Der neue bayerische Kultusminister zeigt ein Herz für Lehrer

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MÜNCHEN. Es reicht – meinte Michael Piazolo im September, als sich die Münchner Politik über die steigenden Bierpreise auf dem Oktoberfest erregte. „Diese Diskussion ist Hohn und Spott für die Menschen, die sich tagtäglich elementareren Problemen in ihrer Heimatstadt gegenübersehen. Die Münchner Familien brauchen Betreuungsplätze, mehr und bessere Schulen für ihre Kinder und ein bezahlbares München“, schimpfte der Professor für europäische Studien und Abgeordnete der Freien Wähler im Bayerischen Landtag. Steigende Bierpreise auf dem Oktoberfest seien „wirklich das geringste Problem“. Piazolo kann jetzt nachweisen, dass er als Politiker tatsächlich die richtigen Prioritäten setzt – und zwar in einem Schlüsselressort der Landespolitik: Der bisherige bildungspolitische Sprecher seiner Fraktion wird wohl neuer bayerischer Kultusminister.

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Als maßgeblicher bildungspolitischer Akteur der Freien Wähler hat Piazolo die CSU in Rekordzeit aus G8 herausgetrieben. „Nicht nur Schüler“, sagt er in einem Beitrag auf der Seite des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV), „sondern auch Lehrer brauchen mehr Zeit.“ Den Schulen und Lehrern sei in den letzten Jahren „wahnsinnig viel aufgehalst worden, was in der Gesellschaft schiefläuft“. Piazolo meint: „Die Schulen sind im Grunde genommen ein Reparaturbetrieb geworden, der vieles ausgleichen muss.“

„Aber die Hauptbelastung ist, dass es zu wenige Lehrer sind für die Herausforderungen, die man hat“, sagt Piazolo dem Bericht zufolge. „Und was viele nicht sehen, dass man so einen Lehrerberuf nicht mit 50 Prozent machen kann. Als Lehrer muss man immer 100 Prozent geben. Und das ist mit der Dauer sehr belastend.“

“5.000 Lehrer neu einstellen”

Tatsächlich scheinen die Freien Wähler der CSU mehr Lehrerstellen abgerungen zu haben (mal sehen, ob sie sie in Zeiten des Lehrermangels auch besetzt bekommen): „Um unser Spitzenniveau im Bildungsbereich weiter auszubauen, wollen wir 5.000 Lehrerinnen und Lehrer mit qualifizierter Ausbildung bis 2023 neu einstellen. Der Aufwuchs soll schnell beginnen“, so heißt es im Koalitionsvertrag. Und weiter: „Unser Ziel ist, Unterrichtsausfall zu vermeiden, kleinere Klassen zu erreichen, eine stärkere individuelle Förderung zu erreichen und weiterhin den Lehrerbedarf ohne Seiteneinsteiger decken zu können.“ Gute Nachricht für befristet angestellte Lehrer: Dieses Modell soll weitgehend abgeschafft werden. Bayerisch-skurril: Künftig soll es auch einen Unterrichtsschwerpunkt “Mundart und regionale Kultur” geben.

Michael “Pazolo” im Interview des bayerischen Rundfunks. Screenshot

Der Lehrerberuf sei grundsätzlich ein „ganz toller“, meint Piazolo laut BLLV, weil Lehrer junge Menschen begleiten könnten und ihre Erfolge oft direkt erlebten. Um den Beruf für den Nachwuchs konkret attraktiv zu halten, fordert er weniger Arbeitsbelastung und mehr Flexibilität im System. „Ich bin ein großer Verfechter eines Sabbatical, der Möglichkeit zu entspannen oder mal etwas anderes zu sehen.“ Ob das als Kultusminister so bleibt? Man darf gespannt sein. Denn Piazolo will an der Spitze der Bildungsverwaltung offenbar auch Akzepte setzen. Ein Punkt: die Digitalisierung des Unterrichts. Die CSU liege dabei „im Dämmerschlaf“, so befand er in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk – er möchte mehr Dampf in die Entwicklung bringen: Medienkompetenz will der Hochschullehrer künftig auch schon Grundschülern vermitteln lassen.

Der Bayerische Rundfunk bezeichnete Piazolo in einer Einblendung übrigens seinerzeit noch als “Pazolo” – das wird dem Sender künftig sicher nicht mehr passieren. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Hier geht es zum Beitrag über Michael Piazolo auf der Seite des BLLV.

 

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23 KOMMENTARE

    • Dieser Zeitraum könnte von der Überlegung herkommen, dass man die Lehrer erst mal ausbilden sollte, bevor man sie einstellen will.

