Hochschulfinanzierung immer stärker aus Drittmitteln: „Aus der Hand in den Mund“ fördert Forschung gegenüber der Lehre

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BERLIN. Der Titel klingt nach einem trockenen Zahlenwerk: „Entwicklung der Finanzierung von Hochschulen und Außeruniversitären Forschungseinrichtungen seit 1995“. Doch die Untersuchung des Deutschen Hochschulverbands (DHV) offenbart Ansätze eines Kulturwandels in der deutschen Hochschullandschaft. Bei steigenden Etats gewinnen projektgebundene Gelder an Bedeutung. Damit gewinnt vor Allem die Forschung an Bedeutung.

Deutschland als rohstoffarmes Land muss in Forschung und Bildung investieren: ein stetiger Terminus in Sonntagsreden von Politikern und Wirtschaftsvertretern zeigt in den letzten Jahren deutliche Wirkung. Förderprogramme und Initiativen haben die Hochschullandschaft umgekrempelt. Die Finanzierung der Forschungseinrichtungen steigt und das nicht zu knapp.

Das Einwerben finanzieller Mittel ist für die Universitäten in den letzten zehn Jahren wichtiger geworden (SYMBOLBILD). Foto: Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen/flickr (CC BY 2.0)
Das Einwerben finanzieller Mittel ist für die Universitäten in den letzten zehn Jahren wichtiger geworden (SYMBOLBILD). Foto: Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen/flickr (CC BY 2.0)
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Bundesweit stiegen die Ausgaben der Universitäten von 1995 bis 2015 von 22,6 Milliarden Euro auf 43,7 Milliarden Euro und bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen im gleichen Zeitraum von 4,4 Milliarden Euro auf 9,4 Milliarden Euro im Jahr 2015. Das entspricht einem Wachstum von 93 Prozent bei den Universitäten und 116 Prozent bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen.

Allerdings entwickelt sich die Finanzierung der Universitäten und der außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland auseinander. Die vier größten außeruniversitären Forschungseinrichtungen haben in den Jahren 1995 bis 2015 eine günstigere und vor allem stabilere Finanzierungsentwicklung als die Universitäten genommen ermittelten jetzt Wissenschaftler des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) im Auftrag des Deutschen Hochschulverbands.

Sind Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-Planck-Gesellschaft zum Teil stark gewachsen, hinken die Universitäten hinterher. Ihr Wachstum fiel im Vergleich zur gestiegenen Studentenzahl deutlich unterproportional aus.

Der Blick auf die Finanzquellen offenbart dabei einen noch wesentlicheren Unterschied zugunsten der großen Vier: Verzeichnen die Forschungseinrichtungen einen deutlichen Zuwachs an Grundmitteln aus den Töpfen von Bund und Ländern, finanzieren sich die Universitäten in zunehmenden Maße aus Drittmitteln und anderen zeitlich befristeten Quellen.

Eine differenzierte Berechnung zeige, so die FiBs-Autoren, dass die Hochschulfinanzierung durch die Länder in den Jahren von 1995 bis 2015 im Durchschnitt zwar um bis zu etwa 30 Prozent angestiegen ist. Doch ein zunehmender Teil der höheren Landesmittel werde durch den Bund kofinanziert, mit dramatischen Konsequenzen: Das Verhältnis von (sicheren) Grundmitteln zu Drittmitteln und Einnnahmen aus zeitlich begrenzten Quellen habe sich so mittlerweile umgekehrt. Kamen bis Mitte des vergangenen Jahrzehnts die Mittel der Universitäten noch überwiegend aus den Landeshaushalten (56 gegenüber 44 Prozent), so sind es 2015 nur noch 44 zu 56 Prozent. Die Einnahmen und Ausgaben für die Krankenversorgung in den Universitätskliniken sind bei dieser Berechnung bereits berücksichtigt.

Klammert man die Krankenversorgung aus und fokussiere damit die Betrachtung auf Forschung und Lehre, zeige sich, dass die „reine“ bzw. leistungsunabhängige Landesfinanzierung in den letzten zehn Jahren von 73 auf 50 Prozent gesunken ist. Dies geht zum einen mit einer stärkeren, temporär ausgerichteten Bundesfinanzierung einher, beispielsweise im Rahmen des Hochschulpakts Zum anderen ist die Abhängigkeit der Universitäten von Drittmitteln deutlich gestiegen. Allein in der letzten Dekade habe sich ihr Drittmittelanteil annähernd verdoppelt. Der Großteil des Wachstums der Hochschulfinanzen (70 Prozent) stamme inzwischen aus derartigen Einnahmen.

