Debatte um “Schreibkatastrophe”: Forscher warnen vor allzu schlichten Erklärungen – und mahnen bessere Förderung armer Kinder an

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KÖLN. Können Kinder und Jugendliche immer schlechter lesen und schreiben? Gibt es gar eine „Schreibkatastrophe“, wie – ausgerechnet – die Bild-Zeitung meint? So eindeutig, wie die Behauptung immer wieder vorgebracht wird und in der hitzig geführten Debatte um angeblich falsche Methoden („Schreiben wie Hören“) dazu dient, Lehrern eine allzu laxe Berufseinstellung zu unterstellen, ist das Bild tatsächlich nicht. Die wissenschaftlich korrekte Antwort auf die Eingangsfrage muss lauten: Kommt drauf an – auf das Kriterium nämlich, nach dem man Lese- und Schreibkompetenzen bemisst, und auf die Studie, auf die man sich bezieht. Darauf hat das „Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität zu Köln“ jetzt hingewiesen.

Nur Unsinn im Kopf, aber keine Rechtschreibung? Foto: Shutterstock
Nur Unsinn im Kopf, aber keine Rechtschreibung? Foto: Shutterstock

Das Institut ordnet in einem neuen Papier die Ergebnisse von Studien in einem Faktencheck ein und informiert über wissenschaftlich fundierte Lese- und Schreibförderung. Zunächst mal warnen die Autoren vor monokausalen Erklärungsansätzen – wie der Behauptung, allein „Schreiben wie Hören“ sei ursächlich für schlechtere Schreibleistungen von Schülern. „Lese- und Schreibleistungen sind Teil eines komplexen Wirkungsgeflechts“, erklären die Wissenschaftler. „Dazu gehören individuelle Voraussetzungen, die Lehrkraft, die Unterrichtsmethode, das familiäre Umfeld sowie der sprachliche und der soziale Hintergrund.“

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Selbst wenn man nur ein einziges Kriterium für die Schreibkompetenz betrachtet – die Orthografie – ist das Bild keineswegs eindeutig. „Der Vergleich von  Rechtschreibleistungen über mehrere  Jahrzehnte  hinweg ist (..) mit Vorsicht zu interpretieren, da Veränderungen der Lebenswelt, der Lehrpläne und des Unterrichts (z. B. die Rechtschreibreform) berücksichtigt werden müssen. So werden heute häufig andere Schwerpunkte im  Deutschunterricht gesetzt. Kreative und frei geschriebene Texte sind in der Schule oftmals bedeutsamer als die Rechtschreibleistung, auch wenn die gesellschaftlichen Erwartungen hierzu im Konflikt stehen: Hier werden schriftliche Leistungen oft überwiegend nach der Anzahl orthografischer Fehler bewertet – weniger nach ihrem Inhalt, z. B. bei einer Bewerbung.“

Doch selbst wenn man den Einwand beiseitelässt: Bisherige  Studien kommen  zu  unterschiedlichen Ergebnissen. Die Bildungsforscherin Elke Sander verglich 2006 die Rechtschreibleistungen von Kindern in Düsseldorfer Grundschulen mit  20 bzw. 40  Jahre  zuvor erbrachten. Dabei kam sie zu dem Ergebnis, dass die Orthografie sich grundsätzlich nicht verschlechtert habe. Der Germanistik-Professor Wolfgang Steinig hingegen konnte in seinen Daten eine Verschlechterung der Rechtschreibleistungen feststellen. Er hatte Texte untersucht, die Kinder in den Jahren  1972,  2002  und 2012 jeweils zu einem kurzen Film  verfasst hatten.

Für die vergangenen knapp 20 Jahre ist das Bild deutlicher, weil verlässlichere Daten vorliegen. Große Bildungsstudien (wie IGLU, PISA oder die IQB-Bildungstrends) zeigen danach, dass sich die Leseleistungen bezogen auf die gesamte Schülerschaft sogar verbessert haben – oder zumindest weitgehend stabil geblieben sind. Verschlechtert hat sich allerdings zuletzt der Bereich Rechtschreibung, wie der IQB-Bildungstrend für Grundschüler am Ende der vierten Klasse zeigt. Die Studie, die Vergleichszahlen von 2012 und 2017 liefert, hat auch deshalb eine bundesweite Debatte ausgelöst, weil sich im Vergleich zwischen den Bundesländern Verschiebungen gezeigt haben: Länder, die vormals gut abgeschnitten hatten, wiesen schlechtere Ergebnisse auf – Baden-Württemberg vor allem. Fakt ist auch: Im internationalen Vergleich zeigen Grundschulkinder am Ende der vierten Klasse in 20 Staaten bessere Leistungen als deutsche Kinder. Dort nimmt Deutschland einen schlechteren Platz ein als zuvor.

Die Konsequenz? „Wir müssen schauen, wie wir die schwächeren Schüler, die immerhin rund ein Fünftel ausmachen, bestmöglich fördern und unterstützen können“, sagt der Direktor des Mercator-Instituts, Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek.

Zwei Faktoren mit Einfluss auf die Lese- und Schreibleistungen sind der Migrationshintergrund und die soziale Herkunft. So erzielen Kinder aus Einwandererfamilien schlechtere Leistungen als solche ohne Migrationshintergrund. Das ist jedoch nicht naturgegeben: Der Abstand hat sich seit den ersten großen Bildungsstudien im Jahr 2001 verringert. Außerdem wird der Unterschied kleiner, wenn der soziale Hintergrund berücksichtigt wird: Der Leistungsrückstand reduziert sich im Vergleich mit Schülern aus ähnlichen finanziellen, Bildungs- und Familienverhältnissen. Damit zeigt sich, so betonen die Wissenschaftler des Mercator-Instituts: Bildungserfolg hängt vor allem vom sozialen Hintergrund ab. „Anstatt die Debatte immer wieder auf migrationsbedinge Unterschiede zu lenken, muss der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Lese- und Schreibleistungen verringert werden. Heterogenität im Klassenzimmer hat viele Facetten, darauf müssen wir alle Lehrkräfte vorbereiten“, fordert Becker-Mrotzek.