      • Nein, das ist ein Zeitraum bis zur nächsten Wahl. Die wenigsten dieser Lehrer werden, wenn sie jetzt anfangen, bis 2023 fertig sein. Die geringe Anzahl im Vergleich zu den Pensionierungen sind dem erheblichen Geburtenrückgang geschuldet, die die geburtenschwachen Jahrgänge der 1990er Jahre implizieren werden. Auf eine überraschende Zuwanderungswelle wie 2015 kann man nicht immer spekulieren.

      • Es ist naiv zu meinen, mit einer auf dem Papier existierenden Erhöhung der Zahl der Studienplätze hätte man dann auch mehr Lehrer. Erstens gibt es den Verzögerungseffekt durch die Länge der Ausbildung, und zweitens gibt es noch mehr Randbedingungen. In Bayern wollen vermutlich nur wenige in das Grenzgebiet zu Tschechien im Bayerischen Wald oder in die Gegend um Hof, aber viele wollen nach München oder Augsburg. Der staatlichen Planung sind da Grenzen gesetzt. Die anderen Bundesländer sind auch noch da und bilden eine Konkurrenz.

  1. „ Ich bin ein großer Verfechter eines Sabbatical“.
    Ich auch. Leider wurde uns erst kürzlich verkündet, dass wir uns den Gedanken daran sparen können. Auf Grund des Lehrermangels macht die Schulleitung dienstliche Gründe geltend, und schon wird alles abgelehnt, im übrigen auch jeder Teilzeitantrag, der nicht wegen zu betreuender Kinder gestellt wird. So viel zum Thema Entlastung !

  2. Dieses hier steht im Programm der Freien Wähler in Bayern:
    — Volksabstimmungen über wichtige Fragen in Bayern und im Bund
    — Online-Eintragungen bei Volksbegehren und Volksinitiativen
    — Haushaltsrelevante Volksbegehren
    — Einführung von Volksinitiativen
    — Absenkung der Mindestbeteiligung bei Bürgerentscheiden
    — Bindungswirkung von Bürgerentscheiden auf zwei Jahre verlängern.
    Quelle: https://www.freie-waehler-bayern.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/FW_Broschuere_Wahlprogramm_A6_v2_WEB.pdf
    Normalerweise gelten solche Forderungen sonst als “rechtspopulistisch”, weil man seltsamerweise davon ausgeht, Bürgerentscheide müssten rechte Positionen stützen und nicht linke. Woher mag das kommen? Argumentieren nicht gerade die Linken immer mit der Gerechtigkeit für alle und präsentieren sich als die wahren “Volkstribunen” gegen die Kapitalisten und die Bourgeoisie? War nicht mal die Rede von der “Diktatur des Proletariats”? Warum sollten da die Leute bei Volksabstimmungen gegen ihre Interessen stimmen? Auch das “Proletariat” ist sitmmberechtigt.

    Ein anderes setsames Beispiel fand ich bei der evangelischen Kirche:
    https://www.evangelisch.de/inhalte/93477/15-09-2014/afd-die-christliche-alternative-fuer-deutschland
    Dort kritisiert man 2014 noch Herrn Lucke als AfD-Vorsitzenden (bekanntlich ganz anders als die heutigen AfD-Oberen), und zwar mit den Worten:
    “Die AfD sehe sich weniger als Partei, sondern eben als “Alternative für Deutschland”. Selbst AfD-Chef Bernd Lucke bezeichne sich weniger als Politiker denn als besorgten Bürger, der sich für die Interessen anderer Bürger einsetze, was als ein klassisches rechtspopulistisches Motiv zu werten sei.”
    Mit anderen Worten: “rechtspopulistisch” ist es bereits, sich für die Interessen anderer Bürger einzusetzen. Sich dagegen für die Interessen Erdogans in Deutschland einzusetzen (was Ditib definitiv macht), das gilt nicht als rechtspopulistisch, weil der Islam ja zu Deutschland gehört und laut Erdogan Assimilation “ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit” ist. Sich für die Interessen arabischer Zuwanderer einzusetzen, natürlich auch nicht. Aber die eigentlichen deutschen Bürger dürfen keine Interessen mehr haben oder keine mehr verfolgen, sonst wird das als “rechtspopulistisch” abgewertet. Und diese verquere Terminologie wird uns von den staatsnahen Medien (z.B. ARD) und der Großen Koalition verkündet und sogar von der evangelischen Kirche. Und das bereits gegen Lucke in seiner damaligen (!) AfD. Die Kirche scheint sich von ihren “Schäfchen” ein Stück weit entfernt zu haben.

    • Bekanntlich ist es die Aufgabe jedes Partei-Pressesprechers, für die Konkurrenz (in diesem Fall die Freien Wähler) zu werben. Weil die Freien Wähler jetzt mitregieren, ist es mit dem Populismus-Vorwurf so eine Sache. Die Bayern könnten sagen “wir sind das Volk”.

