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„Sieben-Tage-Woche in der Schulzeit ist obligatorisch“: Studie zur Arbeitszeit attestiert Lehrern im Schnitt anderthalb Stunden Mehrarbeit pro Woche

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HANNOVER. Viele Lehrer arbeiten länger als erlaubt. Dies ist das zentrale Ergebnis einer Arbeitszeitanalyse, die ein unabhängiges Gremium im Auftrag des niedersächsischen Kultusministeriums erstellt hat. Im Schnitt arbeiten Vollzeit-Lehrerinnen und -Lehrer an Grundschulen, Gesamtschulen und Gymnasien danach (nur für diese Schulformen lagen Daten vor) 48 Stunden und 18 Minuten wöchentlich – gegenüber der Vergleichsbasis von 46 Stunden und 38 Minuten, die sich rechnerisch ergibt, wenn man die 40-Stunden-Woche der Verwaltungsbeamten auf die Schulwochen umrechnet. Allerdings stellten die Experten große Unterschiede fest. Besonders belastet: Teilzeitlehrkräfte, ältere Lehrkräfte sowie Schulleitungen.

Lehrer arbeiten mehr als andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Foto: Shutterstock

„Niedersächsische Lehrerinnen und Lehrer leisten zurzeit in erheblichem Umfang Mehrarbeit. Die individuelle Arbeitszeit streut jedoch stark. Auch sind schulformspezifische Unterschiede und die besondere Belastung von Lehrkräften in Teilzeit und mit Funktionen sowie Leitungsaufgaben zu berücksichtigen“, so erklärte der Arbeitswissenschaftler Prof. Axel Haunschild von der Universität Hannover als Sprecher der Expertengruppe. Sein Kollege Dr. Franz Mußmann von der Universität Göttingen ergänzte: „Es fehlen Erholungsmöglichkeiten in den Schulpausen, die Sieben-Tage-Woche ist in der Schulzeit quasi obligatorisch und die Entgrenzung der Arbeitszeit ist fast die Regel.“

Aus Gründen der Fürsorgepflicht des Dienstherrn und aufgrund der Gleichbehandlung müsse für gezielte Entlastung gesorgt und die große Spanne unterschiedlicher Arbeitszeitbelastung reduziert werden, so fordern die Wissenschaftler. Dabei komme es vor allem auf einen Ausgleich in der direkten Belastungssituation an. Ein konkreter Vorschlag des Gremiums: „Entlastungsstunden“ als neues Instrument einzuführen. Diese sollen den Schulen zur Verfügung stehen und zielgenau zum Ausgleich für besonders belastete Lehrkräfte eingesetzt werden.

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Für die Grundschulen schlagen die Experten darüber hinaus eine Absenkung um eine Deputatsstunde vor. Die vom Gremium empirisch ermittelte Mehrarbeit, das heißt die Überschreitung der beamtenrechtlichen Soll-Arbeitszeit um 169.000 Zeitstunden pro Woche, könne aber auch durch eine bessere Verteilung der Aufgaben, eine Verbesserung der Arbeitsmethodik und mehr Kooperation in den Schulen reduziert werden, heißt es. Ein Drittel der anfallenden Mehrarbeit ließe sich so vermeiden.

„Lange Zeit wurde die Ermittlung der Arbeitszeit von Lehrkräften für unbestimmbar gehalten. Die neue Göttinger Studie kommt jetzt zum gegenteiligen Ergebnis: Sie ist sehr wohl bestimmbar. Und sie ist im Durchschnitt der drei genannten Schulformen deutlich zu hoch”, sagte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. Eine Übersicht zur Entwicklung der Pflichtstundenzahlen in allen Bundesländern zeige, dass statt einer Senkung häufig sogar mehr Pflichtstunden angeordnet werden. „Seit rund 20 Jahren werden den Lehrkräften ständig weitere Aufgaben draufgesattelt, ihre Pflichtstundenzahl wurde aber nicht grundsätzlich reduziert. Die Gesundheitsrisiken sind inzwischen immens. Hier brauchen wir dringend Entlastungen”, betonte Tepe.

