“Schuladoption”: Studenten übernehmen eine Woche lang den Unterricht – das Kollegium geht geschlossen zur Fortbildung

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FLENSBURG. Studenten allein in der Grundschule: Ohne das normale Kollegium als Backup unterrichten sie, organisieren den Schulalltag. 2014 startete die erste Schuladoption bundesweit in Schleswig-Holstein. Ziel: Den angehenden Lehrern den «Praxisschock» zu erleichtern. Klappt das?

Aus dem Hörsaal eigenverantwortlich vor eine Klasse? In Flensburg geht das – für eine Woche jedenfalls (Symbolfoto). Foto: Universität Salzburg (PR) / flickr / CC BY 2.0

Die Erstklässler sollen Brezelchen machen, also ihre Arme wie eine umgedrehte Brezel vor der Brust verschränken. «Das ist das Zeichen, dass alle aufmerksam sein sollen», erklärt Luzie Niedworok. Die 25 Jungen und Mädchen der ersten Klasse der Grundschule Jübek (Kreis Schleswig-Flensburg) sollen ihre Postmappen kontrollieren, nachsehen, ob ihre Eltern etwas für die Lehrer hineingelegt haben. Lehrer heißt in diesem Fall Studenten.

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Denn eine Woche lang haben 14 Master-Studierende der Europa Universität Flensburg (EUF) das Zepter in der Grundschule mit 140 Schülern übernommen. Das normale Kollegium samt Schulleitung ist auf Fortbildung. Bereits seit 2014 adoptieren EUF-Studierende im Rahmen ihres Praxissemesters nach einer mehrwöchigen Vorbereitungsphase eine Woche lang eine Grundschule. In der Regel übernehmen Zweierteams gemeinsam eine Klasse.

Ziel sei es unter anderem, die Komplexität des Berufsfeldes zu erleben, sagt die Projektleiterin bei der EUF, Johanna Gosch. Viele Studierende seien anfangs überrascht, wie anders es ist, wenn die Kollegen weg sind, sie allein verantwortlich sind. Und was außer dem eigentlichen Unterricht noch alles an einem Lehrer hängt: Denn für die Studenten bedeutet die Schuladoption nicht nur den Unterricht vorzubereiten, sondern auch die Pausenaufsicht zu organisieren, zu wissen, welches Kind mit dem Bus fahren muss und zu wissen, was zu tun ist, wenn ein Kind plötzlich krank ist oder es Streit gibt.

Das Organisatorische ist auch ein «Angstmoment» von Masterstudentin Niedworok. «Dass ich vergesse, das Klassenbuch mitzunehmen oder ein Kind auszutragen, wenn es krank wird.» Nach einigen Tagen Eigenverantwortung ohne ihre Mentorin in der Klasse ist diese Angst weniger geworden, sagt sie.

Ganz allein gelassen werden die angehenden Lehrer während des Praxistests nicht. Schulbegleiter, Sonderpädagogen, Hausmeister und Schulassistenz gehen weiterhin ihrer Arbeit nach. Zudem gibt es eine kommissarische Schulleitung. In Jübek springt etwa die ehemalige Schulleiterin ein, und auch Dozenten der EUF sind vor Ort. Sie sprechen täglich mit den Studierenden den Tag durch. Und sehen, wie diese von Tag zu Tag selbstbewusster werden und deutlich mehr lernen, als während eines normalen Praxissemesters, wo in der Regel immer ein Lehrer mit in der Klasse ist. «Der komplette Alltag macht den Unterschied aus», sagt Gosch. Dass es etwa niemanden im Hintergrund als Sicherungsnetz gibt, der allein durch einen gezielten Blick auf einen Unruhestifter für Ordnung sorgen kann.

«Man fühlt zum ersten Mal, was es heißt, Lehrer zu sein», sagt Joshua Beeg. Der Flensburger Masterstudent ist hauptsächlich in einer der beiden vierten Klassen eingesetzt, gemeinsam mit einer Kommilitonin. Man müsse nicht nur das Fachliche vermitteln, sondern auch Streitschlichter sein, auf die Kinder zugehen, den Überblick haben, wer nicht mitkommt oder vielleicht unterfordert ist, beschreibt Beeg das Aufgabenprofil. «Am Anfang haben sich die Schüler ein bisschen ausprobiert.» Es sei schon etwas anderes, als wenn der Klassenlehrer noch mit in der Klasse sitzt. Aber der Respekt sei gestiegen.