      • “‘Rechtspopulistisch'” ist es bereits, sich für die Interessen anderer Bürger einzusetzen” – was für ein Quatsch.

        Rechtspopulistisch ist es, gegen Minderheiten zu hetzen, die parlamentarische Demokratie und ihre Repräsentanten zu schmähen, die liberale Gesellschaft zu bedrohen – und sich dabei von Nazi-Milliardären aus der Schweiz schmieren zu lassern.

        • Da trifft es sich ja gut, dass sich die CDU von Stefan Quandt hat schmieren lassen. Ob er Nazi ist, weiß ich nicht, Milliardär ist er zumindest.

        • ““‘Rechtspopulistisch’” ist es bereits, sich für die Interessen anderer Bürger einzusetzen” – was für ein Quatsch.”
          Aber genau so steht es in dem angegebenen Link der evangelischen Kirche, siehe oben. Den Quatsch verzapft also die evangelische Kirche, nicht ich. Warum tut sie das wohl? Bestimmt nicht, weil das in der Bibel steht.

    • Was Sie hier einmal wieder abliefern, entspricht einer stark diffamierenden und verallgemeinernden AfD-Rhetorik, die sich gegen die beiden Kirchen, die öffentlich rechtlichen Medien und die demokratischen Altparteien richtet , mit falschen Unterstellungen arbeitet, was sowohl auf falsche Deutungen zu innertürkischen Beziehungsgeflechten mit DTIB zutrifft , als auch bezogen auf arabische Migranten so nicht zutrifft.
      Ihre AfD ist keine Bürgerrechtsbewegung, die sich für die Interessen der breiten Mehrheit einsetzt, die AfD erhielt Geldzuwendungen von dem in der Schweiz lebenden Baron von Finck, der schon einmal mit Großspenden auffiel, die zu einer Mehrwertsteuerbefreiung auf Hotelbesuche führte.
      Pegida, Legida, Thügida sind rechtsextreme Vereinigungen von ausländerfeindlichen Wutbürgern, die von rechtsextremen Neonazis und mehrfach vorbestraften Rechtsradikalen für ihre Zwecke missbraucht werden.

      • Dieser am 29.11.18 um 16:56 von einem Pseudonym Cavalieri verfasste Kommentar gegen die Kirchen, die öffentlich rechtlichen Medien und etablierten Parteien ist reine Parteipropaganda der völkisch-nationalen AfD; und so gehören Sie wohl mit zu diesem illustren Kreis an Volkspatrioten, die immer dann helfend zur Seite springen, wenn einer in Bedrängnis gerät.

      • Sie sind über Ditib einfach nicht informiert. Die staatliche und kirchliche Zusammenarbeit mit Ditib steht derzeit auf der Kippe genau deswegen, weil sie zu sehr von der türkischen Regierung (Diyanet) abhängig ist. Einfach mal googeln. In Hessen wird die Zusammenarbeit beim Ditib-Religionsunterricht voraussichtlich zum Jahresende eingestellt, weil Ditib eine Voraussetzung dafür nicht erfüllen will.
        Und weisen Sie mal nach, was da “falsch” ist. Behaupten kann jeder. Pegida hat mit dem Thema nichts zu tun. Es ging in dem Link um die AfD von Lucke damals, also 2014.

        • Soweit mir bekannt ist, haben alle Bundesländer die Zusammenarbeit mit der DTIB aufgekündigt, weil die einseitige Beeinflussung der türkischen Gemeinden durch Erdogans AKP über diese staatlich-türkische Organisation ebenso bekannt ist , wie das Aushorchen türkischstämmiger deutscher Mitbürger, die Sie wohl weiterhin als Ausländer und Kulturfremde betrachten.
          Sie werden diese deutschen Mitbürger nie als gleiche in den von Grundgesetz verbrieften Rechten betrachten und behandeln, weil in ihren Augen sowohl der kulturelle und der sprachliche Hintergrund, als auch die farbige Herkunft nicht angenehm und inakzeptabel erscheinen.

          • Genau das hatte ich oben doch geschrieben: “Ditib vertritt die Interessen Erdogans in Deutschland”. Aber niemand hat je gesagt, Ditib sei deswegen rechtspopulistisch, obwohl Erdogan doch offenbar ein Rechtspopulist und Nationalist ist (schlimmer als Gauland es je sein könnte)..

    • Der Artikel auf evangelisch.de legt nah, dass Evangelikale und erzkonservative Katholiken die Ziele der AfD mit ihrem christlichen Glauben vereinbaren.
      Lucke wird dabei mit noch ganz anderen Äußerungen zitiert, die “besorgter Bürger” in anderem Licht erscheinen lassen, als das hier gewählte, aus genau diesem Zusammenhang gerissene Zitat.

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