Der vorgelegte Faktencheck seines Instituts gibt auch einen Überblick über wissenschaftlich fundierte Fördermöglichkeiten. „Sprachliche Bildung beginnt schon im Elementarbereich: Reimen und Silben klatschen beispielsweise bereiten auf das spätere Lesen und Schreiben lernen vor“, erläutert Dr. Simone Jambor-Fahlen, Autorin und stellvertretende Abteilungsleiterin am Mercator-Institut. In der Grundschule spielt dann das Erlernen basaler Fertigkeiten eine wichtige Rolle, etwa flüssiges Lesen: Wer flüssig liest, kann sich besser auf die Inhalte des Textes konzentrieren. „Wir wissen aus der Forschung, dass zur Förderung Lautlesetrainings besonders wirksam sind, zum Beispiel, wenn stärkere und schwächere Schüler im Tandem gleichzeitig laut lesen“, ergänzt die Wissenschaftlerin. Agentur für Bildungsjournalismus

Hier geht es zum Faktencheck des Mercator-Instituts.

Wie Politiker die Wut der Eltern auf die Grundschulen anheizen – und damit allen Lehrern schaden

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72 KOMMENTARE

  1. Von einer Schreibkatastrophe zu reden, ist natürlich sehr reißerisch. Wir wissen alle, warum eine große Tageszeitung so formuliert und fallen nicht darauf herein.

    Allerdings ist auch nach meiner Wahrnehmung zu verzeichnen, dass die Kinder schlechter schreiben als früher. Dafür gibt es verschiedene Ursachen, von denen einige hier schon sehr kontrovers diskutiert wurden.

    Für mich gehört unbedingt auch dazu, dass Unterricht heutzutage nicht mehr so effektiv ist wie früher, weil viel Zeit verloren geht durch Störungen und durch Spielkram, der Spaß macht, aber wenig nützt.

    • Es gab früher auch Störungen, aber doch insgesamt weniger massiv.

      Es gab früher auch spielerische Übungsformen, aber sie dominierten nicht so sehr.

  2. Es sind also die “armen Kinder”, die das Problem darstellen, gerade so, als hätte es viele arme Kinder nicht schon immer gegeben, besonders in der Nachkriegszeit und zu Zeitenvon Wirtschaftskrisen. Ich argwöhne, man will um den heißen Brei herumreden. “Bildungsarm” ist vielleicht gemeint.
    Geld und Rechtschreibung haben nicht viel miteinander zu tun. Geld und Schönschreiben auch nicht. Es ist immer die Frage, worauf in der Schule Wert gelegt wird. Und wenn man schon im ersten Schuljahr phantasievolle Aufsätze schreiben lassen will, dann fällt eben die Rechtschreibung hinten runter. Das ist doch dann gewollt und hat nichts mit materieller Armut zu tun. Nochmal der Spruch von Hermann Giesecke:
    “Fast alles, was die moderne Pädagogik für fortschrittlich hält, benachteiligt Kinder aus bildungsfernem Milieu.”

  3. Ich weise Sie hiermit darauf hin, dass die vom Mercator-Institut benannte Arbeit der Elke Sander lediglich eine Dissertation ist. Ein Vergleich dieser Dissertation mit der zeitlichen Längsstudie von Prof. Steinig ist lächerlich, da diese in ihrer Wertigkeit Wertigkeit deutlich geringer ist. Außerdem kommen in der benannten Arbeit von Frau Sander gar keine Erhebungen von vor 20 und 30 Jahren vor. Zudem sind die Kriterien der Reliabilität, der Validität und der Objektivität geringer.
    In ihrer Dissertation befragten Lehrerinnen antworten auf die Frage, ob sich die Rechtschreibleistungen verschlechtert hätten
    mit Ja 74,1 %
    mit Nein,keine wesentlichen Veränderungen 15,2 %
    mit kann ich nicht beurteilen 8,6 %
    Aus der Dissertation geht weiter hervor, dass die Schüler , die mit Methoden nach “Lesen durch Schreiben” und freiem Schreiben das Schreiben begonnen hatten , am Ende der 2. ,sowie am Ende der 4. Klasse ,einen deutlich höheren Fehlerkoeffizienten hatten als die Vergleichsgruppen .

    Das Herr Becker-Mrotzek diesmal eine Kollegin diese frohe Video-Botschaft verkünden lässt , die im Wahrheitgehalt auch noch falsch ist , sagt schon vieles über diese wissenschaftliche Kompetenz aus.
    Derartige Vergleiche würden in der Medizin das Gelächter der Kollegen auf sich ziehen.
    Sonst setzt sich Herr Becker-Mrotzek regelmäßig in den Medien für die Methoden des Spracherfahrungsansatzes und daran angelehnter Methoden ein.

    • Zitat: “Bisherige Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die Bildungsforscherin Elke Sander verglich 2006 die Rechtschreibleistungen von Kindern in Düsseldorfer Grundschulen mit 20 bzw. 40 Jahre zuvor erbrachten. Dabei kam sie zu dem Ergebnis, dass die Orthografie sich grundsätzlich nicht verschlechtert habe.”

      Wenn ich das lese und dann das, was AvL dazu schreibt, dann kommen mir die Aussagen im Text (Zitat), die wie unumstößtliche Fakten präsentiert werden, doch reichlich unseriös vor.

      Man darf eben nichts und niemandem mehr trauen. Glaube nur der Studie, die du selbst gefälscht hast, könnte man sagen. 🙁

    • Danke für die Ergänzungen. Mal wieder finden sich in den Kommentaren Informationen, die wahrscheinlich ohne Schwierigkeiten auffindbar sind und eigentlich in den Artikel gehören. Natürlich nicht wertend, weil bei gutem Journalismus der Leser die Bewertung übernehmen soll, aber ergänzend. Ein wertender Beitrag in einer Zeitung ist ein Kommentar, ein allzu unvollständiger Artikel möglicherweise täuschend und / oder werbend für irgend eine Gruppe.

