Schwänzen – Prävention heißt vor allem: Hinschauen

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BRAUNSCHWEIG. Nicht alle Schulschwänzer sind gleich. Zwischen einer Fehlstunde und dem Anhäufen ganzer Fehltage gibt es große Unterschiede. Was aber tun, wenn nach Elterngesprächen auch Bußgelder und Sozialstunden nicht helfen? Lösungsansätze lieferte der Jugendgerichtstag.

Hinter dem Phänomen Schuleschwänzen verbergen sich oft komplexe Problemlagen. Foto: Shutterstock

Schwänzen ist ein Dauerthema an Schulen und kann für die Betroffenen sogar im Jugendarrest enden. «Ein nicht unerheblicher Teil der Jugendlichen, die dort sitzen, sind Schulschwänzer», sagte Regine Drewniak, Vorsitzende der Landesgruppe Niedersachsen in der Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen (DVJJ). Deshalb war das Fernbleiben – im Fachjargon Schulabsentismus – eines der zentralen Themen des Jugendgerichtstags in Braunschweig. Dabei wurden Konzepte vorgestellt und Lösungsansätze diskutiert.

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Vor den Pfingstferien entlarvte die Polizei an bayerischen Flughäfen rund 20 Familien, die ihre Kinder die Schule schwänzen ließen (News4teachers berichtete). Was aber tun, wenn es nicht mehr nur um einen billigeren Flug geht, sondern das Schwänzen zum ernsthaften Problem für Eltern und Kinder wird? Auf dem Papier sind die Regeln klar. «Zuständig für die Ahndung des Schulschwänzens sind die Kommunen, die hier Bußgelder verhängen können», heißt vom Kultusministerium in Hannover auf Anfrage. Das Verfahren bei Verletzung der Schulpflicht ist im niedersächsischen Schulgesetz klar geregelt. Die Schulen sollten demnach primär auf pädagogische Maßnahmen setzen, zu denen vor allem auch gute Elternarbeit gehört.

Was können aber betroffene Eltern tun, die sich dennoch überfordert fühlen? Pascal Üstün vom Jugendamt Salzgitter wünscht sich vor allem, dass die Eltern selbst aktiv werden. «Sie sollten nicht abwarten, sondern auf die Schule zugehen», meint er. Er räumt aber ein, dass das Zusammenspiel zwischen Eltern, Schule und Jugendhilfe längst nicht überall reibungslos funktioniert. Die DVJJ-Landesgruppenvorsitzende Drewniak hält es deshalb für zwingend nötig, dass sich eine festgefahrene Meinung ändert: «Wenn das Jugendamt kommt, gibt es Ärger», müsse sich ändern zu «wenn das Jugendamt kommt, bekomme ich Unterstützung», forderte Drewniak.

Das Schulschwänzen ist für sie dabei ein Dauerbrenner, weil das Thema ihrer Auffassung in den Schulen zu wenig angegangen wird. Bei Problemen werde etwa die Kinder- und Jugendhilfe nicht ausreichend eingebunden, meint Drewniak. «Dabei ist es schon lange der klare Auftrag, dass alle Eltern, die Schwierigkeiten und Unterstützungsbedarf in der Erziehung haben, sich dort hinwenden können und Hilfe erhalten.» Landesweite Zahlen zu den Schulschwänzern ließen sich beim Gerichtstag nicht in Erfahrung bringen.

Wichtig sei, dass die Schulen zunächst im Dialog mit den Kindern und Jugendlichen, aber auch mit den Eltern, versuchen, die Einsicht für den regelmäßigen Schulbesuch zu wecken, findet Thorsten Bullerdiek vom Niedersächsischen Städte- und Gemeindebund. Bußgelder und Jugendarrest dürften nur das letzte Mittel sein.

Wie erfolgreiche Präventionsarbeit der Schulen aussehen kann, beschrieb Wolfgang Vogelsaenger von der Georg-Christoph-Lichtenberg Gesamtschule in Göttingen, die 2011 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde. «Dass es bei uns so gut wie keine Schulverweigerung gibt, liegt an einem engmaschigen System, das schon früh greift», sagte Schulleiter Vogelsaenger. Fehlzeiten könnten dabei nicht angehäuft werden, ohne dass jemand nachhakt.

Ab Jahrgangsstufe fünf seien die Klassenlehrer dort sehr lang in ihren Klassen. «Sie kennen ihre Schüler oft sehr gut, bevor diese in das Alter kommen, in dem solche Probleme meist anfangen», beschrieb Vogelsaenger. Durch sogenannte Tischgruppenabende kennen sich die unterschiedlichen Schüler, Eltern und Lehrer seiner Meinung nach sehr gut und entwickeln ein Vertrauensverhältnis, das Schulschwänzen zu verhindern hilft. «Und wenn ein Schüler einfach keinen Bock mehr hat, kann auch ein Praktikum die Lösung sein». Von Christian Brahmann, dpa