“Die sind ein bisschen strenger”

Bei den Schülern kommen Beeg und seine 13 weiblichen Mitstreiter gut an. «Es gibt andere Regeln und die sind auch ein bisschen strenger», sagt etwa Liz. «Aber toll ist es auch». Die Viertklässlerin erklärt das Strichsystem, das «ihre» beiden studentischen Lehrer eingeführt haben: Wer mehrfach stört, bekommt einen Strich und wer drei Striche hat, kriegt eine «dicke Hausarbeit». Dadurch sei es ruhiger in der Klasse geworden. Das finde sie gut. Ein Mitschüler ist der Meinung, dass die Studierenden manches genauer erklärten. «Die Praktikanten sind schon toll», sagt er.

Die Flensburger sind mit der Schuladoption, die ursprünglich aus dem skandinavischen Raum stammt, Vorreiter in Deutschland. Mittlerweile bietet aber beispielsweise auch die Pädagogische Hochschule in Weingarten (Baden-Württemberg) Schuladoptionen an. Und auch sonst ist das Interesse an dem Konzept nach Angaben der Flensburger Universität über die Grenzen Schleswig-Holsteins hinweg groß. Es gebe Anfragen von mehreren Universitäten aus ganz Deutschland, sagt Gosch. Und auch internationale Vertreter sind während der Adoptionswoche in Jübek und Flensburg zu Gast, um zu sehen, wie das Konzept umgesetzt wird.

Für die Studierenden bedeutet diese Art des Praxissemesters zwar mehr Arbeit, wie sie sagen, aber auch einen besseren Einblick in den echten Schulalltag, die tatsächlichen Aufgaben eines Lehrers. «Ich hab von allen gehört, die größte Herausforderung ist das Referendariat, weil dann der Praxisschock kommt», sagt Niedworok. «Dieser wird einem so genommen.» Von Birgitta von Gyldenfeldt, dpa

Schuladoption in Thüringen

Auch in Thüringen gibt es ein Projekt Schuladoption – Träger ist das Staatliche Studienseminar für Lehrerausbildung für die Lehrämter an Grundschulen und für Förderpädagogik. Erst unlängst erfolgte die sechste Schuladoption einer Thüringer Grundschule. Die Kolleginnen und Kollegen der Erfurter Thüringer Gemeinschaftsschule Otto Lilienthal absolvierten an diesem Tag eine schulinterne Fortbildung. Die erste Schuladoption fand im Juni 2016 an der Geraer Grundschule Hans Christian Andersen statt. Dieses dort entstandene Medienprojekt wurde mit einem Preis, dem „KOMPASS“ – der Kinder und Jugendmedienpreis der Thüringer Landesmedienanstalt“ ausgezeichnet.

„Damit verfolgt unser Konzept die gleiche Idee wie das Projekt in Flensburg. Wie im Beitrag des Links ausführlich beschrieben, sollen erworbene theoretische Grundlagen bezogen auf das Thema Medien mit diesem Ausbildungsbaustein in die schulische Praxis übertragen werden. Wir können in der Tat beobachten, dass danach Lehramtsanwärter verstärkt, vor allem digitale Medien in der eigenen Ausbildungsklasse einsetzen“, so heißt es bei den Initiatoren.

Der Unterschied zum Flensburger Projekt bestehe darin, dass die Schuladoption nur an einem Tag und nur bezogen auf das Medienthema erfolgt. Im Zusammenhang mit dem zunehmenden Einzug digitaler Medien in die Schule werde die Workshop-Palette erweitert – etwa zur Arbeit mit dem Minicomputer Calliope. Hier nutzen die Lehramtsanwärterinnen und -anwärter zunächst die Medienprojektwoche, fit im Umgang mit dem Calliope zu werden, um am letzten Donnerstag die erarbeiteten Ideen für die unterrichtliche Praxis an der Grundschule mit Schülerinnen und Schülern umzusetzen. „Dieser Workshop ist bei den Kindern sehr gut angekommen. Die Lehramtsanwärter waren überrascht, wie schnell die Kinder sich in diese Technik eingearbeitet haben“, so heißt es.

Weitere Informationen gibt es hier.

Lehramts-Studierende übernehmen eine Woche lang den Unterricht – und das Kollegium fährt geschlossen zur Fortbildung

 

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4 KOMMENTARE

  1. Davon hätte ich dann hinterher mal gerne einen ehrlichen Erfahrungsbericht.

    Vor allem interessieren mich die letzten Tage. 🙂 Am Anfang finden ja bekanntlich immer alle alles sehr spaßig.

  2. 14 Studenten für 140 Schüler? Die Schule dürfte aus sechs Klassen bestehen, also mit 180 Unterrichtsstunden pro Woche oder sechs Vollzeitstellen ausgestattet sein. Mit anderen Worten sind problemlos drei Studenten pro Klasse in jeder Stunde möglich. Ein realistisches Abbild sieht anders aus …

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