Und ewig lockt die Couch – laut einer Studie befinden sich deutsche Kinder in einer Bewegungskrise

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BERLIN. Fünf Minuten auf dem Rad – und die Puste geht aus. Spielkonsole, TV und Handy scheinen bei manchen Kindern das Toben im Freien abgelöst zu haben. Diesen Eindruck bestätigt nun eine Krankenkassenstudie. Was muss passieren?

Lieblingsbeschäftigung schon von kleinen Kindern.                                                 Foto: Parker Knight / flickr / CC BY 2.0

In vielen deutschen Familien kommt Bewegung laut einer Krankenkassenstudie zu kurz. Gleichzeitig verbringen schon kleine Kinder mehr Zeit mit Medien als gut für sie wäre. Das geht aus der AOK-Familienstudie 2018 hervor, die nun in Berlin vorgestellt wurde. Die Ergebnisse zu Übergewicht und Bewegungsmangel seien ein «klares Alarmsignal», erklärte die Krankenkasse. Ein Grund für das Phänomen sei Zeitmangel der Eltern.

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Die Untersuchung basiert neben Experteninterviews auf eigenen Angaben von knapp 4.900 Familien mit Kindern zwischen 4 und 14 Jahren. Jede dritte Familie bekennt sich dazu, dass Bewegung in der Freizeit für sie keine oder eher keine Rolle spiele. Und nicht einmal die Hälfte der Familien gab an, mit Kindern täglich zum Beispiel zu Fuß zu gehen oder Rad zu fahren. Besonders inaktiv zeigten sich Familien, in denen die Eltern übergewichtig oder fettleibig sind – dies traf auf mehr als jeden zweiten befragten Elternteil zu.

Nur jedes zehnte Kind sei so aktiv wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen – «ein fast skandalöser Befund», sagte Jutta Mata vom Lehrstuhl für Gesundheitspsychologie der Uni Mannheim, die die Studie wissenschaftlich begleitete. «Man könnte von einer Aktivitätskrise eigentlich sprechen.» Allerdings fallen die Werte zu diesem Punkt in anderen Untersuchungen höher aus – wenn auch in der Tendenz ähnlich.

Daten aus der Langzeitstudie KiGGS des Robert Koch-Instituts (RKI) etwa zeigen: Auf 60 Minuten mäßige Bewegung am Tag, wie sie die WHO als Minimum empfiehlt, kommt im Smartphone-Zeitalter noch ein Viertel der Kinder und Jugendlichen. Auf ein Pensum von mindestens 90 Minuten Sport pro Woche bringt es gut die Hälfte der Mädchen zwischen 3 und 17 Jahren, bei den gleichaltrigen Jungen sind es rund 63 Prozent.

Alarm!

In die KiGGS-Studie flossen Daten von mehr als 12.000 Kindern ein. Sie zeigt auch: Entgegen der häufigen Annahme ist der Anteil übergewichtiger und adipöser Kinder in den vergangenen Jahren nicht mehr angewachsen – die Zahlen stagnieren laut RKI «auf hohem Niveau».

Die AOK-Studie schlägt aber auch in Sachen Mediennutzung Alarm: 59 Prozent der Vier- bis Sechsjährigen nutzten Medien länger als die empfohlenen täglichen 30 Minuten, am Wochenende überschreiten diese Grenze sogar 84 Prozent der Kinder aus dieser Altersgruppe. Bei den Sieben- bis Zehnjährigen – hier liegt die Empfehlung bei 60 Minuten – sieht es wenig besser aus.

Dabei müssten Familienmitglieder im durchgetakteten Alltag nicht noch extra Trainingseinheiten einplanen: Expertin Jutta Mata rief vielmehr dazu auf, nach Optionen im Alltag zu schauen: «Also, gibt es einen Weg, den ich zu Fuß gehen kann, gibt es eine Treppe, die ich noch hochsprinten kann, gibt es einen Fahrradausflug, den man machen kann.»

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, verwies auf die Vorbildfunktion von Eltern, wenn es um gesunde Ernährung, Bewegung und Sport gehe. In der Familienstudie gaben jedoch nur elf Prozent der Eltern an, regelmäßig mindestens 150 Minuten pro Woche moderat Sport zu treiben – damit verfehlt auch der Großteil der Erwachsenen die WHO-Empfehlungen. dpa

Sportunterricht verfehlt sein Ziel – Studie: Junge Erwachsene sind Bewegungsmuffel

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4 KOMMENTARE

  1. Der Zusammenhang war schon vorher bekannt, aber der Hauptauslöser ist die hyperkalorische Ernährung, die bereits im Kleinkindalter durch den übermäßigen Konsum von Rohzucker ausgelöst wird.
    In fast allen industriell hergestellte Fertigprodukten ist viel zu viel Zucker enthalten.
    Um den Verbraucher zu informieren wäre ein Ampelsystem notwendig gewesen.
    Da hat sich die Industrielobby durchgesetzt und so wird die Zahl der adipösen Menschen mit den Folgeerkrankungen des Diabetes mellitus und der Herz- und Kreislauferkrankungen wie der Bluthochdruck und die Arteriosklerose in der Bevölkerung weiter ansteigen und sich in 60 Jahren in einer niedrigeren Lebensalterszeit ausdrücken, sowie in einer Zunahme invalidisierender Erkrankungen ihren Niederschlag finden. Inzwischen stellen sich die Rettungsdienste schon auf dieses zunehmende Klientel ein, indem man die Tragen auf 200 kg ausrichtet, mit entsprechenden Motorschienen.
    Der Bewegungsmangel ist nur eine Folge der hyperkalorischen Ernährung. Schließlich kann unser Körper alles in Form von Fettspeichern einbauen. Das ist folge der Evolution des Menschen, um in winterlichen Notzeiten überleben zu können. Mit Bewegung alleine kann man sein Gewicht nicht reduzieren. Ein Gramm Fett entspricht ca. 10 Kcal, ein Gram Fett 4 Kcal. Mit diesem Wissen kann man schöne Rechenaufgaben formulieren. Um 100 g Fett zu verbrennen , muss man 1000 Kcal mehr verbrennen. Also empfiehlt es sich bei der Zufuhr der Kalorien zu sparen. Das Argument der mangelnden Bewegung bemüht immer wieder die Nahrungsmittelindustrie. Aus guten Grund, denn man möchte schließlich Geld verdienen.

  2. Merkwürdig: Mehrfach ist es mir so gegangen, dass ein abgeschickter Kommentar einfach nicht sichtbar wird. Wenn ich ihn noch ein zweites Mal abschicke, sagt der Computer, ich hätte ihn doppelt abgeschickt. Aber er bleibt einfach verschwunden.

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