„Der Lächerlichkeit preisgegeben“: Schüler fotografieren Lehrer heimlich – und montieren die Gesichter in Porno-Szenen hinein

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HEPPENHEIM. An einem Gymnasium im hessischen Heppenheim ist es zu einem krassen Fall von Cybermobbing gekommen: Lehrer wurden im Unterricht heimlich fotografiert, Aufnahmen von ihren Gesichtern wurden dann in Pornoszenen hinein montiert – via Instagram kursierten die Bilder dann unter der Schülerschaft. Die Schulleitung zog sofort Konsequenzen bis hin zu einem Handy-Verbot. Das sorgt jetzt für Diskussionen.

Die Grenzen zwischen Sexting und Cybermobbing sind fließend. Foto: ©Pro Juventute / flickr (CC BY 2.0)
Cybermobbing ist ein sich ausbreitendes Phänomen. Foto: ©Pro Juventute / flickr (CC BY 2.0)

Drohen, mobben, beleidigen – jeder vierte Lehrer ist schon einmal Opfer psychischer Gewalt von Schülern gewesen. Das geht aus einer repräsentativen Forsa-Umfrage hervor, die der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) im vergangenen Jahr durchführen ließ. Demnach ist fast ein Viertel (23 Prozent) der befragten Lehrer bereits Ziel von Diffamierungen, Belästigungen und Drohungen gewesen –  Aggressoren waren hauptsächlich Schüler, aber auch Eltern. Sechs von 100 Lehrern sind der Umfrage zufolge sogar schon einmal körperlich von Schülern angegriffen worden. Hochgerechnet seien damit mehr als 45.000 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen aller Formen bereits Opfer von tätlicher Gewalt geworden. Zu den körperlichen Angriffen gehörten etwa Fausthiebe, Tritte, An-den-Haaren-Ziehen oder das Bewerfen mit Gegenständen.

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Auch Cybermobbing wird offenbar ein immer größeres Phänomen. 77 Prozent der Befragten sehen eine Zunahme von Formen des Mobbings über das Internet. Fast jede dritte befragte Lehrkraft gab an, dass es Fälle an der Schule gab. Allerdings gaben nur zwei Prozent der Lehrkräfte an, selbst betroffen gewesen zu sein – eine Zahl, die sich in den nächsten Jahren wohl steigern wird.

Aktueller Fall: An einem Gymnasium im hessischen Heppenheim haben zwei Mittelstufen-Schüler die Gesichter von Lehrern in Pornofotos montiert und die Bilder per Instagram im Netz verteilt. Sie kursierten kurz darauf unter der Schülerschaft. Die Aufnahmen seien zwar leicht als Fotomontagen erkennbar gewesen, trotzdem ist die Empörung groß, wie die lokale Nachrichtenplattform „Echo online“ berichtet.

Das Gymnasium ist eine “Notebook-Schule”

In einem Brief an alle Eltern schreibt die Schulleiterin dem Bericht zufolge: „Ich nehme an, dass Ihr Kind Ihnen bereits berichtet hat, dass es zu einem Vorfall kam, bei dem mehrere Kollegen unserer Schule durch manipulierte und in verschiedenen sozialen Netzwerken veröffentlichte Fotos beleidigt und verunglimpft wurden.“ Die Fotos seien teilweise im Unterricht entstanden oder aus dem Internet heruntergeladen worden, heißt es. „Als Schulleiterin bin ich für die Sicherheit aller an dieser Schule zuständig”, so steht in dem Brief zu lesen, „ich lasse keinen einzigen Fall von Cyber-Mobbing an Ihren Kindern ungeahndet, wenn ich davon erfahre. Und ebenso werde ich nicht zusehen, wie Kollegen auf diese Art und Weise der Lächerlichkeit preisgegeben und beleidigt werden.“ Der Schule ist der Umgang mit digitalen Medien übrigens nicht fremd: Sie firmiert als „Notebook-Schule“.

Auch das Schulamt wurde eingeschaltet. Der Amtsleiter spricht dem Bericht zufolge von einem „gravierenden Vorfall“, der Konsequenzen nach sich ziehen müsse. So habe die Schule die beiden Schüler, die offenbar über 14 Jahre alt und  damit strafmündig sind, bereits für vier Wochen beurlaubt. Danach würden sie vom Schulamt einer anderen Schule zugewiesen. „Hier wurden Grenzen überschritten, das ist kein Dumme-Jungen-Streich mehr“, so der Schulamtsleiter. Man solle sich nur mal in die Rolle der Lehrer hineinversetzen. „Das verletzt die Persönlichkeitsrechte erheblich“, sagt er. Und: „Dieser Vorfall hat zu einem großen Vertrauensbruch im Schüler-Lehrer Verhältnis geführt.“ Auch ein juristisches Nachspiel droht den beiden Schülern. Mehrere Anzeigen von Lehrkräften seien bei der Polizei eingegangen, heißt es.