      Leider sind im Bildungsbereich mittlerweile so viele Verbände aktiv, dass bei jeder neuen Studie die Alarmglocken läuten müssen.

      • Bemerkenswert, wie schnell Lehrer (!) hier bereit sind, anonym getätigte und unbelegte Aussagen im Leserforum als “wahr” einzuschätzen – und Aussagen von Wissenschaftlern, die sich mit vollem Namen (und Quellenhinweisen) in die Öffentlichkeit begeben, als “falsch” oder gar “interessengeleitet” abzutun.

        Die Behauptung von “AvL”, Sanders Arbeit käme zu dem Fazit “dass die Schüler , die mit Methoden nach ‘Lesen durch Schreiben’ und freiem Schreiben das Schreiben begonnen hatten , am Ende der 2. ,sowie am Ende der 4. Klasse ,einen deutlich höheren Fehlerkoeffizienten hatten als die Vergleichsgruppen”, ist falsch.

        Richtig ist, dass das Fazit der Autorin lautet: “Wenn man die Leselernmethoden, wie auf der vorigen Seite geschehen, den Aufsatzwerten gegenüber stellt, ist, besonders beim Aufsatz, eine Aussage, welche Methode bessere Leistungen bringt, nicht möglich, weil die Zahl der Nennungen sehr unterschiedlich ist.”

        Erkennbar sei nur ein Unterschied zwischen “reinen” und “kombinierten” Methoden: “Die reinen Methoden schneiden signifikant besser ab, d.h. in den Klassen haben die Kinder einen geringeren FQ.” (FQ = Fehlerquotient) Zu den “reinen” Methoden zählt die Autorin ausdrücklich “Lesen durch Schreiben” (bekannt auch als “Schreiben wie Hören”).

        Aus ihrer Arbeit wird allerdings auch deutlich, dass nur sehr wenige Lehrer nach dieser Methode, ob in Reinform oder kombiniert, arbeiten (4 von 58 Befragten). – was übrigens auch schon andere Befragungen gezeigt haben. Heißt: Die ganze Debatte um “Schreiben wie Hören” ist ein Popanz.

        Quelle: https://core.ac.uk/download/pdf/12010054.pdf, Seite 117.

        • Falls Sie mich als Ihr Lieblingsopfer meinen, dann muss ich Sie enttäuschen, weil ich mich lediglich auf die Hintergrundinformationen zu den Autoren bezogen habe, nicht auf die Studie an sich. Ich würde den Forschungsarbeiten ja gerne vertrauen, aber spätestens die Ergüsse von Bertelsmann & co haben den ganzen Bildungsbetrieb komplett umgekrempelt und ins Negative verkehrt. Ich gehe mittlerweile schon in die 1970er Jahre zurück, als die 68er mit ihre bildungsmarxistischen Programme entwickelten.

        • @Bernd
          Halten Sie denn meine Aussage für falsch, das man die Dissertation der Frau Sander bei der geringen Zahl an befragten Lehrern, in ihrer Wertigkeit nicht mit der Vergleichsuntersuchung von Herrn Prof. Steinig vergleichen kann.
          Die Diskussion um LDS ist auf Grundlage der geringe Zahl an Befragten eben kein Popanz, nur dass diese Arbeit immer wieder als Studie zitiert wird, was nachweislich falsch ist.
          Unter http://www.grundschulservice. de Jansen steht im Kapitel 23 mehr zu dieser Arbeit.

          • Es ist der Artikel Nr. 22 unter http://www.grundschulservice.de, der sich mit der wertenden Stellungnahme des Mercator-Institutes zur Dissertation der Frau Sander befasst und sich mit den Aussagen des Herrn Prof. Becker-Mrotzek und seinen Stellungnahmen und Vergleichen befasst.

        • @Bernd
          Wenn anonym getätigte Aussagen im Lehrerforum so wenig wert sind, warum schreiben Sie dann noch Ihre Meinung?
          Und wenn Sie “Aussagen von Wissenschaftlern, die sich mit vollem Namen (und Quellenhinweisen) in die Öffentlichkeit begeben” als einzig wahr und richtig darstellen, dann vergessen Sie bitte nicht, dass es in der Welt der Geisteswissenschaften, nicht zuletzt der Pädagogik, zu jeder “wissenschaftlichen Aussage” eine “wissenschaftliche Gegenaussage” gibt.

          Ich kann mich im Übrigen sehr gut erinnern, dass Sie in der Vergangenheit mit Hohn und Spott über Wissenschaftler hergefallen sind, deren Aussage Ihnen nicht ins Konzept passte. Hier zweifelten Sie durchaus am Wahrheitsgehalt “wissenschaftlicher Meinung” und geizten nicht mit Verunglimpfungen “von Wissenschaftlern, die sich mit vollem Namen (und Quellenhinweisen) in die Öffentlichkeit begeben”.

          • Sehr geehrter xxx,

            wir haben Ihren Kommentar – mal wieder – gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich!

            Die Redaktion

          • @Mitleser, die sich vielleicht wundern:

            Ich habe Bernd den ehrlichen Rat gegeben, nicht emotional, sondern selbst sachlich mit belegten Quellen und bei Gegenargumenten mit noch besseren Quellen zu argumentieren.

        • “Bemerkenswert, wie schnell Lehrer (!) hier bereit sind, anonym getätigte und unbelegte Aussagen im Leserforum als “wahr” einzuschätzen… ”

          Danke, Bernd.

          Es ist auch erstaunlich, wie schnell man sich die Kriterien immer neu zurechtlegt, statt sie konsequent an alle Studien anzulegen: Lehrtätigkeit der Forscher in Grundschulklassen, Umfang der Studie, Klassifizierung der Fehler, Gruppengröße oder Dauer der Studie, Akzeptanz von Metastudien..

          … und wie leicht man die Änderung der Schülerschaft an einem Tag in Abrede stellt (das war früher auch so), sich aber am nächsten Tag auf Studien beruft, die ebendies deutlich abbilden.

