Schulvermeider: Wenn schon Erstklässler nicht mehr zur Schule gehen wollen

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HANNOVER. Nicht nur Jugendliche schwänzen die Schule: Schon Erstklässler können aus unterschiedlichsten Gründen Schulvermeider sein. Die Eltern sind oft hilflos – so wie die von Tim.

Nicht alle Kinder kommen mit dem System Schule gut zurecht. Foto: Shutterstock

Auf den ersten Schultag hatte sich Tim riesig gefreut. Doch die Euphorie war schnell verflogen. Jeden Abend und jeden Morgen klagte der damals Sechsjährige über Bauchschmerzen. Nach einigen Monaten kamen Kopfschmerzen und Übelkeit dazu. «Wir haben gemerkt, dass er sich immer mehr zurückzieht und trauriger wird», sagt seine Mutter Claudia Sunder, die Tim oft vor dem Unterrichtsende von der Schule abholen musste.

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Die Eltern suchten das Gespräch mit der Klassenlehrerin. «Sie hat sich aber nie richtig Zeit genommen», sagt Sunder, deren Name ebenso wie der ihres Sohnes ein anderer ist. Die Grundschule in einer niedersächsischen Kleinstadt war mit der Situation überfordert. Am Ende ging Tim gar nicht mehr zum Unterricht.

Wenn von Schulschwänzern die Rede ist, denken wohl die meisten an Jugendliche in weiterführenden Schulen, die lieber im Bett bleiben oder mit Freunden abhängen. Tatsächlich gibt es Schulverweigerer bereits ab der ersten Klasse. Die Gründe für das Fernbleiben sind unterschiedlich.

Manche haben soziale Ängste oder Erfahrungen mit Mobbing gemacht. Andere sind überfordert. «Leistungsängste beginnen schon in der ersten oder zweiten Klasse der Grundschule», sagt Klaus Seifried, der als Schulpsychologe und auch als Lehrer in Berlin tätig war. «Schuldistanz war lange ein Tabuthema», erklärt er. Inzwischen schauten Schulen und Behörden genauer hin.

Zahlen über das Ausmaß der Schulverweigerung gibt es nicht, die Kultusministerkonferenz führt keine bundesweite Statistik. In einer Studie des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2003 heißt es, dass drei Prozent aller Schulschwänzerkarrieren bereits im Alter von sechs bis acht Jahren begönnen, zwölf Prozent im Alter von neun bis elf.

Statistiken dokumentierten das Problem nur unzureichend, glaubt Schulpsychologe Seifried. «Teilweise wird das Fernbleiben von den Eltern oder durch ein Attest entschuldigt», erklärt er. Aufgabe der Schule sei es, frühzeitig das Gespräch mit den Eltern zu suchen und Schulpsychologen einzuschalten. «Für das Verhalten des Kindes gibt es immer eine Ursache», sagt Seifried.

Um Schüler wieder zurückzugewinnen, sei es wichtig, ihnen Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Auch eine gute Beziehung zum Klassenlehrer oder zur Klassenlehrerin und zu den Mitschülern sei entscheidend. «Das Kind muss das Gefühl haben: Mein Lehrer mag mich, ich habe Freunde in der Klasse», sagt Seifried. Zugleich müsse die Lehrkraft Regeln und Orientierung vermitteln.

Oftmals beginne das Problem aber bei den Eltern, weiß Stefanie Höfer, Leiterin des Beratungszentrums «Rebuz Bremen-West», das Familien in sozial benachteiligten Stadtteilen unterstützt. Die Eltern hätten beispielsweise überhöhte Leistungserwartungen an ihr Kind. Oder sie hätten es verpasst, den Nachwuchs auf Trennungssituationen vorzubereiten. Oder sie hätten selbst keine guten Schulerfahrungen gemacht und gäben ihre Erfahrungen an die Kinder weiter, sagt Höfer.