So weit, so klar. Für Diskussionen sorgt allerdings ein vorläufiges Verbot der Handy-Nutzung für Unter- und Mittelstufenschüler auf dem Schulgelände, das die Schulleitung erlassen hat. Sie begründet das gegenüber den Eltern in ihrem Schreiben: „Wir beobachten einen zunehmenden Missbrauch der elektronischen Medien an dieser Schule, und auch außerhalb der derzeitigen massiven Vorfälle sammeln wir täglich zahlreiche Handys ein, weil Schüler damit herumhantieren, obwohl dies nicht erlaubt ist.“ Von Cybermobbing seien nicht nur die Lehrkräfte betroffen, „es kamen auch vermehrt Schüler zu mir, die unerlaubterweise von anderen in der Schule gefilmt oder fotografiert wurden und denen mit der Veröffentlichung dieser Fotos und Filme gedroht wurde, obwohl sie nicht zugestimmt haben.“

Diese Vorgehensweise der Schulleitung stößt bei vielen Schülern „Echo online“ zufolge auf Unverständnis. „Viele empfinden das als Kollektivstrafe“, die auch viele Unbeteiligte treffe, sagt eine Mutter und meint: „Ich bin hin- und hergerissen. Klar ist, dass man solche Vorkommnisse ahnden und den Schülern auch Einhalt gebieten muss. Ob man aber alle Schüler gleichermaßen bestrafen muss, ist zumindest fragwürdig.“ Agentur für Bildungsjournalismus

Cybermobbing gegen Lehrer: Das rät die Polizei

Die Schulleitung müsse nach Bekanntwerden eines Falls von Cybermobbing sofort reagieren, so heißt es bei der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes. Folgende Fragen sollten umgehend geklärt werden: Was ist konkret vorgefallen? Welche Personen sind beteiligt?

Dabei sei zu beachten:  „Lehrer dürfen nur bei Genehmigung der Eltern den Inhalt eines Schüler-Handys einsehen. Bei Verdacht auf eine Straftat darf nur die Staatsanwaltschaft oder die Polizei gegen den Willen des Inhabers den Inhalt des Handys durchsuchen. Lehrkräfte dürfen aber das Handy einziehen und sollten die zuständige Polizeidienststelle informieren. Die Polizei empfiehlt zudem, frühzeitig Jugendsachbearbeiter zu Rate zu ziehen.“

Folgende konkreten Tipps für Kollegien gibt die Polizei:

  • „Reden Sie mit den Beteiligten: Opfer und Täter sollten befragt werden. Anschließend wird gemeinsam eine Lösung gesucht oder eine Wiedergutmachung vereinbart.
  • Binden Sie die Eltern ein: Eltern haben oft keine Vorstellung davon, was Cybermobbing ist. Hier sollte die Schule informieren und den Ernst der Lage deutlich machen.
  • Thematisieren Sie das Problem in der Schule: Cybermobbing darf nicht totgeschwiegen werden. Jeder Fall sollte aufgeklärt werden.
  • Regeln Sie den Umgang mit Handy und Internet: Handyverbote während des Unterrichts sind sinnvoll.
  • Wenden Sie sich an die Polizei: Bei Drohungen, Erpressungen und Nötigungen muss auf jeden Fall die Polizei eingeschaltet werden. Aber auch wenn scheinbar harmlose Beledigungen usw. nicht nachlassen, empfiehlt es sich, beispielsweise einen Jugendsachbearbeiter der Polizei zu Rate zu ziehen.“

Quelle: https://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/gefahren-im-internet/cybermobbing/tipps-fuer-lehrer/

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

VBE-Umfrage: Gewalt gegen Lehrer an jeder vierten Schule – an Grundschulen sogar noch häufiger

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5 KOMMENTARE

  1. Es sollte bei allen Beteiligten mehr ins Bewusstsein dringen, dass die Schule im eigentlichen Sinne der Arbeitsplatz nicht nur für Lehrer, sondern insbesondere auch der Schülerinnen und Schüler ist, wo im Prinzip die gleichen Regeln gelten (sollten) wie an Erwachsenen-Arbeitsplätzen. Dort ist das dauernde Hantieren mit Smartphones und damit verbunden das Fotografieren von Arbeitskollegen im Regelfall ganz selbstverständlich schlichtweg verboten und wird auch nicht “aus pädagogischen Gründen” diskutiert.
    Und – anderes Thema, aber hier beiläufig bemerkt – gibt es auch sehr wenig seriöse Arbeitsplätze, wo insbesondere weibliche Angestellte speziell in der warmen Jahreszeit in Minirock oder Hotpants tiefdekolletiert zur Arbeit kommen, wie in der heißen Jahreszeit mitunter von Schülerinnen praktiziert.
    Man muss jetzt nicht gleich Schuluniformen einführen, aber ich denke, es kann nicht schaden, wenn Schülerinnen und Schüler frühzeitig an einfache Spielregeln aus der Arbeitswelt gewöhnt werden; auch dafür ist die Schule da.

  2. Die Mütter, welche im Zusammenhang mit dem allgemeinen Handyverbot an der Schule von Kollektivstrafe sprechen, würden vermutlich ganz anders argumentieren, hätten die Schüler Fotos ihrer Töchter in Pornovideos hinein montiert. Aber es waren ja nur Lehrer, die haben sich gefälligst zurückzunehmen, schließlich wussten sie ja bei ihrer Berufswahl, was auf sie zukommt.
    Die beiden Schüler sind strafmündig, also gehören sie auch gemäß den Regeln des Strafgesetzbuchs bestraft. Punkt. Jede Rücksichtnahme wäre hier fehl am Platz und widerspräche auch dem Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz.

  3. Wie war das mit den Sozialkompetenzen? Wir sollen sie beibringen, aber bewerten sollen wir sie ja nicht (laut Meinung mancher).

    Das wäre für mich die unterste Stufe möglicher Sanktionen. Klar, muss es in bestimmten Fällen auch strafrechtliche Konsequenzen haben. Nur greift das in dem Alter? Und haften Eltern noch für ihre Kinder heutzutage?

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