          • Naja, ich erinnere daran, dass nach PISA 2000 die GEW meinte (andere auch), daraus würde resultieren, dass Deutschland sein Schulsystem dem schwedischen anpassen sollte, das sei einfach besser (Herr Schleicher hatte das auch so dargestellt). Aber schon nach 10 Jahren war Schweden deutlich abgestürzt und lag bei der Mathematik weit hinter Deutschland. Das zur Qualität von Studien und den daraus resultierenden Folgerungen. Und TIMSS und PISA legten den Grundstock zu dem, was heute in Deutschland die Bildungsforschung ist. Was da noch “wahr” ist, weiß wohl niemand.

          • @Palim
            Sollte ich Ihre “anonym getätigten und unbelegten Aussagen im Leserforum” dann auch besser nicht als wahr einschätzen??
            Ansonsten kann ich nur wiederholen, dass jeder, also auch Sie, gern bereit ist, sich auf jene Studienergebnisse zu berufen, die seine eigene Meinung stützen. Studienergebnisse mit widersprechenden Thesen werden dagegen bezweifelt und herabgewürdigt. Da können deren Kriterien noch so seriös und sattelfest sein.

          • @ Geli, genau, Sie bringen es auf den Punkt.

            Glaube nur der Studie, die du selbst gefälscht hast!

          • Gefällt den Politikern die Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung, dann berufen sie sich gerne darauf (Volkes Stimme); gefällt sie den Politikern hingegen nicht, dann verunglimpfen sie sie als Stammtischparolen.

            Immer so, wie man es gerade braucht.

          • Richtig, Geli!
            Mich macht auch noch nachdenklich, dass ausgerechnet Leute, die selbst anonym schreiben, es bemerkenswert finden, wenn hier anonym geäußerte Meinungen anderer als “wahr” empfunden werden.

          • Ist das so unverständlich, g.h? Mir genügt auch in diesem Fall die Erklärung durch das wohlbekannte und sprichwörtlich nachzulesende Prinzip “Haltet den Dieb”.

        • @Bernd
          Danke für den Link zur Dissertation.
          Beim kurzen Überflug über die Arbeit fiel mir gleich das geringe Wissen über deren Wissen zur Anwendung des Dehnungs-H nach l,m,n, und r nach einem langen Vokal auf. Der Anlaut des Wortes ist aber mit entscheidend, ob ich ein Dehnungs-H setze.
          Denn bei den Anlauten mit langen Graphemkombinationen, sowie T , also Qu,St,SP,Sch,T in Wörtern , wie Qual, Tal, Span, Schwan, Stab oder Kran,fällt bis auf wenige Ausnahmen, das Dehnungs-H weg.
          Auch das Problem der Endlauthärtung und dessen Auflösung wurde von der Doktorantin nicht angesprochen. Was wird da im Studium den angehenden Lehrern zur Orthographie vermittelt und wie sollen diese das linguistisch relativ einfach zu vermittelnde System dann den Schülern vermitteln ?
          Wer ist an den Hochschulen für die Vermittlung dieses Wissens an die angehenden Lehrer zuständig ?
          Wird auf die Vermittlung der Orthographie überhaupt noch Wert gelegt ?
          Gehört dieses Wissen nicht zum Basisbestandteil der grundlagen ?
          Oder hat sich der Ungeist Reichens breit gemacht ?

        • Je mehr ich in diese für mich irrationale , heutige Deutungswelt der neoreformpädagogisch orientierten Gedankenwelt des Schriftspracherwerbs eintauche, um so mehr verstehe ich die daraus sich ableitenden Probleme für den Schriftspracherwerb der Schüler.
          Allerdings scheint es mit dem Wissen um orthographische Regeln dieser Grundschuldidaktiker auch nicht besonders gut bestellt zu sein.
          Einer dieser Gründe scheint in der vollkommene Abwertung der Bedeutung der strukturierten Vermittlung der Orthographie durch den Lehrer zu liegen.
          Es ist sehr interessant diese Denkweise zu erfassen, um dies dann logisch angehen zu können.
          Warum vermeidet man es wohl mit den Eltern über diese Erklärungsansätze zu sprechen ?

        • @Bernd
          Sie wissen, welcher Name sich hinter meiner Namensabkürzung verbirgt, also schreiben Sie bitte nicht, dass ich anonyme Aussagen tätige.

  4. Mit Genuss und großer Zustimmung habe ich alle feinen Kommentare hier gelesen. Es ist nun schon das zweite Mal, dass ich gelesen habe, dass man Ergebnisse kleinerer Untersuchungen/Dissertationen 1 : 1 mit denen von großen Studien (z. B. DESI) einfach gleichsetzt. Vielleicht ist die Frage auch nicht so wichtig, ob die Rechtschreibung unserer Lerner schlechter geworden ist, sondern ob wir es zulassen wollen, dass ein erheblicher Anteil (ein Fünftel bis Drittel) nicht (lesen und) schreiben kann? Vielen Dank für Ihre Argumente!

    • Was ist denn für Sie eine “große”, was eine “kleine” Studie? Alle Studien, die allein auf Rechtschreibung fokussieren, sind klein – verfasst von einzelnen Wissenschaftlern, auf der Grundlage einer relativ dünnen Datenbasis von wenigen hundert Schülern. Sie sind also nicht repräsentativ und können allenfalls Hinweise geben.

      Große Studien, an denen Wissenschaftlerteams bis hin zu internationalen Forschungsveründen arbeiten und die repräsentative Vergleiche erlauben (ob Zeitvergleiche oder regionale/internationale), sind PISA, IGLU, TIMSS und der IQB-Vergleich. Aber die gibt es eben erst seit rund 20 Jahren.

      Aber Sie haben völlig Recht: Eigentlich relevant ist der Befund, dass gut und gerne 20 Prozent der Schüler die Mindestanforderungen nicht erfüllen. Aber dieser Befund ist auch schon 20 Jahre alt und geändert hat sich an der Situation: praktisch nichts. Was auch damit zu tun hat, dass die gesicherten Zusammenhänge – vor allem der enge Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Lernerfolg – zu keinerlei echten Konsequenzen in der Bildungspolitik geführt haben oder sogar (wie in diesem Forum auch) immer noch geleugnet werden. Wer sich um die Risikogruppe der Schüler, die sehr wohl bekannt ist, nicht weiter kümmert, darf halt keine Verbesserung der Situation erwarten. Der wirft dann lieber Grundschullehrern vor, sich nicht genug um die Rechtschreibung zu kümmern.

