Weltlehrertag – GEW und VBE fordern gemeinsam: Missstände beseitigen! Lehrermangel bekämpfen! Wertschätzung erhöhen!

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BERLIN. „Recht auf Bildung heißt Recht auf gut ausgebildete Lehrkräfte.“ So lautet das Motto des World Teachers‘ Day 2018, der am 5. Oktober von der UNESCO, der internationalen Arbeitsorganisation ILO und dem Gewerkschaftsdachverband Bildungsinternationale (Education International) begangen wird. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE), Gründungsorganisationen der Bildungsinternationale, mahnen aus diesem Anlass  in einer gemeinsamen Erklärung von den politisch Verantwortlichen in Deutschland mehr Geld für den Bildungsbereich an – die Missstände im Bildungssystem seien eklatant.

Lehrer sollen ihr Handeln selbstkritisch reflektieren - im eigenen Interesse. Foto: Shutterstock
Der Weltlehrertag rückt die Bedingungen, unter denen Lehrer arbeiten, in den Fokus der Öffentlichkeit. Foto: Shutterstock

„Bildung ist Menschenrecht und das Fundament individueller und gesellschaftlicher Entwicklung. Die Politik ist unseren Kindern, unseren Lehrkräften und unserer Gesellschaft gegenüber verpflichtet, dieses Recht einzulösen“, betont VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann. „Das bedeutet: Es braucht seit langem und nicht erst ab morgen massive Investitionen in die Ausbildung qualifizierter Lehrkräfte. Der aktuell eklatante Lehrermangel ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Folge jahrelanger Versäumnisse der Politik, vorausschauend und ausreichend zu investieren. Dort, wo wir Unterricht derzeit über Quer- und SeiteneinsteigerInnen gewährleisten, braucht es entsprechende Vorqualifizierungen für diese Personen.“

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Hintergrund

Seit 1994 wird der World Teachers‘ Day jährlich am 5. Oktober gefeiert – in Erinnerung an die „Charta zum Status der Lehrerinnen und Lehrer“, die 1964 von UNESCO und ILO gemeinsam verkündet wurde. Seitdem heißt das Ziel: qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer für eine gute Bildung für alle Menschen. Die Bildungsinternationale, die weltweit rund 400 Lehrer- und Bildungsgewerkschaften mit mehr als 30 Millionen Mitgliedern vertritt, setzt sich für die „Charta zum Status der Lehrerinnen und Lehrer“ und das 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedete Nachhaltigkeitsziel 4 zur Bildung ein. Dieses will bis 2030 „für alle Menschen inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung sicherstellen sowie Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen fördern“.

Hier, auf der Seite der UNESCO, gibt es weitere Informationen zum Weltlehrertag.

Beckmann: „Es mangelt an Wertschätzung gegenüber Lehrerinnen und Lehrern, das belegen nicht zuletzt auch Umfragen des VBE (News4teachers berichtete). Was Lehrkräfte in Zeiten von Lehrermangel und zusätzlicher Herausforderungen wie etwa Integration und Inklusion leisten und mit welch hohem Engagement sie dies zu tun, verlangt höchsten Respekt. Und dieser muss sich endlich auch in angemessenen personellen und finanziellen Ressourcen im Bildungswesen widerspiegeln.“

„Fast könnte man denken, dass UNESCO, ILO und Bildungsinternationale die deutsche Bildungsmisere zum Anlass für die Wahl des Mottos zum Weltlehrertag genommen haben“, betont GEW-Chefin Marlis Tepe. „Doch nicht nur in Deutschland fehlen tausende qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer: Nach Angaben der UNESCO werden rund 69 Millionen zusätzliche Lehrkräfte benötigt, um allen Kindern weltweit eine Schulausbildung zu ermöglichen. Dieses Ziel will die internationale Staatengemeinschaft bis 2030 erreichen.“

“Wir steuern auf einen Bildungsnotstand zu”