“Die Schule macht mich krank”

Auch bei Familie Neumer fingen die Probleme bereits in der Grundschule an. Später blieb ihr Sohn dem Unterricht über Monate fern und isolierte sich sozial. Trotz Überforderung redeten die Neumers, die eigentlich anders heißen, aus Scham nicht offen über die Situation. «Wir hatten Angst zu hören: Wie kann es sein, dass euer Kind euch auf der Nase herumtanzen kann.» Wirksame Unterstützung gab es erst, als sie sich ans Jugendamt wendeten. Heute hat ihr Sohn einen Schulabschluss.

Auch Familie Sunder brauchte lange, um gegenzusteuern und die Gründe für Tims Verhalten zu finden. «Wir waren gerade erst umgezogen, wir dachten, das renkt sich ein», sagt Claudia Sunder. Die Klassenlehrerin machte die Eltern verantwortlich.

Die Sunders probierten alles aus: Sie machten klare Ansagen, sie gingen mit ihrem Sohn zur Psychologin, drohten mit Sanktionen, am Ende machten sie aus lauter Verzweiflung Bestechungsversuche: Lego gegen Schulbesuch. Manchmal lief es so bei Tim ein paar Wochen gut. Aber eines Tages kam er nach Hause, warf sich weinend auf den Boden und sagte zu seiner Mutter: «Die Schule macht mich krank.» Er zeigte Anzeichen einer Depression.

Ein IQ-Test brachte Klarheit: Der Junge ist hochbegabt. Er war immer schon besonders gut in Mathe, im Unterricht wollte er schnell vorankommen – aber die Lehrerin bremste ihn. Da verlor er die Lust. Wäre die Hochbegabung früher festgestellt worden, hätte vieles vielleicht anders laufen können. Claudia Sunder sagt: «In Grundschulen gibt es gute Konzepte für Kinder mit Förderbedarf, aber keine, wenn sie Dinge deutlich schneller auffassen als andere.»

In der dritten Klasse forderte die Schulleitung die Eltern auf, für Tim eine andere Schule zu suchen. Seit dem Sommer geht er in die vierte Klasse einer Schule in der Nachbarstadt. Dort ist das Lehrerkollegium bereit, auf Tims Besonderheiten einzugehen. Er hat einen Assistenten, der ihn in den Unterricht begleitet. «Tim ist wie ausgewechselt», sagt seine Mutter. Nach drei Jahren ist in der Familie Ruhe eingekehrt. Von Janet Binder, dpa

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8 KOMMENTARE

  1. Für die hochintelligenten Schüler, und das können schon Schüler ab einem IQ von 120 sein, ist die normale Grundschule eben zu langsam. Man sollte daher schon Gymnasialgrundschulen bilden. Da können die Schüler dann schon in den vier Jahren erheblich mehr lernen als jetzt, etwa die Grundzüge einer Fremdsprache oder altergerechtes natur- und geisteswissenschaftliches Wissen.

  2. Komisch, wenn schon Erstklässler die Schule meiden, wo doch heutzutage so sanft und spaßig und mit so vielen tollen, spielerischen Materialien gearbeitet wird.

    Warum ändert das alles nichts daran, dass Schüler Schule am liebsten von außen sehen?

  3. Wir erleben aber auch, dass die Süßen oft schon unregelmäßig den Kiga besuchen, nach Lust und Laune und jede kleine Gefühlsregung zu Hause über die Gebühr gefeiert wird. Wenn man dann plötzlich nur noch einer/eine unter 28 ist, kann dass bei schwierigen Charakteren nach hinten los gehen. Und das kann ein Lehrer nicht auffangen. Stundenlange Geschreie nach den Eltern, davonlaufen und Wutanfälle wenn nicht alles nach den Wünschen läuft, kann in einer so großen Lerngruppe nicht bedient werden. Es gab diese Kinder schon immer. Doch ich habe den Eindruck es werden mehr. Vor allem wenn man grundsätzlich die Schuld bei der Schule sucht. Auch Schulsozialarbeiter sind dann schon mal am Ende mit ihrem Latein.