      • @Bernd
        Die angesprochene DESI-Studie umfasst meines Wissens nach die Daten von ca.11.000 Schülern und ist in ihrer Gewichtung viel bedeutender als die Dissertation von Frau Sander.
        Hier wurden Äpfel mit Birnen verglichen.

        • Die DESI-Studie ist eine große Studie, ja – vor allem eine Englisch-Studie: Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International , kurz DESI. Dabei wurde zwar auch der Deutschunterricht evaluiert, aber nicht im Zeitvergleich. Niemand hat hier DESI mit der Dissertation von Frau Sander verglichen.

          Apropos Dissertation – ein Begriff, den Sie hier ständig abwertend gebrauchen: Eine Dissertation in den Erziehungswissenschaften wie in den Sozialwissenschaften ist eine umfangreiche wissenschaftliche Arbeit, mit der ein junger Forscher mindestens zwei Jahre und mehr beschäftigt ist. Sie haben da offenbar eine Promotion im Fach Medizin im Blick, die damit kaum vergleichbar ist …

          http://www.sueddeutsche.de/bildung/medizinstudium-dr-med-zu-leichtgemacht-1.3473555

          • Von Literaturpromotionen in der Medizin halte ich auch nichts, weil sie neben dem Studium innerhalb eines Semesters geschrieben werden kann. Mehr als eine bessere Bachelorarbeit kann das folglich nicht sein.

            Sozialwissenschaftliche Promotionen sind aber auch ein Nichts im Vergleich zu naturwissenschaftlichen Disserationen, die oft 4-5 Jahre dauern. Wenn man die ganzen hier bei n4t besprochenen Studien als Referenz nimmt, haben die Sozialwissenschaftler nicht viel Ahnung von nur irgendetwas, so als ob sie in ihrer Ausbildung nichts gelernt haben. Leider wurden die Sozialwissenschaften ideologisch stark durchseucht.

          • @Bernd
            Jetzt verkehren Sie mal wieder das Gesagte, denn die Gleichstellung der Dissertation der Frau Sander mit höherwertigen Studien betrieb das Mercator-Institut in Köln .
            Abgewertet habe ich diese Arbeit aus dem falschen Vergleich heraus. Und die wissenschaftliche Qualität so mancher medizinischer Doktorarbeiten ist mir bekannt.

          • Und schon fällt Bernd wieder in sich zusammen. Es ist erstaunlich wie einfach das meistens ist.

          • In der wissenschaftlichen Medizin wird mit ganz anderen Zahlen gearbeitet, wie zum Beispiel die Metaanalyse der Gruppe um Susanitaphong P,Cruz DN,Cerda J,Abulfraj M,Koulouridis I et all der Acute Kidney Injuri Advisitory Group of American Society of Nephrologie von 2013 , die Daten von 154 Studien mit über 3.500.000 stationären Patienten bezüglich des akuten Nierenversagens auswertete.
            Da interessieren mich die unbedeutenden Doktorarbeiten irgendwelcher Medizinstudenten weniger, da deren Bedeutung verschwindent gering ist im Verhältnis zu derartigen großen Patientendaten.

          • Die Argumentationsbasis von dem Bernd, den Sie angesprochen haben, ist auch dieses Mal eher dünn, weil sie durch wenige Zeilen komplett ausgekontert werden konnte.

          • Lieber Bernd, lesen Sie sich einfach nur die Kommentare von AvL durch. Jeder Ihrer Einwände wurde durch ihn widerlegt (Methodische Lücken in der Dissertation an sich, Stichprobenumfang usw) oder als Strohmann entlarvt (Dissertationen in der Medizin vs. Dissertationen in den Sozialwssenschaften, zumal AvL das genauso sieht wie Sie).

            Kommentieren Sie aber ruhig weiter, an einem Diskurs bin ich genauso interessiert wie Sie auch. Bitte bleiben Sie aber sachlich, Danke.

          • Ja, lese ich. Und auch die zweite Behauptung von “AvL” ist falsch: In dem Mercator-Papier wird nicht einmal DESI erwähnt – wie Sie selbst im Beitrag oben nachverfolgen können. Angeführt werden lediglich zwei nicht-repräsentative Studien. Es gibt halt keine repräsentativen, weil erst seit 20 Jahren systematisch gestetet wird. Nu?

            Welche weiteren Einwände von mir wurden denn widerlegt? Was bedeutet denn “als Strohmann” entlarvt?

      • “… dass gut und gerne 20 Prozent der Schüler die Mindestanforderungen nicht erfüllen. Aber dieser Befund ist auch schon 20 Jahre alt und geändert hat sich an der Situation: praktisch nichts.”
        Aber eben auch nicht in den traditionell “progressiv” regierten Bundesländern mit langer SPD-Tradition als Regierungspartei (die Partei der sozialen Gerechtigkeit), allen voran Bremen. Angeblich ist der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herunft in Bayern noch relativ am geringsten. Das sagte mal ein Bildungsforscher im Interview. Nur die Gesamtschul-Enthusiasten hören sowas nicht gerne.

      • “Große Studien, an denen Wissenschaftlerteams bis hin zu internationalen Forschungsveründen arbeiten und die repräsentative Vergleiche erlauben (ob Zeitvergleiche oder regionale/internationale), sind PISA, IGLU, TIMSS und der IQB-Vergleich” UND die große DESI-Studie, eine KMK-Studie, in der repräsentativ als Querschnittstudie alle Bereiche (also auch die Rechtschreibung) in den Fächern Deutsch und Englisch von ca. 11.000 Neutklässlern wurden.

