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Sollten Lehrer Migrantenkindern alles durchgehen lassen? Bloß nicht! Psychologe Ahmad Mansour warnt vor falscher Toleranz

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BERLIN. Die Rassismus-Diskussion hat spätestens seit der „#metwo“-Kampagne auch die Schulen erreicht. Zehntausende von Menschen mit Migrationshintergrund schildern auf Twitter Erfahrungen mit vermeintlicher oder tatsächlicher Diskriminierung, und etliche Berichte beziehen sich auf das Verhalten von Lehrkräften (News4teachers berichtete). Sollten sich Pädagogen also besser mit Kritik an religiösen und kulturellen Eigenheiten zurückhalten? Ahmad Mansour, Psychologe und Islamismus-Experte, warnt in seinem neuen Buch „Klartext zur Integration“ vor einer falsch verstandenen Toleranz: Lehrer sollten nicht alles akzeptieren. Der folgende Beitrag ist ein Auszug.

Hier lässt sich das Buch herunterladen oder bestellen (kostenpflichtig).

Ahmad Mansour wuchs als Araber in Israel auf – und war als junger Mann selbst Islamismus-gefährdet. Foto: Fischer Verlage / Heike Steinweg

Wir sind nicht eure Kuscheltiere

Es war ein heißer Tag, keine Wolke am Himmel zu sehen. Die Fenster des Klassenzimmers waren weit geöffnet, ebenso die Tür, doch die Luft stand still. Die Schüler der dritten Klasse saßen mit roten Wangen auf ihren Stühlen, viele hatten ihre Köpfe auf die Hände gestützt. Sich zu konzentrieren fiel allen schwer, dem Lehrer genauso wie den Schülern, doch hitzefrei gab es heute nicht. Warum, war dem Lehrer, der mir diese Geschichte bei einem meiner Workshops für Pädagogen erzählte, ein Rätsel. Also machte er das Beste aus dem Tag: Er gab den Kindern nur leichte Aufgaben und machte viele kleine Pausen, in denen die Kinder essen und trinken sollten, vor allem trinken, um bei Kräften zu bleiben.

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Einer der Schüler saß schweigend da. Er aß nichts. Er trank auch nichts, obwohl ihm der Schweiß von der Stirn lief. Der Lehrer kannte das schon: Ramadan. Zeit des Fastens. »Trink etwas«, sagte der Lehrer, aber der Junge schaute weg. Der Lehrer dachte an das, was ihm immer wieder gesagt worden war: »Sie müssen die Religionsfreiheit würdigen. Sie müssen sich interkulturell öffnen und die Regeln der anderen tolerieren und akzeptieren.« Der Umgang mit anderen Kulturen, Toleranz und Akzeptanz hatten schon oft auf dem Fortbildungsplan gestanden. Und schon oft war er bei der Ausübung dessen, was ihm dort gelehrt worden war, an seine Grenzen gestoßen: Er hatte erlebt, wie Schülerinnen anderen Schülern die Hand nicht geben wollten. Er hatte erlebt, wie Mädchen immer dann krankgeschrieben waren, wenn Schwimmunterricht auf dem Stundenplan stand. Er hatte erlebt, wie Schüler nicht an Klassenfahrten teilnehmen durften – und wie Kinder fasteten, obwohl sie dabei offensichtlich an ihre Grenzen gingen. Natürlich bin ich ein toleranter Mensch, dachte er. Aber soll ich einem Kind beim Zusammenbrechen zuschauen, nur weil es denkt, es dürfe nichts trinken? Verletze ich so nicht meine Aufsichtspflicht? Kann ich es zwingen? Soll ich es zwingen? Wo fängt Kultur an? Und wo körperliche Unversehrtheit und Gesundheit? Wo endet Religionsfreiheit? Und wo ist meine Grenze bezüglich der Interkulturalität? Wo ist der Weg zwischen meinen Wertvorstellungen und denen der anderen? Er fühlte sich hilflos.

Das Buch

Der Text ist dem jetzt erschienenen Buch „Klartext zur Integration – Gegen falsche Toleranz und Panikmache“ von Ahmad Mansour entnommen. Hier lässt sich das Buch herunterladen oder bestellen (kostenpflichtig).

Eine der drängendsten Aufgaben unserer Gesellschaft ist Integration. Doch kein Thema polarisiert stärker. Staat und Gesellschaft stehen dieser Aufgabe bisher planlos gegenüber, es mangelt an konkreten Konzepten, einer unvoreingenommenen, sachlichen Debatte und langfristigen Plänen.

