Erziehung ohne Gewalt: Wie Astrid Lindgren mit einer Rede einen Kulturwandel einleitete, der Deutschland verändern sollte

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FRANKFURT/MAIN. Vor 40 Jahren, am 22. Oktober 1978, hielt Astrid Lindgren zum Dank für den gerade erhaltenen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels eine Rede zur Erziehung, die sie selbst mit der Forderung „Niemals Gewalt!“ betitelte. Ihre Forderung, Kinder nicht zu schlagen, galt damals als so provokant, dass Lindgren von den Veranstaltern allen Ernstes zunächst gebeten wurde, auf ihre Ansprache doch lieber zu verzichten – was die schwedische Kinderbuchautorin resolut zurückwies (und sich schließlich durchsetzte). In einem Beitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ würdigt der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer die Bedeutung dieser Rede für das spätere Verbot der körperlichen Züchtigung: Seit dem Jahr 2000 haben Kinder in Deutschland laut Paragraf 1631 II des Bürgerlichen Gesetzbuches das „Recht auf eine gewaltfreie Erziehung“. Die Auswirkungen dieses Kulturwandels sind enorm.

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„Könnten wir es nicht vielleicht lernen, auf Gewalt zu verzichten? Könnten wir nicht versuchen, eine ganz neue Art Mensch zu werden? Wie aber sollte das geschehen, und wo sollte man anfangen? Ich glaube, wir müssen von Grund auf beginnen. Bei den Kindern“, so erklärte Lindgren in ihrer Rede – und brüskierte damit viele Konservative, für die Schläge selbstverständlich zur Erziehung gehörten. Noch bis in die späten 90-er Jahre hinein waren Ohrfeigen und eine Tracht Prügel in Deutschland nicht nur gesellschaftlich anerkannt, sie waren auch gesetzlich erlaubt. Tatsächlich, so berichtet der Kriminologe Pfeiffer, wurden noch in den 70er-Jahren drei von vier Kindern von ihren Eltern geschlagen – jedes fünfte sogar regelrecht verprügelt.

Dem stellte Lindgren ihre Vision einer von Liebe geprägten Erziehung entgegen: „In keinem neugeborenen Kind schlummert ein Samenkorn, aus dem zwangsläufig Gutes oder Böses sprießt. Ob ein Kind zu einem warmherzigen, offenen und vertrauensvollen Menschen mit Sinn für das Gemeinwohl heranwächst oder aber zu einem gefühlskalten, destruktiven, egoistischen Menschen, das entscheiden die, denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist, je nachdem, ob sie ihm zeigen, was Liebe ist, oder aber dies nicht tun.“ Weiter betonte sie: „Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang.“

Die Schriftstellerin Astrid Lindgren revolutionierte die Erziehung (Foto von 1960). Foto: Wikimedia Commons

Bei der Kindererziehung gehe es allzu häufig darum, den Willen des Kindes mit Gewalt, sei sie physischer oder psychischer Art, zu brechen. „‘Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben‘“, heißt es schon im Alten Testament, und daran haben durch die Jahrhunderte viele Väter und Mütter geglaubt. Sie haben fleißig die Rute geschwungen und das Liebe genannt.“

Lindgren fragte: „Wie aber war denn nun die Kindheit aller dieser wirklich ‚verdorbenen Knaben‘, von denen es zurzeit so viele auf der Welt gibt, dieser Diktatoren, Tyrannen und Unterdrücker, dieser Menschenschinder? Dem sollte man einmal nachgehen. Ich bin überzeugt davon, dass wir bei den meisten von ihnen auf einen tyrannischen Erzieher stoßen würden, der mit einer Rute hinter ihnen stand, ob sie nun aus Holz war oder im Demütigen, Kränken, Bloßstellen, Angstmachen bestand.“ Diese seinerzeit als mutig geltende These, nämlich dass in der Kindheit erfahrene Gewalt später Aggressivität hervorbringt, wurde mittlerweile wissenschaftlich bestätigt. Ein gewalttätiger Erziehungsstil löse einen „Komplex kaskadenartiger Prozesse“ aus, die gegenwartsorientiertes Verhalten zu Lasten zukunftsorientierter Bildungsziele förderten, zu diesem Schluss kamen Wissenschaftler der Universität Pittsburgh, die für ihre Studie Daten aus einer Langzeitstudie mit mehr als 1.000 Teilnehmern nutzten.

Die Forscher stellten fest, dass die Kinder, die in der 7. Klasse sehr streng und aggressiv erzogen wurden, zwei Jahre später Gleichaltrige und Freunde oft als wichtiger ansahen als etwa das Befolgen elterlicher Regeln. Dies wiederum führe zu einem riskanteren Verhalten in der 11. Klasse, schreiben die Wissenschaftler. Während Mädchen früher sexuell aktiv würden, zeigten Jungen einen größeren Hang zu Kriminalität als moderat erzogene Gleichaltrige. Dies wiederum beeinflusse den schulischen Gesamterfolg und führe zu höheren Abbruchraten in High School oder College.