          • Ich ging nur auf Ihren Satz ein, den ich etwas korrigieren wollte: “Was ist denn für Sie eine “große”, was eine “kleine” Studie? Alle Studien, die allein auf Rechtschreibung fokussieren, sind klein – verfasst von einzelnen Wissenschaftlern, auf der Grundlage einer relativ dünnen Datenbasis von wenigen hundert Schülern. Sie sind also nicht repräsentativ und können allenfalls Hinweise geben. “

  5. Zitat: “Forscher warnen vor allzu schlichten Erklärungen”
    Was ist von einer solchen Warnung zu halten, wenn man selbst “allzu schlichte Erklärungen” bietet?
    Seit Jahren wird von diesen Forschern die gebetsmühlenhafte Behauptung aufgestellt, dass Kinder armer Eltern in Schule und Bildung benachteiligt seien, also weniger Chancen hätten.
    Das stimmt einfach nicht!! Kein Kind wird auf Grund eines schmalen Geldbeutels der Eltern benachteiligt. Wer das behauptet, irrt oder führt bewusst in die Irre, indem er aus gesellschaftsideologischen Gründen eine Korrelation zur Kausalität macht.

    • Danke @Geli!
      Ganz deiner Meinung!
      Arm kann nicht mit bildungsfern gleichgesetzt werden. Bei uns gibt es durchaus reiche und materiell gutgestellte Bildungsferne!
      Und Kinder mit zweitsprach Deutsch haben einen kleineren Wortschatz in der Zweitsprache (für mich logisch), denn sie haben entweder 3-6 Jahre kein Deutsch gesprochen oder eben nur wenig. Dafür brauche ich keine Studie. Das wird doch wohl in jedem anderen Land auch so sein. (bezogen auf die Landessprache.
      Ich gebe Sofawolf recht, es wird zuviel „spielerisch geübt“ und der Spaßfaktor steht absolut im Fordergrund. Nur nicht die Kinder frustrieren ist die Devise. Doch Rechtschreibung muss geübt werden und dass ist eben nicht immer nur lustig.

    • “Forscher warnen vor allzu schlichten Erklärungen ” klingt sehr nach einer Zahnpastwerbung und ist verallgemeinernd formuliert, wobei die Positionen des genannten Herrn Prof. Becker-Mrotzek zum unkritischen Umgang mit dem lautorientierten Schreiben in der Fachwelt umstritten sind .
      Gegenteilige Positionen der Professoren Christa Röber, Günter Thomé,Ursula Bredel und Renate Valtin wurden nicht einbezogen, obwohl diese direkt an der Materie Schule dran sind.
      Und weiter:”So werden heute häufig andere Schwerpunkte im Deutschunterricht gesetzt. Kreative und frei geschriebene Texte sind in der Schule oftmals bedeutsamer als die Rechtschreibleistung, auch wenn die gesellschaftlichen Erwartungen hierzu im Konflikt stehen: Hier werden schriftliche Leistungen oft überwiegend nach der Anzahl orthografischer Fehler bewertet – weniger nach ihrem Inhalt, z. B. bei einer Bewerbung.“
      Woran macht man denn fest, dass die Kinder mit der zunächst lautorientiert vermittelten Methode tatsächlich kreativer schreiben, wenn diese durch ihre orthographischen Mängel in ihrem Schreibfluss behindert werden, da ihnen später bewusst wird, dass sie nicht korrekt die “Erwachsenenschrift” beherrschen und somit ein weiteres Schreibsystem erlernen müssten, deren Regeln je nach Lehrer inkonstant vermittelt werden, um sich orthographisch korrekt schriftlich mitzuteilen.
      Lernen Schüler Schreiben etwa nicht durch dessen häufigen Gebrauch, wobei diesen die strukturierte Vermittlung des relativ einfach zu erlernenden orthographischen Systems, der Ethymologie der Wörter, sowie der Anwendung der Syntax, eine deutliche Hilfe bieten, sich sicher, in der sich entwickelnden Kreativität, schriftlich mitzuteilen ?
      Und erweitert man etwa nicht seinen Wortschatz, indem man zunächst diesen Vorgang durch strukturiert Hilfen und häufiges Üben zum automatisieten Lesen erlernt , um dann schließlich durch selbst gewählte Texte und Bücher, seine sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten weiter zu verbessern ?

      Mir reichen die hier vor Ort, durch direkte Befragungen gewonnen Erfahrungsberichte der Betroffenen, mit den von diesen selbst so beschriebenen negativen Auswirkungen auf ihren schulischen Erfolg durch diese unstrukturierten Methoden, einer zunächst anlautorientierten Schreibweise, mit vielen Fehlern in der orthographischen Struktur der Wörter, welche sich nicht einfach wieder löschen lassen und ließen.
      Man hilft diesen Schülern nicht ,nein man schadet diesen Schülern sogar, indem man ihnen die praktische Vermittlung der einfachen Regeln des orthographischen Systems in seiner Anwendung verweigert.

      • Sicherlich kann man seinen Wortschatz und seine Schreibleistung durch die von Ihnen genannten Übungen weiterentwickeln.
        Das ist aber nicht der einzige Weg und nicht die einzige Möglichkeit.

        Rechtschreiben im Sinne von “möglichst kleiner Fehlerquotient”, wie es gerne in den Studien verkürzt wird, ist nicht das einzige Ziel des Deutschunterrichts. Tatsächlich geht es auch um Ausdrucksvermögen, Wortschatz uvm.

        Der Unterricht selbst hat sich gewandelt, Texte werden erheblich früher länger und komplexer und der Fehlerquotient eines Schülertextes ist immer auch abhängig von seinen Gestaltungskriterien. Wenn ich den Fibeltext mit umgestellten Sätzen wiedergebe, nutze ich bekannte Wörter. Schreibe ich etwas eigenes zum Bild, nutze ich andere Wörter, was fehlerträchtiger ist.
        Bei komplizierter Syntax ist die Zeichensetzung schwieriger, ich kann dies aber auch umgehen, indem ich die Syntax simpel halte.

        Auch anderer Sprachunterricht hat sich gewandelt zu früherem, sicherlich auch den anglo-amerikanischen Konzepten und den Vergleichsstudien geschuldet. Heute geht es erheblich mehr um Kommunikation, Verständigung, Sprechen, Verstehen … und der Unterricht bekommt ebenfalls andere Schwerpunktsetzungen.