„Gute Bildung gibt es nur mit gut ausgebildeten Fachkräften“, unterstreicht Tepe, die auch Vizepräsidentin der Bildungsinternationale ist. „Das UN-Nachhaltigkeitsziel einer inklusiven und hochwertigen Bildung gilt auch für Deutschland. Wir steuern jedoch auf einen Bildungsnotstand zu. Deshalb brauchen wir einen Schulterschluss von Bund, Ländern und Kommunen. Die Länder haben es schlicht verschlafen, ausreichend Lehrkräfte insbesondere für Grundschulen auszubilden, um die Unterrichtsversorgung trotz Pensionierungswelle und steigender Schülerzahlen sicherzustellen. Jetzt ist es wichtig, den vielen Quer- und SeiteneinsteigerInnen Wertschätzung entgegenzubringen und sie pädagogisch zu qualifizieren. Dafür müssen erhebliche Anstrengungen unternommen werden. Die Bundesregierung ist gefordert, ihrer nationalen und internationalen Verantwortung gerecht zur werden und mehr Mittel für Bildung in der Bundesrepublik und der Entwicklungszusammenarbeit bereitzustellen.“ News4teachers

Stimmen aus den Landesverbänden

Anlässlich des UNESCO-Weltlehrertages am 5. Oktober fordert der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL/VDR) für alle Lehrkräfte Unabhängigkeit, Meinungsfreiheit und mehr Wertschätzung. Der Verband wendet sich vehement gegen die Drohung der AfD, nach Hamburg auch in Niedersachsen ein Internetportal einzurichten, in dem Eltern und Schüler missliebige Lehrkräfte melden sollen. „Niedersachsens Lehrkräfte verdienen das Vertrauen der Gesellschaft. Sie bedürfen weiterhin die volle Unabhängigkeit und Meinungsfreiheit in ihrem Beruf. Für eine demokratisch gewählte Partei ist das ein absolutes No-Go, sich gegenüber Lehrern und deren Schülern so zu positionieren“, so Torsten Neumann, VNL/VDR-Landesvorsitzender.

Der Philologenverband Niedersachen hebt die Verantwortung und die bedeutende Rolle der Lehrer für eine qualitativ hochwertige Bildung junger Menschen hervor. „Lehrerinnen und Lehrer leisten weltweit mit ihrem breiten Bildungsauftrag einen ganz entscheidenden gesellschaftlichen Beitrag. Insbesondere die Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten an junge Menschen prägt ihre Persönlichkeitsentwicklung und befähigt dazu, den eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden sowie ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Wachstum zu leisten. Der Welttag der Lehrer sollte daher für uns alle Anlass sein, den Lehrerinnen und Lehrern für ihre Arbeit zu danken und ihnen die gebührende Wertschätzung entgegenzubringen“, erklärt Landesvorsitzender Horst Audritz.

Der baden-württembergische VBE-Vorsitzende Gerhard Brand weist auf die zunehmende Belastung der Lehrkräfte hin. Was früher Aufgabe der Familie und des sozialen Umfelds war, werde heute bedenkenlos den Lehrern aufgebürdet. Obendrein sollten sich Schulen weiterentwickeln in Richtung Ganztagesschule, Gemeinschaftsschule, inklusive Schule, neue Bildungspläne… und ganz nebenbei auch noch traumatisierte Flüchtlingskinder integrieren. „Lehrer müssen, können und wollen Schulen voranbringen. Sie sollen gemeinsam aufbrechen, aber dabei nicht zusammenbrechen“, warnt Brand.