Demgegenüber verzeichneten die außeruniversitären Forschungseinrichtungen vor allem eine Verbesserung der Grundfinanzierung, z. B. durch den Pakt für Forschung und Innovation, bei vergleichsweise geringfügigen Veränderungen des Drittmittelanteils. Bis zu 80 Prozent würden außeruniversitäre Einrichtungen aus Grundmitteln finanziert.

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Dass die nicht universitätsgebundenen Einrichtungen mit dieser finanziellen Sicherheit auch über eine weit höhere Planungssicherheit verfügen, liegt auf der Hand. Die Hochschulen seien dagegen inzwischen stark von befristeten Programmen abhängig. Überdies bedeute die notwendige Drittmittelakquise einen erheblichen Aufwand. In welche wirtschaftlich bedingten Abhängigkeiten Universitäten überdies geraten könnten, sei dahingestellt.

Des Weiteren verschieben sich mit der Abhängigkeit von Drittmitteln egal ob von staatlicher oder privater Seite auch an den Universitäten die Gewichte von von Forschung und Lehre. Da Drittmittel außerdem meist forschungsbezogen sind, bleibt für die Lehre in immer geringerer Anteil übrig. Entfielen 1995 noch bundesweit 59 Prozent der Finanzmittel der Unis auf die Lehre, waren es 2015 noch 53 Prozent, obwohl in dieser Zeit die Zahl der Studierenden um fast 40 Prozent gewachsen ist. Die Grundfinanzierung der Lehre durch die Länder ist sogar von 51 auf 37 Prozent gesunken, die der Forschung von 26 auf 15 Prozent.

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Auf den internationalen Vergleich muss diese Entwicklung zunächst keinen Einfluss haben, sondern kann sogar positive Effekte mit sich bringen. Einerseits verspricht mehr Forschung auch mehr wirtschaftlich nutzbare Resultate. Wie in der Studie zudem ausdrücklich hervorgehoben wird, haben die Universitäten ihren Publikationsoutput in den vergangenen knapp fünfzehn Jahren deutlich erhöht, trotz starken Studierendenzuwachses. Durchschnittlich erhöhte sich die Zahl der Publikationen pro Uni um 70 Prozent – bei einer Schwankungsbreite zwischen 25 Prozent (Schleswig-Holstein) und 117 Prozent (Bremen). Bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen betrug der Zuwachs beim Publikationsoutput im gleichen Zeitraum 96 Prozent.

Gerade für Wissenschaftler bilden Veröffentlichungen so etwas wie eine akademische Währung und sind für die Karriere kaum verzichtbar. Dies scheint besonders für das universitäre Personal zu gelten. In Relation zu den an einer Universität oder Forschungseinrichtung beschäftigten Wissenschaftlern gesetzt hat sich die durchschnittliche Zahl der Publikationen je Universitätsprofessor zwischen 2003 und 2014 um 54 Prozent von 2,7 auf 4,1 Veröffentlichungen pro Jahr erhöht. Bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen ist der Anteil in derselben Zeit um etwas mehr als 20 Prozent von 0,95 auf 1,16 je Wissenschaftlerin bzw. Wissenschaftler gestiegen. Über die Jahre verläuft die Entwicklung jedoch eher statisch. (zab, pm)

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1 KOMMENTAR

  1. Genauso ist es schmerzhaft in der Deutschlehrerinnenausbildung zu erleben: “Entfielen 1995 noch bundesweit 59 Prozent der Finanzmittel der Unis auf die Lehre, waren es 2015 noch 53 Prozent, obwohl in dieser Zeit die Zahl der Studierenden um fast 40 Prozent gewachsen ist. Die Grundfinanzierung der Lehre durch die Länder ist sogar von 51 auf 37 Prozent gesunken, die der Forschung von 26 auf 15 Prozent.”
    Die “Qualität” kann man immer noch weiter einsparen und zusammenstreichen, z. B. indem man einen Großteil der Lehre durch Lehraufträge von Externen abdeckt. Dieser “Trick” spart viel Geld!. Es sind jetzt über drei Jahre, in denen ich konkret mitbekomme, dass vier (!) qualifizierte, promovierte Nachwuchswissenschaftlerinnen in Bereich Rechtschreibung keine feste Stelle bekommen. Warum? Es gibt zu wenige bzw. fast gar keine Stellen mit einer Festanstellung. Und die Lehre im Bereich Rechtschreiberwerb? Die kann man ja auch über viel preiswertere Lehraufträge abdecken. Billig ist nicht immer besser!

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