Anhand der Entwicklung der Jugendkriminalität in Deutschland lässt sich wiederum aufzeigen, wie positiv sich ein zunehmender Gewaltverzicht in der Erziehung auswirkt. „2014 zeigten unsere Forschungsdaten aus wiederholt durchgeführten Repräsentativbefragungen von Menschen ab 16 Jahren einen klaren Befund. Die elterliche Erziehungskultur hat sich seit den 1970er-Jahren stark gewandelt. Mehr Liebe, weniger Hiebe, lautet seitdem die Devise. Die Quote derjenigen, die viel elterliche Liebe erfahren haben, hat sich mit nun 62 Prozent fast verdoppelt. Auf der anderen Seite ist das massive Prügeln um drei Viertel gesunken, während der Anteil der völlig gewaltfrei Erzogenen auf mehr als die Hälfte angestiegen ist“, so berichtet Pfeiffer. Das „Recht auf eine gewaltfreie Erziehung“ ist seit 2000 auch im BGB verankert.

Gewaltkriminalität ist drastisch gesunken

Die Folge: Die Gewaltkriminalität hat bei Kindern und Jugendlichen drastisch abgenommen, seit 2007 pro Kopf um 40 Prozent. Ähnliche Trends zeigen sich beim Rückgang des Suizids oder des Alkoholkonsums, so berichtet Pfeiffer und schlussfolgert: „Astrid Lindgrens Thesen werden somit durch empirische Befunde eindrucksvoll bestätigt: Eine gewaltfreie und liebevolle Erziehung fördert den aufrechten Gang und die Empathie. Sie vermittelt zudem positive Erfahrungen der Selbstwirksamkeit und schützt vor der Flucht in Suizid oder Drogen.“

Dem gerne gepflegten Vorurteil, dass eine Erziehung ohne Repression regellos sei, trat die Autorin von „Pippi Langstrumpf“, „Michel in der Suppenschüssel“ und „Karlsson vom Dach“ in ihrer Rede entschieden entgegen. „Freie und un-autoritäre Erziehung bedeutet nicht, dass man die Kinder sich selber überlässt, dass sie tun und lassen dürfen, was sie wollen. Es bedeutet nicht, dass sie ohne Normen aufwachsen sollen, was sie selber übrigens gar nicht wünschen. Verhaltensnormen brauchen wir alle, Kinder und Erwachsene, und durch das Beispiel ihrer Eltern lernen die Kinder mehr als durch irgendwelche anderen Methoden“, erklärte die 2002 verstorbene Schwedin und betonte: „Ganz gewiss sollen Kinder Achtung vor ihren Eltern haben, aber ganz gewiss sollen auch Eltern Achtung vor ihren Kindern haben, und niemals dürfen sie ihre natürliche Überlegenheit missbrauchen. Liebevolle Achtung voreinander, das möchte man allen Eltern und allen Kindern wünschen.“ bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Hier geht es zur kompletten Rede von Astrid Lindgren.

Zum Eingreifen verpflichtet

Lehrer und Erzieher sind durch ihren Erziehungsauftrag dazu verpflichtet, tätig zu werden, sofern begründete Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass anvertraute Schüler Misshandlungen oder Vernachlässigungen ausgesetzt sind. Nichtstun kann sowohl arbeits-, zivil- oder gar strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Darauf weist die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes hin.

„In Absprache mit der Schulleitung sollten Lehrer im Regelfall zunächst die Eltern informieren und ggf. fachliche Beratung in Anspruch nehmen. Ist Gefahr im Verzug oder durch die Beteiligung der Eltern der wirksame Schutz des Kindes gefährdet, muss das Jugendamt unmittelbar benachrichtigt werden (§ 85 (3) und (4) SchulG). Eine Strafanzeige bei der Polizei kann, muss aber nicht erstattet werden“, so heißt es. Was Erzieher konkret tun müssen, hängt von ihrem Qualifikationsgrad ab und ergibt sich aus der Kooperationsvereinbarung zwischen der jeweiligen Einrichtung und dem Jugendamt. Zunächst müssen sie gemeinsam mit einer anderen Fachkraft eine Gefährdungseinschätzung vornehmen, dann auf die Sorgeberechtigten zugehen und diesen Hilfe anbieten. Bei akuter Gefahr für das Kind, beispielsweise auch durch die Beteiligung der Eltern, sollen sie unmittelbar die jeweiligen Stellen wie Jugendamt, Familiengericht, Ärzte oder Polizei einschalten. Auch hier gilt: Eine Strafanzeige bei der Polizei kann, muss aber nicht erstattet werden.

Quelle: https://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/gewalt/kindesmisshandlung/tipps/#panel-2313-0

Ein paar Schläge haben noch keinem Kind geschadet? Von wegen – Studie zeigt Zusammenhang zwischen “harter” Erziehung und Schulversagen auf

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