Der Psychologe und Bestsellerautor Ahmad Mansour, selbst muslimischer Immigrant, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Problemen und Chancen von Integration. Er reiste durch ganz Deutschland, besuchte Haftanstalten, Schulen und Flüchtlingsunterkünfte und sprach mit Politikern, Lehrern und Sozialarbeitern. So hat er wie niemand sonst erfahren, wie Zusammenleben funktionieren und woran es scheitern kann. Ohne falsche Rücksichtnahme spricht er offen an, in welchen gesellschaftlichen Bereichen Veränderungen nötig sind, wo die Politik oder jeder Einzelne gefragt ist und welche Werte unverhandelbar sind. Mansour macht unmissverständlich klar, dass wir alle umdenken müssen – ein eindrücklicher Appell.

Während die anderen Kinder aus ihren Flaschen tranken, blieb der Junge regungslos auf seinem Stuhl sitzen. Die Lippen trocken, die Augen müde. Der Lehrer versuchte es noch einmal: »Trink, bitte. Nur einen kleinen Schluck.« Jetzt schaute ihn der Junge an. Und in seinem Blick sah der Lehrer eine Mischung aus Angst und Dankbarkeit. Dann setzte das Kind den Becher, den der Lehrer vor es auf den Tisch gestellt hatte, vorsichtig an den Mund und trank den ganzen Becher in einem Zug leer.

Ein paar Tage später wurde der Lehrer zur Rektorin gerufen: »Wir haben ein Problem!« Der Schüler hatte seinen Eltern erzählt, was passiert war. Diese hatten daraufhin die Schulaufsichtsbehörde angeschrieben und diese wiederum einen Brief an die Schule und an den Lehrer verfasst: Er solle bitte die Religionsfreiheit der Schüler akzeptieren. Eine Beschwerde, dachte der Lehrer. Darüber, dass ich das Kind vor einem Kreislaufkollaps bewahrt habe? Er verstand die Welt nicht mehr.

Das Kuscheltier-Phänomen

Gleicher Workshop, andere Lehrerin: »Ich erlebe immer wieder, dass Schüler mich als Frau nicht ernst nehmen«, erzählte sie mir. Von einer Frau würden sie sich nichts sagen lassen. »Immer wenn ihnen etwas nicht passt, kommen sie mit diesem Spruch. Und ich? Ich steh dann da und weiß nicht weiter.«

Die Lehrerin wirkte verzweifelt: »Wie kann so ein Kind ernsthaft sagen, dass es nicht die Aufgabe von Männern sei, die Tafel zu wischen oder das Klassenzimmer aufzuräumen? Absurderweise finden diese Jungs auch immer noch Mädchen, die ihre Aufgaben übernehmen.« Einmal, sagte sie, sei ein interkultureller Trainer an ihre Schule gekommen. »Und wissen Sie, was der zu mir gesagt hat?  Meine rassistische Denkweise würde den Schüler provozieren, meine Vorurteile ihm gegenüber würden dieses Verhalten hervorrufen.«

Der Trainer ging noch weiter: Die Tatsache, dass ein Schüler so einen Satz zu ihr sage, sie nicht anschaue und sexistisch behandele, habe viel mehr mit ihrer Wahrnehmung zu tun, als mit der des Schülers. Sein Protest sei seine Art und Weise, der Lehrerin laut mitzuteilen, dass er mit ihrem Verhalten nicht einverstanden sei. »Ich dachte zuerst, ich hätte mich verhört. Hab ich aber nicht. Sein Rat an mich war dann, erst mal über mein eigenes Verhalten nachzudenken und zu überlegen, ob der Schüler möglicherweise nach Aufmerksamkeit schreit, indem er schockiert und provoziert.«

Ich kenne solche Trainer, Berater und andere Menschen, die das Beschützen von Muslimen und Menschen mit Migrationshintergrund vor jeglicher Kritik als interkulturelle Kompetenz verkaufen. Ich nenne es das Kuscheltier-Phänomen. Was das bedeutet? Die einen behandeln die anderen wie Kuscheltiere, die man schützen muss. Die Probleme, die es in den Schulen gibt, sagen diese Menschen, seien nur Reaktionen der Schüler auf Diskriminierungen. Ehrenmorde oder Gewalt im Namen der Ehre beispielsweise seien Themen, die gar nicht existierten. Was passiere, seien nur Einzelfälle. Motive dafür in der Kultur und Tradition, in den Männlichkeitsbildern und Werten zu suchen sei verboten, rassistisch und zu verhindern. Denn Probleme würden kulturalisiert und erst produziert, indem man als Lehrer oder Sozialarbeiter bestimmte Themen anspreche. Wer etwa mit den Schülern über Gleichberechtigung reden wolle, der setze ja voraus, dass es bei ihnen keine Gleichberechtigung gebe. Und allein das sei schon diskriminierend.