  6. “Heute geht es erheblich mehr um Kommunikation, Verständigung, Sprechen, Verstehen…”
    Das sind lauter windelweiche, im Ergebnis kaum nachprüfbare Schwerpunkte und Zielsetzungen, die geradezu auffordern zur Andichtung irgendwelcher Lernerfolge.
    Gemessen an dem, was man am heutigen Umgang der Schüler untereinander oder mit Lehrern so hört, muss das, worum es heute “erheblich mehr geht”, ein einziger Reinfall sein. Auf dem Papier wird aber ein wundersames Wachstum nebulöser “Kompetenzen” bescheinigt.
    Blumige Erfolgsmeldungen trotz spürbaren Abwärtstrends kennzeichnen eine fortwährende Luftschloss-Pädagogik von sog. Experten, die ihr Handwerk offenbar in Elfenbeintürmen entwickelt haben.

  7. So “windelweiche, im Ergebnis kaum nachprüfbare Schwerpunkte” sind das nicht – es sind die Kriterien, die bei den Bewerbungsrunden der Unternehmen die entscheidende Rolle spielen. Und nicht mehr die vermeintlich “harten” Schulnoten.

    Nur mal so zur Kenntnis:

    “Die Zeiten, in denen (fast) nur Fachwissen und gute Zeugnisse für die Beurteilung eines Bewerbers wichtig waren, sind vorbei. Heute checken Personalverantwortliche in Vorstellungsgesprächen und Tests auch die sogenannten „Soft Skills“, jene „weichen Fähigkeiten“, die die soziale Kompetenz eines Menschen ausmachen. Welche Fähigkeiten besonders bei Bewerbern gesucht und geschätzt werden, verrät eine Umfrage unter 100 Personalchefs. Die Liste zeigt eindeutig, wie wichtig Kompetenzen rund um Teamwork, Dialog und Flexibilität mittlerweile eingeschätzt werden. Mit „Empathie“ hat es dabei eine sehr „weiche“ und mitmenschliche Eigenschaft an die Spitze geschafft.”

    Folgende Eigenschaften wurden von den Personalchefs als wichtigste Kriterien genannt:
    1. Empathie
    2. Kommunikative Kompetenz
    3. Konfliktfähigkeit
    4. Vertrauenswürdigkeit
    5. Kritikfähigkeit
    6. Analytische Kompetenz.

    Quelle: https://bewerbung.com/soft-skills-ranking/

    Und diese Eigenschaften werden in den Einstellungsrunden natürlich auch getestet.

    • @ Anna: Die Vermittlung dieser Eigenschaften ist nichts Neues. Stand in der Präambel der bayerischen Grundschullehrpläne – ich glaube von 1981, vielleicht nicht genau in den gleichen Worten.

        • Diese Dinge _in der Schule_ sind mit Ausnahme der Analytischen Kompetenz und der Kommunikativen Kompetenz tatsächlich eher modischer Schnickschnack, weil sie Aufgabe der elterlichen Erziehung sind. Die Betriebe verlangen wohl auch diese Softskills, weil die Azubis fachlich immer weniger drauf haben und es auch beim Verhalten gravierende Rückschritte gibt.

          • Wie wollen Sie denn Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit und überhaupt soziale Kompetenzen in einer Kleinfamilie vermitteln? Das geht natürlich nur im sozialen Kontext einer größeren Gruppe – und den haben Kinder und Jugendliche nun mal nur in der Schule.

          • Teamfähigkeit sehe ich ein, aber Konfliktfähigkeit können die Eltern vermitteln, indem sie nur oft genug nein sagen. Dies ist ja das Hauptproblem, weil fehlende Konfliktfähigkeit, Respekt vor fremden Erwachsenen und Kindern, Geduld, Frustrationstoleranz usw. die Hauptprobleme an der Schule ausmachen.

          • “Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit und überhaupt soziale Kompetenzen”
            Der obige Artikel handelt von der “Schreibkatastrophe”. Sollen wir jetzt annehmen, dass die heutige Schule ganz bewusst Rechtschreibung durch
            “Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit und überhaupt soziale Kompetenzen” teilweise ersetzen möchte bzw. das für richtig hält?
            Übrigens: seit wann gibt’s denn die Kleinfamilie? Doch schon mindestens seit 1945, oder? Was also soll neu sein?

          • Ich stelle mir schon länger die Frage , ob “Anna” eigene Kinder großzieht, und ob ihr reichhaltiges theoretisches Wissen an Lösungsvorschlägen und Anleitungen für Erziehung, dort in der heimischen Erziehung ein breites Erfahrungsfeld haben.
            Alle diese Punkte sind im heimischen Umfeld der Familien vermittelbar und werden von der Mehrheit der Familien auch wahrgenommen.
            Teamfähigkeit wird wohl auch in der Schule in Kleingruppen vermittelt, aber da haben Jungen wohl größere Probleme mit, als dieses Verhalten für Mädchen , soweit ich meinen Beobachtungen trauen kann.
            Nebenbei stimme ich F.H und XXX in der Gewichtung dieser sozialen Kompetenzen im Umfeld des Unterrichts zu.

    • Schön, dass Sie die “windelweichen, im Ergebnis kaum nachprüfbaren Schwerpunkte” nochmals in 6 Punkten vor Augen führen. Man kann sie fast nur nach Geschmack und subjektivem Eindruck beurteilen.

        • Bitte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen! Unternehmen haben es nicht mit Kindern und schulischem Lernen zu tun.
          Natürlich sind im Leben Soft Skills wichtig, doch wo ist der Beweis, dass die Schule sie im “modernen” Deutschunterricht vermittelt und überhaupt vermitteln kann? Die Tatsachen sprechen dagegen, wenn wir die Meldungen über das Sozialverhalten und die Empathiefähigkeit heutiger Schüler ernst nehmen. Theorie und Realität klaffen da meilenweit auseinander.