Studie: Schule schwänzen steht im Zusammenhang mit Gewalttaten

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15 KOMMENTARE

  1. Seit Jahrzehnten ist das Schulschwänzen ein bekanntes Phänomen. Aber wollte man bisher etwas wirksam dagegen unternehmen? In Berlin haben die Schulverwaltungen nicht einmal zentrale Statistiken darüber geführt, das blieb alles in den Klassenbüchern und damit der Öffentlichkeit verborgen. Man wollte es wohl nicht wissen. Stattdessen hat man (wieder mal) die Terminologie geschönt: statt vom “Schwänzen” spricht man heute von “Schuldistanz”, “Schulabsentismus”, “Schulaversion” oder “Schulabstinenz”, so als wäre das allein schon eine Verbesserung. Jedenfalls klingt es wissenschaftlich, hier eine Dissertation dazu:
    https://link.springer.com/content/pdf/bfm%3A978-3-531-92298-0%2F1.pdf
    Diejenigen Kinder, die aufgrund von Behinderungen nicht rechnen können und beim kleinen 1×1 nur mit den Fingern abzählen, hat man einfach in “zählend rechnende Kinder” umbenannt. Das klingt besser, und darüber werden jetzt in der Fachdidaktik Dissertationen geschrieben.

    • Alles, was Sie schreiben, lese ich mit großer Begeisterung, Cavallieri. Sie zeigen sich gut informiert, kritisieren fragwürdige Behauptungen oder vereinseitigte Darstellungen, beleuchten die Dinge auch aus anderer Perspektive (die manche lieber ausgeblendet sähen), und zeigen erheblichen Mut, auf Fehler und Fehlentwicklungen hinzuweisen, die Sie u. U. angreifbar machen.
      Dafür einfach nur DANKE!

      • Danke zurück. Aber leider scheint die Redaktion das überhaupt nicht so zu sehen. Dass mir andere hier schon zugestimmt haben, das zählt offenbar nicht. Wiederholt wurde mir nahegelegt, mich hier doch zu verabschieden (wie vorher Ursula Prasuhn und Wilma Pause). Gegen den Mainstream zu argumentieren ist immer undankbar.
        Eine deutsch-türkische Journalistin pflegt ihre Zeitungs-Kolumne mit einem original türkischen Sprichwort zu beenden. Eins davon lautet: “Wer die Wahrheit sagt, wird zum Dorf hinaus gejagt.”

        • Leider ist da so. Die redaktionelle Reaktion habe ich natürlich auch mitgekriegt und gewünscht, dass Sie sich nicht beirren lassen oder auch noch die Lust an weiteren Kommentaren verlieren. Schön, dass Sie das nicht tun.
          Ich bin sicher, es gibt noch andere, eher stille Leser, die ähnlich denken wie ich.

    • Euphemistisches Vokabular ist in der Lage uns von einem negativen Bezug zu den Dingen zu lösen.
      Das fängt mit der Bezeichnung von Radikalherbiziden an, die man als “Pflanzenschutzmittel” deklariert, obwohl diese Pflanzen alle Pflanzen, bis auf die gentechnisch veränderten , zerstören.
      Das geht dann über den Begriff ” Entsorgungspark”, als Ausdruck für das “Endlager” für radioaktiven Sondermüll, mit einer unvorstellbar langen Halbwertszeit, wenn das mal gut geht,, und findet seine erste deutsche Anwendung wohl in dem Verb Opa ist “gefallen” ( auf die Nase ?), im zweiten Weltkrieg.
      Das ganze kann man auch noch auf die euphemistische Beschreibung von Kriegsverbrechen beziehen, so wie die türkische Regierung nicht vom Genozid der Jungtürken an den 1.500.000 Armeniern spricht, sondern von Zivilisten, die im Rahmen der Kriegswirren des ersten Weltkrieges, hier letztendlich die letzten bei Aleppo als Folge eines Gewaltmarsches von Frauen, Kindern und alten Männern, verstarben.
      Die Männer hatte man vorher gelyncht, bestialisch gefoltert und regelrecht abgeschlachtet oder erhängt.
      Aber auch die amerikanischen Verbündeten wandten auf perfide Weise ein radikales “Entlaubungsmittel ” an, dass bis heute schwere körperliche Behinderungen durch Missbildungen bei Neugeborenen hervorruft.

      • Aber bei Ihren Beispielen handelt es sich nicht um die bewusste und eigentlich überflüssige Umbenennung eines schon vorher existierenden und eingeführten Begriffs wie “schwänzen”, sondern eher um eine Umschreibung von etwas, das man direkt nicht auszusprechen wagte. Beim Thema “Armenier” scheint das ja ein Tabu zu sein, so wütend wie die Reaktionen auf die Bundestags-Resolution war. “Schwänzen” ist aber wohl weit entfernt davon, ein Tabu zu sein, das man nicht aussprechen darf.

        • Die 12 Jahre Naziherrschaft mit 55.000.000 Kriegstoten als Vogelschiss in der Geschichte zu beschreiben, erklärt sich entweder aus einem medizinisches Problem einer möglicherweise einsetzenden senilen Demenz eines alternden Mannes oder einer perfiden und geschmacklosen Verharmlosung eines dummen Maulhelden, der diese 12 Jahre Terrorherrschaft mit dem geplanten Genozid, dem geplantem Angriffskrieg und der geplanten Unterjochung der osteuropäischen Völker, danach trachtet, diese Verbrechen geschichtlich zu relativieren.