Immer wieder fallen in diesem Zusammenhang die Begriffe Kulturkolonialismus – wir wollen den anderen nur unsere Kultur aufzwingen – und weiße Schule – wir haben ein Schulsystem, das so konzipiert ist, um nur die deutschen, die weißen Schüler anzusprechen und zu fördern. Tolerant und weltoffen wollen die Menschen hier sein und sich deutlich gegen Rassismus und Vorurteile positionieren. Alle Kulturen sollen gleichberechtigt nebeneinander existieren, so ihr Gedanke. Multikulturalismus und Pluralismus sind für sie Werte, die es zu verteidigen gilt.

»Tolerant« und »weltoffen« meine ich nicht als Schimpfworte, denn sie sind es nicht und sollten es auch nicht sein – und keine Frage: es gibt viele Menschen in diesem Land, die dabei klug, kritisch und aufgeklärt sind. Es gibt aber auch viele, denen es egal zu sein scheint, was hinter einer Kultur steckt, ob sie nun mit unseren demokratischen Wertvorstellungen vereinbar ist oder nicht. Wir sollen alles akzeptieren. Das soll Multikulti sein.

Dass diese Trainer und Berater damit eine Atmosphäre der Verunsicherung und Angst schaffen, ist ihnen nicht klar. Sie übergehen Probleme, weil sie jegliche Kritik ins Gegenteil verkehren, weil sie jeden Kritiker als islamophob bezeichnen, als jemand, der den Rechten in die Karten spielt, selbst wenn die Kritik, wie etwa in meinem Fall, aus der Mitte der Migranten kommt. Keine Diskussion. Keine Widerrede.

Was für ein Irrtum! Warum? Weil es bedeutet: »Anything goes.« Weil so jedes noch so negative Verhalten – selbst wenn es gegen das deutsche Grundgesetz verstößt – mit dem Hinweis auf die eigene, andere Kultur oder Religion verteidigt werden kann. Weil es zu einer Unfähigkeit geführt hat, Konflikten sachlich und mit kühlem Kopf zu begegnen, sie offen anzusprechen, differenziert zu betrachten und zu diskutieren.

Weil Menschen zu Kuscheltieren gemacht werden, die anscheinend besonders beschützenswert sind und denen es abgesprochen wird, Kritik auszuhalten, ihr Handeln und sich selbst zu hinterfragen und möglicherweise auch zu ändern.

Um eines klarzustellen: Die grundsätzlichen Motive, mit denen Diversität und Multikulturalismus verteidigt werden, sind gut und gerecht. Die Menschen wollen Bevölkerungsgruppen, denen vermehrt mit Fremdenfeindlichkeit begegnet wird, politisch unter ihre schützenden Fittiche nehmen – insbesondere dort, wo die Diskriminierung sich gegen die Religion der Fremden zu richten scheint.

Die Schutzimpulse erklären sich unter anderem aus dem Wunsch, maximale Distanz zu rechten, nationalistischen Haltungen zu zeigen. Man will nicht zulassen, dass Muslime von Rassisten verfolgt werden, so wie es den Juden in der NS-Zeit widerfahren ist. So scheint diese Haltung auch zu sagen: Wir sind der lebende Beweis dafür, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt haben. Doch leider wird erstens übersehen, dass es genauso rassistisch und diskriminierend ist, Muslime immer nur beschützen zu wollen und sie nicht als gleichberechtigte, ernstzunehmende, kritikfähige Mitmenschen zu betrachten.

Und zweitens führt die Art und Weise, wie die Menschen ihren guten Willen demonstrieren, in manchen Fällen dazu, dass genau dieser gute Wille missbraucht oder fehlinterpretiert wird. Dann steuert die Sache am Ziel vorbei.

Hier lässt sich das Buch herunterladen oder bestellen (kostenpflichtig).

Der Autor
Bestseller-Autor Ahmad Mansour. Foto: privat / Wikimedia Commons

Ahmad Mansour, geboren 1976, ist arabischer Israeli und lebt seit 2004 in Berlin. Er ist Diplom-Psychologe und arbeitet für Projekte gegen Extremismus, zum Beispiel begleitet er Familien von radikalisierten Jugendlichen, Aussteiger und verurteilte Terroristen. 2015 erschien sein Bestseller »Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen«. Zum Thema Salafismus und Antisemitismus hat er zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt und in vielen Talkshows mitdiskutiert. Anfang 2018 gründete er Mind Prevention (Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention). Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Moses-Mendelssohn-Preis zur Förderung der sowie den Carl-von-Ossietzky-Preis.

Und schon ist eine Diskussion auf der Facebook-Seite von News4teachers entbrannt.

Islamismus-Experte Mansour: Intoleranz ist das Kernproblem in vielen muslimischen Familien

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