Die nordrhein-westfälische GEW kritisiert die schwarz-gelbe Landesregierung in Düsseldorf. „Wir erwarten, dass endlich mehr für die Profession getan wird, denn Profis in der Bildung sind gefragt wie nie zuvor. Trotz vieler Versprechen, die Belastungen zu senken, die Bezahlung gerechter zu machen und mehr Fortbildung und bessere Ausbildung anzubieten, ist nichts passiert“, klagt GEW-Landesvorsitzende Dorothea Schäfer. In der Pressekonferenz zum Schuljahresauftakt habe Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) keine neuen Impulse gesetzt, sondern lediglich Maßnahmen wie den Einsatz von Pensionären präsentiert, deren mangelnde Wirksamkeit bewiesen sei. “Wer aktuell Lehrkräftemangel bekämpfen will und die Grundschulen nicht im Blick hat, hat die Aufgabenstellung verfehlt”, meint die GEW-Landesvorsitzende.

Der Sächsische Lehrerverband (SLV) nimmt den Lehrermangel im Freistaat in den Blick. „Bei der Gewinnung des Lehrernachwuchses gibt es zwei Probleme. Die Zahl der ausgebildeten Bewerber reicht nicht und Dreiviertel von ihnen möchten nur in Leipzig oder Dresden unterrichten. Der Schlüssel zur Problemlösung liegt in einer stärkeren Regionalisierung der Lehrerausbildung. Konkret: Stärkung der TU Chemnitz und Etablierung von Außenstellen der Universitäten“, sagt Jens Weichelt, Landesvorsitzender des Sächsischen Lehrerverbandes.

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6 KOMMENTARE

  1. Das Wort “Wertschätzung” hat für mich in letzter Zeit einen immer negativeren Beigeschmack bekommen. Es wird von immer mehr Leuten sehr einseitig als “mehr Geld” (Gehalt) verstanden und eingesetzt. Wertschätzung ist / war für mich einmal sehr viel mehr als nur “mehr Geld”. Ich mag das Wort nicht mehr.

  2. Wertschätzung schön und gut. Man kann aber jungen Schulabgängern vom Lehramtsstudium und anschließenden Referendariat nur abraten, da laut Medienberichte die Referendare doch ziemlich schikaniert werden und aus fadenscheinigen Gründen durchfallen.
    http://www.spiegel.de/forum/lebenundlernen/junglehrer-ausgebrannt-bevor-es-losgeht-thread-59959-44.html
    https://ze.tt/so-unfair-werden-angehende-lehrerinnen-behandelt-referendariat-schule/
    https://www.sueddeutsche.de/karriere/lehrer-im-referendariat-die-schlimmste-zeit-meines-lebens-1.592394-2

    • Mit dem gleichen Argument könnte man dann “Auszubildenden aller Art” von einer Berufsausbildung abraten, da ja bekanntlich Lehrjahre keine Herrenjahre sind.

      Und dann? Solidarisches Grundeinkommen?

      • Nein, die Schulabgänger sollten etwas studieren, wo sie eine solche Ausbildung umgehen und mehr Arbeitgeber als Alternativen haben als es beim Lehramt der Fall ist. Wer Lehrer wird, hat eigentlich nur die Länder als Arbeitgeber und noch ein paar Privatschulen. Ein Informatiker kann zwischen zig Unternehmen und Behörden wählen, ins Ausland gehen oder sich selbstständig machen.

  3. “Missstände beseitigen!” , “Lehrermangel bekämpfen!” , “Wertschätzung erhöhen!” – alles hehre, aber leere Floskeln, die mit schöner Regelmäßigkeit seit Ewigkeiten die Gemüter beruhigen sollen.
    Wie will man außerdem die Wertschätzung erhöhen? Sofawolf hat Recht, machbar sind hier nur höhere Gehälter als äußeres Zeichen, ansonsten entzieht sich Wertschätzung jeder Anordnung und jedem Befehl. Also fordere man sie auch nicht voller Scheinheiligkeit.

    • Nein, Sofawolf meint gerade das Gegenteil von dem was Sie glauben. Mehr Geld ist für ihn eben kein Mehr an Wertschätzung, für mich übrigens auch nicht. Man sollte lieber den Verschleiß der Lehrer durch zuviel Stunden etc. beenden.

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