  4. Es liegt auch oft an Lehrern.Sie erwarten Respekt von den Kindern,haben aber auch keinen Respekt vor dem Kind.Und dann wird alles den Eltern angelastet

  5. Bei einer Klassenfahrt habe ich mal genau miterlebt, wie minutiös intensiv sich eine Mutter mit ihrem hochbegabten Sohn beschäftigt hat, er sollte nur nicht auf den Gedanken kommen, sich mal selbst mit sich und der Welt auseinanderzusetzen, seine sozialen Kompetenzen waren sowieso ziemlich miserabel. Wie soll man das als Lehrerin mit 28 Kindern leisten? In einer sozialen Gruppe kann man nicht immer Einzelbetreuung und im Mittelpunkt stehen erwarten. Die Kinder sind das aber gewöhnt und können damit nicht umgehen. Dabei wird schon viel mehr als früher versucht, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen.

    Ich habe mich als Kind auch nicht immer wohl gefühlt in der Schule, aber das konnte man aushalten und hat nicht gleich nach der Mama und “Abholen” verlangt – die hätte das sowieso nicht gemacht.

    • Ich bin nicht so sicher, ob der Artikel den Prinzen oder das Prinzesschen meint, die plötzlich in der 1. Klasse merken (müssen), dass sie nicht Mittelpunkt des Universums sind und sich doch tatsächlich nicht alle nur nach ihnen zu richten haben.
      Ich bin kein Grundschullehrer, aber davon dürfte es doch reichlich Kinder geben.

      Hier scheint es doch um die vermutlich sehr geringe Zahl an Kindern gehen, die aus völlig anderen Gründen schon in der 1./2. Klasse eine regelrechte Schulangst entwickeln, wirklich depressiv werden und/oder ständig an Bauchschmerzen usw. leiden. Ich glaube nicht, dass diese Gruppe große Überschneidungen mit den (neuerdings Ex-)Prinzen hat.

      • Es gibt natürlich vieles – Prinzesschen und Prinzen, die nicht länger im Mittelpunkt stehen und deshalb Unlust entwickeln. Gleiches gilt für solche, die stets alles erhalten und sich nun plötzlich Regeln und Anforderungen bzw. der Erwartung ausgesetzt sehen, dass man sich selbst um etwas kümmern und für etwas anstrengen muss.

        Prinzesschen und Prinzen, bei denen die Helikopter-Elternschaft entdeckt, dass die Dauerbeaufsichtigung und -begleitung am Schultor enden könnte,
        die sich aber von ihren Kinder nicht trennen möchten.

        Kinder, bei denen Eltern schon vor dem ersten Schultag eine hohe Erwartungshaltung entwickeln, vorab Lesen, Schreiben und Rechnen üben und den Kindern Schule als “Ernst des Lebens” erläutern, sodass die Kinder dann mit einem Schulalltag, der gar nicht den Vorstellungen der Eltern und Kinder entspricht, überfordert sind.
        Das alles wird im Artikel oben angesprochen.

        Die Schnittmenge der Kinder, die unentwegt begleitet oder hofiert werden, mit denen, die dann schnell Schmerzen unterschiedlicher Art vorschieben, damit sie nach Hause gehen können, ist nicht gering.
        Hinter solchen Symptomen steht aber auch manchmal anderes, z.B. ein neues Geschwisterkind, ein Trauerfall in der Familie, Trennungen im nahen Umfeld, Krankheiten von Angehörigen uvm.
        Mit nahezu allen Familien kann man über solche Gründe vernünftig sprechen und eine Regelung vereinbaren.

        Absentismus ist in der Grundschule m.E. nach eher dem geschuldet, dass Eltern Kinder vernachlässigen, sich gar nicht kümmern, dass das Kind zur Schule kommt, lieber gemeinsam zu Hause bleiben oder verreisen und dann jeden Fehltag mit einer vorgeschobenen Erkrankung entschuldigen. Die Kinder haben gar keine Möglichkeit, sich dagegen zu stellen, sind benachteiligt durch die vielen Fehltage UND die Lügen und können darüber dann ein verqueres Bild von Schule und Schulpflicht entwickeln.

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