Entsprechend bei VerA 8 und dem Abschluss nach Klasse 9/10..
      Soweit die Philosophie: https://www.iqb.hu-berlin.de/vera
      Man will also das, was Sie fordern, einfach nicht machen. Andererseits sagt die Statistik über ein Bundesland natürlich auch was aus. Wenn von den Nicht-Gymnasten hohe Prozentsätze die Regelstandards (Kompetenzstufe III) nicht erfüllen, dann wird das Gerede von “Standards” überhaupt fragwürdig. Wir haben sozusagen “Mond-Standards”, die hier auf der Erde doch nicht erfüllt sind. Wenn man sich die KMK-Standards aber ansieht, dann steht bei Mathematik gar nicht allzu viel drin, jedenfalls weniger Inhalte als früher. Dafür hat man jetzt die vielen Bindestrich-Kompetenzen. Ob die aber in den Köpfen ankommen?

  4. “Wenn von den Nicht-Gymnasten hohe Prozentsätze die Regelstandards (Kompetenzstufe III) nicht erfüllen, dann wird das Gerede von “Standards” überhaupt fragwürdig. ”

    Was ich meine, ist: Wenn man Ergebnisse nicht vergleichen kann, weil “Aufgaben unterschiedlich schwer sind” – wie weiß man dann, ob jemand Kompetenzstufe III (nicht) erreicht hat? Oder andersherum: Egal, ob die Aufgaben in einem Jahr leicht oder schwer sind – festzustellen, dass jemand Kompetenzstufe x erreicht, scheint ja doch möglich zu sein! Wo also wäre das Problem der Vergleichbarkeit?

    • Das müssten Sie die Verantwortlichen beim IQB fragen. Ich weiß nur, dass VerA prinzipiell anders ist als PISA, TIMSS oder die IQB-Vergleichstests. Selbst Fachdidaktiker haben schon kritisiert, dass der sog. Anforderungsbereich III nur sehr mager vertreten ist. Das ganze orientiert sich schon am unteren Niveau, zumindest bei den Nicht-Gymnasiasten. So ist es eine Art von Vorschrift, dass die Hefte so beschaffen sein sollen, dass dann mindestens 50 % der Aufgaben richtig gelöst werden. Begründung: die Kinder sollen nicht frustriert werden.
      Theoretisch haben Sie Recht: die Empiriker müssten in der Lage sein, alles ineinander umzurechnen, aber das ist eben nicht das Ziel. Ursprünlglich wollte man dazu gar nichts (!) veröffentlichen, vielleicht um nicht alles mit einer Art von “Vera-Schock” zu belasten. Auch lieben die Kultusminister kein Ranking unter den Ländern. Die Kompetenzstufen sind sowieso willkürlich festgelegt, werden aber im procedere anders als bei PISA bestimmt.
      Nebenbei: wie die Presse berichtete, haben sich Lehrer und sogar ganze Schulen in Berlin geweigert, die VerA 3 – Aufgaben überhaupt zu verteilen. Begründung: Unsere Kinder verstehen noch nicht mal die Aufgabenstellung
      (auch, weil ihr Deutsch wohl nicht ausreicht, aber nicht nur). Kritik ist auch hier formuliert:
      https://www.zeit.de/cds-berlin/2010-06/harte-kritik-an-vergleichsarb
      Beispielaufgaben findet man auf der Homepage des IQB (von mir oben angegeben), jeweils mit Zuordnung von Kompetenzstufen und Anforderungsbereichen.

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