  8. Wenn in der Grundschule erkennbare Probleme in der Orthografie auftauchen, dann muss man sich halt zu Hause mit dem Kind hinsetzen und jeden Tag eine Stunde Diktate schreiben, in denen das erkannte Problem schwerpunktmäßig vorkommt. Anhand der Regeln im Deutschbuch können dann die gemachten Fehler aufgearbeitet werden.
    In eigenen Worten ein Bild zu beschreiben, könnte vielleicht am Ende der Woche als Entspannungsübung dienen, sollte aber nicht Kern der häuslichen Übung sein, und auch hier würde ich ein Bild nehmen, dass thematisch zum Inhalt der Diktate passt, so könnte dann der erweiterte Wortschatz gleich angewendet werden.
    Das Problem bei dieser Überlegung ist jedoch, dass diese mit Arbeit zu tun hat und das scheint Eltern und Kindern absolut nicht zumutbar zu sein.

    • Der Radiobeitrag ist unbedingt hörenswert für unsere Bildungspolitiker und verdeutlich sehr anschaulich die Problematik und unbedingt qualifizierte Ausbildung der Grundschullehrer. Da darf man keine Quereinsteiger hineinwerfen, weil ohne eine strukturierte Arbeit mit den Kindern vieles falsch gebahnt wird.

      • Das erklären Sie mal sofawolf, der ist immer noch der Meinung, Grundschule kann jeder und Studium für die Grundschule ist überflüssig….

    • @Emil
      Sie akklamieren euphorisch zustimmend. Mich interessiert, in welcher Stadt Sie als Grundschullehrer tätig sind, weil eine derartig umfangreiche Gemengelage an verhaltensauffälligen Schülern, so wie im gefilmten Kabarettauftritt dargestellt, schon extrem ist.
      Das sind und waren hier vor Ort in erster Linie Kinder, deren Eltern sich weder für die Unterrichtsmethodik oder die Lerninhalte interessierten, noch bereit waren selbst mit den eigenen Kindern zu arbeiten.
      Im Prinzip sind es regelrechte Projektkinder aus gutbürgerlichen Haushalten, wobei beide Elternteile in Vollzeit arbeiten, die Kinder als Einzelkinder ohne eine strukturierte Erziehung im Wachstum begleiten, denen man von Seiten der Eltern eigentlich jeden Wunsch erfüllte, aber eine Selbstdisziplin und die Einhaltung einfachster Verhaltensregeln nicht vermittelte.
      Diese Eltern waren auch genau jene, die einem direkt in den Rücken fielen, als ich Kritik an der überfordernden und eigen initiativen Selbstlernmethodik mit dem großen Arsenal an vorgefertigten Arbeitsblättern äußerte, sowie die unstrukturierte , eigenständige , lautorientierte Vermittlung der Grapheme und des Lesens ohne Lehrgänge kritisierte.

  9. Ach herrjeh, Entschuldigung, dass ich mal ein bisschen Spaß machen wollte, AvL. Ohne Humor kommen Sie in unserem Job nicht weit. Meine Kolleginnen meinten einheitlich: “War der bei mir?”. Die Kinder sitzen nicht demütig vor uns wie die Patienten vor Ihnen.

    Mein Arzt ist mit 70 in den verdienten Ruhestand gegangen. Gestern war ich bei der Nachfolgerin. Die Erfahrung war dermaßen schlecht, dass ich auch mal Lust hätte, jetzt einen ganzen Berufsstand kaputt zu reden. Gibt es ein Forum für Ärzte? Ich hätte viel zu schreiben.

    • Sie können froh sein, dass Sie eine Frau sind. Andernfalls hätten Sie jetzt eine riesige Welle des Feminismus 4.0 gegen sich.

  10. Es ist doch merkwürdig, das diese Debatte überhaupt so oft aufkommt. Zur Erinnerung: Seit 2004 haben wir die amtlich von der KMK beschlossenen Bildungsstandards für die Grundschule, und die sagen für das Fach Deutsch unter anderem:
    “Die Standards legen auf der Ebene der Sach- und Methodenkompetenz fest, welche Leistungen von einem Kind am Ende der Jahrgangsstufe 4 in Kernbereichen des Faches Deutsch in der Regel erwartet werden.” […]
    “SCHREIBEN: [… ] Die Kinder verfügen über grundlegende Rechtschreibstrategien. Sie können lautentsprechend verschriften und berücksichtigen orthographische und morphematische Regelungen und grammatisches Wissen. Sie haben erste Einsichten in die Prinzipien der Rechtschreibung gewonnen. Sie erproben und vergleichen Schreibweisen und denken über sie nach. Sie gelangen durch Vergleichen, Nachschlagen im Wörterbuch und Anwenden von Regeln zur richtigen Schreibweise. Sie entwickeln Rechtschreibgespür und Selbstverantwortung ihren Texten gegenüber.
    Die Schülerinnen und Schüler verfügen über verschiedene Möglichkeiten der ästhetischen Darstellung entsprechend dem Schreibanlass und arbeiten mit unterschiedlichen Medien. Sie schreiben eine lesbare und
    flüssige Handschrift.”
    Danach wäre doch eigentlich alles in Ordnung. Von armen Kindern ist nicht die Rede. In der Einleitung dieser Bildungsstandards steht zudem:
    “Die Länder verpflichten sich, die Standards zu implementieren und anzuwenden.”
    “Die Standards und ihre Einhaltung werden […] durch eine von den Ländern gemeinsam beauftragte wissenschaftliche Einrichtung [das IQB?] überprüft und auf der Basis validierter Tests weiter entwickelt.”
    Was sollen wir denn nun vom Wert solcher Dokumente halten? Die “Einhaltung der Standards” scheint doch ein Riesenproblem zu sein, das aber von denjenigen (nur Theoretiker?), die diese Standards formuliert haben, offenbar gar nicht zur Kenntnis genommen wird. Dennoch werden allenthalben diese Standards als ein großer Fortschritt gepriesen. Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wächst. Das wird aber weder von Bildungsforschern noch von Bildungsjournalisten ernsthaft thematisiert, von Bildungspolitikern erst recht nicht. Man schweigt dazu.

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