Kontraproduktiv: der Lehrermangel

Für Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) zeigt der Bericht, dass sich Schule in den vergangen Jahren deutlich verändert habe und die Aufgaben und Anforderungen jenseits der Erteilung von Unterricht spürbar angewachsen seien. Um die Lehrkräfte zu entlasten, kündigte er eine Reihe von Sofortmaßnahmen an, die zügig umgesetzt werden sollen. Hierzu gehöre eine „Streichliste Dokumentationspflichten“. Ziel sei es, die Vorgaben zu reduzieren und Lehrkräfte zum Beispiel beim Ausfüllen von Formularen zu entlasten. Zudem investierten Lehrkräfte und Schulleitungen zu viel Zeit in die Entwicklung von Papieren und Konzepten. Dafür werde zeitnah ein Katalog an Musterkonzepten von guten Beispielen aus der schulischen Praxis publiziert. Insbesondere Schulleitungen können hierdurch eine deutliche Arbeitserleichterung erfahren, so Tonne.

Parallel werde die Überarbeitung der Arbeitszeitverordnung in Angriff genommen und die Umsetzung des Teilzeiterlasses evaluiert. Außerdem zeige der Abschlussbericht interessante Modellversuche auf, etwa  zu Präsenzzeiten von Lehrkräften an allgemein bildenden Schulen und zum kollaborativen Arbeiten. Hier könnten wichtige Erkenntnisse für die Zukunft gewonnen werden.

Als weiteren Schritt schlägt Tonne einen Runden Tisch vor, um mit Gewerkschaften und Verbänden einen gemeinsamen „Pakt zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Lehrkräften und Schulleitungen sowie zur Stabilisierung der Unterrichtsversorgung“ auszuarbeiten. Tonne: „Wir brauchen eine konzertierte Aktion und einen realistischen Zeit- und Maßnahmenplan. Das gilt mit Blick auf die in dem Bericht genannten umfangreichen Ressourcen ebenso, wie auf die Tatsache, dass wir einen akuten Lehrermangel haben. Daher liegt noch viel Arbeit vor uns. Dieses Gesamtpaket werden wir konsequent abarbeiten und nicht auf die lange Bank schieben.“ bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Was der VNL/VDR meint

Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL/VDR) fordert das niedersächsische Kultusministerium auf, zeitnah eine repräsentative Erfassung der Arbeitszeit der Lehrkräfte an Förder-, Haupt-, Real-, Ober- und Berufsbildenden Schulen durchzuführen, um verlässliche Daten zur Bemessung der Arbeitszeit und zur Ermittlung des Entlastungsvolumens auch an diesen Schulformen zu erhalten. „Die Studie hat das gezeigt, was wir als Lehrervertreter schon immer angeprangert haben:  Alle Lehrkräfte, auch für die keine repräsentativen Ergebnisse vorliegen, sind enorm belastet – und das seit langer Zeit. Nunmehr kann sich das Ministerium nicht mehr herausreden und muss endlich tätig werden, um die Lehrkräfte spürbar zu entlasten“, so VNL/VDR-Vorsitzender Torsten Neumann.

Auch wenn für die nichtgymnasialen Schulen im Sekundar-I-Bereich und Berufsschulen zurzeit keine repräsentativen empirischen Ergebnisse zur Arbeitszeit und zum Belastungserleben vorliegen, habe das Gremium deutliche Hinweise auf Lehrkräfte mit hohen Mehrarbeitsanteilen und auf einen Entlastungsbedarf für diese Schulformen erkannt, heißt es. „Die Expertenempfehlung, Mehrarbeit abzubauen, Streuung und Zeitdruck in den Kerntätigkeiten zu reduzieren, deckt sich mit unseren Forderungen“, so Neumann weiter.

Der VNL/VDR begrüßt Tonnes Ankündigung, einen Runden Tisch einzurichten, um mit Gewerkschaften und Verbänden einen gemeinsamen „Pakt zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Lehrkräften und Schulleitungen sowie zur Stabilisierung der Unterrichtsversorgung“ auszuarbeiten. „Wir werden unseren Kultusminister beim Wort nehmen. Die Zeit des Abwartens und Ankündigens ist endgültig vorbei, es müssen jetzt Nägel mit Köpfen gemacht werden. Gute Bildung braucht hochmotivierte Lehrkräfte, also beste Arbeitsbedingungen und vor allem auch Wertschätzung ihrer Arbeit“, so Neumann.

Der Beitrag wird auf der Facebook-Seite von News4teachers heiß diskutiert.

Der Tenor: Die Studie bestätigt Lehrer endlich, wenn sie – zu Recht – über ihre Belastung klagen.

GEW-Studie zur Lehrer-Arbeitszeit: Zwei Drittel arbeiten an fast jedem Wochenende – Teilzeitkräfte besonders benachteiligt

 

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