Bündnis will Gemeinschaftsschule in Sachsen einführen – per Volksantrag

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DRESDEN. Sachsen sieht sich gern Klassenprimus beim Thema Bildung. Tatsächlich schneidet der Freistaat bei Bildungsvergleich gut ab. Doch Kritikern reicht das nicht.

Gesamtschule
Das Bündnis will dem gegliederten System eine integrierte Schulform entgegenstellen – und setzt dabei auf die Eltern. Foto: EnergieAgentur.NRW / Flickr (CC BY 2.0)

Länger gemeinsam lernen anstatt schon nach Klasse 4 auseinandergehen: In Sachsen hat sich ein Bündnis für eine Gemeinschaftsschule formiert. Mit ihr soll die bestehenden Schularten aber nicht geändert werden. «Längeres gemeinsames Lernen soll dort möglich werden, wo Lehrer, Eltern und Schüler sowie der Schulträger dies wünschen. Wir sprechen deshalb vom “Optionalen Modell”», erklärte Bündniskoordinator Burkhard Naumann am Mittwoch in Dresden. Die sächsische Schullandschaft werde damit ergänzt. Zugleich könne sich die hiesige Bildungslandschaft weiterentwickeln.

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«Mit der Gemeinschaftsschule können die Schüler nach Klasse 4 weiter gemeinsam lernen. So nehmen wir Druck von den Kindern und Eltern, eine frühzeitige Entscheidung zur weiteren Schullaufbahn treffen zu müssen», betonte der Dresdner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Melzer. Der Erfolgsfaktor von guter Schule liege in einer guten sozialen Mischung der Schülerschaft und der Lernkultur. Melzer verwies auf die Begleitforschung zum sächsischen Schulversuch der Jahre 2006 bis 2016, wo sich Gemeinschaftsschulen gegenüber Vergleichsschulen positiv abhoben.

Linke, Grüne und auch SPD-Chef Martin Dulig kündigten Unterstützung an. «Die SPD Sachsen hat in ihrer Regierungsverantwortung viel für gute Bildung in Sachsen getan, dabei soll es aber nicht bleiben, wir wollen mehr», sagte Dulig. «Kinder nach der 4. Klasse weiterführenden Schulen zuzuordnen, halte ich für falsch. Zu diesem Zeitpunkt können die Entwicklungsmöglichkeiten unserer Kinder noch nicht genau bestimmt werden.» Nicht jedes Kind bringe von zu Hause die gleichen Voraussetzungen mit, bekräftigte Dulig bekannte Argumente der SPD.

Damit deutet sich zugleich Konfliktstoff in der schwarz-roten Koalition an, denn die CDU ist strikt gegen diesen Vorschlag. Die Union blieb auch am Mittwoch hart. «Eine grundlegende Änderungen unseres erfolgreichen Bildungssystems wäre fatal. Wer diese Debatte jetzt anzettelt, handelt fahrlässig. In der momentan schwierigen Personalsituation brauchen Schüler, Eltern und Lehrer stabile Schulstrukturen und keine Experimente», erklärte CDU-Bildungsexperte Lothar Bienst. Der Sächsische Lehrerverband hält eine solche Reform aus den gleichen Gründen für «grenzwertig» und «populistisch».

Dulig verwies darauf, dass die Idee von vielen sächsischen Eltern unterstützt wird. So habe eine repräsentative Umfrage des Emnid- Instituts 2017 ergeben, dass zwei Drittel der Eltern die bislang übliche Aufteilung der Kinder nach Klasse 4 ablehnen. Das Bündnis «Gemeinschaftsschule in Sachsen – Länger gemeinsam Lernen» entstand auf Initiative eines Vereins und rekrutiert sich nach eigenen Angaben aus Einzelpersonen sowie 20 Institutionen. Weitere Mitstreiter seien willkommen, hieß es.

Sachsens Verfassung bietet die Möglichkeit einer Volksgesetzgebung. Erste Stufe ist ein Volksantrag, für den mindestens 40.000 Unterschriften gesammelt werden müssen. Der Landtag hat den Antrag innerhalb von sechs Monaten zu beraten. Verweigert er seine Zustimmung, können die Antragsteller über ein Volksbegehren einen Volksentscheid in Gang setzen. Für das Begehren sind binnen eines halben Jahres mindestens 450 000 Unterschriften erforderlich.

In der jüngeren Geschichte Sachsens gab es bisher nur einen Volksentscheid. Der war allerdings erfolgreich: 2001 stimmte die große Mehrheit der Wahlbeteiligten für die Auflösung eines Sparkassenverbundes. dpa

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