          • Dazu nicht, passt aber gut als Beispiel zu der relativierenden und Verharmlosung von geschichtlichen Verbrechen.
            Die Sprache wird in diesem, wie in den anderen Fällen bewusst als Vehikel, um unliebsames euphemistisch zu verharmlosen.
            Somit ist wieder der Bezug zu den Umbenennungen von Schulschwänzen hergestellt, den sie selbst ins Spiel brachten.
            Allerdings waren die von Ihnen gewählten sprachlichen Euphemismen mit dem Bericht über Dissertationen über die Begriffsvielfalt noch harmlos.
            Richtig ernst wird es , wenn sich politische Gruppierungen anschicken, das unaussprechliche noch verharmlosend darzustellen, so wie dieses von diversen Seiten, siehe auch Erdogan, betrieben wird.

          • AvL: “Somit ist wieder der Bezug zu den Umbenennungen von Schulschwänzen hergestellt, den sie selbst ins Spiel brachten.”
            Wenn ein einzelner irgendwelche schrägen und unangemessenen Begriffe verwendet, ist das was ganz anderes, als wenn systematisch von staatlicher oder halbstaatlicher Seite aus (nicht von politischen Gruppierungen aus) ein Begriff wie “schwänzen” eliminiert wird. Vgl. auch die Entwicklung Hilfsschule — Sonderschule — Förderschule — Inklusion,
            Das Volk wird weiter “drittes Reich” sagen und nicht “Vogelschiss-Reich”. Aber was war mit dem “tausendjährigen Reich”? Nebenbei: Stalin wird in Georgien weiter verehrt trotz seiner auch nicht unerheblichen Verbrechen, Mussolini in Italien auch. Das stört offenbar niemanden von den progressiven Leuten.

          • @Cavalieri
            Diese ihnen bekannten Personen der AfD, sind bereits mehrfach durch dumme und gezielt eingesetzte Bemerkungen, die bewusst öffentliche Aufmerksamkeit provozieren sollten, wie abwertende Bemerkungen über Menschen anderer Hautfarbe oder eines anderen Kulturkreises, aufgefallen.
            Seit geraumer Zeit versucht dieser Personenkreis auch gezielt die Zeit des Nationalsozialismus verharmlosend in seiner geschichtlichen Einordnung zu relativieren, in dem man bewusst nur auf die Zeitachse den Fokus legt und diese Nazizeit anderen zeitgeschichtlichen Ereignissen gegenüberstellt, so als würden diese das andere aufwiegen und überstrahlen. Beides Seiten der Geschichten gehören aber zusammen, zu unserer geschichtlichen Verantwortung den Nachkommen gegenüber.

            Als Folge der im deutschen Namen begangenen Verbrechen, wurde aber nach dem 2.Weltkrieg auch ein Bruch mit alten Traditionen einer glorifizierenden Darstellung deutscher Geschichte zu recht vorgenommen, sowie der deutsche Militarismus endgültig zerschlagen, was Herr Höcke als “gnadenlos besiegte Nation” umschreibt. In seinen Wunschvorstellungen soll dieses Bild wieder erstehen und, so träumt er in seinen Vorstellungen vom Wiedererstehen einer “stolzen Nation”, sowie einer Aufwertung des Militärs, etwa wie zu Kaisers Zeiten.
            Aber die Geschichte und die Literatur haben uns auch, bezogen auf diese Zeiten, ein anderes Bild vermittelt, wie es Heinrich Mann in “Der Untertan” , Erich-Maria Remark in “Im Westen nicht Neues” und Carl Zuckmeier in “Der Hauptmann von Köpenick” es beschrieben haben.
            Der Begriff “Vogelschiss” bleibt mehr als nur eine dumme Randbemerkung in der deutschen Politik, drückt er doch die Sorglosigkeit dieser Leute im Umgang mit geschichtlicher Verantwortung aus.
            Es geziemt sich in Gedenken an die vielen Toten des zweiten Weltkrieges, sich gefälligst anders zu verhalten, egal welche moralischen Wertvorstellungen einem vermittelt wurden

          • Ich habe Gaulands “Vogelschiss” doch gar nicht verteidigt. Ich halte das auch für falsch. Aber ich sehe nicht, was die AfD überhaupt mit dem “Schwänzen” zu tun hat. Das ist nun mal das obige Thema. Bleiben wir doch dabei. Zum “Vogelschiss” gibt es ein anderes Forum (vormals: “Fliegenschiss”).

      • Möglicherweise, weil hier zu sehr in die aus der Sicht von AvL falsche Richtung berichtet wird, insbesondere bei der Vermittlung von Rechtschreibung in der Grundschule. Mir persönlich liegt der Schwerpunkt auch etwas zu sehr auf der Grundschule und auch ich kann mit den hier vertretenen Positionen längst nicht immer etwas anfangen, möchte aber durch meine Kommentare zumindest noch einige andere (durch die Meinungsfreiheit gedeckte und wo nötig mit Quellen belegte) Sichtweisen hier hinterlassen.

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